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 Thesen zu Leben und Werk von Moritz Traube


1) Die Kenntnisse über das Leben und Wirken von M. Traube sind gemessen an seinen physiologisch-chemischen Pionierleistungen bei der Erforschung der Fermentwirkungen und der biologischen Oxydation in der 2. Hälfte des 19. Jh. gering. Die wenigen, nicht mehr aktuellen Analysen der Arbeiten M. Traubes - u.a. G. Bodländer (1895), Th. Soourkes (1955) - erfordern Korrekturen und Ergänzungen und werden der Vielfalt seiner Arbeitsgebiete nicht gerecht. In der biochemiehistorischen Literatur sind nur sehr beschränkt biographische Informationen über die Schul- und Studienzeit, die wissenschaftliche und berufliche Tätigkeit sowie das Privatleben M. Traubes enthalten.

2) Das breite Spektrum des wissenschaftlichen Schaffens M. Traubes umfaßt physiologisch-chemische, medizinische, pflanzenphysiologische und pathophysiologische Fragen, erstreckt sich u.a. auf Hygiene, physikalische Chemie und chemische Grundlagenforschung. Die Chemie des Sauerstoffs und dessen Bedeutung für die Organismen war der zentrale Untersuchungsgegenstand und das Verbindungsglied fast aller wissenschaftlichen Arbeiten M. Traubes.

3) M. Traube war eine Ausnahmeerscheinung unter den Wissenschaftlern seiner Zeit. Neben dem Beruf als Weinkaufmann forschte er als Privatgelehrter unter schwierigen Bedingungen mit großem Erfolg. Einerseits war die Doppelrolle mit den Nachteilen einer langjährigen weitgehenden Isolation vom akademisch-wissenschaftlichen Leben und den beschränkten zeitlichen und materiellen Möglichkeiten verbunden. Andererseits aber konnte M. Traube seinen Interessen und Ideen folgend unabhängig von institutionellen und autoritären Zwängen die Richtung und Inhalte seiner Forschung bestimmen. Dabei griff er Lehrmeinungen und Theorien führender Wissenschaftler seiner Zeit, wie J. v. Liebig, L. Pasteur, C. Voit und F. Hoppe-Seyler, unerschrocken an.

4) M. Traubes Wirken war aber auch von charakteristischen Zügen der Forschung in der 2. Hälfte des 19. Jh. geprägt. Ausgehend von einer einheitlichen Naturauffassung untersuchte M. Traube die Fragen der physiologischen Chemie konsequent vom chemischen Standpunkt aus und richtete sich gegen vitalistische Positionen. Die wichtigsten Prämissen seiner Forschung waren die Annahme der elementaren Bedeutung chemischer Prozesse für die Lebensvorgänge und der Anwendbarkeit von Erkenntnissen der organischen und anorganischen Chemie auf den Chemismus des Lebens. Das planvolle Experiment stand im Mittelpunkt der Erkenntnissuche M. Traubes. Neben der Klärung qualitativer Fragen spielten quantitative Aspekte eine wichtige Rolle. M. Traube zeichnete sich in seiner Forschung durch das Herstellen von Praxisbezügen und das Erkennen ökonomisch-praktischer Konsequenzen der Ergebnisse aus.

5) Die entscheidenden Einflüsse für die Entwicklung M. Traubes stammen aus seiner Studienzeit in Berlin und Gießen, in denen er sich solide naturwissenschaftliche, vor allem chemische, physiologische und medizinische Kenntnisse erwarb. Von größter Bedeutung waren die Anregungen seines Bruders Ludwig Traube, des bekannten Berliner Internisten und Pathophysiologen. Ludwig Traube lenkte die Studienwahl, weckte das physiologische Interesse, vermittelte Kontakte zu Naturwissenschaftlern und zählte unmittelbar zu M. Traubes Lehrern. In seiner streng wissenschaftlichen Arbeitsweise und seiner materialistisch-deterministischen Denkweise war er ein Vorbild für Moritz Traube. Wichtige Impulse für M. Traubes Arbeiten über die Fermentwirkungen, den Muskelstoffwechsel und das Pflanzenwachstum gingen von J. v. Liebig aus. M. Traube knüpft an Liebigs Vorstellungen an, trennt sich von vitalistischen Positionen seines Lehrers und gelangt zu neuen Erkenntnissen über das Wesen fermentativer Prozesse, die Natur der Fermente und die Substrate des Muskelstoffwechsels. Von E. Mitscherlich übernimmt M. Traube die Vorstellung von der Analogie anorganischer und organischer Katalyseprozesse, einige physiologisch-chemische Arbeitsthemen Mitscherlichs werden von ihm aufgegriffen. Zu M. Traubes Lehrern zählten u.a. noch H. Rose, A. W. Hofmann, H. Hoffmann, J. Müller und R. Virchow.

6) M. Traubes Hauptwerk, die "Theorie der Fermentwirkungen" sowie die Mehrzahl der bedeutenden theoretischen Konzeptionen und experimentellen Leistungen stammen aus seinem 3. und 4. Lebensjahrzehnt, der Schaffenszeit in Ratibor. Um die weitgehende Isolation vom wissenschaftlichen Leben zu durchbrechen und die Möglichkeiten der experimentellen Arbeit zu verbessern, zog M. Traube 1866 nach Breslau. Hier stand er als aktives Mitglied der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur und durch unmittelbare Zusammenarbeit im Austausch mit bekannten Wissenschaftlern wie Th. Poleck, F. Cohn und R. Heidenhain. Aber die überwiegend biologisch orientierte Physiologie in Breslau stand im Gegensatz zu der chemisch ausgerichteten physiologischen Forschung Traubes, der nur wenig Anerkennung fand. Mit zunehmendem Alter wandte sich M. Traube verstärkt der chemischen Grundlagenforschung zur Stützung seiner Theorien zu, der Anteil der experimentellen Arbeit nahm zu. Die letzten Lebensjahre verbrachte M. Traube in Berlin, in denen er trotz Krankheit bis ins letzte Lebensjahr kreativ blieb, und die für die Kommunalhygiene bedeutsame Trinkwasserchlorierung vorschlug.

7) Die "Theorie der Fermentwirkungen" von M. Traube aus dem 1858, stellt die erste umfassende, konsequent vom chemischen Standpunkt aus erarbeitete und experimentell gestützte Fermenttheorie dar. Mit der Entdeckung der Rolle von Mikroorganismen für fermentative Prozesse (1837 entdeckten Th. Schwann, C. Latour und F. T. Kützing unabhängig voneinander, daß die Hefe aus lebenden Organismen besteht) war für ihn die Frage nach den Mechanismen der Fermentwirkungen nicht gelöst bzw. der weiteren Erforschung unzugänglich geworden. Jetzt erst recht mußten die den Fermentwirkungen zugrundeliegenden chemischen Vorgänge aufgedeckt werden. Traube war ein konsequenter Gegner der Protoplasmatheorie. M. Traube definierte erstmals die Fermente als bestimmte chemische Verbindungen mit Eiweißcharakter und formulierte die Notwendigkeit des direkten molekularen Kontakts von Ferment und Substrat für Enzymwirkungen. Er teilte die Fermente bereits nach dem Reaktionstyp ein. Es gelang M. Traube, die fortbestehende Wirkung pflanzlicher Fermente nach deren Extraktion aus pflanzlichen Zellen nachzuweisen. Bisher war in der biochemiehistorischen Literatur unbeachtet geblieben, daß M. Traube schon qualitative Überlegungen zur Reaktionskinetik anstellte und den reziproken Zusammenhang von Reaktionszeit und Enzymmenge darstellte. In der Traubeschen Fermenttheorie sind die Keime für fast alle seiner späteren Arbeiten enthalten.

8) M. Traube führte zur Verteidigung seiner Fermenttheorie einen wissenschaftlichen Streit mit L. Pasteur und F. Hoppe-Seyler. Während er Pasteurs Entdeckung anaerober Lebenserscheinungen akzeptiert, wendet er sich gegen dessen Behauptung, daß Gärung ohne Lebenstätigkeit unmöglich sei. Im Zusammenhang mit diesen Versuchen veröffentlicht M. Traube erstmals ein Verfahren zur Herstellung reiner Hefe. Mit Hoppe-Seyler geriet M. Traube in Kontroverse, als dieser eine Gärungstheorie aufstellte, die zum Teil mit seiner Theorie übereinstimmte, aber die Priorität Traubes nicht anerkannte. Die inhaltliche Auseinandersetzung bezog sich auf den Mechanismus der Sauerstoffaktivierung bei fermentativen Reaktionen. Traubes Experimente richteten sich darauf, die Aktivierung des Sauerstoffs durch Fermente als Katalysatoren nachzuweisen und Hoppe-Seylers Hypothese von der Sauerstoffaktivierung durch fermentativ gebildeten naszierenden Wasserstoff zu widerlegen.

9) Große Verdienste erwarb sich Traube bei der Erforschung von Fragen der biologischen Oxydation. Er entwickelte ein einheitliches Konzept von der grundlegenden Bedeutung der inneren Atmung für Wärmebildung, Strukturbildung und -erhaltung sowie Organfunktion. Demzufolge waren nicht nur das Blut, sondern alle Körpergewebe Ort der biologischen Oxydation. Traubes Theorie des Muskelstoffwechsels ist deswegen von Bedeutung, weil er den engen Zusammenhang von Respiration, Muskeltätigkeit und Wärmebildung darstellte und zur Widerlegung der Liebigschen Theorie von den Nährstoffen beitrug. Die Substrate der Erzeugung der Muskelkraft waren danach vor allem stickstofffreie Substanzen und nicht ausschließlich Eiweiße.

10) Um den Vorgang der Sauerstoffaktivierung in den Organismen durch Fermente aufzuklären, untersuchte M. Traube experimentell die Autoxydation und die Aktivierung des Sauerstoffs in der unbelebten Natur. Er charakterisierte dabei die Rolle des Wassers als Reaktionspartner bei langsamen Verbrennungen und kennzeichnete den intermediären Charakter der Wasserstoffperoxydentstehung. M. Traubes Vorstellungen haben die weitere Entwicklung der Lehre von der biologischen Oxydation beeinflußt. Fehlerhaft wurde bisher in der biochemiehistorischen Literatur dargestellt, daß Traube das Wasserstoffperoxyd für den aktivierten Sauerstoff hielte und die katalytische Übertragung des Sauerstoffs zunächst nur auf zuvor im Wasser gebundenen Sauerstoff bezöge.

11) Die Medizin und die klinische Chemie verdanken M. Traube praxisorientierte Arbeiten zum Diabetes mellitus und über die laxative Wirkung des Milchzuckers bei Obstipation. Die Einteilung des Diabetes mellitus in 2 Stadien und die Vorschläge zur Durchführung der Harnzuckeranalyse (Bestimmung in Abhängigkeit von der Nahrungsaufnahme) sowie seine Überlegungen hinsichtlich einer wissenschaftlich begründeten Diät verdienen Beachtung. M. Traube regte unmittelbar die Erprobung von Milchzucker in der klinischen Praxis an.

12) Im Jahr 1864 stellte M. Traube erstmals künstliche semipermeable Membranen dar, die er als Molekülsiebe erkannte, und an denen er die erste experimentell gestützte physikalisch-chemische Theorie des Zellwachstums entwickelte. Mit den Membranen schuf er die Grundlage für die Entdeckung der Gesetze des osmotischen Drucks in Lösungen und trug selbst zur Erforschung der Erscheinungen von Diffusion und Osmose bei.

13) Wenig bekannt war bisher, daß M. Traube auch einen wichtigen Beitrag zu der Lehre von den Krankheitsursachen leistete. Zusammen mit Gscheidlen bewies er 1874 erstmalig im Tierexperiment die Fähigkeit des Organismus, Fäulnisbakterien zu vernichten. In der Ergebnisauswertung grenzte er einerseits chemische Giftwirkung von Infektion mit Mikroorganismen und andererseits pathogene Bakterien von Fäulnisbakterien ab. Außerdem vermutete er erstmals einen Zusammenhang zwischen Infektionsabwehr und aktivem Sauerstoff in Blutzellen.

14) M. Traube veröffentlichte 51 Arbeiten, hielt 3 öffentliche Vorträge und wurde in geringem Umfang auch als wissenschaftlicher Lehrer wirksam. Die Schüler von Bedeutung sind G. Bodländer und sein Sohn Wilhelm Traube. Seine physiologisch-chemischen Konzepte haben die Forschung beeinflußt. Zu Traubes Lebzeiten wurden vor allem seine Leistungen zur Klärung der Rolle der Nahrungsstoffe im Stoffwechsel und die Darstellung der künstlichen, semipermeablen Membranen hervorgehoben. Äußere Zeichen der Anerkennung waren die Verleihung der Ehrendorktorwürde der Medizin durch die Universität Halle und die Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften. Andererseits mußte Traube nicht selten Auseinandersetzungen zur Verteidigung seiner Theorien und Wahrung der Prioritätsansprüche führen, die teilweise auch polemischen Charakter trugen. Anläßlich seines Todes gab es eine beachtliche öffentliche Würdigung durch Presse, wissenschaftliche Zeitungen und Institutionen. Nach der Jahrhundertwende erlangten seine Arbeiten zur Aktivierung des Sauerstoffs größeres Interesse. In den letzten Jahrzehnten wurden den Arbeiten über Fermentwirkungen wieder stärkere Beachtung und Anerkennung geschenkt.

15) M. Traubes Grenzen lagen in einer teilweise unkritischen Übertragung von Erkenntnissen aus der unbelebten Natur auf physiologische Prozesse. Seine Auffassungen werden nicht den vielfältigen Grundlagen biologischer Prozesse gerecht. Einige seiner Auffassungen sind mechanistisch geprägt (z.B. Theorie des Zellwachstums) und enthalten Irrtümer und spekulative Elemente (z.B. chemische Konstitution des Wasserstoffsuperoxyds).

16) M. Traube stammte aus einer jüdischen Familie. Benachteiligungen für ihn aus diesem Grund waren konkret nicht nachweisbar, sind aber nicht auszuschließen. In besonderem Maß waren sein Bruder und Lehrer Ludwig Traube sowie sein Sohn und Schüler Wilhelm Traube Repressalien und Verfolgung wegen ihres Glaubens bzw. ihrer Herkunft ausgesetzt. Fragen der ethnisch-religiösen Toleranz und Akzeptanz in Gesellschaft und Wissenschaft haben nicht an Aktualität verloren.

17) Moritz Traube ist eine der interessantesten Forscherpersönlichkeiten des 19. Jh. Er vereinigte in sich einen scharfen analytischen Verstand, Ideenvielfalt, Arbeitsfleiß und experimentelles Können. Dem planvollen Experimentieren gab er den Vorrang vor einer passiven Beobachtung und Analyse der belebten Natur. M. Traube folgte der Wissenschaftsentwicklung aufmerksam, aufgeschlossen und kritisch. Das spiegelt sich in der Weiterentwicklung seiner Auffassungen und Wahl der Forschungsthemen wieder. Mit der konsequenten Anwendung der Chemie auf die Physiologie steht er in der Nachfolge Liebigs und an der Seite Hoppe-Seylers. Er hat verschiedene biologische Wissenschaften bereichert und sich einem vitalistisch gefärbten Agnostizismus entgegengestellt. M. Traube hat an der Lösung aktueller physiologisch-chemischer Fragen seiner Zeit erfolgreich mitgearbeitet.

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