Page archived courtesy of the Geocities Archive Project https://www.geocitiesarchive.org
Please help us spread the word by liking or sharing the Facebook link below :-)


Interview

"Mehr als nur Klangkulisse"
Interview aus dem Magazin "Filmmusik", März 1981

Herr Thomass, es gibt Theoretiker, die die Meinung vertreten, Filmmusik sei unabhängig vom Bild nicht selbständig. Ist Filmmusik auch ohne Film "mehr" als andere Musik?

Die Qualität einer Filmmusik liegt zunächst in dem Beitrag zu dem Film leistet. Ob sie auch ohne den Film anhörenswert ist, ist die Frage einer anderen Qualität, die aber mit ihrer Qualität als Filmmusik nichts zu tun haben muss. Dass Regisseure, darunter etliche berühmte, bewährte Konzertmusiken in ihren Filmen zu brillanten Filmmusiken umfunktionieren, spricht eigentlich dafür, dass Filmmusik mehr sein sollte, als nur adäquate Klangkulisse. Persönlich versuche ich meine Musiken so zu schreiben, dass sie auch ohne Film dem Hörer etwas mitteilen.

FilmmusikWas halten Sie von Filmmusiktheorien: Sind sie Nachschlagewerk und Anlehnung für Komponisten - oder Rahmen, in den vieles nicht hineinpasst?

In der Wissenschaft sind Theorien sicher unentbehrlich und dienen der Erkenntnis. In der Kunst schreiben sie vorwiegend einmal Erkanntes fest. Man sollte sich also lieber an Lebendiges halten. Was Bücher über Filmmusik betrifft, so habe ich beim Lesen das merkwürdige Aha-Erlebnis: andere haben deine eigenen Erfahrungen auch schon einmal gemacht.

 Bei welchen Büchern war das so?

Ich bin gerade am umziehen. Bücher sind da, wo sie gut aufgehoben sind, nämlich in Kartons. Aber so ich mich recht erinnere Adorno, de la Motte-Emons. Wobei das Letztere mir gut in Erinnerung ist, nicht nur, weil es relativ frisch gelesen ist, sondern weil ich mit Genugtuung festgestellt habe, dass die Filmmusiktheoretiker endlich ihre Ko1legen von der Literatur eingeholt haben , und das Handwerk, Einfaches unverständlich auszudrücken, nun auch aus dem ff verstehen.

Was halten Sie von ihren Kollegen Frank Duval, Rolf Wilhelm, Martin Böttcher und Peter Thomas?

Frank Duval - ich brächte nicht den Mut auf, Morde mit der trivialen Eleganz seiner Musik zu begleiten. Rolf Wilhelm - 150% ausgesteuerter Profi. Kein Wunder, wir haben zusammen studiert... Böttcher - sein Rezept: Man nehme eine möglichst simple Musik und koche sie in einem raffinierten Sound-Sud gar. Er hat dieses Rezept für Deutschland mit Erfolg entdeckt. Peter Thomas - wenn es um Ausgefallenes, noch nie Gehörtes geht, ist er unschlagbar Auch den Rekord im Schnellkomponieren hält er seit Jahren.

Wie viele Musiker stehen Ihnen zur Verfügung?

Der Traum jedes Komponisten ist ein volles Orchester, bescheiden nicht mehr als 90 Musiker. Der Etat aber, der einem in der Praxis zu Verfügung steht, geht mit diesen Träumen schonungslos um. Mehr als fünfzehn Musiker sind die große Ausnahme und es gibt eine Menge Produzenten, die zehn Musiker schon für eine große Verschwendung halten. Das umfangreichste 0rchester hatte ich bisher für Teile der Buddenbrooks-Musiken: 50 Mann des Warschauer Rundfunk-Orchesters.

                                Gibt es für Sie Vorbilder aus der Soundtrack-Szene?

Mit einer Ausnahme stammen meine Vorbilder aus der klassischen, modernen und auch aus der Jazz- und Rockmusik. Ausnahme ist Norbert Schulzes Musik zu dem Film "Sinfonie des Lebens". Ich habe sie als Zwölfjähriger zum ersten Mal gehört und war von ihr hingerissen. Inzwischen habe ich den Film etliche Male gesehen und halte die Musik auch heute noch für eine der besten, die je zu einem Film geschrieben wurde. Vielleicht hat sie auch dazu beigetragen, dass ich das Komponieren von Filmmusiken mit dem Beruf des Komponisten für vereinbar halte. Ansonsten bekomme ich natürlich von allen möglichen Filmmusiken alle möglichen Anregungen, positive, negative, zur eigenen Arbeit.

Wie kommen die musikalischen Ideen?

Da gibt es keine Regel, außer der einen, die sondern eine tröstliche Erfahrung ist: je besser der Film, je mehr er Musik braucht, je mehr er Musik in sich einzusaugen vermag, umso schneller und müheloser kommt der Einfall. Manchmal schon am Schneidetisch, aber das ist schon eher die Ausnahme.

In welcher Form sprechen Sie die Musik mit Regisseuren und Schauspielern ab - und kommt es dabei auch zu Meinungsverschiedenheiten?

Mit Schauspielern wird selten über Filmmusik gesprochen, meist sind sie schon über alle Berge und in anderen Filmen, wenn der Komponist das Schlachtfeld betritt. Mit Regisseuren gibt es wohl so viele Formen von Absprachen, wie es Regisseure gibt. Es liegt an den Ausdrucksmöglichkeiten eines Regisseurs, wie man mit ihm über die Musik spricht. Meinungsverschiedenheiten gibt es dabei fast immer. Gott sei Dank! Sie beleben den Disput und bringen in der Regel bessere Resultate als undiskutierte Einmütigkeit. Übersteigen die Meinungsverschiedenheiten einen gewissen Grad, so hat man wohl das letzte Mal mit diesem Regisseur gearbeitet.

Wie kann man bei einer Serie wie "Kreuzfahrten eines Globetrotters", in der jede Folge andere Geschichten, andere Darsteller hat, eine für jedes Serienteil gleiche aber trotzdem adäquate Titelmusik finden?

Die Titelmusik einer Serie hat die Aufgabe, dem Film als leicht wieder erkennbares Signal zu dienen. Also hat sie im dramaturgischem Spiel eine Art Jokerfunktion: wo sie auch eingesetzt wird, muss sie passen. So unterschiedlich sind aber die "Globetrotter-Filme auch nicht. Sie gehen auf den gleichen Autor zurück, spielen in der gleichen Zeit, ähnliche Schauplätze, viele gleiche Schauspieler und auch die den Filmen zugrunde liegende Mentalität kann man nach einigen Folgen als die gleiche entdecken.

Schon immer komponierte man gerne gängige Titelmusiken, um auch Plattenerfolge zu erzielen. Oft waren diese Titel völlig fehlplaziert - jedenfalls künstlerisch gesehen. Wurden Sie auch schon mal vom Kommerz beeinflusst?

"Vom Kommerz beeinflusst", soll wohl heißen, dass ich einer größeren Verbreitung der Musik zuliebe mich unter mein Niveau begebe oder dieser Verbreitung zuliebe eine einer Stelle platziere, an der sie dramaturgisch eigentlich nichts zu suchen hat. Bisher bin ich dieser Versuchung ausgewichen. Das Fernsehen begünstigt diese meine Haltung, da es eher an dramaturgisch richtiger, als an verkaufsorientierter Musik interessiert ist. Vor Jahren habe ich mir den Zorn eines mächtigen Musikproduzenten zugezogen, weil ich in einer Szene eine unbekannte Sängerin ins Mikrophon improvisieren ließ, was für den Film dramaturgisch genau richtig war, anstatt eine von ihm vorproduzierte, für den Verkauf gedachte "Nummer" einzusetzen. Die Pointe dabei: diese Sängerin hat sich inzwischen total dem Kommerz verschrieben und ist dabei weltberühmt geworden (Donna Summer). Natürlich träumt jeder Filmkomponist von einer Filmmusik, die einerseits zu dem Film passt, anspruchsvoll, modern, nie da gewesen, ist, andererseits aber auch von jedem nachgepfiffen und gekauft wird.

In Szenen, in denen die Musikquelle zu sehen ist - komponieren Sie da, oder verwenden Sie ein bereits existentes Thema?

Keine eindeutige Antwort. Das hängt jeweils vom Film ab und davon, ob die Musik eine dramaturgische Funktion hat, was oft übersehen wird. Es hängt auch von den Rechten ab. Manchmal ist es einfacher und billiger, diese Musiken selbst zu produzieren, als ihre Rechte bei Verlagen zu erhalten und zu bezahlen.

 Manchmal scheint es so, als wären die deutschen Komponisten froh, wenn sie nur eine Melodie oder wenigstens einen Rhythmus zusammenbekommen. Gibt es keine Talente mehr?

Ich kenne etliche deutsche Filmkomponisten, die erstklassig ausgebildet sind und mit ihren Musiken internationale Vergleiche nicht scheuen müssen. Wenn man dennoch viel unqualifizierte Musik zu hören bekommt, so liegt der Grund vielleicht an der großen Zahl produzierter Filme, speziell seit es das Fernsehen gibt. Man bedenke: es gibt für das Entstehen einer Filmmusik zwei Vorbedingungen: 1. einen Film, 2. einen Auftrageber.

Es werden also Aufträge unsachgemäß verteilt?

Was soll ich da antworten? Kritisieren kann man nicht Aufträge, sondern nur das Ergebnis und es gibt schon Filmmusiken, deren Fadenscheinigkeit einem in den Ohren weh tut.

Auf welche Umstände führen Sie das derzeit große Interesse an Filmmusik zurück?

Einmal das gesteigerte Interesse an den Medien insgesamt. Dann ein für sich sehr wichtiger Grund: Filmmusik füllt eine Lücke aus, die weder von Plattenfirmen noch von Rundfunkanstalten produziert wird: spannende, anregende Musik, die weder nach dem Schlager noch nach der Avantgarde schielt und sich aller vorhandener Mittel und Stile bedient. Diese Musik hat ihr Publikum, wird aber außerhalb von Filmen nicht produziert.

Glauben Sie, dass die amerikanischen Komponisten die Filmmusik ernster nehmen, als die deutschen Kollegen?

Ich sehe den Unterschied daran, dass in der deutschen Filmlandschaft RATIONELLER. ~ DURCHDACHTER~ VORSICHTIGER mit Musik umgegangen wird, während der amerikanische Produzent seinen Film im Allgemeinen von Anfang bis Ende mit Musik versieht und dabei in einem Maße Emotionen über den Film ergießt, die keineswegs nötig wären. Zweifellos gibt es in Amerika mehr Schulung, mehr handwerkliche Tradition im Filmmusikgewerbe, folglich auch kaum Dilettantismus, aber das alles ist nicht nur von Vorteil sondern vermag auch eine gewisse Sterilität zu erzeugen.

 Bei welchen Filmen ist eine solche "Sterilität" vorhanden?

Beispielsweise in so ziemlich den meisten amerikanischen Serien, die uns hier aufgezwungen werden. Ich muss zugeben, dass ich mir pro Serie kaum mehr als einen Film ansehe, weil mir meine Zeit dazu einfach zu schade ist.

Welche Instrumente beherrschen Sie und welche bevorzugen Sie fürs Orchester?

Als Komponist muss man natürlich alle Instrumente "beherrschen", wenn auch nicht mit den eigenen Fingern. Mit diesen komme ich nur mit Tasteninstrumenten zurecht. Nicht aus Faulheit. Meine Abscheu vor Dilettantismus beginnt bei mir selbst. Meine Lieblings-Instrumente waren schon immer Viola und Oboe. Oboe zu erlernen hat man mir als Kind aus gesundheitlichen Gründen verboten. Violaspielen überlasse ich heute Leute, die es wirklich können.

Wie ist die Publikums-Resonanz?

Es gibt Leute die behaupten, die beste Filmmusik gar nicht wahrnimmt und über diese Meinung kann man diskutieren. Künstlerische Befriedigung ist also aus diesem Beruf nur in spärlichem Maße zu gewinnen. Andererseits gibt es eine Menge Leute, die einem schreiben, die sich über Musiken freuen, nach ihnen fragen, etc.

In welcher Form leidet die Musik unter Zeit- und Finanzdruck?

Es gibt überhaupt keine Produktion, bei der der finanzielle Rahmen nicht einen ungeheueren Druck auf den Komponisten ausübt - einzige Ausnahme heute vielleicht Peer Raben mit zu den Fassbinder-Filmen. Ich wüsste gerne, wie er es schafft, den Produzenten so viele Geldmittel locker zu machen. Das Komponieren einer Filmmusik wird immer mehr zur Kunst, mit den raren Etats auszukommen und dennoch eine akzeptable Musik zu stellen.

Sind Sie bei Ihrem endgültigen Stil angelangt oder immer noch dazu?

Franz Schubert, der von mir am meisten verehrte Kollege, soll noch auf seinem Sterbebett über neue, ganz außerordentliche Harmonien nachgedacht haben.

Mit dem musikalischen Bericht "Kasi und Cress" erhielten Sie beim Hagener Musical-Wettbewerb 1982 den 1.Preis. Wann entstand das Konzept und was hat Sie bewogen, ein solches Musical zu schreiben?

Das Projekt zu "Kasi und Cress" ist uralt, es ist auch eine Auseinandersetzung mit meiner eigenen Jugend. Ich glaube, jeder Komponist hat die Absicht, irgendwann ein größeres musikdramatisches Werk zu schreiben. Ob es dann dazu kommt, ist eine andere Frage. Ich habe damit vor etwa 15 Jahren begonnen, weil ich spürte, wenn ich es jetzt nicht schaffe, wird es nie mehr was.

Ich weiß von Ihnen, dass Sie sich für Psychologie interessieren. Konnten Sie Ihre Erfahrungen in diesem Bereich auch musikalisch umsetzen?

Nach dem Musikstudium wollte ich eine Zeit lang die Musik an den Nagel hängen und Psychologie und Medizin studieren. Das mit dem Nagel klappte aber nicht und ich weiß heute noch nicht, ob ich das erleichtert oder mit Bedauern feststelle. Geblieben ist jedenfalls eine über Jahre sehr intensive Beschäftigung mit allen möglichen und unmöglichen Richtungen der Psychologie. Auf welchen Gebiet der Kunst man sich heute auch versucht, ich glaube, dass man nirgends um eine eingehende Beschäftigung mit dem weiten Gebiet der Psychologie herumkommt. Man muss sie nur gelegentlich wieder vergessen können und nicht von ihr erwarten, dass sie die eigene Phantasie ersetzen kann.

In dem Film "Operation Ganymed" verwendeten Sie zu einer an sich dramatischen Szene, in der Horst Frank versucht, auf eigene Faust die Wüste zu durchqueren, eine recht fröhliche Variation des Titelthemas. Hätte sich hier nicht eher eine Musik angeboten, die die Verzweiflung und die Dramatik besser erfasst?

Zu dieser Szene haben wir am Schneidetisch verschiedene Musiken ausprobiert. Die Verwendete erwies sich als die Geeigneteste. Vielleicht haben wir uns getäuscht.  Wir haben uns für diese Musik entschieden, weil in dem Aufbruch Horst Franks noch viel Optimismus drin sein sollte, wir wollten auch das Scheitern der Operation dem Zuschauer (Hörer) nicht durch die Musik zu frühzeitig deutlich machen.

Sie arbeiten auffallend oft mit dem Regisseur Rainer Erler zusammen. Welche Eigenschaften teilen Sie mit ihm?

Sicher habe ich mit keinem Regisseur so lange, so konstant und vielleicht auch so vielseitig gearbeitet, wie mit Rainer Erler. Ich habe es immer als eine erfreuliche und fruchtbare Zusammenarbeit empfunden. Ansonsten sind wir sehr unterschiedliche Charaktere. Gemeinsam ist uns beiden großes Interesse für moderne Wissenschaft und Psychologie sowie eine distanzier-ironische Betrachtungsweise unserer Artgenossen gegeben.

In der elektronischen Musik ist Ihr Vorbild Jean-Michel Jarre, der Sohn von Maurice Jarre. Wollen Sie diese Art der elektronischen Musik im Film verwenden?

Etliche der elektronischen Musiken von Jarre mag ich sehr, sehr gerne, aber ich würde doch nicht sagen, dass er mein Vorbild ist. Vorbild ist für mich eigentlich immer das, was es noch nicht gibt. In Ländern wie Frankreich und USA nimmt die elektronische Musik im Film und Fernsehen einen viel, viel größeren Raum ein. Deutschland ist da noch etwas unterentwickelt. Ich mache gerne mit diesem neuen Instrumentarium Musik und bin selbst neugierig darauf, wohin das führen wird, ich möchte auch Bühnenmusiken in Zukunft - zumindest mit elektronischen Elementen - verbinden.

Auf Ihren Synthesizer-Platten der Firma Ring-Musik finden sich oft disharmonische Klänge, ebenso in ihren elektronischen Soundtracks. Sind Sie fasziniert von solchen Klangbildern oder verlangen die Produzenten solcher Musiken die Disharmonien?

Disharmonie wurde bisher noch von keinem Produzenten verlangt. Obwohl ich Boulez und Stockhausen nicht für Reinkarnationen berühmter Klassiker halte, ist für mich die Dissonanz ein wichtiges Arbeitsmittel. Dissonanzen bringen zwei Elemente in die Musik ein, ein Formal-Dramaturgisches und ein Klanglich-Farbiges. In einer guten zeitgenossischen Musik, so wie sie mir vorschwebt und so wie ich sie immer noch eines Tages zu schreiben hoffe, führen Harmonie und Dissonanz eine sehr lebendige, bewegte Ehe miteinander.

Eine unrichtige Kritik, ausgerechnet zu Ihrem vielleicht besten Score, "Nocturno" hatte negative Wirkung auf Ihre Laufbahn. Welches Verhältnis haben Sie heute zu Musik Kritikern?

Da sich unter meinen Freunden auch bedeutende Musikkritiker befinden, muss ich die Frage sehr behutsam beantworten. Vielleicht steckt das Übel nicht in der Kritik. sondern in der Art und Weise, in der man bei uns auf Kritiken reagiert. Man zieht sie einmütig einer eigenen Meinung vor. Walter Jens, der seinerzeit die Kritik über "Nocturno" schrieb, hat mir wirklich sehr geschadet. Filmleute, die die Musik vor der Sendung noch toll fanden, haben ihre Meinung nach dem Erscheinen der Kritik völlig geändert. Ein sehr merkwürdiger Läuterungsprozess, der gelegentlich von Kritiken ausgehen kann. Ich weiß von Regisseuren, die bei den Sendern nicht mehr beschäftigt werden, nicht etwa, weil sie einen schlechten Film abgeliefert haben, sondern weil sie schlechte Kritiken bekommen hatten. Im übrigen habe ich nach der Premiere von "Kasi und Cress" einmal eine Kritik bekommen, in der mir vorgeworfen wird, alles vom Broadway abgeschrieben zu haben, aber in der nächsten wurde wieder lobend erwähnt, dass dies endlich ein Musical sei, das ohne jedes Broadway-Klischee auskommt. Soviel zum Thema Kritik.

Zwei ARD-Serien, die in der Nazi-Zeit spielen, wurden in diesen Tagen gesendet:: "Ein Stück Himmel" mit der subtilen Musik von Ihnen und "Blut und Ehre" mit der heroischen Musik von Ernst Brandner - als Schlussmusik konnte man sogar "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt" hören. Hätten Sie, wenn diese spekulative Frage erlaubt ist, für "Blut und Ehre" eine heroische Musik geschrieben?

Ich habe "Blut und Ehre" leider nicht gesehen, aber kann schon sein, dass ich auch eine heroische Musik geschrieben hätte. Das ist schon gelegentlich vorgekommen, obwohl ich solche Musiken nicht ausstehen kann. Es gibt etliche Musikformen, die ich nicht ausstehen kann und doch gelegentlich schreiben muss. Ungeliebte Arbeiten gehen an keinem Menschen vorüber und man sollte, solange sie nicht überwiegen, daraus kein Problem machen. Ansonsten ist der Komponist auch eine Art Schauspieler oder Clown, der mal in eine Rolle schlüpft, die ihm gar nicht lieg nur, und sei es nur, um seine Virtuosität zu beweisen.

Was kommt nach Rainer Erlers "Der Spot" und wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Zunächst im Fernsehzweiteiler "Tiefe Wasser", nach Patricia Highsmith, Regie: F.P. Wirth. Dann ein neuer Erler-Film um Umweltverschmutzung: "Das schöne Ende dieser Welt". Weiter zwei Familienserien aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. "Konsul Möllers Erben" spielt in München. Dann "Egmont", der bis zum Erscheinen des Interviews wohl schon über den Bildschirm gelaufen sein wird. Weiter arbeite ich an einer elektronischen Musik für ein Ballet. Für mein Hörspiel "Kein Wagner oder Schade um das schöne Lied" (Dank Karl Valentin begegnet ein zeitgenössischer Filmkomponist einem längst vergessenen romantischen Opernkomponisten) hoffe ich einen Sender zu finden. Sollte zwischen  all den Projekten noch Zeit sein, möchte ich ein zweites Musicalbuch, das von einer Politmafia handelt, vertonen. Schließlich glaube ich, dass mein Musical "Kasi und Cress" ein guter Filmstoff wäre. Ich möchte also einen Produzenten dafür suchen. Aber bis sich ein solcher meldet, muss es wohl erst über etliche Bühnen gelaufen sein.

[Eugen Thomass] [Startseite] [Biografie] [Filmografie] [Essay] [Interview] [Musical] [Schallplatten] [Zitate] [Jerry Cotton]
1