Page archived courtesy of the Geocities Archive Project https://www.geocitiesarchive.org
Please help us spread the word by liking or sharing the Facebook link below :-)


Der 1.Weltkrieg: Diskussion der Kriegsschuldfrage

 

Dieser zusammenfassende Text führt in die historische Diskussion der „deutschen Schuld“ am 1.Weltkrieg ein und zieht außerdem Verbindungslinien zu der späteren deutschen Entwicklung, die die Bezeichnung des 1. WK als  „Urkatastrophe des 20.Jhdts“ erläutern.

 

In allen Ländern waren bürgerliche Existenzen ruiniert, Arbeiter von Verelendung bedroht. Eine weit reichende, nicht in Zahlen zu fassende Folge des "Großen Krieges", war jedoch der Einfluss der Kriegserlebnisse auf die Menschen, der das bisherige Leben nachhaltig veränderte.

Fast zwangsläufig stellt sich die Frage nach der Schuld für dieses unvorstellbare Ausmaß an Zerstörung und Leid. Die Kriegsschuldfrage beschäftigte seit dem Ende des Ersten Weltkriegs immer wieder Politiker wie Historiker.

Der Versailler Vertrag wies im Artikel 231 die alleinige Kriegsschuld dem Deutschen Reich zu. Ein wesentlicher Grund für dieses Urteil lag auch darin, den Gebiets- und Reparationsforderungen gegen das Reich eine moralische Rechtfertigung zu geben.

Der Vorwurf der deutschen Alleinschuld löste eine Kriegsschuld-Forschung aus, intensiv und langwierig [...]. Nach 1914 bestand auf deutscher Seite weitgehend die Tendenz, die These vom "aufgezwungenen Krieg" zu untermauern. Hier liegen die Wurzeln für die Außenpolitik der Weimarer Republik, die eine Revision des Versailler Vertrages durch Diplomatie erstrebte. Der nationalsozialistischen Politik diente die Feststellung einer „Unschuld  Deutschlands am Ersten Weltkrieg“ als propagandistische Ausgangsbasis für den zweiten Weltkrieg.

Nach 1945 sah die Geschichtswissenschaft die Kriegsschuldfrage komplexer und versuchte, zu einem differenzierten Urteil zu gelangen.

1961 entfachte der Historiker Fritz Fischer mit seinem Buch "Griff nach der Weltmacht" eine die Fachwelt wie die Öffentlichkeit erregende, kontrovers geführte Diskussion über die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges. Fischers Kernthese lautet: Der Erste Weltkrieg sei die zwangsläufige Folge der nach Weltgeltung drängenden deutschen Politik nach 1871.

In einem weiteren Buch Fischers, "Wir sind nicht hineingeschlittert", erschienen 1983, widersprach er noch einmal der die deutsche Kriegsschuld relativierenden Ansicht vom "Schuldlos-schuldig-werden" aller Beteiligten. Diese Feststellung nahm das Urteil des englischen Kriegspremiers Lloyd George wieder auf, der die Juli-Krise von 1914 mit den Worten kommentiert hatte: "Keiner der führenden Männer dieser Zeit hat den Krieg tatsächlich gewollt. Sie glitten gewissermaßen hinein, oder besser sie taumelten oder stolperten hinein, vielleicht aus Torheit." Fischer bestritt die Behauptung von der nur relativen Schuld Deutschlands und wollte beweisen, dass deutsche Präventivkriegsabsichten und die Kriegszielprogrammatik den "Griff nach der Weltmacht" erkennen ließen. Darüber hinaus ging es ihm darum, die Kontinuität der Denkmuster und Ziele in Deutschland zwischen 1914 und 1945 bewusst zu machen. Seine Aussagen richteten sich gegen "einen kollektiven Größenwahn des zumindest größten Teils der einflussreichen Schichten in Deutschland" ,wie es der Historiker Klaus Epstein formulierte.

Auch, die neueste - wenn auch etwas spekulative - Veröffentlichung über den Krieg, die des jungen englischen Historikers Niall Ferguson "Der falsche Krieg" (Stuttgart 1999) beschäftigt sich mit Schuld an der „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs und weist die These von Deutschlands Alleinschuld zurück.

In dem Streit zeichneten sich schließlich Kompromissformeln ab. So wurde die Ansicht laut, die Deutschen hätten in der Julikrise deshalb so bedingungslos kriegsentschlossen hinter Österreich-Ungarn gestanden und seien das Kriegsrisiko bewusst eingegangen, um Österreichs Großmachtstellung zu sichern. In Süd-Ost-Europa hätte es gerade zur Friedenssicherung eines als Großmacht respektierten Österreichs bedurft.

Die aktuell gültige Forschungsrichtung schließt an Fischers These an, relativiert sie aber auch: Die „Theorie des kalkulierten Risikos“ besagt, dass die deutsche Führung den Konflikt im Juli 1914 bewusst verschärft habe, um

Der Krieg war also nicht unausweichlich, seine Ursachen waren vielschichtig und zum Teil schon Jahrzehnte vorher angelegt:

 

Im folgenden werden die Aspekte aufgezählt, die die Entwicklung des Deutschen Reiches zum 1.WK erklären können (àUrsachen):

 

 

Faktoren des Kriegsausbruchs

 

Einige weitere Faktoren waren schließlich die Auslöser für den Ausbruch der bewaffneten Konfrontation im Juli 1914:

 

Der Automatismus einer in Gang gesetzten Kriegsmaschinerie war wirksam geworden. Nationalistischer Geltungsdrang, der jahrzehntelang die Außenpolitik beherrscht und Krisen heraufbeschwor hatte, begann sich zu entladen.

Hinzu kam, dass auch der Mobilmachungsmechanismus in den einzelnen Ländern an Eigendynamik gewann.

Anders gesagt: wie in jedem Krieg gab es auch im 1.WK genügend Menschen, die vom Leid, Tod und Verderben der anderen Menschen Profit ziehen konnten (v.a. Rüstungsindustrie)

 

Seit den mit Napoleons Massenheeren geführten Schlachten Ende des 19., Anfang des 20.Jhdts, blieb die Art der Kriegsführung ziemlich unverändert. Mit dem 20. Jahrhundert erhielt sie eine radikal andere Dimension. 1914 trat die Menschheit in das Zeitalter des „Großen Kriegs“. Zum ersten Mal vollzogen sich die Auseinandersetzungen zwischen den Völkern nicht mehr in begrenzten Territorien.

 

Durch den Ersten Weltkrieges veränderte sich die Machtkonstellation nachhaltig: Europa verlor seinen globalen Führungsanspruch. Zwei neue, im späteren Verlauf die Weltpolitik bestimmende, Mächte traten 1917 auf den Plan:

das bolschewistische Russland mit seinem marxistisch-leninistisch untermauerten Weltherrschaftsanspruch und die wirtschaftlich starken Vereinigten Staaten.

1917 begann eine neue Epoche:

Die modernen Supermächte USA und Russland bestimmten das Schicksal der Länder.

Wilson propagierte dabei einen Bund freier, demokratischer Staaten. Lenin hingegen vertrat die marxistische Lehre vom notwendigen Untergang des Kapitalismus und dem Sieg des Sozialismus.

Erstmals zeigten sich mit dem Ersten Weltkrieg die ideologischen Gegensätze, die die Beziehungen der Staaten in der Folgezeit bestimmen würden.

 

à Man sieht deutlich, dass die deutsche Geschichte, mindestens seit dem 19.Jhdt, spätestens seit der Reichsgründung 1871 Verbindungslinien und Kontinuitäten enthalten hat, die den Weg in 2 Weltkriege erst ermöglichten. Allerdings muss auch festgestellt werden, dass die Entwicklung hin zu Hitler, NS und Holocaust nicht zwangsläufig gewesen ist!! D.h. sie wurde zwar ermöglicht, war aber nicht unausweichlich (vgl. dazu Goldhagen-Debatte, dass „die“ Deutschen durch einen (quasi vererbten und erlernten) ausmerzenden Antisemitismus getrieben worden seien).

Siehe auch Link zu „Von Bismarck zu Hitler“ (Sebastian Haffner)

1