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Musical

1981 gewann Eugen Thomass den Musicalpreis der Stadt Hagen. "Kasi und Cress" hieß der Beitrag, mit dem er sich beworben hatte. Ein "musikalischer Bericht", nicht eigens für den Wettbewerb geschrieben, aber er war genau das, was sich die Juroren, zu denen u. a. der Komponist und Schlagersänger Udo Jürgens gehörte, vorgestellt hatten. Es ging um die Jugend, das Heranreifen, um das Bewältigen von Konflikten. Das Stück wurde 1982 für die Städtische Bühne Hagen inszeniert und dort mit Erfolg aufgeführt.
Eugen Thomass nahm dies zum Anlass, um sich Gedanken um die Philosophie des Musicals zu machen, und Norbert Neukamp versuchte das Werk einzuordnen - in einem Beitrag für das Programmheft.

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An den Rand gekritzelt...
Eugen Thomass über die Philosophie des Musicals

Von Bomben und Raketen quillt sie über, unsere Welt. Die Rückstände nur mäßigen Wohlstands vergiften Meere, zerfressen Wälder. Zwischen ideologischen Sprengstoff, der überall herumliegt, wird zügellos gezündelt. Kann man da eigentlich noch die Unbefangenheit haben, ein Spiel auf die Bühne zu stellen, sich um nichts weiter als Liebe, Eifersucht, Melodien und eher harmlose Generationskonflikte zu kümmern?
Ich habe den Verdacht, dass die, die uns regieren, ähnliches denken. Denn ihr viel zu spät einsetzender Sparwille beginnt bei den Spielen auf der Bühne, bei den Bibliotheken vor allen, und bei den Orchestern. Vielleicht haben wir keine Zeit mehr für Kultur. Der große Overkill, der Big Bang, die endgültige Explosion der Erde klingt sicher reiner, wenn kein Konzert stört. Und doch, mit dem Sparen bei der Kultur anzufangen, das ist so, als beginne man eine Abmagerungskur, indem man erst einmal auf alle Vitamine verzichtet.
Der Mensch lebt nicht nur von Kalorien allein. Wir sind mehr als nur ein biologisches System, das sich seine Energien durch die Verbrennung einverleibter Umwelt erzeugt. Wir sind mehr als nur der Nachschub für die Versorgung der Müllhalden und Friedhofe. Aber um dieses Mehrsein zu begreifen, haben wir über Pensionen und Krankengelder hinaus eben Musik nötig. Bücher, Tanz, Gedichte, Zirkus und Theater, Kunst in ihrer ganzen Breite des Nachspielens, Verarbeitens, Versinnlichens unseres Lebens.
et (2)Spielen wir also. Spielen wir zum Beispiel Kasi und Cress. Lassen wir die drei Generationen ihre Konflikte miteinander austragen. Kinder sind immer hingerissen vom Erwachsenenspielen. Zwischen fünfzehn und zwanzig ist jeder einmal ein Kasi, der die Welt, so, wie sie sich ihm zeigt, nicht ertragen kann. Und alle von uns haben einen "Alten" in sich, der nichts weiter anstrebt, als vor seinem Bier zu sitzen und seine Ruhe zu pflegen.
Und die Bonifatiusstraße? Es gibt sie wirklich In München natürlich, aber eine solche Straße gibt es in jeder Stadt. In München verbindet sie den wegen Starkbierausschänken international besuchten Nockherberg mit dem Ostfriedhof. Zwischen beiden führt eine Brücke über die einzige deutsche Eisenbahnlinie, die direkt dem Süden entgegenbraust. Links also der Biergarten, in dem sich die "Alten" ihre Ruhe gegen die Widerwärtigkeiten der Welt ertrotzen, unter der Brücke die Schienen in die Länder der Sehnsucht, und hinten, von Grabsteinen bewacht, das nicht mehr zu zählende Heer derer, die es bereits ausgestanden haben. Eine kleine Welt für sich.
Auch Ziegler, nein, er lebt nicht mehr, aber es gab ihn. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er, eine dicke Stange Eis auf dem Gepäckträger, bestimmt für den alten Kühlschrank in seinem Getränkestand auf der Brücke, das Rad den sanften Berg hinaufschob. Atemlos, aber lächelnd, Schritt für Schritt sich keuchend abringend, denn sein Herz hatte längst alles satt.

Und auch die Zecken, es gab sie, es gibt sie heute noch. Kaum dem Kindsein entronnen, stehen sie um Zieglers Stand herum und proben die Gebärden abgebrühter Lässigkeit. Was sie wollen, wissen sie nicht, was sie begehren, wissen sie nicht, nur dass ihr Leben nichts anderes als heftiges Wollen und Begehren ist, das wissen sie. Wenn sie diese Jahre überstehen, ohne ernstlichen Schaden an der Krankheit Jugend zu nehmen, dann wechseln sie über ins Lager der Ausgewachsenen, der"Alten".
Die freien Stunden sitzen sie dann, im Biergarten ab. Große Kastanien gegen die Sonne, öfters noch gegen den Regen. Der Würgegriff des Lebens, der ihnen tagsüber den Atem raubte, lässt nach. Ein Schleier von Wohlbehagen und Gleichgültigkeit breitet sich um sie herum aus. "I will mei Ruh" ist aber nicht nur der Schrei eines Geplagten, sondern genauso der trotzige Besitzanspruch von einem, der sie längst besitzt, und um nichts in der Welt mehr hergeben möchte. Unter den "Alten" fragt man nicht mehr danach, warum das Leben ist, wie es ist. Und schon gar nicht wird die Möglichkeit überprüft, ob man es nicht anders einrichten könnte. Die "Alten" sind einzig mit dem Weiter- und Überleben beschäftigt, mit einem möglichst ungestörten, gemütlichen, wenn es geht auch gewinnbringenden Überleben. Ein altbewährtes System von Regeln und Ordnungen sorgt dafür, dass dieser Prozess reibungslos abläuft. Wehe, es kommt einer und stört diese Ordnungen. Wehe, es fragt einer nach dem Sinn und Unsinn dieser Regeln.
Kasi kommt und tut es. Weil er Leben in sich spürt, dass er in den festgefahrenen Tagesabläufen nicht unterbringen kann. Weil er nicht versteht, dass man so leben kann, wie die Alten leben. Weil er nicht begreift, warum die Menschen sich den Gesetzen anpassen müssen, und weil er denkt, dass es auch umgekehrt sein könnte.
Er möchte eine neue Welt bauen, für sich, für Cress, seine Freunde, für alles, was lebt. "Eine Welt ohne Hunger, ohne Krieg, ohne Gewalt und ohne Sieg." Wenn das Stück zu Ende geht, bricht er mit Cress auf, diese neue Welt mit einem "freundlichen Gesicht" zu suchen. Er verlässt die Bonifatiusstraße, unsere Welt mit dem unfreundlichen Gesicht. Ich wünsche mir, dass die beiden nicht weit gehen. Ich wünsche mir, dass sie unsere Welt nicht verlassen werden. Denn wir brauchen Kasi und Cress. Hier, mitten unter uns.

Ständig neue Wege finden...
Gedanken zum Genre von Norbert Neukamp

"Kasi und Cress' ist ein Musical! "Kasi und Cress' ist kein Musical! "Kasi und Cress" ist keine Oper. .. eine Operette schon gar nicht - dann schon eher eine Oper - eine Musical-Oper?. . . ein Opern-Musical?
Eugen Thomass, der Komponist, schreibt auf der ersten Seite seines Stückes "Kasi und Cress", ein musikalischer Bericht! Und damit wird alles nur noch komplizierter - oder klarer? "Musikalischer Bericht" fällt nun allerdings gänzlich aus dem terminologischen Repertoire der gängigen und "bewährten" Einordnungs- und Bewertungsschemata. Eine solche Formulierung hat man nie gehört. "Musikalischer Bericht" - ist das nicht auch "Orpheus und Euridice" von Gluck, oder "Cosi van tutte" von Mozart, oder "Tannhäuser", "Fledermaus", "Lustige Witwe", "Gräfin Mariza", "Dubbarry", "Cabaret" oder "West Side Story"?
"Kasi und Cress" muss ein Musical sein - schließlich hat die Städtische Bühne Hagen einen Musical-Wettbewerb ausgeschrieben, und "Kasi und Cress" ist das Siegerstück dieses Wettbewerbs. Vorangegangenes, bewusst ironisch-verwirrendes Geplänkel hat ein Ziel, nämlich ausdrücklich gegen eine falsche Erwartungshaltung anzugehen, welche sich in Richtung folgender Schablone festfährt: "Kasi und Kress" ist ein Musical. Ein Musical, wie es eben zu sein hat. (In "Kasi" gibt es eine Chorpassage, deren Text beginnt: "Mädchen sind so, wie Mädchen sein sollen!")
An diese Stelle gehörte jetzt natürlich eine wohlproportionierte Abhandlung etwa mit dem Thema: "Das Musical - seine Entstehung, seine Geschichte, seine Ansprüche" oder ähnlich. Verständlicherweise muss hier in der Kürze darauf verzichtet werden. Für Interessierte, die die Kunstform "Musical" ernst nehmen, gehört ein solches "Quellenstudium" aber unabdingbar mit dazu. Immerhin hat heute der Konzertfreund seinen "Konzertführer", der Opernliebhaber seinen "Opernführer", der Schauspielbesucher seinen "Schauspielführer". Es fehlt nicht an prägnanten und geistreichen Sätzen, wenn es um die Sache "Musical" geht:

"Musical ist ein neues Genre, das weder Schauspiel- noch Musiktheater ist, aber in Gleichgewichtigkeit und gegenseitiger Durchdringung beides." - Horst Heitzenröther

"Das Musical ist eine faszinierende geistige Unterhaltung." - Siegfried Borris

"Es gilt auch ständig neue Wege zu finden. Das einzige mögliche Rezept ist, kein Rezept zu haben, die einzige Regel, sich nicht zu wiederholen." Richard Rodgers/Lorenz Hart

"Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wenn die Leute es nicht mögen, sollen sie nach Hause gehen. Nur eins kann das Musical nicht entbehren: Musik." - Oskar Hammerstein II

"Das Musical ist,das Ding an sich." - Leonard Bernstein.

Helfen die Zitate weiter in der Standortbestimmung des Stückes "Kasi und Cress"? Nein! Zwar erfüllt unser Werk vieles des hier Geforderten und Angesprochenen. Aber die Zitate stehen zu isoliert; hier schreiben "Spezialisten" und leider sind diese Aussagen vom breiten Theaterpublikum mangels praktischer Erfahrung deshalb auch nicht nachprüfbar oder gar nachvollziehbar. Man darf nicht übersehen, dass die Sparte Musical - ein "neues Genre" - im Grunde an den Theatern der Bundesrepublik ein exotisches Paradiesvogeldasein führt. Wichtig und erwähnenswert ist ja auch die Tatsache, dass die an unseren Theatern gespielten Musicals praktisch alle aus Amerika oder England importiert werden.
Trotzdem: hierzulande hat man natürlich eine Meinung zum Thema - aber eben eine "angloamerikanisierte". Und damit ist der entscheidende Punkt erreicht: unter jenen Gesichtspunkten ist "Kasi und Cress" kein Musical, wie ein Musical eben zu sein hat!
In keiner Weise soll hier die ausgezeichnete Qualität amerikanischer Musicals zerredet werden - nur, unsere Ohren sind zu sehr "Hello Dolly"- oder "My Fair Lady"-hörig. Die Flut der Stücke, die dann nach bewährten "Strickmustern" über das Publikum hereinbrach, tat ein übriges. Hinzu kommt, dass die amerikanische Unterhaltungsindustrie - hat eine "Masche" einmal den breiten Markt erobert - schamlos daraus ihren kommerziellen Nutzen zieht. "My Fair Lady" ist das Musical, das den Namen der Gattung in aller Welt bekannt machte und diese endgültig durchsetzte (Uraufführung 15. März 1956).
Eigentlich kämpfen noch heute alle neuen Stücke dieses Genres gegen "My Fair Lady" - der Kampf beginnt mit der Uraufführung! Das wird bei "Kasi und Cress" nicht anders sein! Das Außerordentliche und Besondere an der Musik zu "Kasi und Cress" ist eine Tonsprache, die glücklicherweise - dank ihrer Individualität und Originalität - auf jedes Klischee und epigonenhafte Modegebaren verzichten kann!
et (3)Eugen Thomass ist ein erfindungsreicher Instrumentator und Arrangeur. Die Orchesterbesetzung fordert einfaches Holz, drei Saxophone, zwei Trompeten, zwei Hörner, zwei Posaunen und Tuba. E-Gitarre. Bass-Gitarre, Klavier, Synthesizer. Schlagzeug und Streicher. Von großen Tutti-Blockbildungen hin zu transparenten, locker gefügten arabeskenhaften Spielereien in den Holzbläsern oder in der Rhythmusgruppe reicht die Skala. Die Tasteninstrumente - hauptsächlich das Klavier - sind oft solistisch behandelt. Dem Klavier kommt eine dominierende Rolle zu. Originelle Klangfarben durch tiefe Holzbläser - z.B. Flöte/Oboe - werden eingesetzt wie auch illustrative, z. B. Bewegungslosigkeit deutende Streicherpassagen.
Thomass überbewertet niemals die technisch- virtuose Vordergründigkeit eines Instrumentes; man könnte eher sagen, dass ihm mehr liegt an der speziellen Expressivität eines Registers. Der Aufbau des harmonischen Gerüstes zeigt weiterhin eine progressive Eigenständigkeit, weitab von Schema und Trend. Starre kadenzbezogene Repetitionen sind weitgehend vermieden. "Erfolgsrezepte" wie z.B. "schön klingende" Nebenakkorde, parallele Mollstufen für "sentimentale Augenblicke" usw. werden nicht strapaziert. Thomass, kein Verächter von dissonanten Intervallen und Tontrauben, schreibt einen musikalischen Stil, den zu erarbeiten für alle Beteiligten nicht leicht ist. Vom "Erarbeiten" zum "Erhören": auch dem Zuhörer wird es nicht leicht gemacht.
"Kasi und Cress" ist kein "Fest der schönen Stimmen". Wenn eben gesprochen wurde von der "speziellen Expressivität eines Registers" - im instrumentalen Bereich - so gilt dies auch für den vocalen Bereich. Beinahe kann man von einem wagnerischen "Gesamtkunstwerk"-Anspruch reden. Der Sänger hat sich in den Dienst des Gesamtausdrucks einer Szene zu stellen - und seine Stimme auch! Also muss er schreien, brüllen, flüstern, Tonhöhen "in etwa" treffen oder auch genau treffen - aber singen muss er auch. Tanzen muss er auf der Bühne, rennen muss er, schlagen, treten - Sänger ist er nach wie vor!
"Es gilt auch, ständig neue Wege zu finden. Das einzig mögliche Rezept ist, kein Rezept zu haben, die einzige Regel, sich nicht zu wiederholen."

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