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Aus dem Institut für Biochemie
Direktor Prof. Dr. C. Frömmel

D I S S E R T A T I O N

"MORITZ TRAUBE (1826-1894) - Leben und Wirken des universellen Privatgelehrten und Wegbereiters der physiologischen Chemie."

zur Erlangung des akademischen Grades doctor medicinae (Dr. med.)
vorgelegt der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin von Dipl.-Med. Henrik Franke geb. am 29. September 1959 in Mühlhausen/Thür.
Dekan: Prof. Dr. H. Mau, Gutachter: Prof. Dr. Winau, Prof. Dr. Dr. P. Schneck, Doz. Dr. G. Sauer, Datum der Promotion: 24.5.1994

 

Das nachfolgende Dokument enthält Auszüge aus der Dissertationsschrift, es wurde an einigen Stellen ergänzt und aktualisiert.
Bei Interesse am Volltext bitte an den Verfasser wenden:    henrik_franke@t-online.de

Zitate und Auszüge sind ausdrücklich nur unter korrekter Quellenangabe für private und wissenschaftliche Zwecke gestattet. Verwendung für kommerzielle Zwecke wird untersagt.

 

Inhaltsverzeichnis

 

1. Einleitung

 

2. Zur Situation der physiologischen Chemie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

3. Biographie MORITZ TRAUBES.

 

 

3.1. Schul- und Studienzeit.

 

3.2. Die Schaffenszeit in Ratibor (1849-1866).

 

3.3. Das Wirken in Breslau (1866-1891).

 

3.4. Die letzten Lebensjahre in Berlin (1891-1894).

 

3.5. Akademische Ehrungen M. TRAUBES.

 

3.6. Die wissenschaftliche Laufbahn der Söhne M. TRAUBES.

 

4. M. TRAUBES Beitrag zur klinischen Chemie.

 

 

4.1. Klinisch-chemische Untersuchungen zum Diabetes mellitus.

 

4.2. Ein Beitrag zur Pharmakotherapie - klinische Erprobung des Milchzuckers im Selbstversuch.

 

5. Die Arbeiten M. TRAUBES über Gärung und Fermentwirkungen.

 

 

5.1. Zur Geschichte der Erforschung der Gärung (bis etwa 1860) und die Motivation M. TRAUBES für Untersuchungen über die Gärung.

 

5.2. Analyse der TRAUBEschen Theorie der Fermentwirkungen.

 

5.3. M. TRAUBES Kontroversen mit L. PASTEUR und  F. HOPPE-SEYLER über Gärung und Fermentwirkungen.

 

6. Untersuchungen über Pflanzenphysiologie und die Erfindung künstlicher semipermeabler Membranen durch M. TRAUBE.

 

7. Die Beiträge M. TRAUBES zur Pathophysiologie, Bakteriologie und Hygiene.

 

8. M. TRAUBES Forschung zur Lehre von der biologischen Oxydation.

 

 

8.1. Seine Auffassungen zu der Rolle der Nahrungsstoffe, über den Ort der biologischen Oxydation und zum Muskelstoffwechsel.

 

8.2. Untersuchungen über die Aktivierung des Sauerstoffs.

 

9. Zusammenfassung

 


Stammbaum der Familie Traube

Personenregister

Danksagung

 

1. Einleitung

"Die Geschichte der Wissenschaften zeigt, wie weitgehend jede Forschergeneration auf den Schultern der früheren steht; sie erregt ein Gefühl der Achtung vor den Leistungen unserer Vorgänger und bewahrt uns vor einer Überschätzung augenblicklicher Lehrmeinungen."

Karl Mägdefrau
Geschichte der Botanik. Stuttgart, Jena, New York (1992) 339

Der Weinhändler und Chemiker MORITZ TRAUBE (1826-1894) hat mit seinen wissenschaftlichen Leistungen nicht nur Beachtung und Anerkennung bei seinen Zeitgenossen gefunden, sondern ist auch in der Geschichtsschreibung der Naturwissenschaften berücksichtigt worden. Er wurde insbesondere durch die Erfindung künstlicher semipermeabler Membranen bekannt. Weniger bekannt ist, daß M. TRAUBE auf verschiedenen Wissenschaftsgebieten wichtige Anregungen und Erkenntnisse zu verdanken sind. Die Vielseitigkeit und die Resultate seiner Arbeiten sowie die Bedingungen, unter denen sie entstanden, lassen M. TRAUBE zu einer außerordentlich interessanten Forscherpersönlichkeit des 19. Jh. werden. Hervorzuheben ist, daß M. TRAUBE seine wissenschaftlichen Leistungen fast ausschließlich außerhalb der wissenschaftlichen Institutionen neben seinem Beruf als Weinkaufmann erbrachte. Die Forschung M. TRAUBES war überwiegend physiologisch-chemisch ausgerichtet, er arbeitete über die Gärung, den Organ- und Gewebsstoffwechsel und die biologische Oxydation. Darüber hinaus beschäftigte er sich u.a. mit Pflanzenphysiologie, klinisch-chemischen und pathophysiologischen Problemen, kam in Berührung mit Fragen der Bakteriologie und der Hygiene. Eine analytische Übersicht seines Werkes (ein Jahr nach M. TRAUBES Tod) und ein Teil der wenigen biographischen Hinweise stammen von GUIDO BODLÄNDER (1855-1904)1) /99/ TH. SOURKES aktualisierte im Jahr 1955 die Bewertung der biochemischen Aspekte in M. TRAUBES Schaffen. /158/  ..........

 

2. Zur Situation der physiologischen Chemie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die physiologische Chemie befand sich um 1850 noch in ihren Anfängen. Der Entwicklungsprozeß zur selbständigen Wissenschaftsdisziplin war jedoch eingeleitet und wurde durch den Erkenntniszuwachs und die gegenseitige Befruchtung von organischer und klinischer Chemie, Physiologie und Anatomie vorangetrieben. /156/ Die physiologische Chemie erforschte die chemischen Grundlagen der Lebensvorgänge. In der 2. Hälfte des 19. Jh. waren die zu Beginn des 19. Jh. gebräuchlichen Bezeichnungen "Tierchemie" und "Anthropochemie" nicht mehr üblich. Die Bezeichnung "Biochemie" für die physiologische Chemie fand bereits gelegentlich Verwendung.2) In den Naturwissenschaften gewann ab der Mitte des 19. Jh. das mechanistische Denken stark an Einfluß. Entgegen dieser allgemeinen Tendenz waren in der Physiologie noch stärkere Einflüsse der Naturphilosophie vorhanden und vitalistische Positionen von größerem Einfluß. Dies gilt auch für die physiologische Chemie. ..........

 Viele neue Erkenntnisse der Physik, Chemie und biologischen Wissenschaften waren von Interesse für die physiologische Chemie. Dazu gehörten z.B. die Entdeckung und Erforschung der Zelle als Grundbaustein der Pflanzen und Tiere, die Entdeckung des Kettenbildungsvermögens des Kohlenstoffs oder die Erkenntnisse über Diffusion und Osmose an natürlichen Membranen. Im Jahre 1886 formulierte JACOBUS HENRICUS VAN 'tHOFF (1852-1911) die Gesetzmäßigkeiten des osmotischen Drucks in verdünnten Lösungen. Seine Untersuchungen führte er mit Hilfe künstlicher semipermeabler Membranen durch /102/, die 1864 von MORITZ TRAUBE dargestellt worden waren. Umgekehrt wurden  auch Erkenntnisse der physiologischen Chemie für andere Wissenschaftsgebiete bedeutsam. ..........

 Zu den zentralen und umstrittensten Forschungsthemen der physiologischen Chemie zählte das Gärungsproblem. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen mechanistischen und vitalistischen Auffassungen. LIEBIG und FRIEDRICH WÖHLER (1800-1882) hatten die Gärungsvorgänge vom chemisch-mechanistischen Standpunkt aus erklärt. THEODOR SCHWANN (1810-1882) dagegen definierte die Gärung als Ausdruck von Lebensprozessen, von denen sie nicht zu  trennen sei. Er hatte zuvor nachgewiesen, daß die Hefe ein lebender Organismus ist. /115a/ Seine vitalistische Auffassung wurde von LOUIS PASTEUR (1822-1895) unterstützt. PASTEURS Untersuchungen trugen wesentlich zur Klärung der Bedeutung des Sauerstoffs und der Mikroorganismen für die Gärung bei. Nur wenige Forscher stellten sich der nun dominierenden vitalistischen Deutung der Gärungsursachen entgegen. Hierzu gehörten  M. TRAUBE und F. HOPPE-SEYLER. Von biochemiehistorischer Bedeutung ist der wissenschaftliche Streit zwischen TRAUBE, HOPPE-SEYLER und PASTEUR über Fragen der Gärung und der Aktivierung des Sauerstoffs im Stoffwechsel. Einen Höhepunkt in der biochemischen Forschung stellte dann die Entdeckung der zellfreien Gärung durch EDUARD BUCHNER (1860-1917) im Jahr 1897 dar. /101A/ ..........

  Die physiologische Chemie bediente sich chemischer, physikalischer und biologischer Methoden. Neben den in ständiger Weiterentwicklung befindlichen analytischen Methoden der organischen und anorganischen Chemie kamen auch qualitativ neue Verfahren, wie die Spektralanalyse und die Züchtung von Mikroorganismen, in der physiologisch-chemischen Forschung zum Einsatz. Einen weiteren Fortschritt stellte die zunehmende Anwendung und Entwicklung der synthetischen Methoden dar, vor allem in der organischen Chemie. Die zentrale Rolle im Erkenntnisprozeß spielte das wissenschaftliche Experiment, auch am lebenden Organismus bis hin zum Selbstversuch. ..........

   Einige der vielfältigen wissenschaftlichen Leistungen in der physiologischen Chemie sollen hier abschließend genannt werden. CLAUDE BERNARD (1813-1878) fand die zentralnervöse Beeinflussung der Regulation des Zuckerstoffwechsels und wies 1857 Glykogen im Muskelgewebe nach /107d/. GEORG MEISSNER (1829-1905) zeigte 1868, daß die Harnstoffbildung in der Leber stattfindet. /107d/ Über Fettspaltung und Fettemulgierung arbeitete ERNST WILHELM BRÜCKE (1819-1892). /107e/ CARL SPECK (1828-1916) stellte Nahrungsbilanzen unter verschiedenen Bedingungen auf, MAX RUBNER (1854-1932) fand 1883 das Isodynamiegesetz der Nahrungsstoffe. /107f/ ADOLF FICK (1829-1901) und JOH. WISLICENUS (1835-1902) bewiesen 1865 durch einen Selbstversuch, daß die von LIEBIG angenommene energetische Quelle der Muskelkraft nicht in der Verbrennung der Eiweiße liegt. /107f/ Schon 1861 war dies von M. TRAUBE vorausgesagt worden. /8a/ EDUARD PFLÜGER (1829-1910) erwarb sich Verdienste durch seine Arbeiten zum Energie- und Stoffumsatz. /107f/ CARL VOIT (1831-1909) und MAX VON PETTENKOFER (1818-1901) arbeiteten zum Nährstoffbedarf und untersuchten den Hungerstoffwechsel. /107f/ Im Jahr 1858 hatte M. TRAUBE eine Fermenttheorie /6/ aufgestellt, die Ausgangspunkt für die moderde Enzymforschung wurde. ALEXANDER SCHMIDT (1831-1894) sah in der Blutgerinnung einen fermentativen Vorgang (1861) und prägte für das wirksame "Fibrinferment" die Bezeichnung "Thrombin". /151a/ Die erste Eiweißkristallisation gelang FRANZ HOFMEISTER (1850-1922).
..........

 Die physiologische Chemie hatte seit 1850 eine zunehmend stürmische Entwicklung genommen und sich als eigenständige Wissenschaftsdisziplin etabliert. An zentralen Forschungsschwerpunkten wirkte Moritz Traube dabei erfolgreich mit.

 

3. Biographie MORITZ TRAUBES.

 

3.1. Schul- und Studienzeit.

 

Am 12. Februar 1826 wurde MORITZ TRAUBE als dritter Sohn des Weinkaufmanns WILHELM TRAUBE (20.4.1788 - 20.2.1864) und dessen Frau Eveline geb. HEYMANN (8.3.1794 - 4.4.1858) in der oberschlesischen Stadt Ratibor (in einem Haus der Braustraße) geboren. /58c/, /87/ Die Eltern TRAUBES waren nicht sehr begütert, und so war großer Fleiß erforderlich, um den Unterhalt und die Ausbildung der Familie sicherzustellen. TRAUBE hatte neben zwei älteren Brüdern noch drei ältere und drei  jüngere Schwestern. Die Familie TRAUBE war jüdischen Glaubens.3) TRAUBE besuchte von 1836 bis 1842 das Gymnasium in Ratibor und erwarb dort unter dem Direktor EDUARD  HÄNISCH (1794-1845)2A) mit 16 Jahren zu Ostern 1842 das Zeugnis der Reife. /71e/ Von den über 500 Absolventen des Gymnasiums in der Zeit von 1819 bis 1869 hatten nur zwei ein Alter unter 17 Jahren. /109B/ In seiner Schulzeit zeigte TRAUBE eine besondere Begabung für die humanistischen Fächer. Das veranlaßte seine Lehrer, ihm zu einem Studium mit humanistischer Ausrichtung zu raten. /99/ Doch TRAUBES Bruder LUDWIG TRAUBE 4),8 Jahre älter, und zu dieser Zeit als Armenarzt in Berlin tätig, riet ihm, sich den Naturwissenschaften zuzuwenden. MORITZ TRAUBE hat diese Wahl nie bereut, sondern als glücklich eingeschätzt und später seinem Bruder wiederholt gedankt. /58c/, /6/, /80/

 

"Ich gehöre nicht zu den glücklichen Naturen, die niemals zweifelhaft waren, was sie als ihren Beruf zu betrachten haben; die von Hause aus, ohne einen Augenblick zu schwanken, dem Ziele in geradester Richtung zueilen, auf das sie ihre innerste Richtung hinweist. Du warst es, der mich zu dem Studium der Naturwissenschaften veranlasste, offenbar mehr aus   e i g e n e r  ausgesprochener Neigung zu diesen Wissenschaften, als in Rücksicht auf   m e i n e   Befähigung hierzu." /6a/

 

 M. TRAUBE wurde zunächst an der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität immatrikuliert (27.4.1842 - 11.5.1844). /70a/ Die Informationen zur Studienzeit Traubes erfolgen hier bewußt sehr detailliert und ausführlich. Er belegte im Sommersemester 1842 Experimentalchemie bei E. MITSCHERLICH 5) ("sehr fleißig").
..........
Im Wintersemester 1842/43 hörte er Chemie und Stöchiometrie bei HEINRICH
ROSE (1795-1864)6) ("sehr fleißig"), im Sommersemester 1843 Mineralogie bei CHRISTIAN SAMUEL WEISS (1780-1856), der ihm "ausgezeichnet fleißigen Besuch" bescheinigt, Physik bei SCHUBARTH ("vorzüglich fleißig") und organische Chemie bei H. ROSE ("sehr fleißig"). Auch für das Wintersemester 1843 bescheinigt CH. S. WEISS in der Mineralogie "sehr fleißigen Besuch". /72a/ Weiterhin hörte TRAUBE Physik bei H. WILHELM DOVE (1803-1879) und sammelte im chemischen Laboratorium von KARL FRIEDRICH RAMMELSBERG (1813-1899)7) die ersten praktischen Erfahrungen in der Experimentalchemie. /58c/ Während dieser Berliner Semester wohnte TRAUBE bei seinem Bruder Ludwig in der Oranienburger Str. 53. /55/

 

 TRAUBES Interesse an der Chemie war geweckt. So ist es gut verständlich, daß er nach Gießen ging, wo J. v. LIEBIG lehrte.8) Dort schrieb er sich vom 3. Juni 1844 bis zum Sommersemester 1845 an der Philosophischen Fakultät ein. /89/ Während aller drei Semester belegte er den praktisch-analytischen Kursus in LIEBIGS Laboratorium. /58c/ Hier waren schon die räumlichen Bedingungen wesentlich günstiger als in Berlin, wo lediglich kleinere Privatlaboratorien einiger Dozenten existierten, die nur in bescheidenem Umfang unterstützt wurden /127/. In Giessen wohnte TRAUBE bei Hofgerichtsrat PILGER und später bei Ratschöff SEIPP. /89/ Er hörte Chemie ("Experimental-Chemie, von 11-12 Uhr") bei LIEBIG, "Logik, mit einer encyclopädischen Uebersicht der Philosophie, wöchentlich zweimal" bei MORITZ CARRIER (1817-1895) und "Botanik, fünfmal wöchentlich" bei HERMANN HOFFMANN (1819-1891).
..........
Für seinen Lehrer LIEBIG empfand TRAUBE allergrößte Hochachtung. So enthalten LIEBIGS Arbeiten nach TRAUBES Ansicht "...eine Fülle genialer Anschauungen und scharfsinnigster Bemerkungen, würdig eines so grossen, von dem umfassendsten chemischen Wissen getragenen Combinations-Talentes." /6c/ Auch H. HOFFMANN9), der neben der Botanik noch Vorlesungen über Pflanzenphysiologie hielt, wird sehr wahrscheinlich das physiologische Interesse TRAUBES verstärkt haben. In der Gießener Studienzeit entstanden freundschaftliche Kontakte zu den Kommilitonen THOMAS A. T. POLECK10) (1821-1906), KARL L. H. SCHWARZ (1824-1890)11) , HERMANN TRAUTSCHOLD (1817-1902)12) und M. PETTENKOFER13). Von Bedeutung war auch die Bekanntschaft mit  A. W. HOFMANN14) (Vgl. Kap. 3.4., 3.5.), der zusammen mit HEINRICH WILL die Laboratoriumsarbeit M. TRAUBES anleitete. /99a/

 

 Nach Berlin zurückgekehrt, schrieb sich TRAUBE erneut an der Philosophischen Fakultät ein (5.11.1845 - 31.3.1847) /70b/. Er wohnte in der Invalidenstr. 17. /55/ Während des Wintersemesters 1845/46 hörte er "Geognosie, Vulkane und Erdbewegungen" bei Heinrich GIRARD  (1814-1878) ("ausgezeichneter Fleiß"). /72b/ Die Universitätslehrer TRAUBES bescheinigten ihm also übereinstimmend großen Studienfleiß.

 

Die meiste Zeit des Sommersemesters 1846 und des Wintersemesters 1846/47 verbrachte TRAUBE mit der Anfertigung seiner Dissertation, die die Untersuchung verschiedener Verbindungen des Chroms zum Gegenstand hatte ("De nonnullis chromii connubiis"). /2/ Diese Arbeit mit rein anorganisch-chemischem Inhalt ist thematisch im Werk TRAUBES eine Ausnahmeerscheinung und steht mit seinem späteren Schaffen nicht in Beziehung. Er widmete die Schrift in Dankbarkeit seinen Eltern und betonte im angefügten Lebenslauf die hervorragende Rolle seines Bruders Ludwig für seine Entwicklung. "Opponenten" bei der Promotion waren S. EPHRAIM, HUGO RÜHLE und NATHANAEL PRINGSHEIM (1823-1894)15). Zu Gutachtern wurden E. MITSCHERLICH und H. ROSE bestellt. /71b/ MITSCHERLICH bewertet die Arbeit wie folgt: "...Die in der jetzigen Abhandlung beschriebenen Versuche sind mit Sorgfalt und Umsicht angestellt und zeigen hinreichend, daß der Verfasser sich die nöthigen Kenntnisse und Bildung erworben hat, um selbständig Untersuchungen anstellen zu können;..." /71c/ Den Ergebnissen wird aber kein besonderer Neuigkeitswert zugeschrieben. Aus dem Gutachten geht hervor, daß MITSCHERLICH die Promotionsarbeit betreute und TRAUBE die Arbeit vervollständigen und verbessern ließ. ..........

ROSE schätzt die Promotionsarbeit TRAUBES so ein:

"Ich habe mit Vergnügen die Abhandlung des Candidaten gelesen. Die Resultate, die er erhalten hat, sind zum Teil unerwartet und interessant. Die vielen Versuche scheinen mit Genauigkeit angestellt zu sein, sie sind Beweise von großem Fleiße und von Ueberlegung ..." /71c/

 

 TRAUBE wurde "einstimmig zur Promotionsprüfung zugelassen", die am 28. Dezember 1846 stattfand. /71d/ Die Promotionsverhandlung enthält eine Vielzahl interessanter und differenzierter Einschätzungen: ROSE prüfte zunächst über das Dissertationsthema und Manganoxyde, war mit den Antworten "sehr zufrieden"; MITSCHERLICH lobte die allgemeine Ausbildung und die Kenntnisse in der theoretischen Chemie. Der Physiker HEINRICH GUSTAV MAGNUS16) (1802-1870) examinierte über Elektrizität und Galvanik.

 

"... Er zeigte sich in diesem Fache sehr bewandert und antwortete mit großer Bestimmtheit und Klarheit." TRAUBE wurde auf Grund seiner Erklärung, sich mit anatomisch-physiologischen Fragen der Botanik beschäftigt zu haben, von CARL SIGISMUND KUNTH (1788-1850) in diesem Fach geprüft: "...Der Candidat zeigte sich in den meisten Gegenständen ziemlich unterrichtet, es schien ihm aber dabei eine recht klare allgemeine Übersicht abzugehen." In der Philosophie fiel das Urteil von FRIEDRICH ADOLF TRENDELENBURG (1802-1872) nicht gerade günstig aus: "... Der Candidat hat sich nach dem Ergebnis mit philosophischen Studien gar nicht beschäftigt - mit Ausnahme der formalen Logik, in deren Grundbegriffen er sich unter Nachhilfe einigermaßen wieder zurechtfand." Im Gesamturteil wurde die Dissertation mit "diligenter elaborate" und das Examen mit "cum laude" bewertet. /71d/ Das Promotionsverfahren wurde am 20.1.1847 mit der Ausfertigung des Doktordiploms /71f/ abgeschlossen. Bei der Durchführung der Formalitäten wurden TRAUBE auf Grund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit statt der Worte "verae religionis" die Worte "verae virtutis" vorgesprochen. /71/

 

 In den untersuchten Quellen und der Literatur finden sich keine konkreten Hinweise auf nachteilige Auswirkungen im Leben M. TRAUBES durch seine jüdische Herkunft. Den preußischen Juden war in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. noch die Ausübung bestimmter Berufe (z.B. Juristen) verboten, jüdische Ärzte waren erst seit Beginn des 19. Jh. offiziell zugelassen. /104/ 1848 wurde infolge der bürgerlichen Revolution formal die Unabhängigkeit der bürgerlichen Rechte von der Religionszugehörigkeit formuliert. Doch die Ressentiments in der Gesellschaft bestanden fort. LUDWIG TRAUBE wurde der jüdische Glaube zu einem erheblichen Hindernis in seiner akademischen Laufbahn. In einem Brief an R. VIRCHOW aus dem Jahr 1852 schreibt er dazu:

 

"... Was die Züricher Professur betrifft, so liegt diese Sache bereits hinter mir, d.h. ich hielt das Gerede von vornherein für eine Zeitungs-Ente, da ich längst die Ueberzeugung hege, daß wenigstens in den nächsten Decenien kein Jude eine Professur erhalten wird, er müßte denn alle anderen Candidaten soweit überragen, wie Spinoza seine philosophischen Zeitgenossen, und das ist bei keinem der mir bekannten der Fall..." /81a/

 

 Es wäre also berechtigt, auch bei MORITZ TRAUBE, von Widerständen und Vorbehalten gegen seine wissenschaftlichen Leistungen aus Glaubensgründen auszugehen. .......... Für Traubes Breslauer Zeit (nach 1866) sind diese mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen: In der Trauerrede auf M. TRAUBE von O. HEINE findet sich die rückschauende Bemerkung, dass "in Breslau die antisemitische Bewegung hässlich störend in die gesellschaftlichen Beziehungen" eingegriffen hat und TRAUBE dabei seine Besonnenheit bewahrt habe. /69a/

 

 Interessant sind die der Dissertation angefügten Thesen, in denen sich bereits wesentliche Ausrichtungen und Interessen TRAUBES widerspiegeln. /58b/ Aus heutiger Sicht erscheint zunächst ungewöhnlich, daß TRAUBE in ihnen keinen Bezug zur eigentlichen Arbeit über Chromverbindungen nimmt. ..........
Gleich in der ersten These geht TRAUBE auf die Frage nach dem Verbleib des eingeatmeten Sauerstoffs ein, der entweder als Kohlensäure ausgeatmet oder im Wasser gelöst werden würde. Es wurde im Lebenswerk TRAUBES zum zentralen Anliegen, die Rolle des Sauerstoffs im Stoffwechsel zu untersuchen. Weiterhin werden anorganische und organische Natur einander gegenübergestellt, wobei der wesentliche Unterschied sei, daß die anorganischen Dinge eine relative Konstanz von Form und Natur der Stoffe aufweisen, während das Leben im Chemismus der Verbindungen und in ihren Reaktionen begründet sei. In einer anderen These wird es als unstatthaft abgelehnt, organische Zellen mit anorganischen Kristallen zu vergleichen. TRAUBE sucht bei seinen Arbeiten später häufig nach Analogien in der unbelebten Welt zur Erklärung für physiologische Prozesse. In den Thesen kommt auch seine liberale Grundhaltung zu politischen und sozialen Fragen zum Ausdruck. Er fordert von den Gesetzen der Gesellschaft, es zu ermöglichen, daß sich jeder Einzelne selbst sein Glück schaffen könne. Für eine aktive Beteiligung an den politischen Auseinandersetzungen dieser Zeit finden sich keine Hinweise. In den Abgangszeugnissen von der Berliner Universität (11.5.1844, 31.3.1847) ist vermerkt, daß TRAUBE "... einer Theilnahme an verbotener Verbindung unter Studirenden ... nicht beschuldigt worden ..." ist, und auch in disziplinarischer Hinsicht  "... nichts Nachtheiliges vorgekommen ..." ist. /72a,b/ Traubes Bruder Ludwig war zumindestens als Arzt in die revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 involviert. N. PRINGSHEIM, der zum Freundeskreis der Brüder TRAUBE gehörte, nahm an den Barrikadenkämpfen in Berlin teil. (Vgl. Anlage 14) /104A a/

 

 Nach dem Studium arbeitete der promovierte Chemiker TRAUBE in einer Berliner Färberei (1847/1848). Über die Motive für diesen Schritt kann man nur spekulieren. Vielleicht erfolgte die Wahl eines "Brotberufes" unter dem Eindruck der pekuniären Schwierigkeiten seines Bruders Ludwig. ..........
Das Interesse an Wissenschaft und Forschung wurde aber weiterhin durch LUDWIG TRAUBE gefördert und nach kurzer Zeit wandte sich M. TRAUBE der Medizin zu. "Nachdem ich dann 1 Jahr als Lehrling und Volonteur in einer Wollenfärberei mit wenig Neigung zur Sache zugebracht hatte, studierte ich von Michaelis 1848 ab Medizin, ..." /80/ Außerdem fand TRAUBE "...Zugang zu der kleinen Gruppe von Physikern, Technikern und Medizinern, die sich an Gustav Magnus anschlossen und den physikalischen Verein17), die jetzige physikalische Gesellschaft, hier begründeten." /62a/

 

 Unter diesen Einflüssen stehend, schrieb sich also TRAUBE erneut an der Berliner Universität, diesmal an der Medizinischen Fakultät ein (25.10.1848 - 17.1.1850). /70b/ Im Wintersemester1848/49 beschäftigte sich er sich bei FRIEDRICH SCHLEMM (1795-1858) mit "Anatomie, Bänderlehre und Sezierübungen" ("sehr fleißig"). Im folgenden Semester hatte er "Physiologie und vergleichende Anatomie" bei J. MÜLLER, "Pathologische Anatomie" bei R. VIRCHOW und "Materia medica" (Pharmakologie) bei E. MITSCHERLICH. Den klinischen Studien konnte sich TRAUBE nur wenige Wochen des Wintersemesters 1850/51 widmen. Er belegte Chirurgie bei BERNHARD VON LANGENBECK (1810-1887), und er hatte Auskultation und Perkussion bei seinem Bruder LUDWIG.18) /72c/

 

 Die klinische Ausbildung wurde jedoch plötzlich unterbrochen. Der zweite Bruder M. TRAUBES, Hermann, erkrankte an Diabetes und starb. Dieser hatte den Vater bei der Führung der Weinhandlung unterstützt und war zum Erben bestimmt gewesen. Nun forderte der kranke Vater die Rückkehr seines jüngsten Sohnes als Geschäftsnachfolger nach Ratibor. "Der Entschluß war für TRAUBE, der mit voller Hingabe den Studien nachging, furchtbar schwer. Wochenlang hat er mit sich gerungen. Endlich aber brachte er der Kindesliebe seine tiefsten Neigungen zum Opfer und willigte in den Wunsch des Vaters." /99a/ Auch die finanzielle Situation der Familie wird die Rückkehr notwendig gemacht haben. TRAUBE erwähnte in diesem Zusammenhang später, daß "... eine zahlreiche Familie zu ernähren war". /80/. Sein Pfllchtbewußtsein gab den familiären Interessen Vorrang vor den persönlichen Wünschen und Neigungen.19)

 

 Den größten Einfluß auf die Entwicklung TRAUBES zum Naturwissenschaftler mit Interesse an physiologischen Problemen übte sein Bruder LUDWIG TRAUBE aus. Er beeinflußte die Wahl der Studienrichtungen, führte ihn an medizinisch-biologische Probleme heran, war selbst für kurze Zeit klinischer Lehrer seines Bruders und vermittelte Kontakte zu anderen Wissenschaftlern. M. TRAUBE verehrte seinen älteren Bruder, der ihm in seiner streng wissenschaftlichen Arbeitsweise und seiner Persönlichkeit Vorbild war. Er lernte unmittelbar die Arbeit seines Bruders als Experimentator, wissenschaftlicher Lehrer und Arzt kennen. L. TRAUBE stand unter dem Einfluß der Philosophie SPINOZAS20), dem Kausalitätsprinzip folgend, untersuchte er vor allem pathophysiologische Fragen hinsichtlich der Ursachen, Wirkungen und Zusammenhänge. Er war zudem ein Wissenschaftler, der sein Wissen in der klinischen Praxis umzusetzen wußte. Die beschriebenen Merkmale der Arbeits- und Denkweise prägten sich auch bei M. TRAUBE aus. Im folgenden Zitat kennzeichnet dieser sein enges emotionales Verhältnis zu seinem Bruder und desssen Bedeutung für die eigene Entwicklung:

 

"Mein lieber Bruder! Es wird Dir vielleicht nicht mehr erinnerlich sein, wie bedeutend der Einfluß war, den Du auf meine geistige Entwicklung ausübtest. ... Abgesehen von der Belehrung und geistigen Anregung, die ich späterhin aus mehrjährigem, mir unvergeßlichem Umgange mit Dir schöpfte, werde ich Dir stets schon dafür zu tiefem Danke verpflichtet sein, daß ich auf Deine Veranlassung die herrlichsten Gebiete menschlichen Wissens kennenlernte. Glücklich aber würde ich mich schätzen, wenn es Dich nicht gereute, einst in solcher Weise bestimmend auf die Wahl meiner Studien eingewirkt zu haben. Ratibor, den 3. März 1858. In Liebe und Hochachtung Dein Bruder Moritz Traube." /6a/

 

 Von Wert für seine späteren Arbeiten erweisen sich TRAUBES Kenntnisse über die anatomischen und physiologischen Grundlagen der Medizin, die er bei F. SCHLEMM, J. MÜLLER und R. VIRCHOW erwarb. .......... Die Bekanntschaften und Freundschaften, die TRAUBE in seiner Studienzeit schloß, waren mit Impulsen für seine wissenschaftliche Arbeit verbunden. Sie ermöglichten aber auch den späteren Kontakt zum akademisch-wissenschaftlichen Leben (TH. POLECK, N. PRINGSHEIM, A. W. HOFMANN).

 

3.2. Die Schaffenszeit in Ratibor (1849-1866).

 

Mit der Rückkehr nach Ratibor in die Weinhandlung des Vaters und der Übernahme der kaufmännischen Verpflichtungen im November 1849 schien die wissenschaftliche Laufbahn TRAUBES beendet zu sein. Die Forschung wurde gerade in Deutschland institutionell betrieben. Doch TRAUBE sollte es verstehen, sowohl im bürgerlichen Beruf als auch in der Wissenschaft außergewöhnlich erfolgreich zu sein. Weder Unzufriedenheit über das unfreiwillig abgebrochene Medizinstudium noch der oft beklagte Zeitmangel, auch nicht die beschränkten apparativen und materiellen Möglichkeiten konnten TRAUBES Forschertrieb unterdrücken. TRAUBE mußte einen großen Teil der experimentellen und theoretischen Arbeit wegen der beruflichen Erfordernisse in den Nachtstunden erbringen. Weitere Nachteile ergaben sich aus dem provinziellen Charakter des kleinen Städtchens Ratibor, z.B. bei der Beschaffung von Literatur21) oder dem eingeschränkten geistigen  Austausch mit anderen Gelehrten22) . Als Labor diente TRAUBE lediglich eine kleine Bodenkammer, die im Winter nur wenig mehr als 10°C aufwies. /99/, /6k/

 

..........

 

Die Ratiborer Schaffenszeit war trotz der schwierigen Bedingungen außerordentlich fruchtbar. Neben Arbeiten zum Diabetes mellitus /3/, /4/ entwickelte TRAUBE in diesen Jahren seine Theorie von den Fermentwirkungen /5/, /6/, arbeitete über Pflanzenphysiologie (Bedeutung des Sauerstoffs für das Pflanzenwachstum) /7/ und den Muskelstoffwechsel /8/-/11/. Im Jahr 1864 stellte er die ersten künstlichen semipermeablen Membranen aus Leim und Gerbsäure her. /12/

 

 Als Weinhändler hatte M. TRAUBE Erfolg und brachte es schnell zu materiellem Wohlstand, so konnte er z.B. 1864 gemeinsam mit seinem Bruder dem Ratiborer Gymnasium 500 Taler zur Prämierung von Schülern22A) schenken. /112a/ Auch wichtige familiäre Ereignisse fielen in diese Zeit: 1858 starb die Mutter,1864 der Vater. Im Jahr 1855 hatte sich TRAUBE mit der Tochter eines Kommerzienrates aus Posen, BERTHA MOLL, verheiratet, "... und seine Gattin hat ihm in 39jähriger reich gesegneter Ehe in reger Antheilnahme an seinen Bestrebungen und hingebender Pflege in den Leiden das Leben verschönt." /99a/ Aus der Ehe gingen 3 Töchter (Anna, Sophie und Martha) und 2 Söhne (Hermann und Wilhelm) hervor.

 

3.3. Das Wirken in Breslau (1866-1891).

 

Im Jahr 1866 zog TRAUBE nach Breslau, wohin er auch das Weingeschäft verlegte. In Breslau wohnte er zunächst in der Junkernstr. 7, später in der Tauenzienstr. 22. /74A/ Mit dem Umzug wollte Traube die Bedingungen für die Forschung verbessern. "Vor allem lag es ihm am Herzen, bessere Gelegenheit zu experimenteller Arbeit zu finden. Er arbeitete zunächst im Laboratorium seines Freundes POLECK22B), und auch im physiologischen Institut von HEIDENHAIN23). Später richtete er sich ein eigenes Laboratorium ein, auf das er reiche Mittel verwendete und in welchem er sich einen, zeitweilig auch zwei Assistenten hielt." /99c/ "Freudig wurde er von den wissenschaftlichen Kreisen der Universitätsstadt aufgenommen". /99b/ Im Rückblick beklagte TRAUBE andererseits mangelnde Akzeptanz und Anerkennung bei den schlesischen Gelehrten:  „In meiner Heimath Breslau haben meine Arbeiten nur wenig Berücksichtigung gefunden." /80/

 

 So sehr bürgerlicher Beruf und wissenschaftliche Tätigkeit in ihren zeitlichen Erfordernissen auch einander entgegenstanden, waren sie doch in gewisser Weise füreinander förderlich oder gar Bedingung geworden, .......... TRAUBE bewies großes kaufmännisches Geschick bei der Führung der Weinhandlung und deren erheblicher Vergrößerung24A). Jährlich fuhr er in die Hegyalja, um dort selbst den ungarischen Wein zu begutachten und zu kaufen. [Traube (82)] Für die Qualität und den guten Ruf des vertriebenen Weines spricht die Tatsache, daß OTTO VON BISMARCK (1815-1898) wiederholt eigenhändig geschriebene Bestellungen aufgab. /112b/. Seit 1864 hatte TRAUBE das Geschäft allein geführt, ab 1874 stand ihm sein Schwiegersohn JULIUS MOLL, der mit der ältesten Tochter Anna verheiratet war, als Teilhaber zur Seite. Im Jahr 1886 trat er von der Geschäftsleitung zurück.

 

 TRAUBE war von 1866 bis 1890 Mitglied der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur und wurde 1884 in das Direktorium dieser Gesellschaft gewählt, dem er bis 1890 angehörte. 24)  /104B a/

 

Neben Wissenschaft und Geschäft widmete TRAUBE als Stadtverordneter der Kommunalpolitik einen Teil seiner Kraft. /99/ In der Breslauer Zeit führte TRAUBE seine wissenschaftliche Arbeit zielstrebig weiter. Dabei sind drei Schwerpunkte zu erkennen:

 

1. Fortsetzung der pflanzenphysiologischen Untersuchungen (mechanische Theorie des Zellwachstums).  /14/,  /15/,  /24/,  /25/

 

2. Arbeiten zur alkoholischen Gärung, insbesondere über die Alkoholhefen; bei dieser Gelegenheit Zusammenarbeit mit FERDINAND COHN25). /18/,  /20/, / 21/, /22/

 

F. COHN bringt seine hohe Wertschätzung für die wiss. Leistungen und die Persönlichkeit TRAUBES im von ihm verfaßten Nekrolog zum Ausdruck, gleichzeitig wird sein stark biologisch geprägtes Physiologieverständnis deutlich: "Das Buch ('Theorie der Fermentwirkungen' - d. Verf.) enthält bereits die Keime aller späteren Arbeiten TRAUBES und verdient noch heut, obwohl es die Mitwirkung der Mikrophyten noch nicht genügend würdigt, eingehend studirt zu werden." /104B c/ Er erkennt vor allem TRAUBES Leistungen bei der Erforschung der Pflanzenatmung und der Rolle des osmotischen Druckes für das Zellwachstum an. Nach seiner Einschätzung hat TRAUBE "...durch seine zahlreichen ... Arbeiten auf verschiedenen Gebieten der physiologischen Chemie und Physik neue Bahnen eröffnet; alle seine Abhandlungen zeichnen sich aus durch die exacte Methode der Untersuchung, wie durch logische Klarheit der Darstellung und die Weite der Ideen." /104B a/

 

3. Studien über Oxydationsvorgänge bei niedrigen Temperaturen und die Aktivierung des Sauerstoffs /26/,  /28/-/32/,  /35/,  /36/,  /37/,  /44/,  /47/

 

Weiterhin untersuchte M. TRAUBE die Chemie und elektrochemische Aspekte der Entstehung des Wasserstoffsuperoxyds  /33/,  /38/,  /39/,  /40/,  /42/,  /43/,  /45/, /46/ und die Abwehr des lebenden Organismus gegen Mikroorganismen  /16/,  /49/. Einen Teil seiner Zeit benötigte TRAUBE zur Verteidigung von Prioritätsansprüchen

 

  In Breslau hielt TRAUBE drei wissenschaftliche Vorträge in der Öffentlichkeit. Vor einem größeren Publikum trat er 1874 auf der 47. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte auf ("Experimente zur physikalischen Erklärung der Bildung der Zellhaut, ihres Wachstums durch Intussusception und des Aufwärtswachsens der Pflanzen.") /15/. Im gleichen Jahr hielt er in der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur ein Referat ("Über Fäulnis und Widerstand der lebenden Organismen gegen dieselbe.") /16/. Ein weiteres Referat in dieser Gesellschaft folgte 1881 ("Über die Aktivierung des Sauerstoffs durch Cupriverbindungen.") /26/. 

 

Das Wirken TRAUBES in Breslau war geprägt von großer beruflicher, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aktivität. Im Vergleich zur Forschung in Ratibor hatte der Anteil der experimentellen Arbeit bedeutend zugenommen. Die Mehrzahl der aus heutiger Sicht wertvollen physiologisch-chemischen Leistungen einschließlich der theoretischen Konzeptionen stammt aber bereits aus der Zeit in Ratibor. Während der Jahre in Breslau erhielt TRAUBE zwei bedeutende akademische Ehrungen...........

 

 Man könnte bei der enormen Arbeitsbelastung TRAUBES mit gutem Grund vermuten, daß sein Familienleben darunter gelitten hat. Andererseits läßt sich anhand einiger Quellen belegen, daß er ein fürsorglicher und verantwortungsvoller Familienvater gewesen sein muß.26)

 

3.4. Die letzten Lebensjahre in Berlin (1891-1894).

 

M. TRAUBE zog 1891 nach Berlin (Potsdamer Str. 122b). Wahrscheinlich haben dabei familiäre Gründe eine Rolle gespielt. Seine beiden Söhne standen am Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn in Berlin, wo sie gemeinsam eine Wohnung in der Chausseestr. 8 bewohnten. /65a/ HERMANN TRAUBE (1860-1913) war zu dieser Zeit als Privatdozent für Mineralogie und WILHELM TRAUBE (1866-1942) als promovierter Chemiker und Assistent am Pharmakologischen Institut der Universität tätig. /149/  Auch das vom Schwiegersohn fortgeführte Geschäfthatte einen Sitz in Berlin ("W. Traube & Sohn, Weinhandlung und Weinbergbes., nur Engr. Verkauf, Breslau-Berlin, W Mohrenstr. 9, Inh. Dr. phil. Jul. Moll" /65b/). Möglicherweise von größerer Bedeutung für den Umzug könnte aber der Wunsch gewesen sein, in Berlin besser am wissenschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Hier hatte TRAUBE Bekannte und Freunde in führenden Positionen wissenschaftlicher Institutionen (z.B. A. W. v. HOFMANN, N. PRINGSHEIM). Außerdem war er seit 1886 selbst korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Ein weiterer Beweggrund könnte gewesen sein, daß namhafte Breslauer Wissenschaftler (F. COHN, R. HEIDENHAIN) im Gegensatz zu TRAUBE eine stark biologisch orientierte Physiologie vertraten. Der Gesundheitszustand TRAUBES war inzwischen sehr angegriffen. Über viele Jahre hinweg hatte er an Schlafstörungen gelitten, dazu kam ein "... Herzleiden, das ihn einige Male längere Zeit an das Krankenlager fesselte ..." /99c/, also möglicherweise eine ischämische Herzkrankheit.27) TRAUBE selbst spricht 1886 von "schwankendem Gesundheitszustand". /78b/ 1893 wurde dann noch eine hochgradige Zuckerkrankheit festgestellt. Möglicherweise hatte TRAUBE aber bereits 1881 eine gestörte Glukosetoleranz.28) Ungeachtet des deutlich beeinträchtigten Gesundheitszustandes führte TRAUBE in Berlin die Forschung fort. Er hatte dabei die Unterstützung seines Sohnes Wilhelm, der zeitweise die Durchführung von Laborversuchen übernahm. /50/ Inhaltlich beschäftigte sich TRAUBE mit Sauerstoffverbindungen des Schwefels /48/, /50/, quantitativen Aspekten der Wasserstoffsuperoxydentstehung bei der Autoxydation und der Konstitution dieses Stoffs /51/, /52/. Er wandte sich noch einmal den von ihm entdeckten Niederschlagsmembranen und Problemen der Osmose zu, ohne die Arbeit abschließen und veröffentlichen zu können. Das Manuskript wurde von seinen Söhnen nach seinem Tod veröffentlicht. /54/ Die letzte Arbeit M. TRAUBES verdient aber besondere Beachtung: er schlägt 1894 vor, durch Chlorierung keimfreies Trinkwasser herzustellen und entwickelt ein Verfahren dafür. /53/ .......... So hat TRAUBE bis ins letzte Lebensjahr hinein mit Erfolg wissenschaftlich gearbeitet.

 

Am 28. Juni 1894 starb MORITZ TRAUBE in Berlin. G. BODLÄNDER charakterisiert den Tod als Erlösung. /99c/ In der Todesanzeige ist vermerkt: "Nach längerem Leiden entschlief sanft heute früh 3 Uhr im 69. Lebensjahre ... Moritz Traube ..." /61/ Die Bestattung erfolgte am 1.7.1894, die Trauerrede /69a/ hielt Prof. OTTO HEINE, ein Freund TRAUBES. HEINE, zuvor Direktor eines Breslauer Gymnasiums, war Königlicher Domherr und von 1883-1899 Direktor der Ritterakademie zu Brandenburg ("...ein äußerst feinsinniger Gelehrter und vorzüglicher Lehrer..."/109C/).  In der Vossischen Zeitung war zu lesen:

 

"Die Trauerfeier für den verstorbenen Chemiker Dr. Moritz Traube wurde am Sonntag Vormittag im Trauerhause (Potsdamer Str.) abgehalten. Unter den Anwesenden bemerkte man u.a. die Geheimen Regierungsräthe Landolt und Prinzheim, den Stadtrat Dr. Weigert und die Professoren Lessing und von Funcke." /62c/

 

Hier zeigt sich eine beachtliche Anteilnahme von Persönlichkeiten aus Wissenschaft und öffentlichem Leben. N. PRINGSHEIM ("Prinzheim" wahrscheinlich ein Hörfehler des Reporters oder ein  Druckfehler) und HANS HEINRICH LANDOLT29) (1831-1910) waren Mitglieder der physikalisch-mathematischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Bei "Professor Lessing" handelt es sich möglicherweise um JULIUS LESSING (1843-1910), der Direktor des Kunstgewerbemuseums zu Berlin war. MORITZ TRAUBE wurde am 1.7.1894 auf dem Friedhof Berlin-Lichtenberg, Gudrunstr. bestattet /93/. Das Grab wurde mit einer Bronzebüste versehen.30)  Als Vorbild diente dazu eine Marmorbüste, die der bekannte Bildhauer FRITZ SCHAPER (1841-1919) nach der Totenmaske TRAUBES schuf. /112a/ Zuvor hatte Schaper eine 63 cm hohe Gipsbüste angefertigt, die sich im Gipsdepot der Alten Nationalgalerie Berlin befindet.

 

 Für das große Ansehen, das sich TRAUBE durch seine wissenschaftliche Arbeit erworben hatte, spricht das breite öffentliche Echo auf seinen Tod. Die Vossische Zeitung würdigt sein Lebenswerk in zwei Artikeln (29.6. und 30.6.1894) unter vollständiger Aufzählung der vielen Arbeitsgebiete. /62a/,  /62b/

 

"Gestern starb hier Dr. phil. Moritz Traube,  Mitglied der Akademie der Wissenschaften, der fast ein halbes Jahrhundert lang rüstig an der chemischen Arbeit in Deutschland theilgenommen hat. Er hat auf mehreren Gebieten weithin wirksame Anregungen gegeben ..." /62a/

 

Fast wörtlich übernimmt die Allgemeine Zeitung des Judentums den Artikel. /63/ Die Chemiker-Zeitung schreibt u.a.: "...Mit seinem vielseitigen Wissen verband er eine, großen Männern eigenthümliche Bescheidenheit." /64/

 

Eine umfangreichere Charakterzeichnung gibt  G. BODLÄNDER (1895):

 

"... Der allgemeine Eindruck seines ruhigen abgeklärten Wesens verrieth nur den geistvollen, etwas weltfremden Gelehrten und liess nicht den gewandten Kaufmann in ihm vermuten... Nichts Edles in Wissenschaft, Kunst und öffentlichem Leben war ihm fremd. Mit besonderer Neigung war er der Musik zugethan, die er durch eine schöne Baritonstinme selbst auszuüben vermochte. Sein edler Charakter, seine vielseitige Bildung, der Ruf seines Namens und die grosse Gastlichkeit seines Hauses vereinigten um Traube einen grossen Kreis der angesehensten Männer, von denen er einzelnen seit der Jugendzeit in nie getrübter Freundschaft verbunden war... Ungemein unterhaltend und anregend im engeren Kreise, aber im Verkehr mit Unbekannten von einer fast an Schüchternheit grenzenden Zurückhaltung war Traube kein Freund öffentlichen Auftretens..." /99d/

 

Der damalige Präsident der Deutschen chemischen Gesellschaft  HERMANN EMIL FISCHER31) (1852-1919) teilt auf einer Sitzung der Gesellschaft den Tod TRAUBES mit und sagt u.a.:

 

"Sein Hinscheiden wird nicht allein von den Chemikern, sondern ebenso sehr von den Vertretern der biologischen Wissenschaften, für welche er die reichen Mittel seines Talentes und seiner chemischen Erfahrungen verwerthet hat, beklagt..." /110a/

 

F. COHN würdigt in einem Nekrolog in den Berichten der Schlesischen Gesellschaft für Vaterländische Kultur die außergewöhnliche Lebensleistung TRAUBES:

 

"... Von dieser praktischen Tätigkeit (als Kaufmann - d. Verf.) vollauf in Anspruch genommen und in einer kleinen oberschlesischen Stadt von allem wissenschaftlichen Verkehr isolirt, bewahrte MORITZ TRAUBE dennoch mit bewunderungswürdiger Energie sich die geistige Kraft, um jeden freien Augenblick zu experimenteller Arbeit zu verwenden, die durch den methodischen Gang der Untersuchung, die Originalität und den Reichthum neuer Ideen und durch die logische Klarheit der Darstellung großes Aufsehen erregten und bald allgemeine Anerkennung sich erwarben." /104B b/

 

 In Ratibor erhielt das Haus in der Braustraße im Jahr 1895 eine Gedenktafel aus Marmor (47 x 62 cm, "Geburtshaus des Dr. med. Moritz Traube"). 1927 wurde eine Straße Ratibors "Dr. Traubestraße" genannt, um an die Brüder Ludwig und Moritz zu erinnern. Obwohl M. TRAUBE in seinen letzten Lebensjahren die schlesische Heimat verließ, entwickelte sich dort ein lokalpatriotischer Stolz auf ihn. Die folgenden mit Enthusiasmus verfaßten Zeilen zeigen dies:

 

"Moritz Traube wurde ein gottbegnadetes Lebensgeschick zuteil: ein außergewöhnlich genialer Kaufmann, dem das Prädikat 'königlich' gebührt, gleicherweise ein Gelehrter, dem die Wissenschaft Dank schuldet, der jeder Universltät eine Zierde gewesen wäre. Die Wissenschaft wird den Namen M o r i t z T r a u b e dauernd lebendig halten." /112a/

 

TRAUBES Frau Bertha starb 1907 in Berlin. Eine Kurzbiographie der beiden Söhne HERMANN und WILHELM TRAUBE ist im Kap. 3.6.enthalten. Die drei Töchter M0RITZ TRAUBES waren verheiratet, Anna mit Dr. phil. JULIUS MOLL (Berlin); Sophie mit Prof. Dr. jur. MAX CONRAT31A) (Amsterdam); Martha mit Oberbergrat Dr. phil. GUSTAV PRINGSHEIM31B) (Tarnowitz). Bei seinem Tod hatte TRAUBE vier Enkelkinder aus den Ehen seiner Töchter. /61/

 

3.5. Akademische  Ehrungen.

 

M. TRAUBE war  trotz seiner außeruniversitären  Forschung in den gelehrten Kreisen gut bekannt . Schon 1864 wird er in POGGENDORFFS biografischem Handwörterbuch kurz und treffend "Dr. Phil. und Weinhändler in Ratibor" /146f/ bezeichnet, eine häufig zitierte Beschreibung. Akademische Ehrungen blieben TRAUBE nicht versagt. Im Jahr 1867 verlieh ihm die Medizinische Fakultät der Universität Halle-Wittenberg aus Anlaß des 50jährigen Jahrestages der Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg die Ehrendoktorwürde (Urkunde vom 21. Juni 1867 unter dem Dekanat LUDWIG KRAHMERS). /60/ Eine Vorschlagsbegründung ist in den Archivunterlagen nicht enthalten. Zu dieser Zeit hatte TRAUBE seine Arbeiten über den Diabetes mellitus, die Theorie der Fermentwirkungen, seine Abhandlungen über die Muskeltätigkeit und die Rolle der Nahrungsstoffe sowie die Darstellung semipermeabler Membranen veröffentlicht. Die Urkunde selbst enthält nur angedeutet Hinweise auf die Gründe der Verleihung. Es ist vermerkt, daß TRAUBE "... mit sorgfältigsten und begabtesten Untersuchungen die organische Chemie bewundernswert gefördert, die Funktionen der Tiere sowie das Pflanzenwachstum ausgezeichnet dargestellt hat..." (übers. aus dem Lateinisehen, d. Verf.), und sich um die Kunst der Medizin sehr verdient gemacht habe. /60/ Aus einem Sitzungsprotokoll der Medizinischen Fakultät (anwesend u.a. L. KRAHMER, "VOLKMANN sen. und jun." 32) ) geht hervor, daß sich M. TRAUBE als Kandidat für diese Ehrung in guter Gesellschaft befand:

 

..........

Im Dankbrief TRAUBES ist zu lesen:

 

"Den Genuß, den wissenschaftliche Forschung an sich gewährt, fühlt man oft genug durch die an sich selbst gestellte Frage beeinträchtigt, ob das, was man arbeitet, auch wirklich zur Förderung der Wissenschaft beiträgt. Über solche beengende Zweifel vermag nun das Urtheil berühmter Männer der Wissenschaft hinwegzuhelfen und die ungetrübte Freude am Schaffen beginnt erst mit dem wohlwollenden Zuspruch von gewichtiger Seite her." /74/

 

 Die größte Anerkennung für TRAUBE stellte allerdings seine Wahl zum korrespondierenden Mitglied der physikalisch-mathematischen Klasse für das Fach Chemie der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1886 dar. Der Vorschlag wurde von A. W. v. HOFMANN33)  eingebracht und ausführlich begründet. /75/ Der ehemalige Lehrer TRAUBES aus der Gießener Studienzeit würdigt und beschreibt dabei die unter besonders schwierigen Bedingungen erbrachten Leistungen. HOFMANN teilt TRAUBES Arbeiten in 4 Gruppen ein: Theorie der Fermentwirkungen; Wachstum und Stoffwechsel der Pflanzen sowie Beziehungen zwischen Atmung und Muskeltätigkeit; Ursprung der Muskelkraft; Aktivierung des Sauerstoffs. Als wichtigstes Ergebnis wird TRAUBES Beitrag zur Erforschung der Ursachen der Muskelkraft angesehen. HOFMANN faßt zusammen: "Die Arbeiten, welche vorstehend in dürftigen Umrissen verzeichnet sind, lassen Moritz Traube als einen ebenso vielseitigen wie eigenartigen Forscher erscheinen, der auf verschiedenen Gebieten neue Wege gesucht und gefunden hat." Die Vorschlagsbegründung (10.6.1886) wurde außer von HOFMANN u.a. von K. F. RAMMELSBERG und N. PRINGSHEIM sowie von E. DU BOIS-REYMOND, H. H. LANDOLT und HUGO KRONECKER (1839-1914) unterschrieben. Am 8.7.1886 fand dann der Wahlvorgang in der physikalisch-mathematischen Klasse statt. Zu den 24 Mitgliedern der Klasse gehörten z.B. auch H. v. HELMHOLTZ, W. v. SIEMENS, R. VIRCHOW und HEINRICH WILHELM VON WALDEYER (1836-1921). Ein Auszug aus dem Sitzungsprotokoll:

 

"Es fand die Kugelung über den Wahlvorschlag des Herrn Hofmann betreffens Herrn Moritz Traube in Breslau statt. Es fielen 17 weiße Kugeln, keine schwarze, da die Zahl der zur Aufnahme erforderlichen Zustimmungen 13 beträgt, ist Herr M.Traube somit von der Classe zum correspondierenden Mitglied im Fach der Chemie gewählt und nunmehr dem Plenum vorzuschlagen." /77/

 

Ein einstimmiges Votum führender wissenschaftlicher Autoritäten.TRAUBE dankt in zwei Briefen für die hohe Ehre:

 

"Die Ehre, die mir durch die Erwählung zum correspondierenden Mitglied der physikalisch-mathematischen Classe der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Theil wurde, hat mich hoch beglückt. Diese Auszeichnung von Seiten der hervorragendsten Forscher gibt mir die wohlthuende Gewähr, daß meine Bemühungen, der Wissenschaft zu nützen, doch nicht ganz vergebliche gewesen sind." /78a/

 

Aus den Sitzungsberichten der folgenden Jahre ist zu ersehen, daß TRAUBE die Akademie der Wissenschaften einmal über seine neuen Forschungsergebnisse informierte. Im Sitzungsprotokoll vom 8.12.1887 ist vermerkt: "Herr Hofmann legte eine Mitteilung des corr. Mitgliedes Herrn Moritz Traube in Breslau vor: Über die elektrolytische Entstehung des Wasserstoffhyperoxyds an der Kathode." /79/ .......... Die äußere Anerkennung seiner Forschung hat TRAUBE nicht nur mit großer Dankbarkeit entgegengenommen, sondern sie wurde auch zu einem wichtigen Motivationsfaktor für seine Arbeit.

 

3.6. Die wissenschaftliche Laufbahn der Söhne TRAUBES.

 

Das, was M. TRAUBE selbst verwehrt blieb, sich mit ganzer Kraft der Wissenschaft zu widmen, wollte er seinen beiden Söhnen ermöglichen. Mit Freude und Stolz konnte er die Anfänge ihrer erfolgreichen akademischen Laufbahn beobachten. Beide blieben der chemischen Grundausrichtung ihres Vaters treu.

 

HERMANN TRAUBE (*24.9.1860 Ratibor, + 29.1.1913 Berlin) legte 1880 am Magdalenen-Gymnasium in Breslau unter dem Direktor O. HEINE die Reifeprüfung ab. Danach studierte er in Leipzig, Heidelberg, Breslau und Greifswald und promovierte 1884 zum Dr. phil. in Greifswald mit einer Arbeit über Mineralogie. Der Gutachter THEODOR LIEBISCH (geb. 1852) lobte die Sorgfalt und Umsicht der chemischen Analysen. /85/  Zu H. TRAUBES Lehrern gehörten u.a. HEINRICH IRENAEUS QUINKE (1842-1922)  (Heidelberg); TH. POLECK, CARL FRIEDLÄNDER (1847-1887) und F. COHN (Breslau). /86/  Im Lebenslauf bekannte  er sich zum reformierten Glauben (im Zeugnis ist mosaisch angegeben). /86/ Später wurde er Dozent der Mineralogie und außerordentlicher Professor (1905) an der Universität Berlin /146g,h/ sowie Ordinarius in Greifswald /149/. Er war nicht verheiratet und wurde nach seinem Tod im Erbbegräbnis seines Vaters beigesetzt. /94/

 

WILHELM TRAUBE (*10.1.1866 Ratibor, + 28.9.1942 Berlin) war ein hervorragender und anerkannter Chemiker, erschütternd ist sein Schicksal in der Zeit des Nationalsozialismus. Vgl. Biografie WILHELM TRAUBE

 

4. TRAUBES Beitrag zur klinischen Chemie. 

 

4.1 Klinisch-chemische Untersuchungen zum Diabetes mellitus.

 

Die ersten beiden Veröffentlichungen M. TRAUBES nach der Rückkehr ins väterliche Geschäft erschienen im Jahr 1852. Sie beschäftigten sich mit diagnostischen und therapeutischen Fragen der Zuckerkrankheit. "Über die Gesetze der Zuckerausscheidung im Diabetes mellitus." /3/ und "Über die Verdauung des Fettes im Diabetes mellitus." /4/ Es ist verständlich, daß TRAUBE zur Erforschung der Zuckerkrankheit beitragen wollte, an der sein Bruder Hermann gestorben war und die damit so einschneidend Einfluß auf seine Biographie genommen hatte. Er konnte nicht wissen, daß er im Alter ebenfalls an Diabetes erkranken sollte. ..........

 

 In der Arbeit "Über die Gesetze der Zuckerausscheidung im Diabetes mellitus." /3/ geht M. TRAUBE vom Grundgedanken aus, die Harnzuckerausscheidung unter genauer Registrierung der Ernährung (Nahrungszufuhr quantitativ und qualitativ) zu studieren, um sie durch die Art der Ernährung beeinflussen zu können. Als Voraussetzung dazu hält er die bisherige Methode, die Harnzuckerkonzentration in einzelnen Urinportionen oder im Sammelurin zu bestimmen, für nicht ausreichend. Er ermittelt die absolut ausgeschiedene Zuckermenge in definierten Zeiträumen und unter Beachtung der äußeren Bedingungen, insbesondere der Nahrungsaufnahme. Zur quantitativen Zuckerbestimmung benutzt er eine chemische Reduktionsmethode.35A)  An einem Diabetiker wird über 3 Wochen so die Größe der Zuckerausscheidung pro Zeiteinheit untersucht. TRAUBE findet dabei in Abhängigkeit von der Nahrungsaufnahme und den Nahrungsbestandteilen große Schwankungen bei der Zuckerausscheidung. Stärke ruft eine starke und Eiweiß eine geringe Ausscheidung hervor. 6 Monate später stellt TRAUBE fest, daß die Zuckerausscheidung des Patienten ohne Änderung der äußeren Bedingungen zugenommen hatte. Eine Zuckerausscheidung war jetzt auch ohne vorherige Nahrungszufuhr nachzuweisen. Im Harn fand er eine "Säuerung, die über das übliche Maß hinausging" (zur dabei angewandten Methode macht TRAUBE keine Angabe). Die Einnahme von alkalischem Karlsbader Mineralwasser hatte keinen Einfluß auf die Harnzuckerausscheidung.

 

 TRAUBES Schlußfolgerungen sind bemerkenswert:

 

1. In der Beschreibung der Erkrankung teilt er diese in 2 Stadien ein, wobei im zweiten, fortgeschrittenen Stadium des Diabetes die Harnzuckerausscheidung auch ohne vorherige Nahrungszufuhr erfolgt und deutlich vermehrt ist. Als Ort der innerhalb des Organismus notwendigen Zuckerbildung sieht er wie C. BERNARD die Leber an und berechnet die dort gebildete Zuckermenge (etwa 3 g pro Stunde). Der Versuch, die Gluconeogenese quantitativ zu erfassen, muß gewürdigt werden. ..........

  Nach F. LIEBEN war TRAUBE vielleicht der erste, der eine Einteilung in zwei Diabetesformen vornahm /129d. Diese Feststellung ist nicht richtig, weil TRAUBE keine Formen, sondern Stadien (Größe und Abhängigkeit der Harnzuckerausscheidung von der Nahrungszufuhr unter Beachtung der Klinik) unterschied.

 

2. Für die Diagnostik empfiehlt TRAUBE die Bestimmung der Harnzuckerkonzentration durch die Bestimmung der Größe der Harnzuckerausscheidung pro Zeiteinheit unter Berücksichtigung der Nahrungsaufnahme zu ersetzen. Das ist ein eindeutiger Fortschritt. Mit seinem Vorschlag, den Harnzucker nach der Nahrungsaufnahme und morgens nüchtern zu messen, nimmt er, seiner Zeit voraus, elementare diagnostische Prinzipien der heutigen Blutzuckerbestimmung für die Harnanalyse vorweg.

 

3. TRAUBE regt für die weitere Forschung an, die Abhängigkeit der Harnzuckerausscheidung von definierten Nahrungsbestandteilen zu untersuchen. Er erkennt die außerordentlich große Bedeutung einer wissenschaftlich begründeten Diät für die Behandlung des Diabetes. TRAUBES Ergebnisse wurden später für spezielle Diäten beim Diabetes genutzt. ..........

 

Die zweite Arbeit „Über die Verdauung des Fettes im Diabetes mellitus" /4/ hat die Untersuchung der enteralen Resorption des Nahrungsfettes zum Gegenstand. TRAUBE geht hier davon aus, in der Nahrung die Stärke durch Fett zu ersetzen, da die Stärke zum großen Teil als Zucker über den Harn verloren gehe. An einem Diabetiker und einem Lungenkranken der Charité vergleicht er durch Analyse des Stuhlfettgehaltes die Aufnahme des Fettes aus dem Darm, die er beim Diabetiker unverändert findet. Damit glaubt TRAUBE bewiesen zu haben, daß der Zuckerkranke Fett aus dem Darm aufnehmen und im Stoffwechsel verwerten kann. ..........

 

 

4.2. Ein Beitrag zur Pharmakotherapie - klinische Erprobung des Milchzuckers im Selbstversuch.

 

Fast 30 Jahre nach den Arbeiten über den Diabetes mellitus erschien 1881 eine Veröffentlichung TRAUBES mit ebenfalls klinisch-chemischen Aspekten und praktischer medizinischer Relevanz. "Über den Milchzucker als Medikament." /27/ ..........

 

  Anlaß für die Veröffentlichung war die Herausgabe eines Handbuches der Arzneimittellehre von Hermann NOTHNAGEL (1841-1905)37) und ROSSBACH im Jahr 1880, in dem der Milchzucker als "für den innerlichen Gebrauch entbehrlich" erklärt wurde. /143A/ TRAUBE widerspricht dieser Auffassung NOTHNAGELS, den er als "verehrten Freund" bezeichnet, und teilt seine Erfahrungen mit, die er zunächst im Selbstversuch mit Milchzucker zur Behandlung der Obstipation erhalten hatte. "Versuche, die ich an mir selbst anstellte (der ich seit Jahren an Obstruktion leide und zur fortdauernden Anwendung von Abführmitteln genötigt bin) haben in der Tat erwiesen, daß Milchzucker ein sehr wirksames Abführmittel ist." /27a/ Auf den Gedanken, Milchzucker auf seine laxative Wirkung hin zu untersuchen, war TRAUBE durch die Überlegung gekommen, daß die zu dieser Zeit zum Abführen gebrauchte Molke nicht durch den Salzgehalt, wie im allgemeinen angenommen wurde, sondern den Milchzuckergehalt wirken könnte. Über 15 Monate testete er den Milchzucker in unterschiedlichen Dosierungen. Er fand bei einer Einnahme von ca. 20 - 25 g Lactose (in 0,25 l warmer Milch, 90 min. vor dem Frühstück, verbunden mit "mäßiger Bewegung") eine zuverlässige laxative Wirkung ohne Wirkungsverlust und spürbare Nebenwirkungen bei fortgesetzter Anwendung. Doch TRAUBE begnügte sich nicht mit den eigenen Erfahrungen, er regte die klinische Erprobung in Breslau an: "Hiesige Ärzte38), denen ich meine Beobachtungen über Milchzucker mitteilte, haben denselben in ihrer Praxis mehrfach mit sehr gutem Erfolg angewendet." /27a/ Um der Frage nach den Ursachen der laxativen Wirkung nachzugehen, untersuchte TRAUBE den Stuhl chemisch und fand ihn "sehr schwach sauer, fast neutral" reagierend. Reduzierende Substanzen waren im Stuhl nicht nachzuweisen. Im Harn dagegen wies TRAUBE reduzierende .Körper nach, über die er aber keine weiteren Angaben machte (Vgl. Kap. 3.4., Fußnote 28). Der Nährwert des Milchzuckers veranlaßte TRAUBE zu einer sehr konkreten Indikationsangabe für die klinische Anwendung. Er empfahl, den Milchzucker "bei habitueller Obstruktion mit mangelhafter Ernährung" zu nutzen.

..........

Aus heutiger Sicht ist die Nützlichkeit des Milchzuckers nicht zweifelhaft. Die Lactose findet z.B. Verwendung bei der Regulierung der Stuhlkonsistenz in der Pädiatrie. Darüberhinaus hat sie ihren Platz in der Galenik bei der Arzneimittelherstellung sowie in der Diagnostik enteraler Resorptionsstörungen.

 

5. Die Arbeiten über Gärung und Fermentwirkungen.

 

5.1. Historisches zum Gärungsproblem (bis etwa 1860) und die Motivation TRAUBES zu Untersuchungen über die Gärung.

 

Seit Jahrtausenden waren Gärungsprozesse bekannt und wurden in der Praxis genutzt. In diesem Zusammenhang wurde auch der Begriff "Ferment" verwendet. Er fand darüber hinaus eine noch breitere Anwendung, z.B. bei der Erklärung der Verdauung. /129e/ ANTOIN LAUREN LAVOISIER (1743-1794) erkannte das Wesen der Gärung in einer Spaltung des Zuckers, J. L. GAY-LUSSAC stellte 1810 die erste exakte chemische Gleichung der alkoholischen Gärung auf (in der heutigen Formelsprache C6H12O6 = 2 C2H5OH + 2 CO2). Die Rolle der Fermente blieb dabei völlig unklar. /129a/  E. MITSCHERLICH wies 1843 auf die Ähnlichkeiten bestimmter Zerfallsprozesse in der anorganischen Chemie durch die bloße Anwesenheit bestimmter Stoffe mit der Zuckergärung (Spaltung des Zuckers durch "Kontaktwirkung" der Hefe) und der Wirkung der Diastase39) auf Stärke hin. /129a/, /135/ Besonders weitsichtig waren die Annahmen von J. J. BERZELIUS, der nicht nur den Begriff "katalytische Kraft" geprägt hatte (1835). Er hatte vermutet, daß diese Kraft auch in großem Umfang im Chemismus der Lebewesen vorkommt, und er warf bereits die Frage nach der Spezifität der Fermente auf. J. v. LIEBIG definierte die Gärung 1842 als Metamorphose stickstofffreier Substanzen unter Entwicklung geruchloser Gase, während die Fäulnis stickstoffhaltige Körper unter übelriechender Gasentwicklung zersetze und Verwesung eine langsame Verbrennung unter Luftzutritt sei. Dabei überträge das Ferment als ein in Zersetzung befindlicher Körper durch seine Anwesenheit die Zersetzung auf die neben ihm befindlichen Stoffe. /129g/ Dieser mechanistischen Auffassung schloß sich u.a. F. WÖHLER an. TH. SCHWANN, bekannt als Entdecker des Pepsins (1836) und der tierischen Zelle /118A/, beschrieb die Hefe als lebenden, einfach organisierten Körper (1837)39A). Er definierte die Gärung als Ausdruck eines Lebensprozesses von Mikroorganismen, die Zucker und stickstoffhaltige Stoffe zur Ernährung brauchen und u.a. Alkohol ausscheiden. /129h/ Experimente von LÜDERSDORFF (1846), bei denen nach mechanischer Zerstörung der Hefezellen ein Wirkungsverlust der Fermente eintrat, schienen diese vitalistische Auffassung zu stützen. /115a/ Die Untersuchung der Abhängigkeit des Gärungsvermögens der Hefe von der zellulären Unversehrtheit der Hefezellen hatte von Anfang an den Charakter eines Experimentum crucis. Vor allem L. PASTEUR bereicherte ab 1857 mit seinen Untersuchungen die Kenntnisse über die Gärungsvorgänge. Alkoholische Gärung war nach seiner Meinung an die Lebenstätigkeit der Hefe gebunden. Er wies das Vorhandensein von Mikroorganismen in der Luft mit Filtern aus Kollodiumbaumwolle nach und trennte nun zwischen Sauerstoffzufuhr als solcher und der Anwesenheit von Mikroorganismen in ihrer Bedeutung für Gärung und Verwesung. Besonders bedeutungsvoll war seine Entdeckung, daß die Hefe zwar im Sauerstoffmilieu leben kann, aber Gärung vorzugsweise unter Abwesenheit von Sauerstoff auftritt und sie so ein Leben ohne freien Sauerstoff ermöglichen würde (1861). /129i/ Die vorherrschende Meinung zu den Fermentwirkungen war nun, daß sie eine Funktion des Protoplasmas von lebenden Zellen seien, die nur im Zusammenhang mit Lebensprozessen auftrete. Nach der Einschätzung von LIEBEN gingen LIEBIG und PASTEUR in ihrer Argumentation in gewisser Weise aneinander vorbei, wobei ersterer nur den chemischen und letzterer den biologischen Aspekt vor Augen hatte. /129j/ LIEBIG und Mitscherlich ging es darum, den Prozeß des Zuckerabbaus und ähnliche Prozesse auf einfache chemische Vorgänge zurückzuführen.

 

Genau an dieses Vorhaben seiner Lehrer knüpft TRAUBE an. Einige der Ansätze Liebigs und die vom BERZELIUS-Schüler MITSCHERLICH vertretene Analogie der anorganischen katalytischen Vorgänge und der fermentativen Prozesse wurden von M. TRAUBE aufgegriffen.

 

 Im Jahr 1858, 6 Jahre nach den Arbeiten über den Diabetes mellitus, erschienen die nächsten Veröffentlichungen M. TRAUBES, in denen er seine Vorstellungen über die Gärungs innerhalb einer geschlossenen Fermenttheorie darlegte. Experimente und theoretische Überlegungen hatte TRAUBE hierzu bereits seit 1849, d.h. seit der Zeit als Medizinstudent, angestellt. Er mußte die Arbeiten aber nach eigenen Angaben oft unterbrechen. /6e/ Zunächst wurde eine Kurzfassung der Ergebnisse /5/ veröffentlicht, gefolgt von einer umfassenden Monografie, die TRAUBE "Theorie der Fermentwirkungen" nannte [Traube (6)]. Das Vorwort widmete er seinem Bruder Ludwig, der ja seinen physiologischen Interessen entscheidende Impulse gegeben hatte [Traube (6), S. 68]. Bereits 1848 schrieb Traube in seinen Promotionsthesen: "..., während das Leben nicht vorangetrieben wird, und keine Wirkungen zeigt, wenn nicht die vielen in ihm enthaltenen Verbindungen miteinander reagieren" [Traube (58), Bl. 77, Übers. aus dem Lateinischen, d. Verf.).

 

5.2. Analyse der  TRAUBEschen Theorie der Fermentwirkungen.

 

An den Beginn seiner Arbeit stellt TRAUBE eine Kritik an den bestehenden Gärungstheorien. Dabei berücksichtigt er alle bedeutsamen Auffassungen, mit Ausnahme der von L. PASTEUR, die erst ein Jahr zuvor bekannt wurde, aber in ihren Schlußfolgerungen den Auffassungen von TH. SCHWANN entsprach. Natürlich spielten die Untersuchungen von PASTEUR bei späteren Überlegungen und Untersuchungen TRAUBES eine große Rolle ..........

 

Gegen die Auffassungen von J. J. BERZELIUS und E. MITSCHERLICH zur Gärung wendet er ein, daß sie mit der "katalytischen Kraft" nur bestimmte Erscheinungen mit einem neuen Namen versehen, aber keine Erklärung ihrer Ursachen gegeben haben. SCHWANN dagegen verbinde die Gärungsprozesse mit der Lebenstätigkeit von Mikroorganismen und wolle sie der chemischen Erforschung damit entziehen. Unter Bezugnahme auf seine Arbeiten zum Diabetes mellitus zieht TRAUBE folgenden Vergleich:

"Wenn wir einen Diabetiker alles Amylum seiner Nahrung in Zucker verwandeln sehen, so würde man eine Hypothese für lächerlich halten, die den Diabetiker schlechthin als das Ferment für diese Umsetzung hinstellte und hierdurch die ganze Frage für erledigt erachtete." /6b/

Traube grenzt sich scharf von den Auffassungen der Protoplasmatheorie ab::

"Selbst wenn alle Fäulnissprocesse von der Gegenwart von Infusorien oder Pilzen abhingen, würde eine gesunde Naturforschung nicht durch eine derartige These den Weg zur weiteren Forschung sich selbst versperren; sie würde aus diesen Thatsachen nur einfach schliessen, dass in den mikroskopischen Organismen chemische Stoffe vorhanden sind, die die Erscheinungen der Zersetzung hervorrufen. Sie würde versuchen, diese Stoffe zu isoliren, und wenn sie sie ohne Veränderung ihrer Eigenschaften nicht zu isoliren vermag, würde sie daraus nur schliessen, dass alle zur Abscheidung angewandten Mittel auch gleichzeitig einen verändernden chemischen Einfluss auf jene Stoffe ausgeübt haben müssen." /6b/

 

..........

Als ein grundlegendes Problem erkennt TRAUBE die Gewinnung von Fermenten in möglichst reiner und unversehrter Form aus den Organismen. /6j/ LIEBIGS Auffassungen werden von TRAUBE als ein erster Versuch einer wirklichen Theorie eingestuft: "Nichtsdestoweniger bieten seine Arbeiten über diesen Gegenstand den ersten durchgreifenden Versuch einer Gährungstheorie..." /6c/

 

 Der entscheidende Ausgangspunkt für die grundlegenden theoretischen Vorstellungen TRAUBES über die Fermente war der folgende Gedanke LIEBIGS:

 

"Die Gärung stellt sich dar als eine Verbrennung derselben Art, die bei einer die gewöhnliche nur wenig überschreitenden Temperatur im Innern einer Flüssigkeit zwischen den Elementen einer und derselben Materie vor sich geht, und die Fäulnis als Oxydations-Process, an dem der Sauerstoff aller vorhandenen Materien Antheil nimmt" /131a/

 

Hiervon angeregt, hat TRAUBE die Idee, daß Fermente, die sowohl starke Reduktionen als auch Oxydationen hervorrufen, zu einer Verbrennung im Inneren einer Verbindung führen müssen. /6c/ Die Gärung jedoch wie LIEBIG als Übertragung des Zustandes der Zersetzung (von sich selbst zersetzenden Fermenten auf die Gärungsstoffe) zu erklären, lehnt er ab. Er zeigt experimentell, daß der bloße Vorgang einer Oxydation sich nicht auf dabei anwesende andere oxydable Substanzen überträgt. /60/ TRAUBE geht wie Berzelius davon aus, daß die Fermente nicht nur bei Gärung, Fäulnis, Verwesung und anderen in chemischen Laboratorien beobachteten Reaktionen eine Rolle spielen, sondern überhaupt in großem Umfang am Chemismus der lebenden Organismen beteiligt sind. In den nachfolgenden Zitaten sind die Ansätze für eine Definition der Fermente enthalten. Unter Fermenten versteht TRAUBE chemische Körper mit definierter Zusammensetzung, die den Eiweißkörpern nahestehen, sich aus ihnen bilden und fast unbegrenzte Mengen anderer Körper chemisch zu verändern in der Lage sind:

 

"...daß sie (die Fermente - d.V.) nicht, wie v. Liebig annimmt, blosse Zustände, sondern wirklich bestimmte chemische Verbindungen sind." /6m/ Die Fermente sind aus der "Zersetzung der Proteinstoffe mit Wasser bei gewöhnlicher oder etwas erhöhter Temperatur ... hervorgegangene ... bestimmte chemische Verbindungen." /6e/ "Die Fermente haben die Fähigkeit, eine gar nicht im Verhältnis zu ihrem Aequivalent stehende, fast unbegrenzte Masse eines anderen Körpers chemisch zu verändern." /6f/

 

Um über das Wesen der fermentartigen Wirkung hinaus Rückschlüsse auf ihre Wirkungsweise ziehen zu können, stellt TRAUBE folgende sehr beachtenswerte Überlegung an:

 

"Ist es nothwendig, dass, um diese Veränderung zu erleiden, jedes einzelne Molekül des passiven Körpers mit den Fermenten in Berührung kommt, oder besteht die Wirkung der letzteren, den bekannten chemischen Gesetzen zuwider, darin, dass sie das nächtliegende Molekül des passiven Körpers chemisch so weit verändern, um ihm die Fähigkeit zu ertheilen, seinerseits wieder auf ein anderes Molekül des nämlichen Körpers umwandelnd einzuwirken u.s.w.?" /6f/

 

Experimentell weist er nach, daß für die Diastasewirkung (aus Gerstenmalz) auf Stärkelösung in der Tat ein unmittelbarer Kontakt zwischen beiden übereinandergeschichteten Lösungen für die Spaltuog der Stärke Voraussetzung ist und die Reaktion ausbleibt, wenn man Zwischenschichten von Kochsalz oder Traubenzucker verwendet. Die Notwendigkeit des direkten molekularen Kontakts zwischen Ferment und umzuwandelndem Stoff wird von TRAUBE erstmalig formuliert und experimentell gestützt. /5a/ Damit war auch LIEBIGS Vorstellung von der Fermentwirkung (Weitergabe des Zustandes der Zersetzung) widerlegt.

 

Im weiteren Verlauf der Abhandlung stellt TRAUBE seine Vorstellungen über Reaktionsart und Reaktionsmechanismen der Fermentreaktionen vor. TRAUBES Grundgedanke für die Erklärung der oxydativen Wirkungsweise vieler Fermente ist die Vermittlung einer Oxydationsreaktion eines an sich bei "gewöhnlicher" Temperatur nicht oxydablen Stoffes durch "aufeinanderfolgende Oxydation und Desoxydation" des Fermentes. /69/ Ein dazu häufig von ihm genutztes Modell ist die Oxydation des Traubenzuckers durch Luftsauerstoff, vermittelt durch die Indigoschwefelsäure, die sich entsprechend ihres Oxydationszustandes bläut bzw. entfärbt. TRAUBE verwendet gern zum Nachweis von Reaktionen Farbindikatoren. Ungerechtfertigterweise wird ihm von OSKAR BREFELD (1839-1925) vorgeworfen, damit eine nicht ausreichend empfindliche Methode zu verwenden. /100/ Platin, das Oxydationen katalysieren kann, wird von TRAUBE als Analogon für "Verwesungsfermente" angesehen. Zu höchst interessanten Schlußfolgerungen  kommt er in Anlehnung an SCHÖNBEIN40) durch seine Experimente  mit Kartoffeln, die ein "Ferment" enthalten, das "Guajak41) bläut". /6n/ Erhitzen auf 80°C führte zum Wirkungsverlust des "Ferments". Daraus leitet TRAUBE ab, daß die Fermente mit hoher Wahrscheinlichkeit Eiweiße seien. Aus zerkleinerten und mit destilliertem Wasser ausgequetschten Kartoffelschalen gewann er einen Saft, der Guajak bläuen konnte. Er wies somit nach, daß das "Ferment" auch außerhalb der Kartoffel seine oxydierende, fermentative Wirkung behält. Noch bevor MARCELLIN BERTHELOT (1827-1907) feststellte, daß im wäßrigen Hefeauszug ein Rohrzucker spaltender Stoff enthalten ist (1860) /129k/ und lange vor E. BUCHNERS Experimenten zur zellfreien Gärung hatte M. TRAUBE von einem pflanzlichen Organismus ein "Ferment" gewonnen, dessen Wirkung ganz offensichtlich nicht an die lebende und unversehrte Zelle gebunden war. ..........

Als drittes wichtiges Ergebnis der Experimente mit Kartoffeln ist TRAUBES Feststellung zu nennen, daß die Fermente nicht nur, wie er zunächst durch LIEBIG beeinflußt annahm, selbst Fäulnis- oder Verwesungsprodukte darstellen, sondern auch direkt im Organismus gebildet werden könnten.

 

 In einem nächsten Abschnitt wendet sich TRAUBE den Fermenten mit reduzierenden Wirkungen zu. ..........

Die Fähigkeit, reduzierend zu wirken, schreibt TRAUBE den meisten in den Organismen vorkommenden Fermenten zu, indem sie Wasser zersetzen, und seine Bestandteile zu binden bzw. zu übertragen in der Lage sind. Demnach haben auch hier die Fermente das Vermögen, Sauerstoff zu übertragen, selbst wenn er zuvor in gebundener Form vorlag. Die aktive Rolle des Wassers wird betont, das als Reaktionspartner im Stoffwechsel auftrete. So könne bei der fermentvermittelten Wasserzersetzung freier Wasserstoff entstehen, aber es könne auch der gärende Körper an einem Ende durch den Wasserstoff reduziert und am anderen Ende durch den Sauerstoff oxidiert werden, gefolgt von einer möglichen Spaltung des gärenden Körpers.

 

 Nachdem TRAUBE die Art der Reaktionen zu klären versucht hatte, wendet er sich energetischen Fragen fermentativer Prozesse zu, wie diese entgegen den bekannten Affinitätsgesetzen der Chemie zustande kommen können. Er schreibt dem Sauerstoff einen "Elastizitätswiderstand" und dem Substrat einen "molekularen Widerstand" zu, der in der "atomaren" Struktur begründet sei. Beide Widerstände seien der Affinität des Substrats zum Sauerstoff entgegengerichtet, aber durch Vermittlung des Ferments (Bindung des Sauerstoffs und Aufheben seines Elastizitätswiderstandes) könne es zur Oxydation des Substrates kommen. Mit seinen Hypothesen eilt er den analytischen Möglichkeiten der Wissenschaft seiner Zeit voraus, erahnt aber die große Bedeutung molekularer, struktureller Faktoren für den Mechanismus enzymatischer Reaktionen.

 

TRAUBE stellt an den Schluß der Arbeit eine Einteilung der Fermente. Er wählt als Einteilungsprinzip den Typ der vermittelten Reaktion und unterscheidet so im wesentlichen zwischen "Verwesungsfermenten", die freien Sauerstoff auf andere Stoffe übertragen, und "Reduktionsfermenten", die bei Gärungen uod Fäulnis eine Rolle spielen. Hiermit wird ein zweites Einteilungsprinzip nach dem Vorkommen der Fermente verknüpft: "faulige" (außerhalb der Organismen vorkommend) und "vitale" Fermente. Die Weitsicht TRAUBES wird deutlich, wenn man bedenkt, daß die heute gültige Nomenklatur der Enzyme (EC) ebenfalls den Reaktionstyp für die Einteilung in 6 Hauptklassen benutzt. /118D/

 

 In der Schlußbetrachtung betont TRAUBE, daß die Gärungen auf miteinander verbundenen Oxydations- und Reduktionsvorgängen beruhen, die Fermente im oxydierten oder reduzierten Zustand vorkommen können. (Die Existenz und Funktion von Coenzymen war natürlich zu diesem Zeitpunkt unbekannt.) TRAUBE weist auf Analogien und Unterschiede zwischen der Wirkung von Stoffen, wie Platin und Indigoschwefelsäure, sowie den Fermenten hin.

 

..........

 

 Abschließend soll eine Wertung der Fermenttheorie TRAUBES erfolgen. TRAUBE deutete die Identifizierung der Hefe als lebender Organismus in ihrer Bedeutung für die Erklärung der Gärungsvorgänge nicht im Sinne der verbreitet anerkannten "Protoplasmatheorie" /111a/, nach der innerhalb der Zelle keine voneinander abgrenzbaren Stoffe mit eigenständigen chemischen Eigenschaften existierten. Er grenzte sich scharf von vitalistischen Erklärungsversuchen der Gärung ab. Ebensowenig vertrat er in dieser Frage mechanistische Positionen.

 

"Hier liegt der Unterschied zwischen einer wirklichen physiologischen Chemie, die sich hauptsächlich um die Function der Stoffe, ihre Bedeutung im Organismus, und der reinen organischen Chemie, die sich nur um die Stoffe als chemische Verbindungen kümmert" /6h/

 

TRAUBE kennzeichnet sein Ziel 30 Jahre später so: "Hier wurde nachzuweisen gesucht, daß der Chemismus des Lebens hauptsächlich auf der Wirkung von Fermenten, insbesondere auf deren Verhalten gegen Sauerstoff beruht." /80/

 

In der Begründung des Vorschlages zur Wahl TRAUBES zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin schreibt A. W. v. HOFMANN u.a.:"..., hier hat T r a u b e zum ersten Male eine Theorie aufgestellt, welche der Hauptsache nach in alle späteren Gärungstheorien übergegangen ist und sämtliche Gärungs- und Fäulniserscheinungen einheitlich vom chemischen Standpunkte aus erklärt. Eine große Anzahl wertvoller Beobachtungen und Experimente diente ihm als Stütze seiner Theorie und zur Abwehr von Angriffen auf dieselbe." /75/

 

TH. SOURKES würdigt 1955 in einer biochemiehistorischen Arbeit TRAUBES Theorie. Bedeutsame Aspekte für die Biochemie wären danach sein Konzept von Fermenten als bestimmten chemischen Verbindungen (Eiweißnatur), seine Theorie vom Mechanismus enzymatischer Reaktionen, die Klassifikation der Fermente nach dem Reaktionstyp, die Rolle des Wassers als Reaktionspartner bei enzymatischen Reaktionen und die Betonung der Bedeutung der Isolierung von "vitalen" Fermenten. /158/

 

Von Bedeutung ist, daß TRAUBE in seiner Theorie keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Fäulnisfermenten und "vitalen" Fermenten sah. Weiterhin stellte er bereits erste Überlegungen zur Reaktionskinetik von Enzymreaktionen an:

"Auch bei den Fermenten kann diese Uebertragung ebenso wie bei der Indig-Schwefelsäure nur in ihrer aufeinander folgenden Oxydation und Reduction bestehen. Alle diese Uebertragungen erfordern im Gegensatz zu vielen anderen chemischen Processen, die sich in kürzester Zeit vollenden, eine gewisse Zeit, die begreiflicher Weise in umgekehrtem Verhältnisse zur vorhandenen Quantität des Ueberträgers stehen muss." /6i/

 

Diese überraschenden und interessanten Gedanken TRAUBES über den reziproken Zusammenhang von Enzymmenge und Reaktionszeit sind in der Literatur bisher unberücksichtigt geblieben.

..........

Die Arbeit TRAUBES ist unter drei Gesichtspunkten bedeutungsvoll: 1. Inhaltlich stellt sie die erste, umfassende, in sich geschlossene, konsequent vom chemischen Standpunkt aus erarbeitete Theorie der Fermentwirkungen mit vielen, aus der damaligen Sicht fortschrittlichen und weitsichtigen Hypothesen dar.  2. Bezogen auf die Auseinandersetzung zwischen Vitalisten und Mechanisten über die Ursachen der Gärung erreicht TRAUBE mit seinen Überlegungen ein qualitativ höheres Niveau. Er integriert die Entdeckung der Rolle von Mikroorganismen für Fäulnis- und Gärungsprozesse von vornherein derart in seine Theorie, daß Lebenstätigkeit und Chemismus nicht voneinander getrennt, sondern im Gegenteil eng verknüpft werden. Damit gehört TRAUBE zu den Pionieren der physiologischen Chemie zu einer Zeit, in der vitalistische Auffassungen in dieser jungen Wissenschaft noch von Einfluß waren. 3. Schließlich war seine Arbeit Anregung und Grundlage für die weitere Erforschung der Fermente, ..........

                                                        

Traubes Theorie ging weit über die Ansätze von Berzelius, Liebig, Mitscherlich und Schwann hinaus. Er war der erste Wissenschaftler, der die bis zur Entdeckung der zellfreien Gärung (1897, E. BUCHNER) dominierende Deutung der Fermentwirkungen im Sinne der Protoplasmatheorie wirkungsvoll angegriffen hatte. Damit war eine Entwicklung eingeleitet, die später über die Formulierung des Schlüssel-Schloß-Prinzips für spezifische Enzymwirkungen42) (1894, E. FISCHER), die kinetische Theorie der Enzymwirkungen (1913, LEONOR MICHAELIS,  MAUT MENTEN), die Reindarstellung des ersten Enzyms (1926, Ureasekristallisation durch J. B. SUMNER) bis hin zur ersten Enzymsynthese (1969, Ribonuclease durch R. G. DENKEWALTER) führte. /109/

 

5.3. M. TRAUBES Kontroversen mit L. PASTEUR und F. HOPPE-SEYLER über Gärung und Fermentwirkungen.

 

TRAUBE kehrte zu Beginn der siebziger Jahre des 19. Jh. zur Bearbeitung des Gärungsproblemes zurück. /17/-/23/ Der entscheidende Grund hierfür ergab sich aus den Entdeckungen L. PASTEURS, der 1861 die Rolle der Luft für die Gärung genauer beschrieb, wonach Hefezellen unter Ausschluß des Luftsauerstoffs existieren könnten und die Gärung immer Ausdruck der Lebenstätigkeit der Organismen sei. /129k/ ..........

 

TRAUBE zweifelte zunächst an der Möglichkeit eines Lebens ohne Sauerstoff. So führte er 1874 Versuche mit Hefe im sauerstofffreien Milieu (Kohlendioxyd) durch. /18/ Die notwendigen mikroskopischen Untersuchungen führte für ihn der Botaniker und Bakteriologe FERDINAND COHN aus. Im Ergebnis seiner Experimente bestätigte M. TRAUBE, daß sich Hefezellen, wie von L. PASTEUR behauptet, ohne Sauerstoff vermehren und leben könnten. Er revidierte seine frühere Auffassung, daß es ein Leben ohne Sauerstoff nicht geben würde. Dagegen konnte er aber nachweisen, daß sich Hefekeime nicht ohne Sauerstoff entwickeln können. Ebenso wendete er sich durch seine Experimente gestützt gegen die Behauptung PASTEURS, daß Hefe den Sauerstoff aus dem Zucker entnehmen könnte und daß die Gärungsfähigkeit der Hefe an ihre zelluläre Unversehrtheit und Vermehrung gebunden sei. Einen Teil des Konflikts bringt TRAUBE in folgendem Zitat zum Ausdruck:

 

"Die (später von  P a s t e u r  aufgenommene) Hypothese   S c h w a n n s  , derzufolge die Gährungen als Wirkungen der Lebenskräfte niederer Organismen zu betrachten sind, ist ungenügend. Durch die ausgezeichneten Untersuchungen  P a s t e u r s  ist es nunmehr als erwiesen anzusehen, dass die Fäulnissfermente nicht, wie ich selbst zur Zeit annahm, Producte einer freiwilligen Zersetzung der Eiweissstoffe sind, sondern allemal in mikroskopischen Organismem erzeugt werden. Die Wirkungsweise der Fermente selbst aber hört darum nicht auf, eine rein chemische zu sein, wie die Entdeckung von M u s c u l u s  erweist, der das Ferment der Harnstoffgährung aus den dasselbe procucierenden Organismen extrahirt, mithin zuerst nachgewiesen hat, dass die Wirkung dieses Ferments an keine Lebensthätigkeit geknüpft ist. Ebenso ist durch meine neueren Versuche die Behauptung  P a s t e u r s , die alkoholische Gährung des Zuckers sei an die Respiration der Hefe geknüpft, direct widerlegt worden." /23c/

 

Unter Bezugnahme auf die von vielen Wissenschaftlern nicht beachtete oder ignorierte Isolierung der Urease aus Bakterien durch F. MUSCULUS (1876) betont TRAUBE den chemischen Charakter der Fermentwirkungen und deren Unabhängigkeit von "Lebensthätigkeit". L. PASTEUR wird durch TRAUBES Kritik zur öffentlichen Diskussion veranlaßt, in der er TRAUBE in Unkenntnis seines Berufs als "Professor aus Breslau" /145/ und als „hervorragenden Physiologen" /144/ bezeichnet. TRAUBE mußte sich vor allem den Vorwurf gefallen lassen, mit unreiner Hefe gearbeitet zu haben /22a/, während PASTEUR ein Verfahren zur Herstellung reiner Hefe auf der Basis des unterschiedlichen Verhaltens der Hefe und anderer Mikroorganismen zum Sauerstoff entwickelt hatte, ohne dies allerdings zu veröffentlichen. /21a/ So entwickelte TRAUBE selbst ein Verfahren zur Herstellung reiner Hefe (1876). /21/ Er war auch der erste, der ein solches Verfahren veröffentlichte und wies gleichzeitig auf die große technische und ökonomische Bedeutung reiner Hefe hin. /99f/ Es gelang TRAUBE durch die Anwendung einer zuckerreichen, eiweißarmen, alkoholhaltigen (5,6%-8,2%) Nährlösung bei niedrigen Temperaturen (12-15°C), reine Hefe zu erhalten. Die Selektion wurde nach seiner Meinung vor allem durch die Alkoholkonzentration und die niedrige Temperatur erzielt. TRAUBE ging es darum, mit nunmehr reiner Hefe die Richtigkeit seiner Versuche und Schlußfolgerungen zu belegen. Parallel dazu erarbeitete TRAUBE ein Verfahren, die Reinheit der Hefe nachzuweisen: die Hefe wurde in eiweißreiche,  zuckerarme Nährlösung gebracht und bei einer Temperatur von 20-30°C tritt selbst bei geringsten Verunreinigungen Vermehrung eventuell vorhandener Bakterien und Trübung der Lösung auf. Dieses Verfahren wird der mikroskopischen Beurteilung vorgezogen. Es ist erstaunlich, mit wieviel Überlegung und Geschick auch in diesem Fall eine geeignete Methode (Kultur im flüssigen Nährmedium) gefunden wurde, um die schwierige Fragestellung der "Reinheit" zu untersuchen, ..........

 

Auch mit OSKAR BREFELD41A) führte TRAUBE einen wissenschaftlichen Streit. ........../18/, /19/, /20/, /100/
BREFELD und TRAUBE standen zwar zunächst gemeinsam in Opposition zu PASTEURS Annahme eines sauerstofffreien Lebens der Hefe, ihre Meinungen differierten aber wegen der diesbezüglich angestellten Versuche und Methoden. Vor allem die Existenz und der Nachweis des sauersttofffreien Milieus mit Indigoschwefelsäure durch Traube standen dabei im Mittelpunkt. O. BREFELD untersuchte die Gärung aus der biologischen Sicht. Er erkannte, daß das Gärvermögen der Hefe vom Stadium ihrer Entwicklung abhängt /118B/, und ging damit über TRAUBES Auffassungen hinaus, der die obligate Sauerstoffabhängigkeit sich entwickelnder Hefekeime festgestellt hatte /18/. Von TRAUBE angeregt, gelangte BREFELD zur Ansicht, daß Gärung ein fermentativer Redoxprozeß sei, dessen "Gährstoff" man aus den Zellen isolieren könne. /118B/ Damit gehörten beide Forscher trotz ihres Streits über methodische Fragen gleichermaßen ins kleine Lager der Gegner der Protoplasmatheorie. 

 

Nach der Einschätzung von BODLÄNDER hatte F. HOPPE-SEYLER eine Theorie der Gärung aufgestellt (1876), die in einigen Punkten mit der von TRAUBE übereinstimmte, ohne dessen Arbeit zu erwähnen. /99g/ In der Auseinandersetzung bestreitet HOPPE-SEYLER diesen ihm nicht nur von TRAUBE gemachten Vorwurf, und postuliert im Gegensatz zu TRAUBE eine große Bedeutung des nascierenden Wasserstoffs für Fermentwirkungen:

 

"Die Ansichten, welche Hr. T r a u b e in seiner mir längst bekannten und deshalb auch in dem kürzlich erschienenen ersten Theil meines Lehrbuchs S. 114 citirten Abhandlung 'Theorie der Fermentwirkungen' von 1858 publicirt hat, so verschwommen sie auch sind, lassen doch klar erkennen, dass derselbe den Fermenten die Fähigkeit der Sauerstoffübertragung zuschreibt.. Ich sehe keine Aehnlichkeit zwischen beiden Anschauungen, verwerfe durchaus die Hypothese der Sauerstoffübertragung durch Fermente, da diese durch nichts gestützt wird, während alle hierhergehörigen Erscheinungen sich einfach erklären lassen, wenn den Wasserstoff im Atomzustande die Fähigkeit zukommt, das Sauerstoffmolekül zu zerlegen." /119a/

 

In einer Erwiderung zeigt Traube die Ähnlichkeiten auf:

 

"1) ... insbesondere bezeichnet er die durch Fermente bei Ausschluss der Luft bewirkte Ueberführung ... des Traubenzuckers in Alkohol ... als: Fermentative Umwandlung durch Wanderung von Sauerstoffatomen nach dem einen Ende des Moleküls bei gleichzeitiger Reduction der anderen Seite desselben.2) Auch die active Betheiligung des Wassers an den Gährungsprocessen wird als wesentlich hingestellt." /23a/

 

BODLÄNDER kennzeichnet den Unterschied zwischen beiden Theorien wie folgt (1895):

 

"Nur darin wich HOPPE-SEYLER von TRAUBE ab, dass er die Oxydationen im Thierkörper nicht auf Oxydationsfermente zurückführte, die freien Sauerstoff übertragen, sondern auf Reductionsfermente, die nascirenden Wasserstoff entwickeln, ähnlich wie die Fäulnisfermente." /99g/

 

Gleichzeitig nutzt TRAUBE die Gelegenheit zu einer Kurzdarstellung seiner gegenüber 1858 gering veränderten Theorie über die Fermentwirkungen. /23/ Er nennt die "Verwesungsfermente" jetzt "Oxydationsfermente", und die Fermente werden nicht mehr als Zersetzungsprodukte der Eiweiße angesehen, sondern als in den Organismen gebildete Eiweißkörper. Er vermutet weiterhin, "dass es zahlreiche vitale Oxydationsfermente in den Organismen giebt und dass ihnen die Vermittlung der Respiration zufällt". /23b/

 

Zusammenfassend betrachtet, war insbesondere der Disput mit PASTEUR und HOPPE-SEYLER sehr fruchtbar für die Lösung des Gärungsproblemes und zeigte die Fähigkeit M. TRAUBES, der Weiterentwicklung der Wissenschaft zu folgen, nicht auf überholten Anschauungen zu beharren. ..........

 

6. Untersuchungen über Pflanzenphysiologie und die Erfindung künstlicher semipermeabler Membranen durch M. TRAUBE.

 

Es erscheint nur als folgerichtig, daß M. TRAUBE der Rolle des Sauerstoffs, dem er eine entscheidende Bedeutung für alle Lebensprozesse beimaß, auch im Pflanzenreich nachging. ..........

Ein wichtiger aktueller Impuls für die Vertiefung und Fortführung seiner Untersuchungen ging von den Arbeiten THOMAS GRAHAMS (1805-1869) aus, der 1862 osmotische Studien an tierischen Membranen durchgeführt hatte, und die Membranen nicht passierenden Kolloide von den durchtretenden Kristalloiden unterschied. /107n/

 

 Zunächst untersuchte TRAUBE an Erbsen und Kartoffeln den Einfluß von Sauerstoff auf Keimung und Wachstum (1859). /7/ Dabei stellte er fest, daß alle sich entwickelnden und wachsenden Pflanzenteile zu jeder Tageszeit Sauerstoff benötigen. Diese Ansicht gehörte noch längst nicht zum wissenschaftlichen Allgemeingut. /75/, /99h/ Ein Beispiel für TRAUBES ausgezeichnete Beobachtungsgabe ist, daß er bemerkte, daß die Pflanzen auch im Dunkeln senkrecht nach oben wuchsen, was zuvor nur auf den Einfluß des Lichtes zurückgeführt wurde. Die ursächliche Bedeutung der Schwerkraft hatte er jedoch noch nicht erkannt. Später (1874) führte er an den von ihm entdeckten „künstlichen Zellen“ Untersuchungen zum Einfluß der Schwerkraft durch und stellte dann Analogien zu dieser Beobachtung her. /15/ ..........

 

  Unmittelbar aus diesen pflanzenphysiologischen Untersuchungen leiteten sich in den folgenden Jahren die Arbeiten ab, die mit der Darstellung der künstlichen semipermeablen Membranen verbunden waren. TRAUBE hatte, wie bereits erwähnt, die Zellorganisation der Pflanzen mit einer Art Fällungsvorgang (Bildung der Zellulose) in Verbindung gebracht. Wie er 1878 erklärte /24a/, war genau dies der Ausgangspunkt für seine Versuche zur Erforschung der Entstehung von Zellmembranen und des Zellwachstums, deren erste Ergebnisse im Jahre 1864 als „Vorläufige Mitteilung"43) veröffentlicht wurden. /12/ Der Grundgedanke war, daß an der Grenzfläche zwischen pflanzlichem Protoplasma und Sauerstoff ein Fällungsvorgang mit Membranbildung stattfinde. TRAUBE brachte einen Tropfen gekochten Leim in Gerbsäure, an der Grenze zwischen beiden kolloiden Stoffen bildete sich eine Niederschlagsmembran und der Leimtropfen wuchs durch den Einstrom von Wasser. Er betrachtete dies als das gesuchte Modell für die Zellbildung und das Zellwachstum; es waren künstliche Zellen43A), an denen man physiologische Vorgänge erklären könnte. /12/ Durch weitere Versuche gelang es TRAUBE 1866, Membranen auch durch Kontakt kolloider mit kristalloiden Substanzen (z.B. aus „Gerbsäure und neutralem oder basisch essigsaurem Bleioxyd oder essigsaurem Kupferoxyd, oder aus Wasserglaslösung und essigsaurem Bleioxyd und Kupferoxyd") /13b/ zu erzeugen. Aus zwei kristalloiden Stoffe (z.B. aus „Blutlaugensalz einerseits, und essigsaurem Kupferoxyd, oder Kupferchlorid, oder salpetersaurem Quecksilberoxydul, oder basich essigsaurem Bleioxyd, oder Eisenchlorid andererseits") /13b/ bildeten sich ebenfalls Membranen. Die Membranen ließen sich in ihren Permeabilitätseigenschaften durch Einlagerung weiterer Substanzen (z.B. „Chlorsilber") noch verändern. TRAUBE schlußfolgert: „Wirkliche Membranen sind demnach Atomsiebe44), die zur Bestimmung der relativen Grösse der Atome benutzt werden können." /13a/ Auf der Grundlage der Beobachtungen an den künstlichen Zellen stellte TRAUBE 1867 eine physikalisch-chemische Theorie des Wachstums der Zellmembran auf. /14/ Der wesentliche Grundgedanke ist folgender:

 

„Sobald aber durch den Druck des sich endosmotisch vergrößernden Zelleninhalts die Moleküle der Membran so weit voneinander entfernt werden, daß ihre Interstitien die Moleküle der Membranbildner durchlassen, so müssen diese offenbar sofort von Neuen in Wechselwirkung treten und eine Neubildung von Membranmolekülen veranlassen, die sich zwischen die bereits vorhandenen einlagern." /14a/

 

Die von TRAUBE zuerst formulierte Bedeutung des osmotischen Druckes für das Zellwandwachstum taucht in späteren Theorien des Zellwachstums wieder auf, so z.B. bei JULIUS SACHS (1832-1897) 45). Da SACHS sich nicht auf TRAUBE bezog, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen beiden. /24/, /25/ SACHS hatte im Gegensatz zu TRAUBE die Ansicht vertreten, daß in die vorhandene Zellhaut Partikel eingelagert werden, die zuvor im Innern der Zelle vorgebildet worden waren (Vorgang der „Intussusception" 45A) . ..........

In Bezug auf die Entdeckung der künstlichen semipermeablen Membranen erkannte TRAUBE deren außerordentlich weitreichende Bedeutung für die Forschung und die Praxis.46) Neben der Erklärung von zellphysiologischen Erscheinungen böten sich die Membranen in der Chemie als Molekülsiebe zur Trennung von Stoffen und in der Physik zur Erforschung der osmotischen Gesetze an.TRAUBE selbst trägt zu letzterem bei. Er entwickelt die Vorstellungen von TH. GRAHAM weiter, der bei der Osmose von einem wechselseitigen Austausch der durch tierischen Membranen getrennten Stoffe (Wasser und Salzlösung) ausging. So schreibt TRAUBE 1874: „Die Versuche mit Fällungsmembranen geben zahlreiche Belege dafür, daß es eine Osmose gibt, die auf keinem Austausch beruht, sondern auf dem bloßen Durchgang des Wassers durch die Membran hindurch zu demjenigen Körper, der die größere Anziehung zum Wasser besitzt." /15a/ Auch GRAHAMS Vorstellung, daß alle kristallinischen Stoffe durch amorphe Membranen diffundieren könnten, wurde durch TRAUBE experimentell widerlegt. /13/ Weiterhin erkannte er, daß durch Temperaturerhöhung sich die „endosmotische Kraft" erhöht. /99i/

 

TRAUBES Söhne veröffentlichten in den Gesammelten Abhandlungen ihres Vaters ein nachgelassenes Manuskript /54/, das dessen weiterentwickelte Vorstellungen über die Membranen enthielt.

 

„Besonders in seinen letzten Lebensjahren hat sich Moritz Traube wieder viel mit Niederschlagsmembranen beschäftigt. Leider hat er seine Absicht nicht mehr ausführen können, hierüber, sowie über Osmose eine neue größere Arbeit zu schreiben." /54a/

 

Neu an TRAUBES Vorstellungen aus den 90er Jahren war, daß in den Niederschlagsmembranen mit Wasser gefüllte „Kapillaren" vorhanden seien. Diese Vermutungen lassen schon an gegenwärtige Vorstellungen der Membranphysiologie über Kanäle denken. Interessant ist, daß ab 1890 der befreundete N. PRINGSHEIM ebenfalls in Berlin die Erscheinungen der Osmose an Niederschlagsmembranen studierte, „...deren Bedeutung für die Theorie der Diffusion zuerst MORITZ TRAUBE nachgewiesen hatte." (Zitat von F. COHN /104A b/)

 

TRAUBE hat nicht nur erstmals künstliche semipermeable Membranen dargestellt, sondern auch mit qualitativen Untersuchungen die Theorie der Osmose bereichert. Er erkannte die Membranen als „Atomsiebe". Die große Bedeutung der Membranen für die Untersuchung chemischer, physikalischer und biologischer Fragen wurde von ihm vorausgesehen. WILHELM PFEFFER (1845-1920) und später J. H. VAN 'tHOFF benutzten die TRAUBEschen Membranen für ihre Untersuchungen, die letzteren zur Entdeckung der Gesetze der chemischen Dynamik und des osmotischen Druckes in Lösungen führten (1901 erster Nobelpreis für Chemie). /99i/, /103/ Unbestritten ist auch die Aussage BODLÄNDERS (1895), daß „... in T r a u b e 's Arbeit die erste experimentell gestützte mechanische Theorie des Zellenwachsthums gegeben ist..." /99j/ Zweifellos war die einfache Übertragung von Beobachtungen an den „anorganischen" Zellen47) auf die Physiologie mechanistisch.

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E. FISCHER schreibt in einem Nachruf auf M. TRAUBE (1894):

„Seine glücklichste und überraschendste Tat aber war zweifellos die Entdeckung der 'Niederschlagsmenbranen' und der damit erzeugbaren 'anorganischen Zellen' . Durch Beobachtungen, daß solche Membranen auch für einfache Salze undurchdringlich sind, lieferte er einerseits den Beweis, daß der von G r a h a m bei natürlichen Menbranen aufgefundene Unterschied von colloidalen und kristalloiden Substanzen kein principieller ist; andererseits ermöglichte er so die später für die Theorie der Lösungen so wichtig gewordenen Versuche über Osmose und osmotischen Druck." /110/

 

TRAUBES Erfindungen hatten einen unmittelbaren Einfluß auf die philosophischen Arbeiten seiner Zeit, speziell auf die materialistische Dialektik sowie die Naturdialektik.
KARL MARX (1813-1883) befand sich von 1874 bis 1876 dreimal in Karlsbad, bei dieser Gelegenheit ließ er sich dort vom schlesischen Gynäkologen WILHELM ALEXANDER FREUND (1833-1918) mit MORITZ TRAUBE bekanntmachen. Auf Bitte von FRIEDRICH ENGELS (1820-1895) wollte er mehr über die TRAUBEschen Zellen erfahren, auf die ENGELS für seine Arbeiten am "Anti-Dührung" gestoßen war. ENGELS wollte für seine Arbeit "Dialektik der Natur und Pflanzenwelt" mehr über TRAUBES Forschungsergebnisse wissen ["Karl Marx zur Kur in Karlsbad", Karlovy Vary/Karlsbad, Januar 2001 von Thorald Meisel].

 Auch der Evolutionswissenschaftler CHARLES ROBERT DARWIN (1809-1882) interessierte sich für TRAUBES künstliche Pflanzenzellmodelle und ließ sich 1875 TRAUBES Abhandlung "Experimente zur Theorie d. Zellenbildung und Endosmose" schicken. [The Darwin Correspondence Online Database, Traube, Moritz to Darwin, C. R., 2 Mar 1875].

 

 

7. Die Beiträge TRAUBES  zur Pathophysiologie, Bakteriologie und Hygiene.

 

Im Zusammenhang mit seinen Untersuchungen über Verwesung, Fäulnis und Gärung interessierte M. TRAUBE zu Beginn der siebziger Jahre des 19. Jh. die Frage, wie ein lebender Organismus sich der Einflüsse von Fäulnisbakterien erwehren kann. Es war bekannt, daß schon kleinste Mengen dieser Bakterien einen toten Körper schnell in Fäulnis versetzten. Mit der Entdeckung von Mikroorganismen als Verursacher von Fäulnis und Gärung war die Frage nach ihrer Bedeutung als spezifische Krankheitserreger eine der aktuellsten Fragen der Medizin in der 2. Hälfte des 19. Jh. geworden.  Zu dieser Zeit wurde noch nicht eindeutig zwischen Fäulnis und Krankheit unterschieden. /107u/ ..........

 

„Solange man die lebendigen Organismem als Erreger von ansteckenden Krankheiten nicht sicher kannte und als Ursache ein Gift im gewöhnlichen Sinne des Wortes in Betracht kam, war der Versuch durchaus berechtigt, der Natur dieser Erkrankungen durch Einspritzung giftiger, faulender und eitriger Massen näherzukommen, ohne auf die dabei gefundenen geformten Gebilde Rücksicht zu nehmen." /107x/

 

Gerade in den siebziger Jahren des 19. Jh. wurden dann bedeutende Fortschritte bei der Klärung der Krankheitsursachen erzielt (z.B. mit der Erforschung der Milzbranderkrankung als spezifische bakterielle Infektionskrankheit durch R. KOCH). Die Wechselwirkungen von Mikroorganismen und tierischen sowie pflanzlichen Makroorganismen bei der Krankheitsentstehung waren somit hochaktuelle Fragen der biologischen Wissenschaften. Traube führte seine Experimente  gemeinsam mit GSCHEIDLEN47A) durch. ..........
Ziel der Untersuchungen war die Frage gewesen, „... ob und inwieweit die lebenden Thierorganismen in ihrem Leibe Fäulniss-Bakterien zu vernichten im Stande sind..." /16b/. Von TRAUBE wird angegeben, für diesen Zweck ein Verfahren zur keimfreien Blutentnahme entwickelt zu haben, leider aber ohne nähere Beschreibung. Es läßt sich nur soviel ableiten, daß sterilisierte, von der Luft abgeschlossene Glasröhrchen /16/, /49/ verwendet wurden, in die das zu untersuchende Blut gegeben wurde. Damit können diese Röhrchen durchaus als Vorläufer der heutigen Gefäße für Blutkulturabnahmen bezeichnet werden.
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Folgende Versuche beschreiben TRAUBE und GSCHEIDLEN: Kaninchen und Hunden wurden bakterienhaltige Flüssigkeiten injiziert, die sie ohne Schaden vertrugen. Dann injizierten TRAUBE und sein Mitarbeiter 1,5 ml FIüssigkeit mit Fäulnisbakterien in die Halsvenen der Tiere. Nach 24 und 48 Stunden wurde arterielles Blut entnommen, das auch nach Monaten nicht faulte. Große Mengen fauliger Flüssigkeit vertrugen die Tiere allerdings nicht, sie starben und das kurz vor dem Tod entnommene Blut faulte. Weitere Versuche sollten die Natur der Abwehrfähigkeit klären, blieben jedoch ohne Erfolg.

 

In der Wertung der Ergebnisse wird ganz klar zwischen Fäulnisbakterien und pathogenen Bakterien, die eine unterschiedliche Vermehrungsfähigkeit im Organismus aufweisen würden, unterschieden. Damit hatte TRAUBE diesen Antagonismus schon zwei Jahre vor R. KOCHS Veröffentlichungen über den Milzbranderreger erkannt. Als Beispiel für pathogene Bakterien erwähnt M. TRAUBE u.a. den Milzbrandbazillus, der bereits in geringsten Mengen nach den Untersuchungen von CASIMIR JOSEPH DAVAINE (1811-1882) krankheitsauslösend wirkte. Die Abwehrfähigkeit des Organismus liege im Blut.

 

„Nach den mitgetheilten Versuchen sind die Fäulnisbakterien nicht jene inficirenden Giftstoffe, die man bisher für so gefährlich ansah. Sie sind ihrer Wirkung nach wesentlich verschieden von den contagiösen Bakterien, die z.B. den Milzbrand, die Pocken, die Pyaemie verursachen." /16c/

 

TRAUBE trennt außerdem klar zwischen chemischer Giftwirkung und der Wirkung von Mikroorganismen auf den Organismus. Nach BODLÄNDER hat TRAUBE die Versuche nicht fortgesetzt, weil es zu unterschiedlichen Auffassungen bei der Bewertung der Ergebnisse zwischen ihm und GSCHEIDLEN kam. /99f/ 15 Jahre später betont TRAUBE, daß es sein Mitarbeiter und er waren, die die bakterientötenden Eigenschaften des Blutes zuerst experimentell nachgewiesen haben. /49/ Nach den Versuchen von TRAUBE und GSCHEIDLEN gab es eine ganze Reihe weiterer Versuche verschiedener Wissenschaftler, die dem Schicksal in das Blut injizierter Mikroorganismen nachspürten, z.B. FODOR und WYSSOKOWITSCH. /49/ Die Wissenschaft hat es nur wenige Jahre später ELIE METSCHNIKOW (1845-1916) zu verdanken, daß in den 80er Jahren die Phagozytosefunktion der Leukozyten entdeckt wurde. /107v/ TRAUBE hatte vermutet, daß ozonisierter Sauerstoff der roten Blutkörperchen verantwortlich für die Vernichtung der Bakterien sein könnte. Es war damit M. TRAUBE, der erstmals einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen aktivem Sauerstoff in Blutzellen (allerdings Erythrozyten) und der Infektionsabwehr formulierte. Besonders das Krankheitsbild der septischen Granulomatose führt uns heute die große Bedeutung von Sauerstoffradikalen und Wasserstoffperoxyd für die intrazelluläre Abtötung von Bakterien vor Augen. Eine Schwäche der TRAUBEschen Ansichten liegt darin, daß er die Abwehrleistung des Organismus rein chemisch-antiseptisch zu erklären suchte, er verwendet als Vergleich die abtötende Wirkung des Magensaftes auf Fäulnisbakterien.

M. TRAUBE konnte im Jahr 1876 an den Vorführungen von R. KOCH teilnehmen, der zu Beginn des Jahres den Bacillus anthracis als spezifischen Krankheitserreger des Milzbrandes gefunden hatte. Der junge und unbekannte KOCH kam am 30. April 1876 zu dem dieserzeit führenden Bakteriologen F. COHN nach Breslau und führte über einige Tage Tierexperimente zur Anschauung seiner Forschungsergebnisse durch. Neben TRAUBE waren mit JULIUS COHNHEIM, LUDWIG FEUERBACH, LUDWIG LICHTHEIM, WILHELM WALDEYER, CARL WEIGERT weitere namhafte Persönlichkeiten und Wissenschaftler bei den Vorführungen anwesend. Damit wurde TRAUBE neben seinen eigenen Beiträgen zur Pathophysiologie und Bakteriologie Zeuge eines wissenschaftshistorisch bedeutsamen Ereignisses. [ http://www.onmeda.de/lexika/persoenlichkeiten/cohn.html ].

 

Trotz schwerer Krankheit wandte sich M. TRAUBE in seinem letzten Lebensjahr erneut einem bakteriologischen Thema zu. ..........

Er veröffentlichte ein „Einfaches Verfahren Wasser in großen Mengen mit Chlorkalk keimfrei zu machen". /53/ In den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. wurden in den großen Städten zentrale Trinkwasserversorgungs- und Abwassernetze errichtet bzw. ausgebaut. Das gehörte zu den wichtigsten Maßnahmen bei der Bekämpfung der Cholera. ..........

Durch Arbeiten von R. KOCH und F. NISSEN über die bakteriziden Eigenschaften des Chlorkalks angeregt /, stellt TRAUBE 1894 ein Verfahren vor, mit diesem Stoff große Wassermengen für die Trinkwasserbereitung mit niedrigen Kosten, in kurzer Zeit und ohne Nachteile für Gesundheit sowie den Geschmack zu behandeln. Zur Entfernung des überschüssigen Chlorkalks wird Natriumsulfit verwandt.47B) Dieses Verfahren hat große Bedeutung erlangt. Nach FRAENKEL (1931) wurde 1914 in mehr als 100 Städten Amerikas das Trinkwasser so behandelt. /112e/ Über einen „Umweg" fand das Verfahren dann auch in Deutschland Verbreitung: „Die heute durch die amerikanische Besatzung so verbreitete Chlorierung des Wassers wurde zuerst von MORITZ TRAUBE in Form des Zusatzes minimaler Dosen von Chlorkalk, die den Geschmack angeblich gar nicht veränderten, im Jahre 1894 vorgeschlagen." /107v/

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Gerade in seiner letzten Arbeit zeigt TRAUBE sein Vermögen, neue Erkenntnisse (bakterizide Wirkung des Chlors48) auf pathogene Bakterien) in ihrer praktischen Bedeutung zu erkennen und anzuwenden. Er bevorzugt einfache und praktikable Lösungen.

 

8. Forschungen zur biologischen Oxydation.

 

8.1. Auffassungen zu der Rolle der Nahrungsstoffe, über den Ort der biologischen Oxydation, und zum Muskelstoffwechsel.

 

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LIEBIG unterteilte die Nährstoffe in plastische (Eiweiße), die dem Aufbau der Körpersubstanz und der Erzeugung der Muskelkraft dienen sollten, sowie respiratorische (stickstofffreie Substanzen), die durch ihre Verbrennung die Wärmeproduktion ermöglichen würden. Die Oxydationen fänden im Blut statt. /129w/

 

 Im Jahr 1861 erschien TRAUBES Abhandlung „Über die Beziehung der Respiration zur Muskelthätigkeit und die Bedeutung der Respiration überhaupt." /8/ Dieses Thema steht eng im Zusammenhang mit seiner Theorie der Fermentwirkungen: „..., ist die hier gegebene Analyse des chemischen Processes der Muskelrespiration im Wesentlichen eine Anwendung der Theorie der langsamen Verbrennung,..." /8d/ Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit. TRAUBE, dem die Zeit zu Experimenten fehlte, kam bei der Untersuchung des Zusammenhangs von Muskelarbeit und Harnstoffausscheidung ein anderer Forscher zuvor. C. VOIT hatte 1860 nachgewiesen, daß Muskelarbeit die Harnstoffbildung nicht erhöht. /8e/ So bleibt TRAUBE nur der Hinweis, daß er dies schon zuvor vermutet und R. HEIDENHAIN48A) und seinem Bruder LUDWIG TRAUBE49) mitgeteilt habe. /8f/ Doch während VOIT das Ergebnis seines Experimentes fälschlich so deutete, daß Arbeit den Stoffwechsel nicht erhöhe, war es für TRAUBE die Bestätigung einer durch Überlegung gewonnenen Hypothese: LIEBIGS Vorstellungen von der Erzeugung der Muskelkraft durch Verbrennung der Eiweiße waren nicht aufrecht zu erhalten.

 

Die Zusammenhänge von Muskeltätigkeit und Wärmeproduktion waren den Physiologen in der Mitte des 19. Jh. nur unzureichend bekannt. TRAUBE wendet sich gegen die Annahme, daß die Muskeltätigkeit im Verhältnis zur Wärmeproduktion sehr gering sei. Er berechnet gestützt auf Angaben anderer Wissenschaftler, daß sich beim Pferd bei einer täglichen Arbeitszeit von 8 Stunden und einer Arbeitsleistung von 1 PS die Wärmeäquivalente von Muskelarbeit und Wärmeproduktion etwa wie 1:3 verhalten würden. Pferde sind aber Pflanzenfresser und nehmen wenig Eiweiß auf, wie sollten sie da durch die Eiweißverbrennung eine solch beachtliche Muskeltätigkeit unterhalten können! Bei Kaltblütern sei der Anteil der Muskelarbeit verhältnismäßig noch größer. Also konnten die Eiweiße gar nicht die entscheidende Quelle der Muskelkraft sein. Hieran anknüpfend unter Nutzung seiner Theorie von den Fermentwirkungen und von experimentellen Ergebnissen anderer Wissenschaftler ..........
entwickelt TRAUBE seine Theorie über den Muskelchemismus, deren wesentliche Inhalte folgende sind:

 

-Der in der Muskelfaser enthaltene fibrinartige Körper sei ein vitales Verwesungsferment, das den Sauerstoff aus dem Blut aufnimmt und auf die in der Muskelflüssigkeit gelösten Substanzen überträgt.

-Stickstofffreie Substanzen unterhalten durch ihre Oxydation die Muskeltätigkeit.

-Die Muskeln seien der Hauptherd der Wärmeproduktion.

-Auch der ruhende Muskel trage wesentlich zur Wärmeproduktion bei.50)

-Der „organisierte" Muskel würde bei seiner Arbeit nicht zerstört.

-Eiweißkörper würden bei der Muskeltätigkeit nicht zersetzt, aber ihre Zersetzungsprodukte könnten der Wärmeproduktion und Muskelaktion dienen.

-Der entstehende Harnstoff könne kein Maß für die Muskelarbeit sein.

 

TRAUBE kommt über seine Erkenntnisse zum Muskelstoffwechsel zu neuen weitsichtigen Anschauungen über die allgemeine Bedeutung der Respiration für den Organismus.

 

„..., so deutet die Thatsache, daß alle Organe des thierischen Körpers des arteriellen Blutes bedürfen, darauf hin, dass eben nicht bloss das Blut, sondern alle Organe des Körpers respiriren, ... Es ist also das, was wir Respiration nennen, ein sehr zusammengesetzter Vorgang. Sie stellt sich dar als die Surmne des Verbrauchs aller derjenigen Mengen von Sauerstoff, die jedes einzelne Organ entweder zu seiner Ernährung oder Unterhaltung seiner Thätigkeit gebraucht." /89/

 

Für Traube ist die Atmung der grundlegende Prozess für alle Lebenstätigkeiten:

 

„Die bewegenden Kräfte aber, die der Sauerstoff in den Muskeln, Nerven, Rückenmark und Gehirn entwickelt, sie verdanken es nur der eigenthümlichen Construction und chemischen Beschaffenheit der Apparate, in denen die Oxydationsprocesse vor sich gehen, dass sie nicht in Form von Wärme, sondern in ihrer Besonderheit, als uns bisher unerklärliche Lebensthätigkeiten, in die Erscheinung treten." /8b/

 

TRAUBE hat sich damit von der gültigen Lehrmeinung gelöst, die innere Atmung stelle lediglich eine Art Ofen bei niedriger Temperatur dar und gleichzeitig verlegt er den Ort der Oxydation in die Körpergewebe.

 

Auch die „Zellbildung und die Erneuerung der Zellen" werden als eine wichtige Funktion der Respiration herausgestellt. In einer weiteren theoretischen Abhandlung „Über die Verbrennungswärme der Nahrungsstoffe." /9/ wendet sich M. TRAUBE gegen die Behauptung von C. VOIT, der Eiweißen eine höhere Verbrennungswärme als anderen Nährstoffen zuschreibt und nimmt seinerseits an, daß die hohe Wärmeproduktion der Fleischfresser auf die Verbrennung von Fetten zurückzuführen sei.  Ein Jahr später kehrt TRAUBE nochmals zur Frage der vom Muskel zur Oxydation verwendeten Substrate zurück („Gegen die Herren Vogt und Voit.") /10/. Dabei betont er, daß es nicht ausschließlich stickstofffreie Körper sein müssen, die die Muskeltätigkeit unterhalten.

 

Nicht nur gegen Voit, der seine Experimentalergebnisse lange in Liebigs Theorien einzuordnen suchte, bis die Widersprüchlichkeiten ihn zu neuen Interpretationen zwangen, mußte sich Traube verteidigen. Auch G. Meissner kritisierte Traubes Arbeiten ........... So war es nicht nur die lebende Legende Liebig, gegen die Traube mit neuen Ideen auftrat, sondern eine ganze Elite von Stoffwechselforschern seiner Zeit. 

 

Die vorstehend vorgestellten Arbeiten TRAUBES belegen seine außerordentlichen analytischen Fähigkeiten. A. W. HOFMANN stuft sie sogar als „... zweifelsohne die wichtigsten, welche wir diesem Forscher verdanken..." /75/ ein:

 

"Traube wurde durch theoretische Betrachtungen zu dem Schlusse geführt, daß die Muskelkraft der Oxydation stickstofffreier Substanzen wie Glykogen, Traubenzucker, Inosit u.s.w. ihre Entstehung verdanke. Diese auf dem Wege der Spekulation ermittelte Wahrheit ist später von Bischoff und Voit am Hunde, von Fick und Wislicenus am Menschen außer allen Zweifel gestellt worden und es muß daher die Traubesche Arbeit geradezu als eine bahnbrechende bezeichnet werden."

/75/

 

Dieser Aussage HOFMANNS ist anzumerken, daß TRAUBE in seinen Abhandlungen die stickstofffreien Substrate des Muskelstoffwechsels noch nicht näher bezeichnet hat. TRAUBE selbst faßt den wesentlichen Inhalt später treffend so zusammen:

 

„Der Sauerstoff wird nicht, wie man bis dahin angenommen hatte, in der Blutbahn verbraucht und dient nicht blos zur Wärmebildung, sondern dringt bis in die Gewebe und dient zur Unterhaltung der Lebensthätigkeit aller Organe, Muskeln, Nerven, des Gehirns, der Drüsen u.s.w. Auch verbraucht die Muskelfaser bei ihrer Arbeit (d.h. bei ihrer Kontraktion) nicht ihre eigene Substanz, sondern überträgt den Sauerstoff auf in der Muskelflüssigkeit gelöste stickstofffreie Körper." /80/

 

LIEBEN würdigt TRAUBES Verdienst wie folgt

 

„Dieser ausgezeichnete Forscher...hatte bereits bedeutend früher (1861) die vorliegende Frage dadurch gefördert, daß er den Schauplatz der vitalen Verbrennung nicht nur ins Blut, sondern vor allem in die Zellen verlegte - im Gegensatz zu der Autorität L i e b i g 's , der sich noch J u l i u s  R . M a y e r   angeschlossen hatte." /129m/

..........

„Einer der wichtigsten Gedanken dieser gedankenreichen Abhandlung war wohl der, daß bei der Muskeltätigkeit nicht die Eiweißkörper zerfallen, sondern daß auch N-freie Substanzen dazu dienen können, durch 'chemische Veränderung' diese Aktionsfähigkeit zu unterhalten. Diese Annahme stand im Widerspruch zu dem L i e b i g 'schen Lehrgebäude und konnte sich nur auf wenige Versuche stützen, denn jenes reiche, besonders durch P e t t e n k o f e r und Vo i t s Werk gelieferte Material, das die Bedeutung der Kohlehydrate als Arbeitssubstrat außer Zweifel setzen sollte, war noch nicht vorhanden;..." /129/

 

 Ebenfalls von großer Bedeutung war die Darstellung der Rolle der Muskeltätigkeit für die Wärmebildung im Organismus. Obwohl H. v. HELMHOLTZ schon 1848 festgestellt hatte, daß sich der arbeitende Muskel erwärmt /151f/, blieb es M. TRAUBE vorbehalten, die beachtliche Größenordnung der Muskeltätigkeit für den Energie- und Wärmehaushalt des Organismus festzustellen und zu betonen, daß auch der ruhende Muskel respiriert. Nach SOURKES (1955) würde ein Irrtum TRAUBES darin liegen, daß er die kontraktilen Elemente des Muskels für das sauerstoffübertragende Ferment hielt. /158b/ Der gegenwärtige Kenntnisstand über die Muskelkontraktion gibt TRAUBE aber insoweit recht, als die Strukturproteine Aktin und Myosin auch Enzymcharakter haben. Eine Schwäche TRAUBES ist seine von anderen Faktoren (z.B. nervalen) losgelöste chemische Betrachtungsweise der Muskelphysiologie. TRAUBES einheitliches Konzept vom unmittelbaren Zusammenhang von innerer Atmung einerseits und Wärmebildung, Strukturbildung und -erhaltung sowie Organfunktion andererseits darf als die wirklich entscheidende Leistung aus heutiger Sicht angesehen werden.

 

8.2. Untersuchungen über die Aktivierung des Sauerstoffs.

 

Zu Beginn der 80er Jahre des 19. Jh. wendet sich TRAUBE dem letzten großen Komplex seines wissenschaftlichen Schaffens zu. ..........

TRAUBE untersucht die Aktivierung des Sauerstoffs bei Oxydationsvorgängen bei „gewöhnlichen" Temperaturen, der „langsamen Verbrennung" (Autoxydation). Ausgangspunkt war die Überlegung, wie das passive Sauerstoffgas im Stoffwechsel der Lebewesen aktiviert wird. So stehen diese Arbeiten in unmittelbarer Kontinuität zu der Fermenttheorie und den Arbeiten über Atmung und Muskeltätigkeit.

.......... 

 Noch zu Beginn des 20. Jh. war man der Meinung, daß bei der biologischen Oxidation der aufgenommene Sauerstoff in den Organismen auf den Kohlenstoff übertragen werden würde. Der eigentlich energieliefernde Grundprozeß (Reaktion des Wasserstoffs mit dem Sauerstoff unter Wasserbildung) war unbekannt.

 

 TRAUBES Beschäftigung mit den Oxydationen in der unbelebten Natur stellt keine Abkehr von der physiologischen Chemie dar. Die Rolle des Sauerstoffs bei der biologischen Oxydation und analog bei der langsamen Verbrennung in der unbelebten Natur war ein ungeklärtes Grundproblem.

 

..........

 

Ein weiteres Motiv für TRAUBES Untersuchungen war die bereits erwähnte Kontroverse mit F. HOPPE-SEYLER über die fermentvermittelten Oxydationsprozesse im Organismus. M. TRAUBE hatte angenommen, daß die Fermente sowohl molekularen, freien Sauerstoff als auch den zuvor im Wasser gebundenen nach Zerlegung des Wassers übertragen würden, während HOPPE-SEYLER durch Fermente freigesetzten naszierenden Wasserstoff bei Gegenwart von Sauerstoff zum Ausgangspunkt der oxydativen Wirkungen gemacht hatte. Nun wollte TRAUBE mit der Untersuchung der Vorgänge der Sauerstoffaktivierung die chemischen Grundlagen seiner Theorie von den Fermentwirkungen ausbauen. Für kein anderes seiner Forschungsziele hat er so viele Versuche unternommen, was auch in einer großen Zahl an Veröffentlichungen zum Ausdruck kommt (fast die Hälfte seiner Veröffentlichungen). Dabei kam ihm in diesen Jahren das Ausscheiden aus dem Geschäftsleben und die Unterstützung bei der Laborarbeit durch Assistenten (G. BODLÄNDER, W. TRAUBE, V. LUSTIG) zugute.

 

Nach FLORKIN (1975) wurde die Entwicklung der Theorie der biologischen Oxydation mit der Formulierung der langsamen Verbrennung durch A. L. LAVOISIER begründet. Die Aktivierung des Sauerstoffs war eine zentrale Frage der inneren Atmung, wobei man damals noch, wie erwähnt, von der Übertragung des Sauerstoffs auf den Kohlenstoff der Nahrungsstoffe ausging. CH. F. SCHÖNBEIN war der erste, der die große Bedeutung der Aktivierung des Sauerstoffs für die Lebensprozesse erkannt hatte. /111b/ Seine Theorie besagte, daß bei der langsamen Verbrennung der Sauerstoff in negativ und positiv aktive Anteile zerlegt wird. Der negative Anteil bildete mit  leichtoxydablen Stoffen ein "Ozonid", der positive mit schweroxydablen Stoffen, wie z.B. Wasser, ein "Antozonid". /129o/ F. HOPPE-SEYLER veröffentlichte 1878 seine Vorstellungen, nach denen naszierender Wasserstoff Sauerstoff in zwei gleichartige, freie Atome spalten würde, von denen ein Atom als aktiver Sauerstoff wirkt, das andere sich mit dem Wasserstoff zu Wasser verbindet. /129m/

 

 Mit seiner ersten Arbeit über die Sauerstoffaktivierung trat TRAUBE 1881 auf .......... „Über die Aktivierung des Sauerstoffs durch Cupriverbindungen". /26/ Dabei führte er die durch Kupferverbindungen vermittelten Oxydationen (z.B. Ammoniak zu salpetriger Säure) ganz in Analogie zu seinen Vorstellungen über die Fermentwirkungen auf die aufeinanderfolgende Oxydation und Reduktion der Kupferverbindungen als Katalysatoren zurück. Bereits ein Jahr später erschien die erste von vier mit „Ueber die Activirung des Sauerstoffs" /28/-/31/ überschriebenen Abhandlungen. TRAUBE setzt sich zunächst mit der Hypothese von SCHÖNBEIN (s.o.) auseinander. In einer Konsequenz dieser Hypothese mußte das beim Schütteln von unedlen Metallen (z.B. Zink, Blei) mit Luft und Wasser entstehende Wasserstoffperoxyd ein Produkt des Wassers und eines aus dem Sauerstoffmolekül heraus aktivierten Sauerstoffatoms sein. Experimentell wies TRAUBE nach, daß der Entstehung des Wasserstoffperoxyds nicht eine Spaltung des Luftsauerstoffs, sondern des Wassers zugrunde liegt. Demnach sei es vom Wasserstoff des Wassers reduzierter molekularer Sauerstoff und nicht oxidiertes Wasser, gleichzeitig stelle es lediglich ein Zwischenprodukt bei der langsamen Verbrennung (Autoxydation) dar, die TRAUBE in zwei Phasen gliederte/ 28d/ :

 

                   OHH

(1)  Zn +                   +  O – O    =   Zn (OH)2  + H2O2

                   OHH

 

 

(2)  H2O2  +  Zn  =   Zn (OH)2 

 

Damit wurde für die Theorie der langsamen Verbrennung die wichtige Rolle des Wassers hervorgehoben und die Bildung des Wasserstoffperoxyds als notwendiges intermediäres Produkt dieses Vorgangs definiert. SCHÖNBEINS Vorstellungen über die Aktivierung des Sauerstoffs waren wichtige Argumente entgegengestellt worden. ..........

 

In der zweiten Abhandlung „Ueber die Activirung des Sauerstoffs." /29/ greift TRAUBE die Auffassungen HOPPE-SEYLERS zu den Ursachen der Oxydationsprozesse im tierischen Organismus an. Jener war davon ausgegangen, daß der Vorgang der Sauerstoffaktivierung durch naszierenden Wasserstoff Ähnlichkeit mit dem Fäulnisprozess habe, bei dem Wasserstoff entstehe. /29a/ Diesen physiologisch-chemischen Ansatz bekämpft TRAUBE energisch:

 

„Wären Fäulnis und Leben in ihrem Chemismus einander ähnlich, so müsste, da faulende Stoffe bei Ausschluss der Luft Wasserstoff entwickeln, auch der Thierleib bald nach dem Tode, wo die Sauerstoffzufuhr aufhört, die gleiche Erscheinung zeigen. Dies ist indess nicht der Fall." /29b/

 

Experimentell konnte TRAUBE seine Auffassung dadurch stützen, daß sich im nicht faulenden tierischen Gewebe kein naszierender Wasserstoff nachweisen ließ. Ebenso arbeitete er anhand von Experimenten heraus, daß HOPPE-SEYLERS Theorie vom chemischen Standpunkt aus nicht annehmbar sei. Hierzu gehört der oben bereits angeführte Nachweis, daß Wasser nicht zu Wasserstoffperoxyd oxidiert wird. Diese wichtige Erkenntnis baut TRAUBE später noch aus, indem er zeigt, daß Wasserstoffperoxyd bei der Elektrolyse von verdünnter Schwefelsäure an der Kathode entsteht, wenn gleichzeitig Sauerstoffgas über sie geleitet wird und ihr Metall eine katalytische Wirkung ausübt. /30/ Wasserstoffsuperoxyd war demnach ein Reduktionsprodukt des Sauerstoffs. Weiterhin belegte er an verschiedenen Beispielen, daß der Sauerstoff bei Gegenwart von naszierendem Wasserstoff (aus mit verdünnter Schwefelsäure versetztem Zink) leicht oxidierbare Stoffe  (Ammoniak, Indigoschwefelsäure) nicht oxidiert. Ein wichtiges Argument HOPPE-SEYLERS zu seinen Gunsten war die Oxydation von Kaliumjodid zu Jod, wenn Palladiumwasserstoff und Sauerstoff auf sie einwirken. TRAUBE konnte aber zeigen, daß dies nicht durch zuvor vom Wasserstoff aktivierten Sauerstoff geschieht, sondern zunächst die Bildung von Wasserstoffperoxyd erfolgt. Unter der katalytischen Wirkung des Palladiums kann das Wasserstoffperoxyd dann oxidierend wirken. Als grundlegenden Fehler aller bisherigen Interpretationen der Vorgänge langsamer Verbrennungen kritisiert TRAUBE, daß jeder Vorgang dieser Art notwendig mit einer Sauerstoffaktivierung verbunden werde. Es gebe aber Fälle, bei denen intermediär Wasserstoffperoxyd gebildet wird und dies nicht identisch mit der direkten Aktivierung des Sauerstoffgases sei./29c/ ..........

 

HOPPE-SEYLER zweifelt die Richtigkeit mehrerer Versuche TRAUBES an und wirft ihnen Mängel vor, allerdings ohne Begründung und bleibt auch das Überprüfen der TRAUBEschen Versuche schuldig. Experimentell konnte er seine Auffassungen dadurch untermauern, daß ausgeglühtes, wasserstofffreies Palladium Wasserstoffperoxyd nicht veranlaßt, Oxydationen zu bewirken. Ohne auf TRAUBES Argumente einzugehen, hält HOPPE-SEYLER an der Entstehung des Wasserstoffperoxyds durch Oxydation des Wassers fest. TRAUBE mußte seine Anschauungen auch gegen IRA REMSEN (1846-1927) und EUGEN BAUMANN (1846-1896) verteidigen, die ebenfalls über Oxydationsvorgänge arbeiteten und ihre Versuchsergebnisse im Sinn von HOPPE-SEYLER interpretierten. /31/

..........

 

 In den nächsten Jahren erschienen kontinuierlich weitere Arbeiten TRAUBES zur Theorie der langsamen Verbrennung: So modifiziert TRAUBE eine Nachweismethode SCHÖNBEINS auf Wasserstoffperoxyd für das saure Milieu /33/, stellte neue Versuche zum Nachweis der Rolle des Wassers bei langsamen Verbrennungen an /35/, untersuchte den Einfluß und das Entstehen von Wasserstoffperoxyd bei der Verbrennung von Kohlenmonoxyd sowie Wasserstoff bei hohen Temperaturen /37/, /38/, arbeitete über die Konstitution von Wasserstoffperoxyd /39/, /40/, /41/, beschäftigte sich mit sauerstoffreichen Verbindungen und ihren Bindungsverhältnissen /40/, /41/ und stellte Überlegungen und quantitative Untersuchungen über das Auftreten und die Deutung des Wasserstoffperoxyds an beiden Polen bei der Elektrolyse an /42/, /43/.

 

  Im Jahr 1889 faßte M. TRAUBE seine Erkenntnisse zusammen: „Zur Lehre von der Autoxydation (langsamen Verbrennung reducirender Körper)." /44/ In diesem Jahr lag der zweite Schwerpunkt der öffentlichen Auseinandersetzung zwischen TRAUBE und HOPPE-SEYLER. TRAUBE führte neue Versuche ins Feld, die zeigen sollten, daß naszierender Wasserstoff bei Gegenwart von Sauerstoff kräftige Oxydationen nicht bewirkt (an Kohlenmonoxyd und Oxalsäure) /44a/. In der Feststellung, daß Wasserstoffperoxyd durch die Reduktion molekularen Sauerstoffs entstehen könne, hatten TRAUBE und HOPPE-SEYLER trotz unterschiedlicher Meinung über die ablaufenden Vorgänge einen gemeinsamen Berührungspunkt. Der Streit um die Priorität dieser Erkenntnis war aber unnötig, denn ersterer verstand darunter die Anlagerung des Wasserstoffs aus dem Wasser an den Sauerstoff, während letzterer die Oxydation von Wasser durch aktivierten Sauerstoff annahm, der durch naszierenden Wasserstoff gebildet worden sei. Mit Bezug auf diesen Unterschied resümiert TRAUBE nicht ohne Ironie: „... so kann HOPPE-SEYLER höchstens den Anspruch erheben, eine gänzlich falsche Ansicht ausgesprochen zu haben, nicht aber, dass ich mich seiner Ansicht angeschlossen hätte." /47a/ Später (1891) meldete auch DIMITRI  IWANOWITSCH MENDELEJEFF (1834-1907) Prioritätsansprüche an.

..........

  

TRAUBE hatte im wissenschaftlichen Streit mit den akademischen Gelehrten keinen leichten Stand. Die polemischen Aspekte der Auseinandersetzungen nahmen im Verlauf der Zeit an Umfang und Schärfe zu. ..........

 

..........

 

Zu recht und begründet traten F. HOPPE-SEYLER und F. RICHARZ gegen TRAUBES Vorstellungen über die Konstitution des Wasserstoffperoxyds auf. /150a/, /121a/ Er hatte gegenüber seiner früheren Auffassung (s.o.) die Hypothese aufgestellt, daß ein Sauerstoffmolekül im Wasserstoffperoxyd enthalten sei und als Struktur dementsprechend vermutet:  /39a/

 

H - O = O - H

 

Dies ist ein spekulativer Irrtum TRAUBES. Auch darin, daß er daraus folgend die Art der Bindung des Sauerstoffs im Wasserstoffperoxyd und Hämoglobin gleichsetzte, irrte TRAUBE. /52b/ HOPPE-SEYLER greift ihn deswegen an:

 

„Die Vorstellungen des Hrn. T r a u b e   sind theilweise allmählich etwas besser, theilweise noch weniger begreiflich geworden. Nach ihm ist Wasserstoffhyperoxyd eine Molecularverbindung, obwohl bekanntlich dieser Körper weder aus Molekülen Wasserstoff und Sauerstoff gebildet, noch in diese Moleküle zerlegt werden kann. Der jetzt gewählte Vergleich mit dem Oxhämoglobin passt also nach keiner Richtung hin." /121a/

 

.......... Einen abschließenden Überblick über die Streitfragen zwischen beiden Forschern gibt TRAUBE in einer Abhandlung, die ebenfalls noch im Jahre 1889 erschien, und in der die Polemik zugespitzten Charakter annimmt. /47/

  ..........

 

 Abschließende Wertung der Untersuchungen TRAUBES über die Aktivierung des Sauerstoffs. Von physiologischen Fragestellungen war TRAUBE bis zu grundlegenden Problemen der Chemie wie Molekularstrukturen und Bindungsverhältnissen vorgedrungen. .......... Fortschrittliche Kerngedanken TRAUBES waren vor allem die Betonung der Bedeutung von Katalysatoren, der aktiven Rolle des Wassers und die Definierung des Wasserstoffperoxyds als notwendiges Zwischenprodukt bei langsamen Verbrennungen. In bestimmten Fragen, wie der Konstitution des Wasserstoffperoxyds irrte sich TRAUBE.

 

In anderen, wie der Annahme der Verbrennung des Kohlenstoffs der Nahrungsstoffe zu Kohlendioxid als Grundprozeß der biologischen Oxydation entsprach er dem allgemeinen, noch unzulänglichen Erkenntnisstand. TRAUBE hatte in der Auseinandersetzung mit HOPPE-SEYLER einen Gegner, der wie er die biologischen Oxydationsvorgänge vom chemisch-physiologischen Ansatz unter Hervorhebung der Stellung der Fermente zu erklären suchte. Die Meinungsverschiedenheiten ergaben sich aus unterschiedlichen Hypothesen über die Aktivierung des Sauerstoffs und unterschiedlicher Interpretation der diesbezüglichen Experimentalergebnisse. .......... TRAUBES Arbeiten waren in erster Linie zur Widerlegung der Hypothese der Sauerstoffaktivierung durch naszierenden Wasserstoff angelegt. Er selbst hielt immer Katalysatoren (in biologischen Systemen als Fermente) für die Sauerstoffaktivatoren, indem diese Sauerstoff auf an sich schwer oxydable Stoffe übertragen und selbst am Ende der Reaktion unverändert vorliegen. In der unbelebten Natur zählte er dazu: Edelmetalle (insbesondere Platingruppe), Kupferoxyd in bestimmten Lösungen, Alkalien (in seltenen Fällen), Phosphor. /31a/ In biochemiehistorischen Veröffentlichungen finden sich gerade zur wichtigen Frage der Sauerstoffaktivierung auch fehlerhafte Angaben zu TRAUBES Auffassungen. Nach FLORKIN (1975) sei das Wasserstoffperoxyd von TRAUBE als der aktivierte Sauerstoff angesehen worden. /111c/ Aber TRAUBE faßte die Rolle des Wasserstoffsuperoxyds ganz anders auf, wie die folgenden Zitate belegen:

 

„Es fragt sich nunmehr, ob man die Autoxydation mit intermediärer Wasserstoffhyperoxydbildung eine Activirung des Sauerstoffs nennen darf. Wenn man darunter überhaupt jeden Vorgang verstände, durch den passiver Sauerstoff in Action versetzt wird, so müsste die Frage bejaht werden. Da aber füglich nur derjenige Vorgang damit gemeint sein kann, durch den passiver Sauerstoff ein energisches Oxydationsvermögen erlangt, so muss die Frage entschieden verneint werden. Das Wasserstoffhyperoxyd hat nicht entfernt die oxydirende Kraft des Ozons. In dem sehr verdünnten Zustand, in welchem es allemal bei Autoxydationen auftritt, ist es an sich schon ziemlich passiv, noch mehr dann, wenn der reducirende Körper, dem es seine Entstehung verdankt, anwesend ist." /28e/

 

„Es war daher vor Allem nothwendig, diese irrige Auffassung zu widerlegen, den Vorgang der Autoxydation auf seine wahren Ursachen zurückzuführen und zu zeigen, dass die Fähigkeit gewisser Körper, Sauerstoffgas unter intermediärer Bildung von Wasserstoffhyperoxyd zu binden, weder identisch, noch überhaupt nothwendig verknüpft ist mit der weit selteneren Fähigkeit mancher Körper, den Sauerstoff zu activiren, d.h. ihn zur energischen Oxydation anderer, gegen Sauerstoffgas an sich indifferenter Körper zu disponieren." /29c/

 

Auch LIEBENS Interpretation (1935) der Auffassungen TRAUBES in einer anderen Frage steht zum Teil im Widerspruch zu diesen. LIEBEN schreibt:

 

„Nun ist die Annahme, daß es nur der Sauerstoff des Wassers, also der gebundene Sauerstoff, sein darf, der die Oxydation vollzieht, sicher eine Schwäche der Theorie; es ist schwer, sich vorzustellen, daß a l l e  etwa in der Zelle zur Oxydation gelangenden Körper zum gebundenen Sauerstoff eine höhere Affinität aufweisen sollen als zum freien. In der Tat hat  T r a u b e  selbst später zugegeben, daß in gewissen Fällen auch freier Sauerstoff ohne Mitwirkung von Wasser oxydierend wirken kann." /129p/

 

Doch TRAUBE hat schon 1878 vor Beginn seiner Untersuchungen über die langsame Verbrennung die katalytische Übertragung auch des molekularen Sauerstoffs angenommen:

 

„Es giebt Fermente, die die Fähigkeit besitzen, freien Sauerstoff aufzunehmen und ihn auf andere passive Körper zu übertragen, bzw. deren Oxydation zu veranlassen." Ebenso hat TRAUBE diese Möglichkeit in der unbelebten Natur von vornherein nie ausgeschlossen: „Es ist indess nicht unwahscheinlich, dass selbst solche Körper, die sich schon bei gewöhnlicher Temperatur direct mit trocknem Sauerstoff unter Spaltung seines Moleküls vereinigen können, bei Gegenwart von Wasser dasselbe ... spalten." /28f/

 

TRAUBE hat mit seinen Arbeiten das Wissen über oxydative Vorgänge bereichert und die Entwicklung der weiteren Erforschung gefördert. Die heftige Auseinandersetzung zwischen TRAUBE und HOPPE-SEYLER darf nicht übersehen lassen, daß beide in progressiver Opposition zu den vitalistischen Positionen standen. FLORKIN schätzt ein daß noch 1890 die Ansicht vorherrschte, die biologische Oxydation und Fermentation seien Funktionen des Protoplasmas als solches. Die vitalen Kräfte dieser einheitlichen Masse rufe die Lebenserscheinungen hervor <E. PFLÜGER, ERNST HAECKEL (1834-1919)>. /111d/ Um so wichtiger war es, die chemischen Grundlagen des Lebens aufzudecken.Der Einfluß TRAUBES auf die weitere Erforschung der biologischen Oxydationen soll im folgenden dargestellt werden. A. NIKOLAJEWITSCH BACH (1857-1946) und CARL ENGLER (1842-1925) griffen Gedanken von TRAUBE auf (1897). Nach ihrer „Peroxydtheorie" wird durch die Vermittlung eines Katalysators („Oxygenase" bzw. „Autoxydator") molekularer Sauerstoff nach Bildung einer -O-O-Gruppe auf den „Akzeptor" übertragen. Der aktivierte Sauerstoff könne sich auch mit Wasser zu H2O2 verbinden (im Gegensatz zu TRAUBES Auffassungen) und dieses müsse zur Vermeidung einer Gewebsschädigung durch ein besonderes Ferment, die Katalase wieder zerlegt werden. /129q/ An TRAUBE erinnert besonders die Annahme einer gekoppelt ablaufenden Oxydations- und Reduktionsreaktion des Ferments bzw. Katalysators. Nach FLORKIN akzeptierte BACH auch die Hypothese von TRAUBE, daß der Sauerstoff des Wassers in biologische Oxydationen einbezogen sein könne und Sauerstoff in labilen Wasserkomplexen die Wertigkeit von 4 besitze. /111e/ GABRIEL BERTRAND (1867-1962) isolierte 1895 ein pflanzliches, manganhaltiges Ferment und regte Forschungen über die Bedeutung von Metallen bei den katalytischen Prozessen der biologischen Oxydation an. /129r/ TRAUBE hatte die Rolle bestimmter Metalle als Katalysatoren bei langsamen Verbrennungen besonders herausgestellt. W. PALLADIN entwickelte ab 1908 die Theorie, daß bestimmte „Atmungspigmente" den aus den zu verbrennenden Substraten aufgenommenen Wasserstoff unter Mitwirkung von Oxydasen auf den freien Sauerstoff übertragen würden. Die Kohlensäure entstehe durch Abspaltung, nicht durch Oxydation, wie bis dahin angenommen wurde. /129s/ Damit war ein außerordentlich bedeutsamer Schritt zur heutigen gültigen Sicht der biologischen Oxydation getan. HEINRICH WIELAND (1868-1922) stellte nach 1912 die biologische Oxydation als System von aufeinanderfolgenden Dehydrierungen der Substrate dar. Der aktivierte Wasserstoff würde im Endeffekt auf indifferenten molekularen Sauerstoff unter Wasserstoffperoxydbildung übertragen. /129t/ Er stand somit in Nachfolge der Ideen HOPPE-SEYLERS.

 

Wie letzterer in TRAUBE fand WIELAND in OTTO HEINRICH WARBURG (1883-1970) einen heftigen Kritiker. Dieser charakterisiert das Endstadium der Oxydation als eisenkatalysierte Aktivierung des Sauerstoffs. Bei den vorlaufenden Oxydoreduktionen werde Wasserstoff nicht aktiviert. Die aus II-wertigem Eisen und Sauerstoff gebildete höhere Oxydationsstufe reagiere mit dem organischen Substrat. /129u/ Ganz in Verwandtschaft zu TRAUBES Hypothese ist der Sauerstoff der aktive und entscheidende Faktor. SOURKES schreibt zu dieser Parallelität (1955):

 

„Die Meinungsunterschiede zwischen Traube und Hoppe-Seyler nehmen den späteren Disput zwischen O. Warburg und H. Wieland vorweg. Die Fragestellung war parallel: ist bei biologischen Oxydationen die Aktivierung des Sauerstoffs oder des Wasserstoffs aus dem Substrat das primäre Ereignis?" /158c/

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9. Zusammenfassung

 

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TRAUBE wurde in entscheidendem Maß von seinen Lehrern J. v. LIEBIG und E. MITSCHERLICH sowie seinem Bruder LUDWIG TRAUBE beeinflußt. Hieraus ergab sich die chemisch-physiologische Grundorientierung seines Schaffens. In der Studienzeit lernte M. TRAUBE Wissenschaftler kennen, die auch später noch von Bedeutung für ihn waren, z.B. TH. POLECK, N. PRINGSHEIM und A. W. v. HOFMANN.  Seinem älteren Bruder Ludwig war es zu danken, daß MORITZ TRAUBE ein naturwissenschaftliches Studium wählte. LUDWIG TRAUBE stimulierte klinisch- und physiologisch-chemische Untersuchungen und vermittelte Kontakte zu Persönlichkeiten biologischer Wissenschaften. J. v. LIEBIG verstärkte nicht nur das physiologisch-chemische Interesse im allgemeinen, er regte M. TRAUBES Arbeiten über Fermentwirkungen und die Rolle der Nahrungsstoffe im Organismus an. Die vom BERZELIUS-Schüler E. MITSCHERLICH vertretene Analogie der anorganischen katalytischen Vorgänge und der fermentativen Prozesse wurde von M. TRAUBE aufgegriffen. Sie wurde eine Grundlage für TRAUBES Untersuchungen zur Fermenttheorie. Trotz des großen Spektrums der Forschungsthemen M. TRAUBES war die Chemie des Sauerstoffs im Atmungsprozeß der zentrale Untersuchungsgegenstand seiner Forschung.

 

„Wie Sie sehen, verblieb ich nicht innerhalb des Geheges einer Spezialwissenschaft, sondern machte mit Vorliebe Excursionen in die Gebiete der Pflanzen- und Thierphysiologie. Immerhin gab es für meine wechselnden Bestrebungen einen 'ruhenden Pol'. Es ist vornämlich der Sauerstoff, jener wunderbare Bestandtheil der Athmosphäre, der alles Leben unseres Planeten unterhält, dessen chemische Wirkungen ich aufzuspüren suchte."/80/

 

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M. TRAUBES Hauptwerk entstand unmittelbar nach dem Studium. Die „Theorie der Fermentwirkungen" aus dem Jahr 1858 stellt die erste umfassende, konsequent vom chemischen Standpunkt aus erarbeitete und experimentell gestützte Fermenttheorie dar. Sie hat mit ihrem fortschrittlichen Gedankengut die weitere Forschung über die Gärungs-, Fäulnis- und Verwesungsvorgänge beeinflußt. In ihr sind bereits einige Aspekte heutiger Auffassungen über Enzyme enthalten. Dazu gehören vor allem die Definition der Fermente als bestimmte chemische Verbindungen mit Eiweißcharakter, die Darstellung der engen Kopplung von Oxydations- und Reduktionsvorgängen bei Fermentwirkungen und die Charakterisierung der Rolle des Wassers als Reaktionspartner bei Fermentwirkungen. Experimentell gestützt formulierte TRAUBE erstmals die Notwendigkeit des direkten molekularen Kontakts zwischen Ferment und Substrat. Er teilte die Fermente nach dem Reaktionstyp ein und sah keinen prinzipiellen Unterschied mehr zwischen „Fäulnisfermenten" und „vitalen" Fermenten. Bisher war in der biochemiehistorischen Literatur unbeachtet geblieben, daß M. TRAUBE schon qualitative Überlegungen zur Reaktionskinetik anstellte und den reziproken Zusammenhang von Reaktionszeit und Enzymmenge darstellte. Die große Bedeutung struktureller molekularer Faktoren für Fermentwirkungen wurde von TRAUBE vermutet. Jahrzehnte vor den Versuchen E. BUCHNERS zur zellfreien Gärung hatte M. TRAUBE die fortbestehende Wirkung pflanzlicher Fermente nach deren Extraktion aus den Zellen nachgewiesen („guajakbläuende" Wirkung des wässrigen Kartoffelauszuges). Doch eine Interpretation hinsichtlich der Unabhängigkeit der Fermentwirkungen von der zellulären Integrität erfolgte nicht, obwohl TRAUBE selbst die große Bedeutung der Isolierung der „vitalen" Fermente schon erkannt und formuliert hatte. Zu TRAUBES Irrtümern gehörte die Annahme, daß komplexe Prozesse, wie z.B. die alkoholische Gärung, nur durch jeweils ein Ferment vermittelt werden würden und daß er das Hämoglobin zu den Fermenten zählte. Ein besonderes Verdienst TRAUBES besteht darin, daß er die Entdeckung der Rolle von Mikroorganismen für Gärungs- und Fäulnisprozesse von vornherein derart in seine Theorie integrierte, daß Lebenstätigkeit und Chemismus nicht voneinander getrennt, sondern eng miteinander verknüpft wurden. Damit war TRAUBE einer der wenigen konsequenten Gegner der vitalistischen Protoplasmatheorie.

 

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Die Kontroverse mit PASTEUR führte TRAUBE zur Entwicklung eines Verfahrens zur Herstellung reiner Hefe. .......... TRAUBE war der erste, der ein solches Verfahren veröffentlichte. Nach experimenteller Überprüfung akzeptiert TRAUBE die Möglichkeit eines Lebens ohne Sauerstoff, wie sie von PASTEUR behauptet worden war. Entschieden wendet er sich aber gegen die Auffassung PASTEURS, daß Gärung ohne die Lebenstätigkeit von Mikroorganismen nicht möglich sei. Unabhängig hiervon hatte TRAUBE seine Vorstellungen über die Fermente weiterentwickelt. Er vermutete zahlreiche respirationsvermittelnde Fermente im Organismus, und hielt die Fermente nicht mehr für Zersetzungsprodukte der Eiweiße, sondern für in den Organismen gebildete Eiweißkörper.

 

HOPPE-SEYLER hatte eine Gärungstheorie aufgestellt, die zum Teil mit TRAUBES übereinstimmte, aber in Bezug auf die Oxydationen von der Sauerstoffaktivierung durch naszierenden Wasserstoff ausging. Dies wurde der Ausgangspunkt vieler Arbeiten über die Aktivierung des Sauerstoffs und die Autoxydationsvorgänge, in denen TRAUBE mit Grundlagenforschung zur biologischen Oxydation die Lehre der langsamen Verbrennung mit der Charakterisierung der Rolle des Wassers und der intermediären Bildung des Wasserstoffperoxyds bereicherte. Seine Versuche waren darauf gerichtet, die Aktivierung des Sauerstoffs durch Katalysatoren nachzuweisen und die Hypothese von der primären Sauerstoffaktivierung durch naszierenden Wasserstoff zu widerlegen. TRAUBES Vorstellungen haben die weitere Entwicklung der Lehre von der biologischen Oxydation  beeinflußt. Bisher wurden einige Auffassungen TRAUBES zu diesen Fragen aber teilweise falsch dargestellt: Das Wasserstoffperoxyd wurde von TRAUBE nicht als der aktivierte Sauerstoff aufgefaßt, und er beschränkte die katalytische Sauerstoffübertragung von Anfang an nicht nur auf den zuvor im Wasser gebundenen Sauerstoff. Zu den Schwächen seiner Ansichten zählen das Ausgehen von der Kohlenstoffverbrennung bei der biologischen Oxydation und fehlerhafte Vorstellungen über die Konstitution des Wasserstoffperoxyds.

 

Ein gutes Beispiel für M. TRAUBES analytische Fähigkeiten sind seine theoretischen Arbeiten über die Rolle der Nahrungsstoffe im Stoffwechsel. Er kennzeichnete einen engen Zusammenhang zwischen Respiration, Muskeltätigkeit und Wärmebildung. Entgegen der allgemeinen Lehrmeinung fanden die biologischen Oxydationen nach seinen Überlegungen nicht im Blut, sondern in den Geweben statt. Einen großen Fortschritt stellt seine Theorie des Muskelstoffwechsels dar, nach der vor allem die stickstofffreien Substrate der Erzeugung der Muskelkraft dienen. Damit trug er zur Widerlegung der LIEBIGschen Auffassungen über die Oxydation der Nahrungsstoffe und den Ursprung der Muskelkraft bei. Wertvoll war vor allem das einheitliche Konzept von der grundlegenden Bedeutung der inneren Atmung für Wärmebildung, Strukturbildung und -erhaltung sowie Organfunktion. >

 

Beziehungen zu seiner Fermenttheorie herstellend, bewies M. TRAUBE erstmalig im Tierexperiment die Fähigkeit des Organismus, Fäulnisbakterien zu vernichten. In der Auswertung trennte er scharf zwischen pathogenen Bakterien und Fäulnisbakterien. Das war ein wichtiger Beitrag zur Lehre von den Krankheitsursachen.TRAUBE vermutete bereits einen Zusammenhang zwischen Infektionsabwehr und aktivem Sauerstoff in Blutzellen. Ein zur keimfreien Blutentnahme entwickeltes Verfahren wird nicht näher beschrieben. Für die Kommunalhygiene wurde die von TRAUBE vorgeschlagene Trinkwasserchlorierung zur Entkeimung von großer Bedeutung.

 

 Die Medizin und die klinische Chemie verdanken M. TRAUBE weiterhin praxisorientierte Arbeiten zum Diabetes mellitus und über die laxative Wirkung des Milchzuckers bei Obstipation. Die Gabe von Milchzucker bei Obstipation testete TRAUBE zuerst im Selbstversuch und regte dann unmittelbar die Anwendung in der klinischen Praxis an. Die Einteilung des Diabetes mellitus in 2 Stadien unter Bezugnahme zur klinischen und paraklinischen Symptomatik, die Vorschläge zur Durchführung der Harnzuckeranalyse und seine Überlegungen hinsichtlich einer wissenschaftlich begründeten Diät verdienen Beachtung.

 

M. TRAUBE stellte erstmals künstliche semipermeable Membranen dar, die er als Molekülsiebe erkannte, und an denen er die erste experimentell gestützte mechanische Theorie des Zellwachstums entwickelte. Mit den Membranen schuf er die Grundlage für die Untersuchungen von W. PFEFFER und J. H. VAN 'tHOFF über die Gesetze des osmotischen Drucks in Lösungen. Er bereicherte selbst die Lehre von der Osmose mit qualitativen Untersuchungen über die Abhängigkeit der Teilchendiffusion von Membranbeschaffenheit, Molekülgröße und Temperatur.

 

  MORITZ TRAUBE ist eine der interessantesten Forscherpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Mit großer Leidenschaft arbeitete er an der Lösung physiologisch-chemischer Probleme. In der durch familiäre Verhältnisse bedingten Rolle als Privatgelehrter war er erfolgreich im bürgerlichen Beruf und in der wissenschaftlichen Forschung. Beide Tätigkeiten standen aber nicht einfach in antagonistischem Gegensatz, sondern hatten auch einander fördernde Aspekte. Durch den Weinhandel erwarb sich TRAUBE die materielle Grundlage für eine unabhängige Forschung. So konnte TRAUBE ohne institutionelle und autoritäre Zwänge Interessen und Neigungen folgend Inhalte und Wege seiner wissenschaftlichen Forschung selbst bestimmen. Diese Unabhängigkeit hatte gerade für einen jüdischen Wissenschaftler eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. In grundlegenden Fragen griff er Theorien und Überlegungen führender Autoritäten unerschrocken an. Die kaufmännische Tätigkeit brachte aber auch Nachteile für die Forschung mit sich: Zeitmangel, die begrenzten materiellen Mittel und der eingeschränkte persönliche wissenschaftliche Austausch, gerade in den Anfangsjahren seiner Tätigkeit in Ratibor. Trotzdem suchte und hatte TRAUBE einen engen Kontakt zum akademischen Leben und zu bedeutenden Wissenschaftlern, wie z.B. R. HEIDENHAIN, F. COHN und A. W. v. HOFMANN. Zu den Voraussetzungen für M. TRAUBES Erfolg als Forscher gehörten neben seiner praktischen Begabung großer Arbeitsfleiß, Erfindungsreichtum, Ideenvielfalt, wissenschaftlicher Ehrgeiz, die Unterstützung durch die Familie und die Anregungen aus dem Kreis von bekannten und befreundeten Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen. Die Zeugnisse über seine berufliche und wissenschaftliche Arbeit, sowie die familiären und freundschaftlichen Beziehungen zeigen hohe charakterliche Qualitäten.

 

M. TRAUBE war ein begeisterter Forscher, der gezielt und überlegt arbeitete und in sich einen scharfen analytischen Verstand und experimentelles Können vereinigte. Dem planvollen Experimentieren gab er den Vorrang vor einer passiven Beobachtung und Analyse der belebten Natur. Für TRAUBE gab es nie Zweifel an der Vergleichbarkeit der chemischen Prozesse in belebter und unbelebter Natur. Sowohl deduktives als auch induktives Denken ist in seinen Arbeiten zu finden. TRAUBE untersuchte überwiegend qualitative Probleme und bediente sich dabei einfacher, aber origineller und ideenreicher Mittel und Methoden. Quantitativen Aspekten wandte er sich nur selten zu. M. TRAUBES Schüler und erster Biograph G. BODLÄNDER bescheinigt ihm, daß sich von den vielen experimentellen Beobachtungen keine als unrichtig erwiesen habe. /99b/ Ausgehend von der Bearbeitung komplexer physiologischer Probleme wandte sich TRAUBE in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens immer mehr Fragen der chemischen Grundlagenforschung zu. ..........
Ungelöste Probleme der Chemie wurden zu einer Herausforderung für TRAUBE, weil von ihrer Beantwortung auch die Weiterentwicklung der physiologischen Chemie abhing. M. TRAUBE selbst folgte der Wissenschaftsentwicklung aufmerksam, aufgeschlossen und kritisch. Das spiegelt sich in der Weiterentwicklung seiner Auffassungen und Theorien und der Wahl der Forschungsthemen wider. Hervorzuheben ist die trotz breit angelegter Grundlagenforschung auffallende Praxisnähe vieler Arbeiten M. TRAUBES. Die Mehrzahl der Konzepte und Experimente von wissenschaftlicher Bedeutung stammt aus seinem 3. und 4. Lebensjahrzehnt. In vieler Hinsicht war TRAUBE also durchaus ein typischer Forscher seiner Zeit.

 

M. TRAUBES Publikationen und Briefe spiegeln neben den fachlichen Qualitäten auch rhetorische Begabung, selbstbewußtes Auftreten, gleichzeitig Bescheidenheit wider. M. TRAUBE veröffentlichte 51 Arbeiten, hielt 3 öffentliche Vorträge und wurde in geringem Umfang auch als wissenschaftlicher Lehrer wirksam. Von den Assistenten, die in M. TRAUBES Privatlabor arbeiteten, sind neben seinem Sohn WILHELM TRAUBE /50a/ noch V. LUSTIG /44b/ und G. BODLÄNDER /146a/ namentlich bekannt. Eine unmittelbare gemeinschaftliche Forschung mit anderen Wissenschaftlern geht aus zwei Arbeiten hervor - mit GSCHEIDLEN /16a/ und F. COHN /18a/. GUIDO BODLANDER schrieb über seinen Lehrer MORITZ RAUBE:

 

„Ein Kennzeichen, ebenso sehr seines persönlichen Wesens wie seiner wissenschaftlichen Arbeit war unbedingte Wahrhaftigkeit, die sich durch einen den eigenen Ansichten günstig erscheinenden Versuch ebenso wenig bestechen liess, wie durch einen anscheinend ungünstigen entmuthigen, so lange noch die geringste Möglichkeit bestand, dass die durch den Versuch gegebene Entscheidung nicht durchaus unzweideutig war. Durch das von ihm gegebene Vorbild, durch seine Erfindungsgabe in technischen Hülfsmitteln und durch die Tiefe und Vielseitigkeit seiner Kenntnisse machte er den jüngeren Fachgenossen das Arbeiten in seinem Laboratorium zu einer Quelle reicher Belehrung. Grosse Vorsicht liess T r a u b e  in der Veröffentlichung seiner Theorien und Versuchsergebnisse walten. Es kostete ihn immer eine grosse Ueberwindung, ein Manuscript in den Druck zu geben. Inmer und immer wieder wurde es umgearbeitet und blieb auch dann noch jahrelang im Pulte liegen, ..." /99m/

 

  Trotz Anerkennung seiner Leistungen durch bedeutende Wissenschaftler und akademische Institutionen (Ehrenpromotion durch die Medizinische Fakultät der Universität Halle und Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin) stand M. TRAUBE auch der Voreingenommenheit und Geringschätzung einiger wissenschaftlicher Gegner gegenüber. ..........

 

..........

 

In einigen Fragen, wie der Fermenttheorie, erreichte M. TRAUBE ein höheres Niveau als seine in mechanistisch-vitalistischer Auseinandersetzung verhafteten Zeitgenossen. In anderen, vor allem der Theorie des Wachstums der pflanzlichen Zelle vertrat er mechanistische Ansichten. M. TRAUBES Grenzen lagen in einer teilweise unkritischen Übertragung von Erkenntnissen aus der unbelebten Natur auf physiologische Prozesse. Obwohl M. TRAUBE nicht die Unterschiede zwischen unbelebten und belebten Vorgängen verwischt, werden seine Auffassungen nicht den vielfältigen Grundlagen biologischer Prozesse gerecht. TRAUBES Irrtümer erwuchsen zum Teil aus dem unzulänglichen Wissensstand und den methodischen Möglichkeiten seiner Zeit. Seine Theorien und Auffassungen enthielten aber auch nicht wenige Spekulationen.

 

 MORITZ TRAUBE war ein weitsichtiger und außergewöhnlicher Streiter der physiologischen Chemie im 19. Jahrhundert. Mit der konsequenten Anwendung der Chemie auf die Physiologie steht er in der Nachfolge LIEBIGS und an der Seite HOPPE-SEYLERS. Für ihn war das Leben im Chemismus der Verbindungen und ihrer Reaktionen im Organismus begründet. Mit seinen vielfältigen Leistungen hat er verschiedene biologische Wissenschaften bereichert und sich einem vitalistisch gefärbten Agnostizismus entgegengestellt. MORITZ TRAUBE hat an der Lösung aktueller Fragen seiner Zeit mitgearbeitet und darf vor allem auf dem Gebiet der Erforschung der Fermentwirkungen und der biologischen Oxydation als ein Pionier der physiologischen Chemie angesehen werden.

 

1) G. BODLÄNDER studierte 1878-1882 in Breslau; er war nach seiner Promotion von 1882 bis 1883 und erneut im Jahr 1888 Assistent im Privatlabor M. TRAUBES in Breslau, zu dieser Zeit untersuchte M. TRAUBE Fragen der Aktivierung des Sauerstoffs und der Autoxydation; später war BODLÄNDER u.a. am Pharmakologischen Institut Bonn und Physiologisch-Chemischen Institut Göttingen tätig; er wurde 1899 o. Prof. der physikalischen Chemie und der chemischen Technologie in Braunschweig; er erfand ein Gasgravimeter. BODLÄNDER war als Nachfolger von WALTHER NERNST (1864-1941) auf dem Lehrstuhl für physikalische Chemie in Göttingen vorgesehen, sein früher Tod verhinderte die Berufung. Er war einer der wenigen Schüler Traubes, neben dessen Sohn Wilhelm (1866-1942)  der bekannteste. /146a/, Tröger 1905

2) Im Vorwort des 1. Bandes der "Zeitschrift für physiologische Chemie" (1877) verwendet FELIX HOPPE-SEYLER (1825-1895) den Begriff "Biochemie". /156a/ Wahrscheinlich war VINCENZ VON KLETZINSKY der erste, der diesen Begriff in die Literatur einführte ("Compendium der Biochemie." Wien, 1858).[Höxtermann Bd. 91 1989, S. 9]

2A) E. HÄNISCH war vor seiner Lehrtätigkeit freiwilliger Jäger und preussischer Offizier. /109B a/
 

3) Der Urgroßvater M. TRAUBES soll ein Krakauer Rabbiner gewesen sein. Der aus Rybnik stammende Vater Wilhelm gab sich selbst den Namen "Traube" unter Bezugnahme auf den Besitz einer Weinhandlung. /87A/
 

4) LUDWIG TRAUBE (12.1.1818 - 11.4.1876) studierte in Breslau u. Berlin Medizin - u.a. bei JAN EVANGELISTA PURKINJE (1787-1869) u. JOHANNES MÜLLER (1801-1858); philosoph. Studien, promov. 1840 u.a. über das Lungenemphysem, nach Studien bei KARL ROKITANSKY (1804-1878) und JOSEPH SKODA (1805-1881) in Wien ab 1841 Assistent eines Armenarztes in Berlin, 1848 Habilitation als Privatdozent, 1849 erster Zivilassistent JOHANN LUKAS SCHÖNLEINS (1793-1865) an der Charité, 1853 dirigierender Arzt d. Abt. f. Lungenkranke d. Charité u. später Leiter der propädeutischen Klinik; Lehrer an den militärärztl. Bildungsanstalten u. Chefarzt d. Inneren Abt. d. Krankenh. d. jüd. Gemeinde in Berlin, 1857 a.o., 1862 o. Prof. am Friedrich-Wilhelms-Inst., 1866 Geh. Medizinalrat, 1872 o. Prof. an d. Berliner Univ., Begründer d. experim. Pathologie, Verdienste bei d. Anwendung u. Verbreitung physikal. Unters.methoden. Systematiker d. med. Dokumentation, er arbeitete u.a. über Fieber, Dyspnoe, Digitaliswirkung, Zusammenhang von Herz- u. Nierenkrankheiten. Freundschaftl. Bezieh. u.a. zu RUDOLF VIRCHOW (1821-1902). /97/, /96a/, /81a-d/, /104/, /122/, /123/, /162/
 

5) E. MITSCHERLICH stud. Philologie, Medizin u. Chemie, war Schüler von JÖNS JAKOB BERZELIUS (1779-1848), ab 1822 Prof. f. Chemie in Berlin. /148/
 

6) H. ROSE studierte Pharmazie u. Chemie, ab 1823 a.o. Prof., 1835 o. Prof. f. Chemie in Berlin, einer der führenden Wissenschaftler der analytischen anorganischen Chemie seiner Zeit. /133/
 

7) K. F. RAMMELSBERG, Mineraloge, Pharmazeut und Chemiker, ab 1848 Prof. in Berlin, 1874 2. Ordinarius f. Chemie in Berlin, Autorität der mineralogischen Chemie seiner Zeit. /133/
 

8) J. v. LIEBIG, ab 1824 a.o. Prof., 1825 Ordinarius f. Chemie in Gießen, schuf dort das erste chem. Ausbildungslaboratorium Deutschlands; AUGUST WILHELM VON HOFMANN (1818-1892) beschrieb die Athmosphäre im Labor, in dem die "Elite des ganzen chemischen Europas" arbeiten würde, als "sehr anregend" /141a/. LIEBIG hatte zu dieser Zeit bereits bedeutende Werke der Pflanzen- und Tierphysiologie /129/, /130/ veröffentlicht. /125/
 

9) HERMANN HOFFMANN stud. in Gießen u. Berlin Medizin /133c/; 1842 Privatdozent, 1853 Prof. f. Botanik in Gießen; Pflanzenphysiologe; untersuchte den Klimaeinfluß auf Pflanzen u. die Beziehung von Mikroorg. u. Gärung, Fäulnis und Krankheit, die von ihm konstruierten Glasgefäße zum Abhalten von in der Luft enthaltenen Bakterien wurden von PASTEUR weiterentwickelt; verwendete 1860 erstmals gekochte Kartoffeln als Nährboden für Pilzkulturen; trennte 1869 Pilze u. Hefen von anderen Mikroorg. ab, die er "Bacterien" nannte. /107o/
 

10) TH. POLECK stud. in Gießen, Halle, Berlin; arbeitete in der väterl. Apotheke u. als Realschullehrer in Neiße; wurde später Prof. f. pharmaz. Chemie in Breslau; toxikologische Untersuchungen u. Erforschung des Hausschwamms; /146b/, /113A/
 

11) K. SCHWARZ, Privatdozent f. Chemie in Breslau, 1865 Prof. an der Techn. Hochschule Graz, begründete Paraffin-Industrie in Sachsen. /146c/
 

12) H. TRAUTSCHOLD, Zahnarzt u. Pharmazeut, war später Prof. f. Geologie u.Mineralogie in Rußland. /146d/
 

13) M. v. PETTENKOFER, Chemiker u. Physiologe; Prof. d. med. Chemie, später d. Hvgiene in München; Vorarbeiten zum Periodensystem d. Elemente, Stoffwechselunters. u. diätetische Chemie, Analyse der Epidemiologie u. Kampf gegen Typhus u. Cholera. Begründer der modernen Hygiene. /109/
 

14) A. W. v. HOFMAN, stud. Jura, Chemie, Physik, Mathematik, Literatur. 1845 Prof. f. Chemie London, ab 1865 an der Berliner Univers . große Verdienste auf d. Gebiet d. organischen Farbstoffe. während  M. TRAUBES Zeit in Gießen war HOFMANN Privatassistent LIEBIGS. er schlug 1886 die Wahl TRAUBES zum korresp. Mitgl. d. Akademie d. Wissenschaften zu Berlin vor. /141/ /75/
 

15) N. PRINGSHEIM, Sohn eines Industriellen, bestand seine Reifeprüfung erst beim zweiten Anlauf, stud. Medizin u. Naturwissenschaften in Breslau, Berlin, Paris, war in Berlin wie TRAUBE Schüler von E. MITSCHERLICH, H. ROSE und W. DOVE; 1851 Privatdoz. f. Botanik in Berlin, 1864 Prof. f. Botanik in Jena, wo er ein pflanzenphys. Institut gründete; 1868 wieder in Berlin; begründete die Jahrbücher f. wiss. Botanik, Mitbegründer u. Präsident d. Deutschen botan. Gesellsch. errichtete die bis heute bestehende biologische Station Helgoland; arbeitete über die pflanzl. Zelle, Sexualität niederer Pflanzenarten u. die Rolle des Chlorophylls; /116a/, /133d/, /131A/, /104A/ (s. Anlagen 14 u. 17)
 

16) H. G. MAGNUS, Chemiker und Physiker, studierte u.a. bei BERZELIUS, ab 1845 o. Prof. f. Physik u. Technik an der Berliner Univ.
 

17) G. MAGNUS hatte 1843 ein "Physikalisches Colloquium" gegründet, dem u.a. E.W. BRÜCKE u. E. DU BOIS-REYMOND (1818-1896) angehörten. Hieraus ging 1845 die "Berliner Physikalische Gesellschaft" hervor, unter den anfänglich über 50 Mitgliedern waren auch HERMANN VON HELMHOLTZ (1821-1894) und WERNER VON SIEMENS (1816-1892). 1859 wurde der "Physiologische Verein zu Berlin" gegründet, zu dem später u.a. DU BOIS-REYMOND, R. VIRCHOW, L. TRAUBE und B. v. LANGENBECK gehörten. Dieser Verein schloß sich 1875 mit dem "Verein für klinische Wissenschaften" zur "Berliner Physiologischen Gesellschaft" zusanmen. /156b/
 

18) Zu dieser Zeit las L. TRAUBE noch "Lehre über die Semiotik des Respirations- und Zirkulations-Apparates durch Demonstrationen und Experimente" und über "Krankheiten des Respirations- und Zirkulationstraktes". /56/
 

19) M. TRAUBES Großnichte MARGA ENGEL geb. LITTEN (1889-1938) schrieb über ihn: "... Seine Zunftgenossen können es noch heute nicht verzeihen, daß er seine kostbare Zeit und Kraft zur Schaffung von Mitgift für die 5 Schwestern vergeuden mußte ..." /87A/
 

20) BARUCH SPINOZA (1632-1677), bedeutendster Philosoph der Niederlande, jüdischer Herkunft; seine Philosophie war geprägt von materialistischer Grundtendenz; deterministische Gebundenheit allen Geschehens wird von ihm auf den Menschen in seiner Gesamtheit erstreckt, Mensch sei Teil der Natur. /145A/
 

21) TRAUBE erwähnt 1878 im Zusammenhang mit der Verteidigung seiner Theorie des Zellwachstums. "Ich lebte zur Zeit, wo ich meine Versuche anstellte, in einer kleinen Provinzialstadt (Ratibor), wo eingehende Litteratur-Studien zu machen, allzu schwierig gewesen wäre." /25a/
 

22) M. TRAUBE hatte 1865 seine noch unveröffentlichte Arbeit über Niederschlagsmembranen und Osmose /13/ H. G. MAGNUS vorlegen lassen: "Es liegt mir allerdings sehr viel daran, endlich ein sachverständiges Urtheil über einen Gegenstand zu hören, mit dem ich mich bisher ganz abgeschnitten von jedem literarischen Verkehr, in intensivster Weise für mich allein beschäftigt habe." /80A b/
 

22A) In der Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Gymnasiums findet sich folgender Vermerk: "Die Wilhelm und Eva Traube'sche Stiftung, 1864 von den Gebrüdern Dr. M. Traube hier und Professor L. Traube in Berlin gegründet zum Andenken an ihre verstorbenen Eltern und in dankbarer Erinnerung an das von ihnen besuchte Gymnasium. Die Zinsen des Capitals von 500 Thalern soll alljährlich ein armer, sittlich tüchtiger Ober-Primaner erhalten, der sich durch Begabung und Fleiss auszeichnet." /109B a/ LUDWIG TRAUBE hatte sein Reifezeugnis mit 17 Jahren zu Ostern 1835 auf dem Gymnasium erworben ("Nr. 102"), MORITZ TRAUBE wie schon erwähnt im Alter von nur 16 Jahren ("Nr. 142"). Beide gehörten zu den jüngsten Absolventen. Das Durchschnittsalter lag bei 19 - 20 Jahren. /109B b/
 

22B) TH. POLECK (s.S. 11) wurde 1867 Leiter des Pharmazeutischen Institutes der Univ. Breslau. Das Institut zog in das 1866 fertiggestellte "Institutengebäude" in der Burgstraße. POLECK richtete eine pharmakolog. u. eine chem. Abt. ein. 1887 wurde POLECK Dekan und 1888 Rektor der Breslauer Universität. /113A/
 

23) RUDOLPH HEIDENHAIN (1834-1897), war Assistent bei E. DU BOIS-REYMOND, seit 1859 Prof. f. Physiologie in Breslau; arbeitete hauptsächlich über Drüsentätigkeit; betonte im Gegensatz zu TRAUBE biologische Aspekte der physiol. Forschung. /146e/, /152/ Das Physiol. Inst. befand sich seit 1855 in der ehemaligen Chirurg. Klinik in einem dreistöckigen Gebäude (Ohlauer Stadtgraben 16) u. besaß eine experim.-physiol., eine mikroskop. u. eine physiol.chem. Abt. Die letztere war in 3 Räumen im Erdgeschoß untergebracht u. eine vorübergehende Arbeitsstätte TRAUBES (s. auch S. 69, Fußnote 47A)  ).  /121A/
 

24) Die Schles. Gesellsch. f. vaterl. Kultur bestand seit dem Jahr 1803. Sie förderte regional Kultur u. Wirtschaft, den geistigen Austausch der schles. Gelehrten, stand aber auch im Austausch mit Akademien und Vereinen Europas, Amerikas, Asiens und Australiens. TRAUBE nahm an Sitzungen der zoolog.-botan. Sektion teil und referierte in der Gesellsch. über einige seiner wiss. Ergebnisse. In Breslau konnte er die weitgehende Isolation vom wiss. Leben der Jahre in Ratibor durchbrechen. FERDINAND COHN (1828-1898) schrieb über TRAUBE: "... hier (in Breslau - d. Verf.) versammelte er in seinem gastfreien Hause gern die ihm in Freundschaft anhänglichen Vertreter der Naturwissenschaft und wurde auch ein eifriges Mitglied unserer Gesellschaft..." /104B d/. Die Arbeit der Gesellschaft erfolgte in verschiedenen Sektionen (z.B. medizinische, zoologisch-botanische, historische Sektion,). Zu den Mitgliedern des Direktoriums gehörten Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Staat und Kirche (so war 1894 R. HEIDENHAIN Vorsitzender, TH. POLECK sein Stellvertreter, zum Direktorium gehörten u.a. auch der Oberbürgermeister, ein Staatsanwalt, der Domprobst und ein Fabrikbesitzer). Die Mitgliedschaft in der Schles. Gesellsch. f. vaterl. Kultur wird für TRAUBES kaufmännische u. wissensch.Tätigkeit von Vorteil gewesen sein. Die Gesellsehaft besaß eine eigene Bibliothek. Das Gebäude der Gesellschaft, die "Alte Börse". befand sich in unmittelbarer Nahe zu TRAUBES erster Wohnung in Breslau. (Vgl. Anlage 15)
 

24A) In Schlesien standen im 19. Jh. auf Grund besonders fruchtbarer Böden, des Steinkohlen- u. Mineralreichtuns Landwirtschaft, Textil-, Hütten- und Nahrungsmittelindustrie im Mittelpunkt der Wirtschaft. Mit der Entwicklung des Eisenbahnnetzes im 19. Jh. blühte der Handel auf. Die sozialen Spannungen waren in Schlesien besonders groß. Bitterster Armut (Schlesische Weber) stand extremer Reichtum gegenüber (Großindustrielle, bedeutendster Großgrundbesitz Preußens). /133/ Bis auf eine These zur Promotion (vgl. 3.1.) konnten keine Zeugnisse der Haltung M. TRAUBES zu politischen und sozialen Fragen seiner Zeit ermittelt werden.
 

25) F. COHN, bereits als Gymnasiast schwerhörig, stud. Naturw. in Berlin (u.a. bei E. MITSCHERLICH) u. Breslau, promovierte wie TRAUBE 1847 in Berlin, 1850 Privatdozent f. Botanik, 1859 a.o., 1871 o. Prof. f. Botanik in Breslau; gründete dort ein pflanzenphysiol. Institut; stufte Bakterien als niedrige pflanzl. Lebewesen ein; führte die Verwendung sterilisierter Nährböden für Bakterienreinkulturen ein; Förderer u. Freund ROBERT KOCHS (1843-1910); arbeitete über die Rolle der Mikroorganismen bei Fäulnis und Gärung; als Verfechter der Protoplasmatheorie diesbezüglich gegensatzliche Auffassungen zu TRAUBE. /133b/,  /123Al,  /131A/,  /150A/ 
 

26) TRAUBE kümmerte sich um eine gute Ausbildung seiner 5 Kinder. Als seine jüngsten Kinder erkrankten, schickte der besorgte TRAUBE Abstriche der Zungenbeläge an den bekannten Breslauer Anatomen LEOPOLD AUERBACH (1828-1897), Entdecker des nach ihn benannten Plexus myentericus) mit der Bitte, die Präparate zu untersuchen. /80B/ Wahrscheinlich fürchtete TRAUBE eine Diphtherie-Infektion der Kinder. (Der älteste Sohn seines Bruders LUDWIG TRAUBE war mit 5 Jahren an Diphtherie gestorben - ein nachhaltig traumatisches Ereignis für die Eltern, und offensichtlich auch den weiteren Familienkreis.) /87/ - Aus einem der Briefe TRAUBES ist zu entnehmen, daß die Hochzeitsvorbereitungen für eine Tochter, einschließlich der Einrlchtung der Wohnung, Vorrang vor anderen persönlichen Interessen hatten. /80A a/
 

27) Im Zusarrrnenhang mit dem fortgeschrittenen Alter, einer familiären Belastung (LUDWIG TRAUBE hatte eine ischämische Herzkrankheit), dem großen Arbeitsstreß, dem Altersdiabetes und den beschriebenen klinischen Erscheinungen, hatte M. TRAUBE sehr wahrscheinlich einen Bluthochdruck und eine Koronarsklerose.
 

28) "Über den Milchzucker als Medikament." /27/ TRAUBE nahm täglich zum Abführen 9-15 g Lactose in 1/4 l Milch ein (entsprechend ca. 20-25 g Lactose insgesamt), beiläufig u. o.n.A. erwähnt er das Auftreten von reduzierenden Körpern im Harn. Selbst bei einer Lactosebelastung von 2g/kg Körpergewicht erreichen normalerweise die Blutkonzentrationen von Glucose u. Galactose nicht den renalen Schwellenwert. Trotz der geringen Lactosemenge wäre eine benigne Laktosurie aber ebenfalls möglich.
 

29) H. H. LANDOLT, 1867 o. Prof. f. Chemie in Bonn, später Aachen u. Berlin, ab 1891 Direktor des 2. chem. Instituts der Berliner Universität.
 

30) Grablage des Erbbegräbnisses M. TRAUBE: Pergolenweg 38 (Ostgrenze). Auf der 3,50 x 5,75 m großen Grabstätte wurden am 11.11.1907 noch TRAUBES Frau Bertha (+ 7.11.1907) und sein Sohn Hermann am 1.2.1913 (+ 29.1.1913) beigesetzt. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde das Grab nach den Unterlagen der Friedhofsverwaltung nicht verändert. Über die Einebnung, die nach 60jähriger Frist wahrscheinlich 1954 erfolgte, sowie den Verbleib der Bronzebüste existieren keine Aufzeichnungen. Vorherige Kriegsbeschädigungen sind nicht ausgeschlossen. /94/
 

31) E. FISCHER erhielt 1902 den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeiten zur Strukturaufklärung von Kohlenhydraten und Proteinen. Er hat wie TRAUBE auch auf dem Gebiet der Enzymforschung gearbeitet.
 

31A) MAX CONRAT (1818-1911) war ein Bruder F. COHNS /150A/,  mit dem M. TRAUBE somit verwandt wurde.
 

31B) GUSTAV PRINGSHEIM (1856-1899), Geologe /146j/, möglicherweise ein Verwandter von M. TRAUBES Freund N. PRINGSHEIM.
 

32) ALFRED WILHELM VOLKMANN (1800-1877); Physiologe; RICHARD VOLKMANN (1830-1889); Chirurg.
 

33) A. W. v. HOFMANN spielte gerade in den 80er Jahren im moralisch-ethischen und politischen Bereich (auch als Rektor der Universität) eine hervorragende Rolle, indem er gemeinsam mit H. v. HELMHOLTZ konsequent gegen den Antisemitismus in wissenschaftlichen Kreisen auftrat. /141/ Dies ist ein Grund für den außergewöhnlichen Umstand, daß TRAUBE als Privatgelehrter und Jude in die Akademie der Wissenschaften zu Berlin aufgenorrmen wurde.
 

34) WILHELM TRAUBE ist auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee begraben (Grabnr. 109784). Die Grabstätte ist erhalten, ein Gedenkstein existiert nicht. /91/
 

35) 1808 war die Erscheinung der Polarisation des Lichts durch ETIENNE LOUIS MALUS (1775-1815) am Kalkspatkristall entdeckt worden. JEAN BAPTISTE BIOT (17941862) und  THOMAS JOHANN SEEBECK (1770-1831) wiesen 1818 die Drehung des polarisierten Lichts durch den Zucker in Lösungen nach. 1844 hatte E. MITSCHERLICH einen praktikablen Apparat zur Bestimmung der Zuckerkonzentration entw. /107j/
 

35A) M. TRAUBE benutzt die Methode von HERMANN VON FEHLING (1812-1885), die erst 1849 veröffentlicht worden war /109A/, in einer modifizierten Form.
 

36) K. G. J. WEINHOLD, Philologe, Germanist, 1847 Privatdoz. Halle, 1849 Prof. f. deutsche Philologie in Breslau, später in Krakau, Graz, Kiel, Berlin /116b/
 

37)  H. NOTHNAGEL war ein Schüler und Freund LUDWIG TRAUBES, Internist und Neurologe, Prof. in Freiburg , Jena und Wien /94A/
 

38) Zu den in Breslau klin. tätigen Ärzten, die M. TRAUBE nachweislich gut kannte, zählte neben L. AUERBACH auch MORITZ LITTEN (1845-1907), der später a.o. Prof. f. Innere Med. in Berlin war, ein Schwiegersohn seines Bruders LUDWIG /74A/
 

39) 1833 von ANSELM PAYEN (1795-1871) und J. F. PERSOZ entdeckt.
 

39A) Unabhängig von TH. SCHWANN und im gleichen Jahr kamen noch CAGNIARD LATOUR und FRIEDRICH TRAUGOTT KÜTZING (1807-1893) zu dieser Erkenntnis. /115a/
 

40) CHRISTIAN FRIEDRICH SCHÖNBEIN (1799-1868), Entdecker des Ozons (1840).
 

41) Aus dem tropischen Guajakbaum gewonnenes Harz, die darin enthaltene Guajakonsäure bläut sich durch Oxydation, wurde als empfindliches Reagens auf Oxydationsmittel in Form von verdünnter alkoholischer Lösung oder Reagenzpapier genutzt. Das Guajakholz wurde auch bei der Behandlung der Syphilis und des Rheumatismus eingesetzt. /133e/
 

42) W. KÜHNE prägte 1877 den Begriff "Enzym", worunter er ein "extracelluläres hydrolytisches Agens" verstand. KÜHNE hatte damit also keineswegs eine Enzymdefinition im heutigen Verständnis gegeben. Außerdem vertiefte er nun noch verbal den scheinbaren Gegensatz zwischen den unlöslichen, ("geformten", "vitalen") Fermenten und den löslichen, ("ungeformten", extrazellulären, "nicht organisierten") Fermenten. /111d/
 

41A) Der Botaniker O. BREFELD (1839-1925), zu dessen Lehrern ROBERT WILHELM BUNSEN (1811-1899) gehörte, machte sich vor allem um die Entw. der Kulturmethoden für Pilze verdient. Er war von 1874-1878 Privatdoz. in Berlin u. später Prof. an d. Forstakademie Eberswalde u. an der Univ. Münster. Brefeld verstand Gärungen als energieliefernde Prozesse und erkannte ihre Universalität im Pflanzenreich. /118B/, /131A/
 

43) Nachdem C. VOIT zu Beginn der 60er Jahre M. TRAUBE bei der experimentellen Untersuchung und Ergebnisveröffentlichung einer wichtigen Frage (Muskelarbeit erhöht nicht die Harnstoffbildung - vgl. Kap. 8.1.) zuvorgekommen war, bemühte sich TRAUBE zur Sicherung der Priorität un die frühzeitige Publikation neuer Ergebnisse. Nach BODLÄNDER fiel ihm dies besonders schwer, und er hielt, vielleicht aus einer gewissen Unsicherheit, Manuskripte oft lange zurück. Deshalb sei ihm auch die Priorität für die Entdeckung des Pergamentpapieres verlustig gegangen [Bodlaender 1895, S. 1090]
 

43A ) Die gelegentlich in der Literatur, z.B. /148/, gebrauchte Bezeichnung "anorganische Zellen" ist nur für anorganische Membranbildner korrekt. TRAUBE nannte die Zellen aber selbst ohne Differenzierung so /24a/.
 

44 ) Den Atombegriff gebrauchte man zu dieser Zeit im Sinne von "Molekül".
 

45) J. SACHS war der herausragende Botaniker in der 2. Hälfte des 19. Jh. Mit 17 Jahren Waise unbemittelter Eltern, ermöglichte ihm J. E. PURKINJE in Prag das Abitur und Botanikstudiun. Er wurde 1861 Prof. in Bonn, ging 1866 nach Freiburg u. 1868 nach Würzburg. Von ihm stammen grundlegende Arbeiten zur Photosynthese der Pflanzen, der Morphologie und Reizphysiologie der Pflanzen. Er wies bereits auf die Notwendigkeit des Artenschutzes hin. Seine Lehrbücher waren Standardwerke d. Botanik. 1859 zeigte er d. Möglichkeit d. Umwandlung von Fetten zu Kohlenhydraten in Pflanzen. /131A b/, /107/, /129v/
 

45A) Die Theorie des Zellwandwachstums durch Intussusception stammte von CARL NÄGELI (1817-1891) und war bis in die 80er Jahre des 19. Jh. führend. /131A a/
 

46) Als sich die Beurteilung von TRAUBES Arbeit über die "homogenen" Membranen und die Osmose durch H. G. MAGNUS verzögerte, forderte TRAUBE den Entwurf energisch zurück: "Aber ich mag andererseits um ein solches Urtheil auch nicht betteln, da ich bei aller Bescheidenheit ganz fest überzeugt bin, hier in einem höchst wichtigen, gerade in neuerer Zeit besonders cultivirten Zweige des Wissens etwas ganz Wesentliches geleistet zu haben." /80A b/
 

47) Die künstlichen Zellen werden gelegentlich auch als "TRAUBEsche Zellen" bezeichnet. /148/ In der Literatur tauchen neben den nach MORITZ TRAUBE benannten "TRAUBEschen Zellen" und "TRAUBEschen Membranen" noch weitere Bezeichnungen mit dem Namen "TRAUBE" auf. Zur Vemeidung von Irrtümern und Verwechslungen hier eine kurze Darstellung der jeweiligen Ursprünge der Eponyme:

Die Bezeichnung "TRAUBEsche Regel" (Einfluß von Art und Konzentration einer Lösung auf ihre Oberflächenspannung) geht auf den Chemiker ISIDOR TRAUBE zurück (1860-1943), für eine Verwandtschaft zu M. TRAUBE gibt es keine Hinweise); die Bezeichnung "TRAUBEsche Synthese" (Purinsynthese aus Zyanessigsäureester und Harnstoff) geht auf M. TRAUBES Sohn WILHELM TRAUBE zurück. /148/ Auf LUDWIG TRAUBE zurückzuführen sind die Begriffe "TRAUBEscher Doppelton" (Auskultationsgeräusch über peripheren Arterien z.B. bei Aorteninsuffizienz) und "TRAUBEscher Raum" (halbmondförmiger Thoraxbereich mit tympanitischem Klopfschall, Dämpfung bei linksseitigem Pleuraerguß). /97/, /163a/
 

47A)  GSCHEIDLEN war Assistent am Physiologischen Inst. von HEIDENHAIN in Breslau. Von 1869-1881 leitete er die physiol.-chemische Abt. des Inst. /121A/ (Vgl. Fußnote 23)
 

47B) Berliner Leitungswasser wurde mit fauliger Fleischflüssigkeit verunreinigt, 2 Stunden mit 0,426 mg Chlorkalk auf 100 ml Wasser behandelt, überschüssiges Chlor mit 0,209 mg Natriumsulfit entfernt. In KOCHscher Nährbouillon zeigte sich kein Keimwachstun mehr. TRAUBE hat die Wirkung auf pathogene Erreger nicht nicht mehr untersuchen können, aber die meisten pathogenen Bakterien für empfindlich gehalten. /53/
 

48) Die oxydierende und damit desinfizierende Wirkung des Chlors entsteht nach der Reaktion mit Wasser. Der von TRAUBE verwendete Chlorkalk, CaCl(OCl), wirkt in wäßriger Lösung ebenfalls oxydierend.
 

48A) R. HEIDENHAIN war zu dieser Zeit erst seit 1 Jahr Ordinarius f. Physiol. in Breslau. Er arbeitete ebenfalls über den Muskelstoffwechsel und veröffentlichte 1864 seine Arbeit "Mechanische Leistung, Wärmeentwicklung und Stoffumsatz bei der Muskeltätigkeit." /152b/
 

49) Auch L. TRAUBE hat über die physiologische Bedeutung des Harnstoffs gearbeitet und festgestellt, daß der Harnstoff ein Indikator für den Katabolismus ist. /94A/
 

50) Interessant ist, daß sich LUDWIG TRAUBE etwa zur gleichen Zeit mit Fragen der menschlichen Temperaturregulation beschäftigte: Fieber entstehe durch verminderte Wärmeabgabe. /151d/ Über den Zusammenhang von Oxydation und Körpertemperatur schreibt L. TRAUBE 1859 an VIRCHOW: "..., daß während des Fiebers in der Zeiteinheit mehr Körpersubstanz verbrannt wird, als unter gleichen Bedingungen im fieberlosen Zustand." /81d/
 

 

Stammbaum der Familie Traube bis zur 4. Generation

 

I                   Wilhelm Traube 1788-1864 = Eveline Heymann 1794-1858

 

II                                     Louis (Ludwig) 1818-1876 = Cora Marckwald 1830-1876

III                                                        Catharina 1851-1923 = Prof. Dr. med. Oscar Fraentzel 1838-1894

IV                                                                           Margarete Fraentzel 1873-1948 =  W. Anders, = Caemmerer

                                                                               Käthe Fraentzel 1875-1954 = L. Anders

                                                                               Anna Fraentzel 1878-1919 = A. Celli

                                                                               Marie Fraentzel 1884-1919 = B. Weyl

                                                           Margarete, Dr. rer. nat. 1856-1912 = Prof. Dr. med. Franz Boll 1849-1879

                                                                                                    = Prof. Dr. Ing. Guglielmo Mengarini 1856-1927

                                                                               Prof. Dr. econ. Mengarini 1885-1949

                                                                               Cora Mengarini 1886-

                                                                               Valeria Mengarini 1889-1938 = C. Rosetti

                                                                               Fausta Mengarini 1893-1952 = R. Corte

                                                           Hermann 1857-1862

                                                           Fanny 1859-1904 = Prof. Dr. med. Moritz Litten 1845-1907

                                                                               Ludwig Litten 1881-1909

                                                                               Marga Littten 1889-1938 = S. Engel

                                                                               Wolfgang Litten 1893-

                                                           Ludwig, Prof. Dr. phil. 1861-1907

 

II                                     Hermann 1819-1849

 

II                                     Friederike 1821- = Isaak Marle

III                                                        Agnes Marle = Ludwig Hirschfeld

IV                                                                           Paula Hirschfeld

                                                                               Emmy Hirschfeld

                                                           Selma Marle = Moritz Guttmann

                                                                               Dr. med. Walter Guttmann 1873-

                                                                               Else Guttmann

                                                           Dr. med. Max Marle

                                                           Wilhelm Marle = Alice Schlesinger

                                                                               Max Schlesinger 1890-

                                                           Rosalie Marle 1854- = Hugo Ollendorff

                                                                               Gerhard Ollendorff 1878-

                                                           Eva Marle -1888 = Samuel Cohn

                                                                               Erna Cohn 1888-

 

II                                     Sophie 1822- = Eduard Fraenkel

III                                                        Prof. Dr. med. Albert Fraenkel 1848- = Gertrud Strassmann

IV                                                                           Profl. Dr. phil. Ernst Strassmann 1881-

                                                                               Charlotte Enders

                                                                               Conrad

                                                                               Marie Levy-Lingen

                                                           Therese Fraenkel = Isidor Sello

                                                                               Dr. med. Hans Sello

                                                           Julius Fraenkel = Edith Heimann

                                                                               Prof. Dr. phil. Eduard Fraenkel 1888-1970

                                                                               Lili Fraenkel

 

II                                     Minna 1824- = Samuel Rosenbach

III                                                        Prof. Dr. med. Ottomar Rosenbach 1851-1907

                                                           Anna Rosenbach = Dr. med. Levy

IV                                                                           Elly Levy

                                                                               Dr. med. Max Levy

 

II                                     Moritz, Dr. phil. Dr. med. h.c. 1826-1894 = Bertha Moll -1907

III                                                        Anna = Dr. Julius Moll

IV                                                                           Dr. jur. Walter Moll

                                                                               Dr. jur. Kurt Moll

                                                           Sophie = Prof. Dr. jur. Max Conrat 1818-1911

                                                                               Johanna Conrat

                                                                               männl.

                                                           Hermann, Prof. Dr. phil. 1860-1913

                                                           Wilhelm, Prof. Dr. phil. 1866-1942

                                                           Martha = Dr. phil. Gustav Pringsheim 1856-1899

                                                                                  = v. Schwemmler

 

II                                     Ottilie 1828- = Dr. med. Julius Berg

III                                                        Amanda Berg = Max Wolff

                                                           Laura Berg

                                                           Dr. jur. Richard Berg = Ella Gumpert

IV                                                                           Leo Berg

                                                                               Rita Berg

                                                                               Hildegard Berg

 

II                                     Clara 1832- = Louis Henschel

III                                                        Hermann Henschel

                                                           Elise Henschel

                                                           weibl.

 

II                                     Anna 1836-1842

 

 

Personenregister

 

Ambrosioni, Felice

Auerbach, Leopold

 

Bach, A. Nikolajewitsch

Baeyer, Adolf von

Banting, Frederick Grant

Baumann, Eugen

Bernard, Claude

Berthelot, Marcellin

Bertrand, Gabriel Emile

Berzelius, Jöns Jakob

Best, Charles Herbert

Biot, Jean Baptiste

Bischoff, Th. L. W.

Bismarck, Otto von

Bodländer, Guido

Bouchardat, Apollinaire

Brefeld, Oskar

Brown-Sequard, Charles Edouard

Brücke, Ernst Wilhelm

Buchner, Eduard

Bunsen, Robert Wilhelm

 

Cantani, A.

Carrier, Moritz

Chevreul, Michel Eugéne

Cohn, Ferdinand

Conrat, Max

 

Davaine, Casimir Joseph

Darwin, Charles Robert

Denkewalter, R. G.

Dove, H. Wilhelm

Du Bois-Reymond, Emil

 

Engel, Marga

Engels, Friedrich

Engler, Carl Oswald Victor

Ephraim, S.

 

Fehling, Hermann von

Fick, Adolf

Fischer, Hermann Emil

Fodor

Freund, Wilhelm Alexander

Friedländer, Carl

Funcke, von

 

Gay-Lussac, Joseph Louis

Girard

Graham, Thomas

Gscheidlen

 

Haeckel, Ernst

Hahn, Otto

Haenisch, Eduard

Heidenhain, Rudolph

Heine, Otto

Helmholtz, Hermann von

Henneberg, Wilhelm

Hoffmann, Hermann

Hofmann, August Wilhelm von

Hofmeister, Franz

Hoppe-Seyler, Felix

 

Kirchhoff, Gustav Robert

Kletzinsky, Vincenz von

Koch, Robert

Kossel, Albrecht

Krahmer, Ludwig

Kronecker, Hugo

Kühne, Wilhelm

Kunth, Carl Sigismund

Kützing, Friedrich Traugott

 

Landolt, Hans Heinrich

Langenbeck, Bernhard von

Latour, Cagniard

Lavoisier, Antoin Lauren

Lehmann, Karl Gotthelf

Lessing, Julius

Liebig, Justus von

Liebisch, Theodor

Litten, Moritz

Lüdersdorff

Ludwig, Carl

Lustig

 

Magnus, Heinrich Gustav 13

Malus, Etienne Louis

Marx, Heinrich Karl

Mayer, Julius Robert

Meissner, Georg

Mendelejew, Dimitri Iwanowitsch

Menten, Maut

Metschnikow, Elie

Michaelis, Leonor

Mitscherlich, Eilhard

Moll, Berta

Moll, Julius

Müller, Johannes

Musculus, F.

 

Nägeli, Carl

Nernst, Walther

Nissen, F.

Nothnagel, H.

 

Palladin, W.

Pasteur, Louis

Payen, Anselm

Peligot, Eugene Melchior

Persoz, J. F.

Pettenkofer, Max von

Petters, Wilhelm

Pfeffer, Wilhelm

Pflüger, Eduard

Pilger

Poleck, Thomas

Pringsheim, Gustav

Pringsheim, Nathanael

Purkinje, Jan Evangelista

 

Quinke, Heinrich Irenaeus

 

Rammelsberg, Karl Friedrich

Regnault, Henry Victor

Reiset, Jules

Remsen, Ira

Richarz, F.

Rokitansky, Karl

Rollo, John

Rose, Heinrich

Rossbach

Rubner, Max

Rühle, Hugo

 

Sachs, Julius

Salkowski, Ernst

Schaper, Fritz

Schlemm, Friedrich

Schmidt, Alexander

Schmidt, Carl

Schönbein, Ch. Friedrich

Schönlein, Johann Lukas

Schubarth

Schwann, Theodor

Schwarz, Karl L. H.

Seebeck, Thomas Johann

Seipp

Semmelweis, Ignaz Philipp

Siemens, Werner von

Skoda, Joseph

Speck, Carl

Spinoza, Baruch

Sumner, James Batcheller

 

Traube, Hermann

Traube, Isidor

Traube, Ludwig

Traube, Wilhelm (1788-1864)

Traube, Wilhelm (1866-1942)

Trautschold, Hermann

Trendelenburg, Friedrich Adolf

 

Van 'tHoff, Jacobus Henricus

Virchow, Rudolf

Voit, Carl

Volkmann, Alfred Wilhelm von

Volkmann, Richard

 

Waldeyer, Heinrich Wilhelm von

Warburg, Otto Heinrich

Weinhold, Karl Gotthelf Jacob

Weiß, Christian Samuel

Wieland, Heinrich

Will, Heinrich

Wislicenus, Joh.

Wöhler, Friedrich

Wyssokowitsch

 

 

Es ist mir ein besonderes Anliegen, an dieser Stelle Herrn Doz. Dr. G. Sauer für das Thema und die engagierte Betreuung der vorliegenden Arbeit herzlich zu danken. Herzlicher Dank gilt auch Herrn Prof. Dr. sc. med. H. Berndt für wertvolle Hinweise. Ebenso möchte Herrn Prof. Dr. sc. med. Dr. phil. P. Schneck für die Bereitstellung von Literatur und persönliche Beratung danken. Nicht zuletzt bin ich der Urgroßnichte Moritz Traubes, Frau Prof. Dr. E. J. Engel Holland, für das freundliche Interesse und das Einverständnis, den Familiennachlaß Traube-Litten für diese Arbeit zu nutzen, dankbar.

 

 

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