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Der Antisemitismus- eine Zusammenfassung

  

Rückblick- Antike bis Weimarer Republik

Seit den Aufständen gegen die römische Herrschaft in den Jahren 66-73 und 132-135 n. Chr. lebten die Juden als religiöse und kulturelle Minderheit überall im Römerreich zerstreut. Da sie an ihrem Glauben und an ihren Sitten festhielten und sich weigerten zum Christentum überzutreten, wurden die jüdischen Minderheiten vor allem im christlichen Mittelalter als gesellschaftliche Fremdkörper empfunden und in eine Außenseiterrolle gedrängt. Die Kirche gab ihnen die Schuld am Opfertod Christi, andererseits standen die jüdischen Gemeinden in den Städten unter dem Schutz des Kaisers und zahlten dafür eine Judensteuer. Dennoch wurden sie in abgeschlossene Stadtgebiete (Gettos) verbannt.

Da ihnen der Erwerb von Grundbesitz und die Ausübung des Handwerks innerhalb der Zünfte untersagt war, drängte sie die Obrigkeit in den Handel und Geldverleih ab, zumal den Christen das Zinsnehmen als Wucher verboten war. Religiöse Vorurteile, wirtschaftlicher Neid und das Bedürfnis der Gesellschaft, Sündenböcke für Schwierigkeiten, Schuld und Not namhaft zu machen, führten besonders seit den Kreuzzügen im 11. Jahrhundert zu antijüdischen Legendenbildungen. Man warf den Juden Hostienschändung, Brunnenvergiftung und die Verantwortung für die 'Pest vor. Vor allem seit den Kreuzzügen brachen immer wieder Verfolgungen und Austreibungen über die jüdischen Gemeinden herein.

In der Zeit des Absolutismus zogen die Fürsten reiche jüdische Geldgeber häufig zur Finanzierung der aufwendigen Hof- und Staatsausgaben heran, was ihnen wiederum den Hass der Bevölkerung einbrachte. Die Gleichberechtigung, die den Juden endlich unter dem Einfluss des Toleranzdenkens der Aufklärung zuerkannt und z. B. in der Verfassung der USA (1787), der Französischen Revolution (1791) und in den preußischen Reformgesetzen (1812) garantiert wurde, kam aber im Allgemeinen nur denjenigen zugute, die sich taufen ließen. Doch selbst die getauften (assimilierten) Juden konnten nicht Offiziere werden oder Staatsämter wahrnehmen. Nach der Öffnung der Hochschulen blieben den Juden daher nur die sog. freien Berufe - Ärzte, Juristen, Journalisten, Kunst- und Geisteswissenschaftler-, weiterhin der Handel und das Bankgeschäft zugänglich. Hier errangen sie z. T. eine vergleichsweise starke Stellung.

Gegen diese neue Position des Judentums in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts richtete sich im nationalen Bürgertum eine neue antisemitische Bewegung, der Rassenantisemitismus. Die Juden wurden zum rassisch minderwertigen Fremdkörper gestempelt, der die germanische Rasse vernichten, das deutsche Kulturleben zersetzen und vor allem über seine Stellung im internationalen Finanzjudentum nach der Weltherrschaft streben wolle, während sich gleichzeitig in den liberalen Parteien und in der Sozialdemokratie jüdische Journalisten und Politiker (z. B. Marx, Lassalle, Bernstein) für Demokratie und Arbeiterbewegung einsetzten. 1897 gab es im Reichstag 16 antisemitische Abgeordnete, die aus Teilen des Zentrums, der evangelischen christlich-sozialen Partei oder nationalvölkischen Gruppen kamen. Antisemitisch war auch der Kreis um den Opernkomponisten Richard Wagner eingestellt. In Wien, wo sich Hitlers politische Vorstellungen formten, wandten sich Deutsch-Nationale vor allem gegen die Ostjuden, die seit den wiederholten Judenverfolgungen in Russland und Polen im Anschluss an die Ermordung des Zaren Alexander II. (1881) in großer Zahl in Österreich ein­wanderten. In der Weimarer Republik machte der deutsch-nationale, völkische und nationalsozialistische Antisemitismus die Juden für die Revolution, den Zusammenbruch 1918 und für den Vertrag von Versailles verantwortlich.

 

Der nationalsozialistische Antisemitismus

 Die nationalsozialistische Rassenlehre übernahm die traditionellen antisemitischen Vorurteile vor allem des Rassenantisemitismus ("arisches Blut" werde durch Vermischung mit jüdischem zersetzt, es gebe eine internationale Verschwörung des Judentums mit Weltherrschaftsabsichten) und weitete sie zur Propaganda gegen den angeblich jüdischen Liberalismus und Marxismus aus. Als erste Antwort auf Proteste aus dem Ausland gegen die nationalsozialistische Machtübernahme organisierten Aktionskomitees der NSDAP am I. April 1933 einen Boykott jüdischer Geschäfte (Grundsatz: "Kein Deutscher kauft noch bei einem Juden!"), Ärzte, Rechtsanwälte und Zeitungen. Einzelverordnungen auf der Grundlage des Gesetzes "zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" (11. April 1933) führten nach und nach zur Ausschaltung der Juden aus allen Berufszweigen außerhalb von Handel, Industrie und Gewerbe. Im Falle der jüdischen Kaufhäuser wurden allerdings aus volkswirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Gründen zunächst Stützungsmaßnahmen ergriffen. Daneben förderte der Staat schon frühzeitig Auswanderungsabsichten von Juden; ihr Vermögen wurde bei Auswanderung eingezogen.

Die gesetzlichen Maßnahmen gegen die Juden fanden ihren Höhepunkt in den Nürnberger Gesetzen, verkündet auf dem "Reichsparteitag der Freiheit" 1935: Für alle Juden galt das Ausnahmerecht. Zum Reichspogrom (von den Nationalsozialisten höhnisch "Reichskristallnacht" genannt) kam es, als 1938 in Paris ein junger Jude den deutschen Gesandtschaftsrat ermordete. Durch eine Goebbels-Rede aufgehetzt zündeten in einer organi­sierten Racheaktion SA-Leute und Parteimitglieder am 9./10. November 600 jüdische Gotteshäuser an, demolierten jüdische Geschäfte und Wohnungen: ,,91 Fälle von Tötungen" (Oberstes Parteigericht der NSDAP) wurden registriert, der Sachschaden betrug mehrere Millionen RM. Über 26 000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Aus ihrem und dem Vermögen anderer jüdischer Mitbürger erhob man eine "Bußzahlung" von einer Milliarde RM. Juden durften Theater, Konzerte, Museen usw. nicht mehr besuchen, sie mussten einen "Judenstern" tragen und erhielten ein "J" in ihren Pass eingestempelt.

Ihren grausigen Höhepunkt erreichten die Verfolgungen im Krieg. Seit Beginn des Polenfeldzugs übernahmen Einsatzgruppen der SS in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten Eu­ropas die Erfassung, Deportation und Erschießung von Juden. Unter sorgfältiger Geheimhaltung schleuste nach der Wannsee-Konferenz 1942 eine perfekt organisierte Mordmaschinerie die Juden aus allen besetzten Ländern in Vernichtungslager. Die Zahl der Menschen, die dieser "Endlösung der Judenfrage" (erst seit ca. 1990 allgemein "Holocaust" genannt) und den vorausgegangenen Maßnahmen zum Opfer fielen, wird auf fünf bis sechs Millionen geschätzt. Vor allem die SS versuchte außer den Juden noch andere Minderheiten "auszumerzen". In den besetzten Gebieten wurden "fremdvölkische" Minderheiten und Kriegsgefangene planmäßig dezimiert, insbesondere polnische und russische Intellektuelle.

Dazu wurden zwischen 1933 und 1945 die politischen Gegner, insbesondere Kommunisten, Sozialdemokraten, aber auch besonders aufrechte Christen Opfer des Terrorsystems. Darüber hinaus versuchten Partei und Staat, im Krieg auch mithilfe der Wehrmacht, ihre rassistischen Ziele durchzusetzen: Zigeuner, Geisteskranke, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Intellektuelle in den besetzten Ländern, v. a. aber Kriegsgefangene aus Osteuropa wurden systematisch verfolgt und auch getötet.

 (aus: Schmid. Fragen an die Geschichte Das 20.Jahrhundert. Berlin: Cornelsen, 1999. S.73, 76f.)

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