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Zusammenfassende Bemerkungen zur Entwicklung Deutschlands in den ersten Nachkriegsjahren

 

„Wie kann die Welt vor 70 Millionen Deutschen in Sicherheit leben?"

Diese Frage stellte der britische Staatsminister Anthony Nutting in einem geheimen Strategiepapier während der Berliner Außenministerkonferenz im Januar 1954. Es war dies eine Frage, die nicht nur Anfang der fünfziger Jahre relevant war, als Deutschland bereits gespalten war, sondern von Anfang an die Nachkriegsplanungen der Alliierten bestimmte. Wie war dieses Ziel zu erreichen?

Einig waren sich die Mitglieder der Anti-Hitler-Koalition darin, Deutschland und die Deutschen zu entmilitarisieren, zu entnazifizieren und zu »demokratisieren« [siehe Potsdamer Abkommen]. Aber sollte Deutschland als Einheit erhalten bleiben, oder war es besser, es in unabhängige Einzelstaaten zu »zerstückeln«? Oder sollte es gar in einen »Agrarstaat« zurückverwandelt werden, wie der US- Finanzminister Henry Morgenthau meinte? Für die Zeit der Besatzung wurde Deutschland zunächst einmal in Zonen eingeteilt. Am Ende des Krieges waren sich die Sieger - mit Ausnahme Frankreichs - einig, dass das, was von Deutschland übriggeblieben war, als Einheit erhalten bleiben sollte - gemeinsam verwaltet von den vier Alliierten.

In der Realität erwies sich dies jedoch schon bald als Illusion. Jede Besatzungsmacht verfolgte in ihrer Zone eigene Ziele. Mit Blick auf die Entwicklung in der sowjetischen Zone wurde in London schon früh eine »russische Gefahr« diagnostiziert, die dann zum Dreh- und Angelpunkt der britischen Deutschland- und Außenpolitik wurde.

Bereits Anfang 1946 wurde im [britischen] Foreign Office von einer möglichen Teilung Deutschlands gesprochen, während Frankreich das Ruhrgebiet von Deutschland abtrennen wollte. Die Amerikaner schlossen damals eine Neutralisierung Deutschlands nicht aus. Sie scheiterten dabei am Veto der Sowjets. Schließlich wurden die britische und die amerikanische Zone zur »Bizone« zusammengelegt - ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Teilung.

1947 brach der Kalte Krieg dann offen aus; mit dem Marshallplan begann eine neue Phase in den Ost-West-Beziehungen.

Deutschland war nicht die Ursache dieses Kalten Krieges, aber ein entscheidender Faktor. Die Westdeutschen blickten schon früh voller Angst nach Osten, waren sehr schnell bereit, den Weg in die Teilung mitzugehen, sie forcierten diese Entwicklung sogar. Höhepunkt war die

Ministerpräsidentenkonferenz in München im Juni 1947. Als die ostdeutschen Regierungschefs den Sitzungssaal der bayerischen Staatskanzlei verließen, kommentierte dies der bayerische Ministerpräsident Hans Ehard mit den Worten, dass »dieser Vorfall die Spaltung Deutschlands bedeute«.

Im Dezember 1947 scheiterte die Außenministerkonferenz in London. Anschließend war es nur noch eine Frage der Zeit bis zur Durchführung der Teilung und zur Gründung der Bundesrepublik und der DDR im Jahr 1949.

Gab es damals Möglichkeiten, diese Entwicklung aufzuhalten oder gar zu verhindern? Sir Brian Robertson, der britische Militärgouverneur, und George F. Kennan, der Leiter des Politischen Planungsstabes im State Department in Washington, sahen diese Möglichkeit im Sommer 1948, konnten sich aber nicht durchsetzen, was nicht verwundert. »Die Russen sind auf dem Rückzug«, wie dies der amerikanische Außenminister George Marshall im September 1948 formulierte. Nach Meinung der Briten warfen die westdeutschen Politiker damals auf dem Wege zur Weststaatgründung »alle ihre Zweifel über Bord«. Und Stalin? Wollte er die Einheit erhalten? Und wie sahen das seine bereitwilligen Helfershelfer in der sowjetischen Besatzungszone, die deutschen Kommunisten? Sie drängten jedenfalls frühzeitig auf einen eigenen Staat.

Adenauer hat die Integration der Bundesrepublik in den Westen forciert betrieben - und entsprach damit genau den Vorstellungen der Westmächte. Die Bindung der Westdeutschen an den Westen sollte so sein, dass sie, wie es der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower 1953 einmal intern formulierte, »nicht mehr ausbrechen können«. Ausbrechen auch in Richtung Osten als die zweite mögliche Gefahr. Bei den Westmächten saß der Rapallo-Komplex tief, die Furcht vor einem Zusammengehen der Deutschen mit den Russen war latent vorhanden. Mit der deutschen Wiederbewaffnung im Rahmen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, so der amtierende britische Außenminister Lord Salisbury gegenüber Premierminister Churchill 1953, habe man »alles nur Menschenmögliche getan, um ein deutsch-russisches Zusammengehen zu verhindern«; dies sei »der eigentliche Sinn« der Verträge.

Und dann kam 1952 die »Stalin-Note«. Die Weigerung Adenauers, das sowjetische Angebot auf seine Ernsthaftigkeit zu prüfen, nannte der Politologe Waldemar Besson schon vor Jahren den ‚Verlust der gesamtdeutschen Unschuld’.

Das Urteil des altgedienten Diplomaten Paul Frank fällt gleichermaßen hart aus: diese Weigerung widerspreche dem Berufsethos des Diplomaten, »sie stellt eine historische Schuld gegenüber dem Gedanken der deutschen Einheit dar, die eigentlich jenen, die das zu verantworten haben, den Mund für immer hätte verschließen müssen, wenn von Wiedervereinigung die Rede war«.

Gab es 1953 eine Chance zur Wiedervereinigung? Hat der Aufstand vom 17. Juni alles zerstört? Gab es 1955 eine weitere Chance? Fragen, die wir immer noch nicht hundertprozentig beantworten können. Wie dem auch sei: 1955 wurde die Bundesrepublik Mitglied der NATO, die DDR Mitglied des Warschauer Paktes. Die Spaltung des Landes schien die Antwort auf die Frage zu sein, wie die Welt vor 70 Millionen Deutschen in Sicherheit leben könne. [WICHTIG: beide deutschen Regierungen sprachen sich im Grunde genommen für eine Teilung aus, wenn offizielle Bekundungen auch anders lauteten.]

(aus: Steininger,Rolf. Deutsche Geschichte seit 1945. Darstellung und Dokumente in 4 Bdn. Bd.1 und 2. FfM: Fischer, 1996.)

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