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3.                Soziale Therapie als wissenschaftlicher und praktischer Beitrag zum Maßregelvollzug

Ein spezifisches Fallverstehen, die Benennung eines sozialtherapeutischen Arbeitsgegenstandes („das Soziale“), die Ansiedlung dieser Profession in Institutionen und nicht in freier Praxis bei gleichzeitiger Reflexion der beruflichen Praxis und persönlichen Anteile sind Eckpunkte der in den letzten 12 Jahren entwickelten Positionen sozialtherapeutischer Theoriebildung. In den wissenschaftlichen Methoden erfolgt Bezugnahme auf Verfahren der qualitativen Sozialforschung, wie z. B. der Biographieforschung, die Professionalisierungsdiskussion in der Soziologie, Institutionskritik, Analyse der individuellen, psychischen Faktoren psychosozialen Leidens in Psychologie und Psychoanalyse. „Soziale Therapie sollte die Problemfelder im Gesamtbereich der sozialpsychiatrischen Aufgaben systematisch analysieren und die dort möglichen Handlungsverfahren auf Mechanismen und Bedingungen hin untersuchen und ausgestalten.“ Dabei spielen Impulse aus Psychologie, Soziologie, Medizin und Pädagogik eine wichtige Rolle. Die Ausbildung einer sozialtherapeutischen Wissenschaft muss u. a. durch Forschungsarbeit geschehen, welche sich an folgenden Aspekten orientiert: 1.“Die Dynamik der Fallentfaltung sowie die Verfahren ihrer Analyse und Bearbeitung; 2. die Grenzen professioneller Handlungsmöglichkeiten; 3. die vom Professionellen selbst erzeugte sekundäre Problemnatur; 4.Probleme und Störungen in der kommunikativen Interaktion zwischen Professionellen und Klienten; 5.Probleme und Hindernisse der Interpretation im Diagnose-, Bearbeitungs- und Präsentationsprozeß; 6. die unaufhebbaren Paradoxien und systematischen Fehlertendenzen professioneller Arbeit.“ 

Das praktische berufliche Handeln ist u. a. gekennzeichnet durch die Entwicklung sozialtherapeutischer Behandlungs- und Rehabilitationskonzepte, Erstellung sozialtherapeutischer Diagnosen, Auswahl und Koordination therapeutischer Angebote im institutionellen Kontext, sozialtherapeutische Gruppen- und Einzelarbeit und die Erhebung der Erfolgskontrolle therapeutischer  Maßnahmen.

Historische Entwicklung

 Der Begriff „Soziale Therapie“ wird in mehreren Bereichen psychosozialer Problembearbeitung, seit den 20er Jahren meist unter der Bezeichnung „Sozialtherapie“ verwendet. Wronsky und Salomon führten den Begriff mit ihrer Veröffentlichung „Soziale Therapie - Ausgewählte Akten aus der Fürsorgearbeit“ 1926 ein. Für Unterrichtszwecke zusammengestellt und bearbeitet, enthielt diese Fallsammlung Berichte aus der „Familienfürsorge, der Trinkerfürsorge, der Gesundheitsfürsorge und Jugendwohlfahrt aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und während der Inflation.“ 

V. von Weizäcker greift den Begriff 1947 auf, der darunter ein psychotherapeutisches Vorgehen zur Veränderung der sozialen Umwelt im Sinne der Hilfe für den Patienten verstand. Ausdrücklich geht Weizäcker auf die Patientengruppe ein, die nicht im engeren Sinne psychotherapeutisch behandelt werden kann, hier sollte versucht werden, „jene Faktoren der sozialen Umwelt des Patienten zu verändern, welche das sozio-dynamische Gleichgewicht ... ungünstig beeinflusst hatten, dass es nun zum Krankheitsgeschehen gekommen war.“ In den 60er und 70er Jahren wird der Begriff auf verschiedene gesellschaftliche Problemfelder angewandt, so z. B. prägen die „Antipsychiatrie“[1]-bewegung, Selbsthilfeansätze in der Drogenarbeit und Resozialisierungsbemühungen im Strafvollzug (Einführung der „Sozialtherapeutischen Anstalt“ in das StGB 1977) Soziale Therapie unterschiedlich. Allen verschiedenen Wurzeln sozialer Therapie gemein ist aber eine umfassende sozialkritische Reflexion, als „Kritik an einer therapeutischen und sozialpädagogischen Praxis, deren Bezugssysteme ausschließlich orientiert sind an isolierten Individuen oder Kleingruppen, als Ausrichtung auf soziale Lebenszusammenhänge anstelle von Symptomzentrierung, als Förderung nach Veränderungsansätzen, die über den engen therapeutischen Rahmen hinausgehen und auf organisatorische und institutionelle Faktoren des psychosozialen Systems insgesamt zielen.“ 

Im Bereich der Psychiatrie zielte sozialtherapeutische Kritik an deren simpler Übertragung allgemein-medizinischer Vorstellungen und Praktiken. Die Vertreter der Sozialpsychiatrie warfen den klassischen psychiatrischen Institutionen vor, dass vermeintliche Krankheitssymptome von den Institutionen häufig selbstverursachte Schäden seien. „Denken und Handeln der Psychiatrie als Wissenschaft und Institution wurde auf die gesellschaftlichen Ursachen ihrer Entstehung und auf ihre gesellschaftliche Funktion kritisch hinterfragt“ (medizinischer Krankheitsbegriff, Normabweichung, soziale Kontrollfunktion der Psychiatrie etc.). Ein Meilenstein in der Entstehungsgeschichte der Sozialpsychiatrie in Deutschland ist die Gründung des „Mannheimer Kreises“ 1970, damals ein spontaner Zusammenschluss von in der Psychiatrie Tätigen. Wichtige Impulse entstanden in dieser Vereinigung, z. B. das von Pörksen entwickelte gemeindepsychiatrische Versorgungssystem. Aus dem „Mannheimer Kreis“ entwickelte sich später die „Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP)“, welche heute, verzweigt organisiert auf Bundes- und Landesebene eine zentrale Rolle im sozialpsychiatrischen Diskussionsprozess spielt.[2] Eine zweite Gruppierung, die „Aktion Psychisch Kranke“ kann als zweites Standbein des Reformbeginns der Psychiatrie ab Mitte der 70er Jahre bezeichnet werden: Durch eine Anfrage im Bundestag erreichte die Initiative 1974 die Einsetzung einer Enquete-Kommision, welche 1975 den „Bericht zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“ vorlegte - Ausgangspunkt der Psychiatriereform in den letzten 20 Jahren.

Im Bereich des Strafvollzugs sollte mit der Einrichtung sog. „Sozialtherapeutischer Anstalten“ die Fokussierung der Maßnahmen auf die Resozialisierung erreicht werden. Im Gegensatz zum herkömmlichen Strafvollzug sollte anstelle von Bestrafung und Verwahrung die Behandlung durch unterschiedliche Therapiemethoden (Psychoanalyse, Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie) und die Veränderung der Institution Justizvollzugsanstalt zur therapeutischen Einrichtung stehen. Das Dilemma bestand hier freilich im Zusammentreffen von Zwang und Therapie. Ob Therapie im Strafvollzug überhaupt möglich ist greift z. B. Rasch 1982 auf: „Schon von den theoretischen Voraussetzungen her kann kriminelles Verhalten allenfalls Anlass, nicht jedoch Grund für die sozialtherapeutische Intervention sein. Die institutionell-organisatorischen Widersprüche wie die Erkenntnis über die Gestörtheit und das Leiden des sogenannten Kriminellen führen zu dem Schluss, dass Behandlung im Sinn einer persönlichkeitsfördernden Therapie im System des Strafvollzugs nicht zu leisten ist.“ Ernüchternd und radikal zieht er den Schluss, dass Sozialtherapie als „Maßregel außerhalb des Vollzugs“ die Behandlung vom Strafgedanken lösen könnte, innerhalb des Vollzugs kein Hilfsangebot sei. In der Auseinandersetzung mit der von Mauch und Mauch gegründeten sozialtherapeutischen Anstalt Hohenasperg/Ludwigsburg wurde auch die Gefahr deutlich, dass und wie sich Sozialtherapie als Anpassungstechnologie an Sozial- und Anstaltsnormen verstanden/angewandt werden kann. Behandlungsziel sollte hier die „Abnahme der den antisozialen Reaktions- und Verhaltensweisen zugrunde liegenden Dynamik“ sein, „der so verstandenen Eingliederung ... werden gesellschaftspolitische Überlegungen nachgeordnet“. Grundlegend emanzipatorische Prinzipien der Sozialtherapie werden hier zugunsten einer suggestiven Einflussnahme auf die Teilnehmer psychotherapeutischer Gruppentherapie aufgegeben. Weitergehende Ansätze zur Bearbeitung der Problematik Behandlung-Strafe empfehlen eine „Entkoppelung von Therapie (-fortschritten, -willigkeit) und Vollzug durch Bindung der Aufenthaltsdauer [in einer sozialtherapeutischen Einrichtung, Anm. d. Verf.] an die Strafzeit und separate Festlegung des individuellen Lockerungsplanes.“ Weitere Impulse in der Geschichte der Sozialen Therapie kamen aus dem Bereich der Gemeindepsychologie, welche auf nordamerikanische „Mental Health“ - Ansätze zurückgreift und aus den psychosozialen Arbeitsgemeinschaften, welche „eine bessere Nutzung fachlicher und berufsspezifischer Ressourcen durch Kooperation von Fachleuten ohne einen radikalkritischen Änderungsansatz, der sich auf die Institutionen selber richtet“. Im Gegensatz zu von Experten entwickelten und umgesetzten sozialtherapeutischen Ansätzen stehen Selbsthilfegruppen, welche in eigener Sache, aus Betroffenheit und auf der Basis der Gleichheit und Zuständigkeit aller Gruppenmitglieder handeln. Die Bedeutung dieses Ansatzes liegt in der „Eröffnung eines kapazitätsstarken zweiten psychosozialen Versorgungsweges als Entlastung und Ergänzung der professionellen Tätigkeit,“ im „Therapieprinzip Gruppenselbsthilfe als Herausforderung der professionellen Methodik“ und der „Rollenveränderung von Arzt und Patient im Sinne einer Enthierarchisierung und Emanzipation der helfenden Beziehung.“ 

Wissenschaftlicher Hintergrund

1984 wurde der Aufbaustudiengang Soziale Therapie vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst genehmigt. Angestrebt war eine „Zusatzausbildung“ für Sozialarbeiter und -pädagogen mit mindestens dreijähriger Berufserfahrung und führt zu einem vollakademischen Abschluss mit Promotionsberechtigung. Von Beginn an waren zwei Ausbildungsschwerpunkte, „Psychisch Kranke“ und „Straffällige“ angeboten, entsprechend der beiden für soziale Therapie bedeutenden sozialgeschichtlichen Herkunftsachsen (Sozialpsychiatrie und Sozialtherapeutische Anstalt in der Strafrechtspflege). In der Studienpraxis wurde der Studiengang aber hauptsächlich durch Praktiker aus dem Bereich der psychosozialen Versorgung in Anspruch genommen, so dass hier der deutliche Schwerpunkt des Studiengangs liegt.

Sozialtherapeuten sollten nach Abschluss der Ausbildung „über therapeutische Erfahrungen mit Supervision und Selbsterfahrung verfügen, um z. B. verfahrene Situationen, Identifikationsmuster, Gruppenprozesse u. ä. beleuchten und konstruktiv verändern zu können. Darüber hinaus sollten sie auch in der Lage sein, intrainstitutionell sozialtherapeutische Rahmenbedingungen in Institutionen zu setzen, zu fördern und zu begleiten. Das heißt auch, diese Institutionen in ihren Funktionsabläufen und Bedingungsgefügen zu durchschauen und Ansätze für Veränderungen und deren Umsetzung auffinden zu können. Und das heißt außerdem, diese Ansätze anhand von Praxisforschung zu überprüfen.“ In der Prüfungsordnung des Aufbaustudiengangs sind die (wissenschaftlichen) Gebiete der Sozialen Therapie benannt: Theorie der sozialen Arbeit, Gesellschaftstheorie, gesellschaftliche Bedingtheit sozialer Therapie, Rechtsbereich, Institutionsanalyse, Sozialisationstheorie und empirische Sozialforschung.

Im Folgenden soll nun versucht werden einen Überblick  über wichtige theoretische, wissenschaftliche Bezugspunkte der sozialen Therapie zu geben. Dieser Überblick stellt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit; die Festlegung auf einzelne Ansätze geschah unter Berücksichtigung ihrer Relevanz für die vorliegende Arbeit, eine sozialtherapeutische Konzeptualisierung im Bereich der Arbeit mit psychisch kranken und suchtkranken Straftätern.

Wichtige inhaltliche Bezüge bestehen zu Ansätzen aus Sozialarbeit/-pädagogik, Soziologie, Psychoanalyse und sozialwissenschaftlicher Forschung. Diese Aspekte sollen hier wenigstens kurz umrissen werden:

Ein erster inhaltlicher Bezug besteht zur Sozialarbeit. Haag verweist auf den Mangel eigenständiger Theoriebildung und fehlender Grundlagenforschung. Sie benennt primäre und sekundäre Methoden, wie social casework, social group work, social community work und Praxisanleitung/Supervision, Forschung, Administration als zentrale Eckpunkte sozialarbeiterischer Theoriebildung. Gaertner bezieht sich auf die Ansätze einer kritischen Sozialarbeit, welche sich mit den institutionellen Parametern der Interaktion beschäftigt, was in seiner Analyse u. a. daran liegt, dass die gesamte Lebenspraxis zunehmend durch Institutionen geregelt und kontrolliert wird. Die Bedeutung für Sozialarbeit und darauf aufbauend auch für Sozialtherapie, liegt dabei in der Eigendynamik der Institutionen, welche über Stigmatisierungs- und Degradationsmechanismen die beteiligten Subjekte deindividualisiert. Sozialtherapie ist demnach von politischer Praxis nicht zu trennen. Erst als institutionskritische Bewegung entfaltet sie ihre gesellschaftsverändernde Kraft. Nur politisch bewusste Therapie ist zur gesellschaftlichen Analyse und Entwicklung entsprechender Interventionsstrategien, nicht nur auf der Ebene innerinstituioneller Reformen, und damit zur Ausdehnung des therapeutischen Bezugsrahmens in der Lage. Damit konstituiert sich eine Affinität von kritischer Sozialarbeit (im Bereich beratend-helfender Angebote) und Sozialtherapie. Gaertner benennt hier vier Bereiche: 1. Beide Verfahren richten sich auf deklassierte Bevölkerungsgruppen oder abweichende Minderheiten; 2. der Arbeitsansatz ist jeweils eher problem- denn methodenorientiert; 3. Gegenstand der Intervention ist nicht primär die individuelle Pathologie, sondern das gestörte Interaktionssystem; 4. Beide sind nicht ausschließlich am Kurieren von Symptomen, sondern an präventiven, alltagsbezogenen Strategien interessiert. 

Eine zweite theoretische Bezugnahme ist in der Psychoanalyse angesiedelt. Ohlmeier benennt psychosoziale Diagnostik, Therapie, Team- und Institutionsberatung und Forschung als theoretische Schlüsselbegriffe. Gaertner führt dazu aus: „Wenn wir uns mit der Psychoanalyse als einer grundlegenden Orientierung für die Begründung sozialtherapeutischer Theorie und Praxis beschäftigen, so in dem Bewusstsein, dass auch sie in der Gefahr steht, zur Sozialtechnologie sich zu verkehren. Gleichwohl stellt sie als wissenschaftliches System, als Paradigma, einen Typus therapeutischen Wissens dar, der sich, im Unterschied zu den meisten anderen Therapieformen, gerade nicht durch arbeitsteilige Spezialisierung, sondern durch Integration verschiedener theoretischer, praktischer und historischer Dimensionen auszeichnet.“ Das psychoanalytische Paradigma ermöglicht eine Sichtweise von Symptomen individuellen Leids als Ausdruck komplexer Interaktionen und ihrer Störungen, dementsprechend ist der therapeutische Prozess auch in der Interaktion angelegt. Als umfassende Theorie und Praxis richtet Psychoanalyse ihren Fokus auf die Störungen (Neurosenlehre) und deren Behandlung (Therapie). Auf einer weiteren Argumentationsstufe formuliert sich die psychoanalytische Entwicklungspsychologie (welche mit der Neurosenlehre verbunden ist) und darüber sind „phylogenetische“ Theorien angesiedelt, der Überbau der kulturhistorischen Entwicklung des Menschen. Damit werden Symptome in traumatischen Erlebnissen begründet angesehen, welche vom Betroffenen selbst nicht mehr erkannt werden. Im Prozess der Reaffektisierung (Analyse) werden diese Traumen wiedererinnert, die aktuellen Symptome können als Ausdruck der Biographie identifiziert werden. Im Prozess des Durcharbeitens werden diese Erlebnisse bewältigt. Für die Sozialtherapie ergibt sich daraus eine veränderte Rollensituation in der Beziehung Therapeut-Patient: „Das psychodynamische Verständnis der Analyse verändert den Status des Patienten. Er ist nicht länger Objekt der Behandlung, sondern wesentlich Träger des therapeutischen Prozesses.“ Grundlage für die Anwendbarkeit psychoanalytischer Theorie und Praxis ist das zu Grunde liegende Gesellschaftsbild, mit der Kernthese, dass das -gesellschaftlich- Vergangene im Individuum nicht ausgelöscht, sonder eher vergessen oder  verdrängt ist und damit im Einzelnen weiterlebt. Die Psychoanalyse enthält damit ein sozialtherapeutisches Engagement, wodurch die Möglichkeit gegeben ist, ihre therapeutisch-kritischen Impulse nicht nur dem Interesse einer privaten Klientel, sondern auch den Unterprivilegierten zur Verfügung zu stellen.[3] Als eine Antwort auf diesen Missstand deutet Gaertner die Entstehung unterschiedlicher Therapieformen (Psychoboom). Ein Defizit gilt jedoch für alle Therapierichtungen, wie auch für die Psychoanalyse selbst: die völlige Vernachlässigung der psychodynamischen Bedeutung der Institutionen und der sozialisatorischen Funktion institutionalisierter Interaktion, worin er den Gegenstand und die Legitimation der Sozialtherapie festmacht. Gaertner schlägt für die Sozialtherapie ein „interaktionelles Psychoanalyseverständnis“ vor. Ein in diese Richtung gehendes theoretisches Modell und eine gruppentherapeutische Methode liegt, mit der „Psychoanalytisch-interaktionellen Gruppenpsychotherapie,“ als Modifikation einer im Wandel begriffenen Psychoanalyse vor. Ausgerichtet auf eine Zielgruppe mit entwicklungsbedingt strukturellen Ich-Störungen, arbeitet die Methode weniger mit dem analytischen Prinzip der „Deutung“ sondern vorrangig mit dem interaktionellen Prinzip „Antwort“. Damit liegt ein Ansatz zur Arbeit mit Zielgruppen vor, die mit klassisch analytischen und psychotherapeutischen  Ansätzen nicht erreicht werden können. Durch die Fokussierung der Interaktion ist dies m. E. auch eine geeignete Methode im Arbeitsbereich sozialer Therapie.

Aus soziologischer Sicht werden Theorien zur Professionalisierung, Institutionsanalyse, Kommunikationstheorie, den Theoriediskurs um die Herstellung von Wirklichkeit, Alltag, Biographie und Identität, sowie die Verfahren der Ethnographie und die der interpretativen/rekonstruktiven Sozialforschung eingebracht. Bedeutsam ist hier der Beitrag Gildemeisters, welcher die Ausformung psychosozialer Hilfsangebote in Form der „Inszenierung von  Gemeinschaft“ beschreibt und analysiert. Neuere Ansätze der Identitätstheorie, welche den historischen Prozess der Individualisierung aufgreifen, werden hier für soziale Therapie einbezogen: Personen konstituieren sich nicht mehr über die Zugehörigkeit oder Mitgliedschaft zu einem sozialen Aggregat, sondern über ein „...eigenständiges Lebensprogramm. Der einzelne selbst wird zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen. ... Dies heißt nichts anderes, als dass Grundprobleme sozialer Integration auf die Individualebene verschoben werden und dort abgearbeitet werden müssen. Soziale Integration, ‘Sinn’ ist als Identitätsleistung gefordert. Kompetenzstrukturen des Individuums sind demnach Fähigkeiten, widersprüchliche Erwartungen in verschiedenen Dimensionen zu balancieren und zu integrieren. Funktioniert diese Identitätsleistung, dieser Individualisierungsprozess nicht, kommt es zu „Störungen in der Person“, welche, als Übersetzung von lebensgeschichtlich erworbenen psychischen Strukturen, in soziales Handeln (als Auffälligkeit, Delinquenz etc.) zum Problem werden. Die in der Bearbeitung dieser „Störungen“ entstandenen psychosozialen Einrichtungen werden als Zwitterwesen beschrieben, welche zum einen formale Organisationen im System von Versorgungseinrichtungen sind, zum anderen aber für ihre Adressaten lebensweltliche Qualität, „lebensweltlichen Charakter“ haben. Stationäre Versorgungsangebote (Kliniken, Wohnheime, Übergangseinrichtungen) reagieren mit Behandlungskonzepten, welche ein kommunikatives Umfeld schaffen, das auf eine soziale Verankerung in der Institution zielt und „u. a. dadurch ‘tieferliegende’ Defizite der Person - Identitätsprobleme - zu bewältigen/bearbeiten hilft.“ Durch „Herstellung von Gemeinschaft“  sollen individuelle Problemlagen, der Verlust von Normalität, soziale Defizite bearbeitet werden. Eine solche Kompensation sozialer Defizite beinhaltet aber eben auch Gefahren, z. B. „die der Instrumentalisierung der sozialen Dimension, einer sozialtechnischen Prozessierung des Problems und der Person.“ Für die Sozialtherapie bedeutet das zu berücksichtigen, dass psychosoziale Probleme kontextuell angelegt sind. „Inszenierte Gemeinschaften“ reagieren mit dem Angebot von sozialem Kontext. „Die Qualifikation des sozialtherapeutischen Praktikers besteht dann genau darin, den Kontext zu nutzen, zu gestalten, um ihn zu wissen.“ 

Ein letzter wissenschaftlicher Bezugspunkt soll hier noch erwähnt werden, die selbstkritische Hinterfragung sozialtherapeutischer Arbeit durch Praxisforschung, die Entwicklung sozialtherapeutischer Theorie durch sozialwissenschaftliche (qualitative) Forschung. Haag stellt 1979 fest, dass Forschung in der Sozialarbeit zugunsten von Handlungsaktionen vernachlässigt wurde. Erst im Zuge der Professionalisierungsdebatte wurde die Notwendigkeit einer eigenen Theoriebildung durch Forschung erkannt. Ihr Ansatz ist eine interdisziplinäre Sozialarbeitsforschung, wobei der Handlungsaspekt der Sozialarbeit gleichrangig berücksichtigt werden muss. Die Frage nach der Effizienz sozialarbeiterischer Hilfen sollte durch Leistungsanalysen, Wirkungs- und Erfolgskontrollen kritisch hinterfragt werden. Weitere Forschungsansätze zur Analyse der im sozialtherapeutischen Feld (v. a. psychosoziale Hilfsangebote) angesiedelten Institutionen finden sich in der bereits oben kurz umrissenen Arbeit Gildemeisters. Erste Überlegungen aus dem Aufbaustudiengang Soziale Therapie liegen mit der Arbeit K. Steegs zur sozialwissenschaftlichen Biographieanalyse als Grundlage für sozialtherapeutische Arbeit vor. Dabei bezieht sie sich auf die Auseinandersetzung mit der konkreten Lebensgeschichte eines Psychiatriepatienten und entwickelt daraus Überlegungen zur beruflichen Anwendung der sozialwissenschaftlichen Biographieforschung unter Bezugnahme zu den Arbeiten G. Riemanns. Ein derartiger Forschungsansatz gibt  Aufschluss über die Prozesse, die zur Aufschichtung der sozialen und psychischen Probleme geführt haben, die aber in konventioneller sozialpädagogischer Bearbeitung nicht deutlich werden und dadurch unbearbeitet bleiben. So kann z. B. die aktuelle Leidenssituation eines Klienten durch soziale und kognitive Schwierigkeiten, als auch durch die Folgen der psychiatrischen Behandlung und Etikettierung mit entsprechendem sozialem Abstieg, beschreibbar und bearbeitbar gemacht werden. Der spezifisch sozialtherapeutische Ansatz, der sich aus der Biographieforschung ergibt, gliedert sich dabei in eine Phase der Problem- und Situationsdefinition, die biographische Beratung (nochmals untergliedert in die kognitive Bearbeitung der Probleme und Beziehungsarbeit) und Unterstützungsleistungen auf der Handlungsebene (im individuellen Bereich als Training und als Hilfe bei der Beeinflussung der sozialen Umwelt). Steeg knüpft dabei hohe Erwartungen an die Methode, wenn sie formuliert: „Ich halte daher die Biographieanalyse für ein wichtiges Arbeitsinstrument in der Sozialpsychiatrie, will man psychisch Leidenden in Zukunft die folgenreichen Entfremdungserfahrungen und Identitätszuschreibungen ersparen und die damit zusammenhängende gesellschaftliche Ausgrenzung verhindern.“


                  Der Gegenstand der Sozialen Therapie

Soziale Therapie ist, nach den Vorbemerkungen zum Aufbaustudiengang, “zu verstehen als interdisziplinärer Ansatz, der eine erhöhte Reflexions- und Handlungskompetenz herausbildet ... Der Begriff Soziale Therapie bedeutet, dass dieses Leiden nicht aus den sozialen Bezügen, in denen es entstanden ist, herausgelöst und einer isolierten Behandlung zugeführt wird sondern, dass das therapeutische Handeln in doppelter Perspektive sowohl an den sozialen wie an den psychischen Konflikten ansetzt. Soziale Therapie wendet sich primär dem Elend sozial vernachlässigter Bevölkerungsgruppen zu, die bisher in den konventionellen, meist individualtherapeutischen Angeboten zu kurz gekommen sind.“ Was ist, wenn man dieser Vorgabe folgt, der Gegenstand der sozialen Therapie? Therapie? Das Elend? Das Soziale? Das soziale Elend? Schwendter nähert sich dem Gegenstand der sozialen Therapie in der Diskussion der politischen Bedeutung von Therapie, welche er „als jenen Umgang mit Entfremdungserfahrungen, der gemeinsam oder vereinzelt, mit oder ohne abgetrennt-eigenständige Professionelle, stattfinden kann,“ begreift. Er führt weiter aus, dass die Authentizität sozialer Therapie aus ihrem Doppelcharakter entsteht: „Mir ist kaum ein Symptom, eine Entfremdungserfahrung bekannt,  die nicht gleichzeitig aus dem gesamtgesellschaftlichen Herrschaftszusammenhang, gleichzeitig aus jenem Leiden, welches durch die Beeinflussung von Wünschen, Bedürfnissen und Interessen im Gesamtzusammenhang herrührt.“ Die soziale Bedingtheit des Leidens von Individuen und Gruppen steht im Fokus sozialer Therapie. Oder einfacher formuliert: Gegenstand der sozialen Therapie ist „das Soziale.“ Gildemeister und Robert benennen diese „Dimension des Sozialen“, ausgehend von einer -noch ausstehenden- Professionalisierung der sozialen Therapie. „Professionelles Handeln als ‘widersprüchliche Einheit’ von Theorieverstehen, Regel-Wissen und Fallverstehen konstituiert die Einheit von Theorie und Praxis in der Person des Professionellen.“ Als Beispiele einer gelungenen Professionalisierung nach klassischem Muster führen sie Medizin und Jura mit ihren spezifischen „Gegenständen“ Krankheit (als objektivierbarer, eigendynamischer Ablauf im biomedizinischen Verständnis) und Recht (als normbestandswahrender Handlungsansatz) an. Die dadurch entstehende Perspektivik läßt eine spezifische Situationsdefinitionen entstehen. Für die Soziale Therapie bedeutet das, dass der Klient nicht „nur im Sinne eines (monadischen) Individuums“ gesehen werden kann, sondern „immer um ein Verständnis des Klienten im Kontext, vor allem in seiner sozialen Eingewobenheit.“ Das drückt sich in einem spezifischen Fallverstehen aus, in dem nicht vorverfasste Kategorien und Typen bekannter Fälle angewandt werden, sondern in dem die „Herstellungslogik der sozialen Einheit, des jeweiligen Falls zunächst einmal elementar rekonstruiert“ wird. Diese „Dimension des Sozialen“ meint grundlegend die Ebene, in der „wir uns als soziale, gesellschaftliche Wesen herstellen, die Verfahren, die wir dabei zur Anwendung bringen, unsere Sozialität im allgemeinen und deren je konkrete Formen und Ausprägungen.“ Die soziale Dimension der Sozialen Therapie umfasst damit