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Eine gewisse Andersartigkeit

 

 

 

Desolate yet all undaunted, on this desert land

                                                                                              enchanted –

On this home by horror haunted – tell me truly,

                                                                                              I implore –

Is there, is there balm in Gilead? Tell me – tell me

                                                                                              I implore!

                                                                                                              Quoth the Raven, “Nevermore“

 

 

Ich schreibe das Nachfolgende hier auf, um für mich  selbst so etwas wie einen sichtbaren und festen Beweis für meine eigene Existenz zu erbringen, an meinem Leben mich festzuklammern, das ich nun schon seit einiger Zeit auf geheimnisvolle Weise mir entschwinden fühle. Wahrscheinlich wäre es eine Art Erlösung, endgültig zu verlöschen, doch dünne Bänder halten mich hier im Leben fest, und ob der Tod nun überhaupt ein gnadenvolles Erlöschen wäre, bezweifle ich stark.

 

 

Folgendermaßen sind die Dinge vor sich gegangen:

Wie seit einiger Zeit üblich, hatte ich jene Nacht wenig und schlecht geschlafen, mich unruhig umhergewälzt zwischen beunruhigenden Traumfetzen und Stürmen von Gedanken, die mir in einem halbschlafähnlichen Zustand durch den Kopf gerast waren. Zwischendrin dann wieder diese halbbewussten Momente im Zwischenreich von Schlaf und Wachheit, in denen sich mir nur wieder und wieder die quälende Vorausschau auf den nächsten Tag  aufdrängte, an dem ich mich, wie allzu oft, mit müden Gliedern durch substanzlose Stunden schleppen würde, der Welt völlig fern und nicht zu erreichen. Gibt es außer dem Menschen noch ein anderes Wesen, dem der Schlaf, wenn es ihn braucht, vorenthalten werden kann?

            Ich spürte, dass es Morgen geworden war, und wartete instinktiv auf das unbarmherzige Piepsen meines Reiseweckers. Als es nach geraumer Zeit noch immer nicht ertönt war, öffnete ich meine brennenden Augen und bemerkte, dass er stehen geblieben war, was mich wunderte, da ich erst kürzlich die Batterie gewechselt hatte. Andererseits hatte ich das Teil schon seit Jahren im Dauergebrauch, und vielleicht hatte er nun endgültig seinen Geist aufgegeben.

            Mir wurde bewusst, dass ich ziemlich verschlafen haben musste, denn schon fielen helle Sonnenstrahlen durch die Schlitze meines Rollladens und zeichneten dieses Muster an die Zimmerwand, das mich in Zeiten, die mir irgendwie entglitten waren, immer an den Sommer hatte denken lassen, an dessen Geruch vor allem. Nicht jedoch an diesem Tag, nach dieser ganzen aufzehrenden und quälenden vorherigen Zeit mit den zahllosen durchwachten Nächten und dieser seltsam transparenten Qualität, die die Welt um mich herum angenommen hatte. Menschen und Natur waren mir fern geworden, und wenn ich nun zurückblicke, meine ich, schon damals gespürt zu haben, dass etwas von der Art in der Luft lag, wie es nun auch eingetroffen ist, was eine Erklärung dafür sein könnte, dass es mich, als es dann kam, so überraschend wenig überraschte.

            Ich stieg also an jenem Tag aus dem Bett und bewegte mich Richtung Bad, mich fragend, welchen Bus zur Schule ich jetzt wohl noch erwischen würde und ob ich mein Biologiereferat über die Ausbreitung der Wüsten wohl würde verschieben müssen. Ich bemerkte nur am Rande, dass meine Mutter noch nirgends die Rollläden hochgezogen hatte, doch wurde es mir nicht bewusst, da mein selektives Gehirn dies wohl für unwichtig hielt, was es wohl unter normalen Umständen auch gewesen wäre.

            In den Spiegel zu sehen, war mir über die letzte Zeit zuwider geworden, und im Badezimmer tat ich dies dann auch nur genau solange, wie es absolut notwendig war. Eine fast unmerkliche Veränderung hatte sich nämlich an meinem Äußeren vollzogen, die aber scheinbar allein mir auffiel, dies jedoch sehr deutlich: Durchscheinend und hager war mein Gesicht geworden, mit zwei Augen, die in die Endlosigkeit zu starren schienen, leer, mich an eine trockene Wüste unter brennender Sonne erinnernd.  Ich konnte das nicht ertragen und wandte mich ab.

            In einem entrückten Trancezustand, der in dieser Zeit immer öfter über mich kam, ging ich in mein Zimmer zurück, wo ich, wie jeden Tag, meine Schulsachen für den Tag packte, ein routinierter Automatismus, bei dem ich rein gar nichts dachte. Eine schwache Stimme war da jedoch in mir, die mir allerdings fremd war. „Ewiges Fallen in die Verdammnis, ewig und ewig brennen wirst du“, drang es aus seltsamer Ferne in meinen Kopf. Und es war da noch etwas anderes, das in mir zu schreien schien, doch das wollte ich nicht hören.

Wie jeden Morgen ging ich die Treppe hinunter ins Esszimmer, wo ich erst bemerkte, dass scheinbar noch keines meiner Familienmitglieder aufgestanden war, denn der Tisch war ungedeckt und es gab keinen grünen Tee, ohne den ich für gewöhnlich nicht weit komme. Außerdem waren auch hier noch die Gardinen zugezogen, und nur gedämpft schien heller Sonnenschein durch den Stoff und schaffte ein weiches Licht im Zimmer.

            Erst in Verbindung mit diesem fiel mir auf, was für eine totale Stille draußen zu herrschen schien, und dies verwunderte mich, denn schließlich liegt unser Haus an der Hauptstraße, und gerade Vormittags unter der Woche ist der Verkehrslärm meistens ziemlich unerträglich. Ebenso still war es im Haus. Niemand schien sich zu regen, und selbst der Hund, der normalerweise jeden von uns morgens überschwänglich begrüßte, war nirgends zu hören oder zu sehen.

            Doch all diese kleinen Absonderlichkeiten reichten noch nicht, um mich aus meinem Zustand des Dahindämmerns in der allmorgendlichen Routine zu bringen, die ich auch innerlich nicht verlassen wollte, denn es kam mir vor, als würde ich auf diesen gewohnten Tätigkeiten über einen Abgrund balancieren, als wären sie in diesem Moment mein einziger Anker in der Welt. So setzte ich Wasser für den Tee auf, und begann, den Tisch zu decken, wobei ich die Gardinen zugezogen ließ, denn den hellen Sonnenschein, der draußen zu herrschen schien, wollte ich möglichst lange vermeiden. Ich war nämlich gegenüber Licht sehr empfindlich geworden, wobei ich gar nicht so recht sagen konnte, seit wann dies so geworden war, jedenfalls war mir schon normales Tageslicht eigentlich zu hell geworden, und wann immer ich konnte, zog ich ohnehin meine Gardinen zu.

            So saß ich also bei gedämpftem Licht am Tisch, endlich eine Tasse Tee in den Händen, und mir kamen Erinnerungen an die letzte Nacht, in der es, wie ich meinte, sehr gestürmt hatte, es ums Haus gepfiffen und mit Gewalt an den Rollläden gerüttelt hatte, doch weiß ich noch immer nicht zu sagen, ob das nun ein Traum gewesen war oder die Wirklichkeit.

            Die Uhr auf dem Schrank zeigte viertel nach acht, ich würde also den Bus zur dritten Stunde noch bekommen und mein Referat noch halten können. Hoffentlich würde ich meine Gedanken unter Kontrolle behalten können, dachte ich bei mir, denn diese schienen in der letzten Zeit begonnen haben, ein Eigenleben zu führen, auf das ich keinerlei Einfluss mehr hatte, immer mehr schienen sie mir davon zu fließen oder, in einem Sturm aufgewühlt, in wilden Wellen und Strudeln umeinander zu wirbeln.

            Ich fühlte mich abrutschen und versuchte, mich mit aller Kraft auf das Gewohnte zu konzentrieren: wie jeden Morgen dann also Schuhe anziehen, Schlüssel einpacken und das Übliche. Dann ging ich zur Haustür und öffnete sie, und da entdeckte ich es:

 

Gleißendes Licht und eine unglaubliche Hitze schlugen mir entgegen. Die gewohnte Umgebung, alle Häuser waren verschwunden, die Bäume und die Straßen, kein Mensch war zu sehen, kein Laut war zu hören außer dem Wind, und vor meinen Augen erstreckte sich unendlich weit ein Meer von rötlichem Sand!  

 

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