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Erklärungsnot

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Heavy oder was? – September 2004

Interview mit Till & Flake

Keine andere deutsche Band ist derzeit so erfolgreich wie die Berliner, die in über 40 Ländern veröffentlicht und gefeiert werden. Wenn jemand wie Rammstein zu Listening- und Interview-Sessions einladen, kommen selbst renommierte Zeitschriften wie der Spiegel nicht umhin, zu berichten. Also auf nach Hamburg, um das für September geplante Album in Ohrenschein zu nehmen…

Laut und brachial geht es zu Werke. Typisch Rammstein. Ja und nein: Wesentlich facettenreicher und mit neuen Stimmungen versehen geht es zu auf dem vierten Studiowerk. Till und Flake sitzen mir anschließend gegenüber und erklären ihr Universum.

Wie soll das neue Album heißen?
Flake: Der Arbeitstitel ist ‚Reise, Reise’. Wie findest du das?
Kann man machen.
Flake: Find ich auch. Ich hätte gern ‚Mein Teil’ als Titel, aber so heißt ja schon die Single.
Wie auch immer es nun letztlich heißen wird, für mich ist es ein sehr untypisches Rammstein-Album. Ihr habt andere Sounds, Rhythmen und Riffs eingebaut. Bei ‚Amerika’ konnte ich sogar lachen.
Till: Jetzt stell die Frage davor, wodurch sich die neue Platte von den anderen unterscheidet und das, was du gesagt hast, nimmst du als Antwort. Mehr brauch’ ich dann gar nicht sagen.
Okay, woher kommen diese Neuerungen?
Flake: Ich denke, nach drei Alben war es an der Zeit, etwas Neues zu machen , denn drei Platten von einer Sorte sind genug. Ich bin noch extremer als der Rest der Band. Ich hätte ja stumpf so eine Art Coldplay-Platte aufgenommen. Am liebsten hätte ich verträumte Musik und Till hätte ein bißchen dazu gebrummelt und schön wär’s. Aber die Band hat die Sache dann gemeinsam wieder in die Rammstein-Schiene zurückgebogen.
Till, wie würdest du auf so eine krasse Richtungsänderung reagieren?
Till:Ich laß mich von der Musik inspirieren. Klar, wenn’s mir nicht gefällt, sag ich schon: „Das ist Scheiße!“ Aber ich versuche schon immer, darauf einzugehen, und auf eine melodiöse Art und Weise einen Text dazu zu zaubern. Insofern ist es fast egal, was du aus dem Lager kommt.
Das Album wirkt zum Teil sehr süßlich und fast poppig. Werde ich euch da gerecht?
Flake: Wenn man anfängt, künstlich böse zu werden, spürt der Hörer das. Wenn man aber einfach nur so ist, wie man ist, dann klingt es echt.
Interessieren euch denn die Erwartungen, die an euch herangetragen werden?
Flake: In dem Moment, in dem du Musik machst, wäre es einfach nicht gut, an so etwas zu denken. Man denkt dann irgendwann später schon darüber nach. Beim Mixen oder so. Beim kreativen Prozeß würden solche Gedanken nur den Musik schaden.
Sagt mir, wenn ich mich irre, aber die Texte scheinen etwas persönlicher.
Till:Dein Kollege hat vorhin genau gar Gegenteil gesagt. Deshalb halte ich mich da total zurück und lasse der Phantasie freien Lauf. Das ist immer am besten. Der Reaktionen sind einfach zu unterschiedlich.
Ich wundere mich nur über die Liebeslieder.
Till: Auf das Album kommt noch eine total gute Ballade darauf: ‚Ohne dich’. Texte zu erklären nimmt der ganzen Sache ihren Reiz, vielleicht wären die Fans hinterher sogar enttäuscht. Ich lasse die Dinge lieber im Raum stehen, damit jeder seine eigene Interpretation und seine eigenes Gefühl einbringen kann.
Ihr lebt stark von eurem Image, und ich frage mich zum einen, wie viel eigenes „Ich“ dahinter steckt und zweitens, ob euch nicht gerade diese Interpretations-offenheit in der Vergangenheit sehr viele Probleme gebracht hat?
Till: Wir haben uns ein dickes fell wachsen lassen. Es interessant uns gar nicht, ob mal wieder die berühmten Mißinterpretation kommen oder ob mit irgendwelchen Paradewörtern wir ‚Provokation’ und sich geschmissen wird.
Man kann aber dieses Schweigen schon für kalkuliert halten. Inklusive der Mißinterpretationen...
Flake: Das wäre uns viel zu anstrengend. Wir haben ‚Links 2, 3, 4’ geschrieben: ‚Mein Herz schlägt links’, klarer kann man es nun wirklich nicht sagen. Wer dann noch auf die Idee kommt, wir wären Nazis, der muß sehr, sehr dumm sein. Es gab viele Dinge, die uns geärgert and privat verletzt haben, so was kalkuliert keiner.
Till: Wir haben immer das gemacht, was andere nicht tun. Vielleicht ist das unser Rezept. Wie zum Beispiel auf der Bühne nicht zu reden. Alle quatschen und seihern das Publikum zu. Im Theater labert der Schauspieler doch auch nicht in den Pausen „Hallo Dresden, seid ihr gut drauf?“ oder so ein Scheiß. Soll ja jeder machen, was er will, aber genauso kann man auf der Bühne eben nicht quatschen und sich nicht dauernd erklären. Ich finde es total in Ordnung, Dinge auch abzublocken. Dazu haben die Leute ein Hirn im Kopf: zum Nachdenken.
Nur tun das viele leider nicht.
Till: Deshalb finde ich Interviews in Deutschland mittlerweile total bekloppt. Egal was du sagst, es hört dir keiner richtig zu und schreibt irgendetwas Falsches. Dann gebe ich doch lieber zwanzig Konzerte mehr.
Gut, was macht denn den Reiz der Tod- und Sex-Lyrics für euch aus?
Till: Das sind Abgründe und Sehnsüchte, Liebe, Schmerz und Demut. Das is viel Platz in diesen Themen, um Geschichten zu schreiben. Wir sehen uns als so eine Art Märchen-Leiderbuch. Es sind meistens Geschichten, die erzählt werden. Dabei sind wir gar nicht mal extreme Menschen, aber die Leute fühlen sich von diesen Dingen angesprochen und können sich vielleicht auf irgendeine Art damit identifizieren.
Flake: Wenn man die Geschichte von ‚Mein Teil’ (über den Kannibalen von Roteburg) jemandem erzählen würde, hielte der das für totalen Quatsch. Die Realität erzählt in diesem Fall die beste Story und das finde ich total gut. Ich finde das gar nicht mal so abwegig.
Menschen zu essen?
Flake: Man ißt ja auch Schweine! Das ist doch viel ekeliger als einen Menschen zu essen. Soll angeblich ja süßlich schmecken, und in diesem Fall was es ja sogar freiwillig.
Schon ziemlich abartig. Aber laß uns zu etwas anderen kommen, bevor euch noch jemand für echte Kannibalen hält. Was bedeutet für euch Erfolg?
Flake: Erfolg ist für mich, in einem Stripclub in den USA ein Mädel zu Rammstein tanzen zu sehen. Diese Frau hat sich das selbst ausgesucht und als passend empfunden. Da sieht man, daß die Musik angekommen ist. Oder, daß die Pet Shop Boys-Remixes für uns gemacht haben. Das macht mich stolz.
Wie steht es mit dem Nachahmern?
Till: Es gibt genug Platz für alle, soll jeder machen, was er will. Joachim Witt war echt cool. Es ist sehr angenehm, wenn man weiß, daß man viele Menschen erreicht.
Flake: Es gibt eine tschechische Band, die Coverversionen von uns spielen. Bei manchen Songs sind die besser als wir: Die haben unser Gefühl richtig gut adaptiert. Von mir aus können sich die Fans auch unserer Musik aus dem Internet ziehen. Wenn sie es gut finden, reicht mir das. Damit stehe ich allerdings in der Band alleine da.
Till: Ja, für mich ist das Diebstahl.
Flake: Die Luft kann man doch auch umsonst einatmen und ich brauch Musik zum Wohlfühlen, deshalb finde ich es generell falsch, daß man für Musik bezahlen muß.
Till: Es ist doch einfach Fakt, daß Plattenfirmen deshalb abschmieren und Newcomer gar keine Chance mehr bekommen. Eine Platte zu produzieren samt Support kostet einfach viel Geld und so gräbt man Bands das Wasser ab. Die Preise für Musik sind allerdings viel zu hoch.
Was tut ihr eigentlich um von den ganzen Trubel um euch herum abzuschalten?
Till: Das darf man ja eigentlich keinem erzählen... aber ich hab einen kleinen Garten vor der Stadt. Flake: Wir werden in Berlin ohnehin nur ganz selten angesprochen, selbst wenn wir erkannt werden. Ansonsten fotografiere ich gern Landschaften und siebziger Jahre Hausfassaden. Der Geschmack damals war so ganz anders. Das will keiner mehr sehen: wie eine Zeit, die es nie gegeben hat. Ich habe auch ein Buch mit Fotos von mir mit herausgegeben: “Mix Mir einen Drink“. Eine Biografie über unsere alte Band FEELING B und ein gutes Buch, wenn man etwas über den Osten erfahren will.“
Sven Bernhardt
Fotos: Olaf Heine.

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