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           VÖLKERKUNDE

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             GLADIATOREN

                      

Um Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. übernahmen die Römer von ihren etruskischen Nachbarn den Brauch, bei Totenfeiern für bedeutende Männer bewaffnete Kriegsgefangene auf Leben und Tod miteinander kämpfen zu lassen. Die Römer jedoch faszinierte daran weniger der fromme Zweck als vielmehr das Spiel mit dem Tod, das Sensationelle. Und so entwickelte sich bei ihnen aus dem religiösen Leichenschaukampf etwas ganz anderes, eine Institution, die in der Geschichte der Menschheit kein Gegenstück hat: das römische Gladiatorenwesen.

Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine gigantische Vergnügungsindustrie, die schließlich Hunderttausende von Menschen beschäftigte und Unsummen verschlang. Ihre Aufgabe war es, im ganzen Römischen Reich eine Art Zirkusspiele für alle mit einem möglichst abwechslungsreichen Programm zu organisieren: Spiele, deren größte Attraktion der Kampf auf Leben und Tod war. Der erste rein römische Gladiatorenkampf ist für das Jahr 264  v. Chr. bezeugt.

Zu diesem Zweck steckte man Sklaven, Gefangene und Verbrecher später auch Freiwillige ("Auctorati" genannt), in Uniformen, ließ sie von Fechtlehrern zu " Gladiatoren"  ausbilden und  hetzte sie unter den Augen der Zuschauer gegeneinander, bis Blut floß und der Unterlegende sein Leben aushauchte. Diesem römischen Gladiatorenwesen fielen im Laufe der Jahrhunderte Millionen von Männern und Frauen zum Opfer. Sie starben - oft zu Hunderten an einem einzigen Tag - auf öffentlichen Plätzen, in Theatern, in Rennbahnen und in den Arenen der eigens für Gladiatorenkämpfe errichteten Amphitheater. Mit ihnen verendeten unvorstellbare Mengen wilder Tiere, die von einer Armee von Tierfängern angeliefert wurden.

Grundriß der "großen Schule" in Rom

  

Es gab auch weibliche Gladiatoren. Die Römer nannten diese bewaffneten Frauen nach dem kriegerischen Frauenvolk der griechischen Sage: Amazonen. An Mut, Ausdauer und Geschicklichkeit konnten es die Amazonen mit ihren männlichen Berufskollegen durchaus aufnehmen. Die Quellen berichten sogar von einer berühmten " essedaria ": :  einer Amazone, die von einem Streitwagen herab kämpfte. Auch gab es Munera, auf denen Gladiatoren und Amazonen gemeinsam auftraten.  Im Jahre 200  n. Chr. wurden Amazonenkämpfe in Arenen für immer verboten. Diese hatten derart überhand genommen, daß selbst der damalige regierende Kaiser Septimus Severus dem nicht länger tatenlos zusehen mochte.

Berufsgladiatoren erhielten ihre Ausbildung in besonderen Schulen. Bis zum Ende der Römischen Republik waren die Gründung und der Unterhalt solcher Schulen Privatsache von Liebhabern und Geschaäftsleuten. Die erste, von der wir wissen, errichtete ein Unbekannter in Capua, das bis in die Spätzeit das Zentrum des römischen Gladiatorenwesens blieb.  Reste von Gladiatorenschulen hat man bisher in Pompeji und Rom ausgegraben. Die von Pompeji umfasste an die hundert Räume, die um einen Innenhof herum angeordnet waren. Untergebracht waren die Gladiatoren in kleinen Zellen.

   

Die am besten erhaltenste Gladiatorenschule (in Pompeji ausgegraben). Ansicht Innenhof.

  

Zu jeder Gladiatorenschule gehörte auch ein Gefängnis. Das in Pompeji ausgegrabene war so niedrig, daß die dort eingekerkerten darin nicht aufrecht stehen konnten. In den Raum hat man auch eine eiserne Hand- oder Fußfessel gefunden - für 10 Mann. Vier zu Arrest Verurteilte lagen noch angekettet in diesem  vergitterten Loch, als im Jahre 79 n. Chr. der Vesuv ausbrach und die Stadt unter Schutt und Asche begrub.

Die meisten Schüler erduldeten zähneknirschend den harten Drill. Eine Minderheit aber ließ sich immer wieder zu Verzweiflungstaten hinreißen. Darunter war Selbstmord die häufigste. Die Lehrer wußten das und hatten die Schüler im Auge. Nach der Trainingszeit war der Gebrauch und der Besitz von Waffen untersagt. Trotzdem fanden Verzweifelte immer wieder Gelegenheiten, sich selbst zu töten. So hörte man von einem Gladiator, der in seiner Not den Kopf zwischen die Speichen eines rollenden Wagens steckte. Ein anderer rammte sich ein spitzes Holz in die Kehle. Und wieder andere kämpften in der Arena "ohne Haß", d.h. sie ließen sich einfach niederstechen.

Seltener berichtete man von Aufstand oder Flucht. Das lag wahrscheinlich auch daran, daß flüchtige Gefangene in der Regel am Kreuz endeten. Berühmt geworden ist vor allem der sogenannte "Aufstand des Spartacus" (einen entsprechenden Bericht über Spartakus ist hier auf der HP zu finden) der im Jahre 73 v. Chr. begann und die Römer 3 Jahre lang in Atem hielt.

Zusammen mit Schauspielern, ausgestoßenen Soldaten, kleinen Ganoven, Prostituierten und anderen gehörten Gladiatoren zu den sogenannten " i nhonesti  ", den Ehrlosen. Vor dem Gesetz waren sie Menschen zweiter Klasse. Weder durften sie ein öffentliches Amt bekleiden, noch Anklage vor einem Gericht erheben. Gladiatoren, die gefallen oder an einer Krankheit gestorben waren, wurden ohne weitere Umstände in einem Massengrab beigesetzt. Es sei denn, Verwandte bezahlten für eine "angemessene" Beerdigung. Ausnahmen hierbei waren allerdings Selbstmörder und Prostituierte.

Gladiatorenkämpfe wurden nicht nur vor Ort, sondern auch in der näheren Umgebung öffentlich angekündigt. Den Auftrag dazu gab der Veranstalter an eine erfahrene Werbefirma. Bei der Ausgrabung von Pompeji hat man mehr als 80 gemalter Vorankündigungen gefunden. Eine davon lautete so: " Am 31. Mai wird in Pompeji die Gladiatorengruppe des Aedilen Aulus Suettius Certus kämpfen. Es wird eine Tierhetze und Sonnensegel geben. Glück allen Kämpfern aus der Schule Kaiser Neros. - Dies schrieb Secundus; die Wand weißte Victor; geholfen hat Vesbinus; Firma (unleserlich). "

Die  ersten Gladiatorenspiele begannen im Laufe des Vormittags. Eröffnet wurde mit einer "  pompa " : dem feierlichen Ein- und Umzug der Teilnehmer. Angeführt von Fanfarenbläsern und dem Veranstalter. Beschlossen wurde die Pompa von einem Musikzug und den von Stallknechten geführten Pferden der Berittenen, sofern Kämpfe zu Pferde stattfanden. Sobald die Pompa das Amphitheater verlassen hatte, hieß es "Arena frei" . Eröffnet wurde für gewöhnlich von den sogenannten " Paegnariern " - so hießen die Männer, die ungeschützt mit Peitschen, Knüppeln und eisernen Haken aufeinander losgingen.

Die ersten Tierkämpfe sahen die Römer 186 v. Chr.. Vorgeführt wurden Löwen und Leoparden, die man gegen Bären, Stiere, wilde Eber und Hirsche hetzte. Dabei hatten sie eine von vier möglichen Rollen zu übernehmen: die des " Henkers", die des Kämpfers gegen andere Tiere, die des Gegners von Gladiatoren und - am häufigsten - die des Jagdwildes. Die Henker waren die Tiere, die z.B. Verurteilte im Rahmen einer Hinrichtung zerrissen.

Die ersten Gladiatoren waren , wie schon erwähnt, Kreigsgefangene und traten  jeweils in der Rüstung und den Waffen ihres Volkes an. Wo immer es möglich war, wählte man die Gegner in einem Duell auf Leben und Tod so aus, daß sie nach Körpergröße, Körperkraft und Geschicklichkeit einander ebenbürtig waren. Dauerte der Kampf zu lange, konnte der Veranstalter diesen vorzeitig , unentschieden abbrechen. Das Urteil lautete dann für beide Gegner: " stans missus "  (aufrecht stehend entlassen).

Ein Verletzter warf die Waffen von sich und streckte, weithin sichtbar, einen Finger in die Luft, das Zeichen für die Bitte um Schonung. In diesem Fall  beendete der Schiedsrichter das Duell, indem er den Arm des Siegers griff und ihn festhielt.  Es lag auch in seinem Ermessen, ob der Unterlegende begnadigt wurde oder nicht. Meist aber überlies er diese Entscheidung den Zuschauern. Hielten die den Daumen nach oben, hieß das, er solle leben!  Zeigte der Daumen allerdings nach unten, hieß das: Er soll sterben!  Auf ein Zeichen des Veranstalters hin ließ sich der Besiegte, sofern er dazu noch im Stande war, mit gefalteten Händen auf die Knie nieder und senkte in Demutsgeste den Nacken. Im selben Augenblick gab der Schiedsrichter den Arm des Siegers frei, der mit aller Kraft zuschlug oder stach.

Der Sieger erhielt, neben dem Beifall, aus der Hand des Veranstalters einen Palmzweig oder einen Eichenkranz. Dazu kam in der Regel noch eine Geldprämie. Das Leben eines Gladiatoren war alles in allem grausam kurz. Den meisten ereilte das Schicksal schon nach wenigen Kämpfen. Es kam aber auch vor, daß einer zehn, zwanzig oder gar dreizig Siege vorwies. In solchen Fällen war es üblich, ihm die Freiheit zu schenken.. Der erfolgreichste Kämpfer war übrigens der Freiwillige Publius Ostorius aus Pompeji, der in nicht weniger als 51 Kämpfen als Sieger hervorkam.

Die Gladiatorenkämpfe fanden 399 n. Chr. ihr Ende. Der Kaiser in Berytos (heute Beirut) erließ das erste Edikt im  Jahre 326 n. Chr. und bestimmte, daß fortan alle Verbrecher statt zur Arena, zur Zwangsarbeit in den Bergwerken verurteilt wurden. Später taten es ihm andere nach. 365  n. Chr. verschärfte Kaiser Valentinian die Bestimmungen, Verurteilte zur Arena zu schicken Und im Jahre 399  n. Chr. ließ Kaiser Honorius in Rom sämtliche noch bestehende Gladiatorenschulen schließen. Das entgültige Aus für die Munera folgte dann noch einmal 5 Jahre später.  Den Anstoß gab ein Mönch aus Kleinasien, der im Jahre 404  n. Chr. in ein Munus eingedrungen und versucht hatte, die Gladiatoren zur Aufgabe des Kampfes zu bewegen. Diesen frommen Eifer büßte er mit seinem Leben. Doch das Opfer des Mönches war nicht umsonst. Unter dem Eindruck seines Märtyrertodes verbot Kaiser Honorius die Gladiatorenspiele für immer.

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                   DAS ALTE ROM

          

Kultur und Alltagsleben einer faszinierenden Epoche - Der Legende nach wurde Rom 753 v. Chr. von Romulus und Remus gegründet, die Söhne des Kriegsgottes Mars. In der Frühzeit regierten Könige über die auf 7 Hügeln erbaute Stadt am Tiber. 509  v. Chr. stürzten Adlige den grausamen Etruskerkönig Tarquinius: Rom wurde Republik mit zwei jährlich gewählten Konsuln an der Spitze. Die Nachbarstaaten wurden dem Reich einverleibt. Ihre Kultur, vor allem die der griechischen Stadtstaaten Süditaliens, prägte Rom entscheidend.. Um 260 v. Chr. war Rom bereits eine Weltmacht. Nach dem entgültigen Sieg über Karthago 146 v. Chr. , beherrschte Rom  schließlich den gesamten Mittelmeerraum .

Nicht immer wurde Rom von Kaisern regiert. Jahrhundertelang war es eine Republik. Die Zeit dieser Staatsform ging jedoch in den Bürgerkrieg vor und nach Caesars Tod, als verschiedenen Heerführer um die Alleinherrschaft rangen, zu Ende. Caesar war den stolzen Senatoren zu Machthungrig geworden. Sein Adoptivsohn Octavian (später Augustus), der einzige Überlebende der Machtanwärter, stellte die Ordnung wieder her. Als brillianter Politiker reformierte er den Staat und brachte der Welt den römischen Frieden zurück. Obwohl er als Alleinherrscher das Heer hinter sich wußte, vergaß er nicht die Abneigung der Römer gegen die Königsherrschaft. So rief er die alte Republik mit sich selbst als "ersten Bürger" aus. Eine Täuschung, denn schließlich wurde Augustus der erste Kaiser und vererbte bei seinem Tod (14 n. Chr.) den Thron an seinen Adoptivsohn Tiberius. Von da an wurde Rom 400 Jahre lang von Kaisern regiert.

                       

Das römische Reich verdankte seine Macht den Legionen, dem vielleicht erfolgreichsten Heeren der Geschichte. Jede Legion bestand aus etwa 5.000 Fußsoldaten (Infanterie), römischen Bürgern, die als Freiwillige 20 - 25 Jahre dienten. Die Legionäre bildeten das "Herz " der Armee und trugen den Hauptanteil der Schlachten aus. Um Meutereien zu vermeiden, behandelten die Kaiser ihre Soldaten bevorzugt. Die Ausrüstung der Legionäre bestand aus: Kopfschutz - ein Helm, der Gesicht und Hals gleichermaßen schützte; unter der Rüstung trugen sie wollene Tunkas, die bis oberhalb des Knies reichten, darüber der Brustpanzer aus Metallbändern, die an der Innenseite durch Lederstreifen verbunden waren (ähnlich einem Korsett) , ein Gürtel, (eine Lederschürze) wurde um die Tunika gewickelt und diente so als zusätzlicher Schutz; gutes Schuhwerk war unerläßlich, sie trugen  feste, aber leichte Ledersandalen. Die Sohlen waren mit Eisennägeln beschlagen (wie etwa Fußballschuhe) ; zusätzlich trugen sie noch Schwert und Dolch,ein Wurfgerät, ein Schild und Marschgepäck - Rucksack, mit Werkzeug, Schüssel und Pfanne, eine Wolldecke ,Verpflegung und eine Lederflasche für Wasser oder Wein. Annähernd um die 40 kg mußten die Soldaten tragen.

Uniform eines römischen Legionärs, rechts Gürtel für die Tunika

  

                        

Schmuck wie diesen aus Glasperlen trug fast jede Frau

  

Von römischen Frauen erwartete man(n) traditionell, daß sie hingebungsvolle Ehefrauen und Mütter waren. Mädchen erhielten bestenfalls eine niedere Schulbildung - wenn überhaupt. Die Freiheit, die eine Frau genoß, hing wesentlich von ihrem Vermögen  und ihrem sozialen Status ab. Reiche Frauen waren unabhängig. Viele Römerinnen gebrauchten Schminke. Den modischen blassen Teint erhielten sie durch Auflegen von gemahlener Kreide oder weißer Bleiverbindung. Aus rotem Ocker wurden Rouge und Lippenfärbemittel hergestellt. Augenschminke aus einer Mischung, die Asche und Antimon enthielt. Manche dieser Kosmetika waren giftig. Die Frauen trugen eine innere und eine äußere Tunika aus Leinen oder Wolle. Reiche trugen chin. Seide oder ind. Baumwolle. Das Spinnen und Weben gehörte zur Aufgabe der Frau. Ausserhalb von Heim und Geschäft gab es nur wenig Karrieremöglichkeiten für ein Frau. Reiche Damen konnten Priesterinnen der Vesta oder anderer Göttinnen werden. Es gab einige selbstständige Geschäftsfrauen, bekannt ist z.B. Lamperherstellerin, Hebammen, Friseusen und (selten) Ärztinnen.

 

Schmuck reicher Frauen, Ohrringe gefunden in einem Grab.

 

                            

Nur für wenige glückliche Kinder bestand das Leben ausschließlich aus Spielen und Lernen. In der Grundschule konnten Kinder von 7 bis 15 Jahren lesen, schreiben und rechnen lernen. Zum Frühstück suchten sie auf dem Schulweg eine Gaststätte auf (wie noch heute in Italien üblich). Der Unterricht dauerte vom Morgengrauen bis zum Mittag, viel Auswendiglernen und Prügel für schlechte Leistungen. Mädchen erhielten nur eine niedere Schulbildung, danach erlernten sie von ihren Müttern hausfrauliche Fertigkeiten. Die Kinder der Reichen wurden zuerst von einem Hauslehrer unterrichtet, die Söhne nahmen dann, als Vorbereitung auf eine Karriere in Justiz oder Verwaltung, Unterricht in Rhetorik und Grammatik. Das Ingenieurwissen der Römer wurde innerhalb der Handwerksfamilien oder Berufsstände weitergegeben.. Die Armen besuchten meist keine Schule, sie mußten schon früh arbeiten. Manche Eltern setzten sogar Kinder, die sie nicht ernähren konnten, in der Wildnis aus.

Die Familie war den Römern heilig. Doch sie verstanden unter diesem Begriff etwas anderes als wir. Der    "pater familias " , Vater und Oberhaupt der Familie, herrschte uneingeschränkt über die anderen Mitglieder des Haushaltes, von der Ehefrau bis zu den Sklaven. Theoretisch besaß er sogar Macht über Leben und Tod seiner Kinder, er konnte es ablehnen, sie als seine Nachfolger und Erben einzusetzen und sie sogar als Sklaven verkaufen. In der Praxis aber wurden Frauen und Kinder nicht so unterdrückt, wie es den Anschein hat. Die Frau überwachte den Haushalt und die Finanzen und erzog die Kinder bis zum Schulalter.

                           

Die Römer übernahmen die Kunst des Theaterspielens aus Griechenland und die besten Schauspieler waren gewöhnlich Griechen. Bühnenaufführungen waren zunächst Teil religiöser Feiern; später wurden sie von Reichen finaziert, die die Gunst der Massen gewinnen wollten. Der Eintritt war frei - wenn man es schaffte, hineinzukommen. Angehörige aller Klassen gingen ins Theater. Da die Schauspieler einen schlechten Ruf hatten, durften die Frauen nicht in den Reihen direkt vor der Bühne sitzen. Die Römer mochten Komödien lieber als Tragödien. Sie erfanden auch eigene Schauspielformen wie den "Mimus". (Panthomime)

                               

Nur wenige Häuser besaßen eigene Bäder, die meisten Leute besuchten öffentliche Badeeinrichtungen. Diese dienten  nicht nur der Körperpflege. Die Männer trafen sich dort nach der Arbeit um zu spielen, zu plaudern und sich zu entspannen. Die Frauen hatten eigene Badeanstalten oder suchten Thermen schon am Morgen auf. Die Bäder bestanden aus einer Turnhalle (oder eintspr. Platz) und den eigentlichen Baderäumen. Von den Umkleideräumen aus gelangte man zu mehreren Kammern mit abgestufter Temperatur. Man setzte sich trockenenr Hitze aus (Sauna) oder heißem Dampf (türkisches Bad). Seife war kaum bekannt, stattdessen benutzte man Olivenöl. Danach sprang man in ein Kaltwasserbecken, danach folgte meist eine Massage, bevor man zum Essen nach Hause ging.

                             

Dutzende Sprachen und Dialekte wurden im Römischen Reich gesprochen, doch die Hauptverkehrs-und Schriftsprache waren Latein im Westen und Griechisch im Osten. Auch heute noch gebrauchen wir das lateinische Alphabet. Es bestand ursprünglich aus 22 Buchstaben (I und  J wurden ebenso wenig unterschieden wie U und V;  W und Y gab es  gar nicht). Aus Mangel an Schulbildung konnte ein Großteil des Volkes weder lesen noch schreiben. Der Buchdruck war noch nicht erfunden, deshalb waren die von Hand kopierten Schriften selten und teuer. Zum Schreiben benutzte man Rohr-und Metallgriffel mit Federspitzen

                          

Ausgrabungsfunde belegen, wie geschickt die Römer mit den verschiedensten Materialien umzugehen wußten. In manchen Gegenden z.B. blühte die Töpferei als Industriezweig. Viele Töpfer waren Sklaven oder Freigelassene.  Die uns überlieferten Namen zeigen, daß es sich fast ausschließlich um Männer handelte. In Städten wie Pompeji gabe es auch hunderte kleiner Betriebe: Goldschmiede, Elfenbeinschnitzer, Glasbläser und andere.

                           

Die römische Kochkunst kommt uns heute recht fremdartig vor. Ein überliefertes Rezept empfiehlt z.B. Siebenschläfer, in Honig unf Mohnsamen gekocht. Auch waren viele unserer modernen Grundnahrungsmittel noch nicht bekannt. Es gab weder Kartoffeln noch Tomaten. Mehlspeisen waren auch noch nicht erfunden. Wer glaubt, die Römer hätten stets Auserlesenes gegessen, der irrt: Die meisten speisten einfach. Ihre Hauptnahrungsmittel waren Brot, Bohnen, Linsen, Kichererbsen und ein wenig Fleisch. Selbst reiche Römer nahmen tagsüber nicht viel zu sich, denn die Hauptmahlzeit war das Abendessen.

Wohlhabende Römer begaben sich zeitig nach Hause, um die Hauptmahlzeit des Tages zu genießen: das Abendessen. Es begann oft schon um 2 oder 3 Uhr nachmittags und dauerte mehrere Stunden. Oft war es mehr ein gesellschaftliches Ereignis, denn es kamen Gäste und zwischen den einzelnen Gängen gab es Unterhaltung. Gabeln benutzten die Römer nicht, sie nahmen einfach die Finger. Die Römer kannten trockene und süße Weine mit den Bezeichnungen "schwarz", "rot", "weiß" oder "gelb". Man trank den Wein mit Wasser gemischt. Ihn pur zu trinken galt als unfein. Dagegen hielt man Rülpsen für höflich.

                           

Im römischen Reich wurden hunderte verschiedener Götter und Göttinnen, Halbgötter und Geister verehrt. Sie wurden in menschlicher Gestalt dargestellt. Jeder Bürger hatte den wichtigsten Göttern Rom wie Jupiter und Juno sowie dem Schutzgeist des Kaisers zu opfern. Die Menschen fürchteten die Götter, versuchten sie günstig zu stimmen und baten sie um Hilfe. Sie brachten Gaben zu den Tempeln oder versprachen Geschenke,, wenn sie erhört wurden. Die verschiedensten Dinge wurden geopfert. Von Münzen und Broschen bis zu silbernen Statuen. Augustus versprach dem Mars sogar einen neuen Tempel, falls er ihm helfe,  Julius Caesar zu rächen. Noch heute kann man die Ruinen dieses Tempels für "Mars, den Rächer" in Rom bewundern. Auch Speisen und Getränke wurden geopfert. Tieropfer waren üblich.

                               

Die medizinische Wissenschaft steckte zur Römerzeit noch in den Kinderschuhen. Die Ursache vieler Krankheiten war unbekannt. Viele glaubten, Krankheit werde durch den Zorn der Götter, Hexenwerk oder Flüche verursacht. Die meisten griechischen Ärzte waren teuer, manche waren Betrüger. Und auch die geschicktesten von ihnen konnten Patienten nicht retten, die heute durch Antibiotika oder ähnlichem geheilt werden. Eine Blinddarmoperation, heute Routine, ging damals immer tödlich aus. Die Römer kannten Betäubungsmittel, aber keine echten Narkotika. Daher waren chirurgische Eingriffe gefährlich und schmerzhaft. Kein Wunder, daß die Leute lieber Hilfe von Göttern erbaten!

Die Römer standen dem Tod näher als die meisten heutigen Menschen - ihre Lebenserwartung war gering. Schlechte Ernährung, mangelnde medizinische Versorgung und harte Lebensbedingungen waren Schuld daran. Nur etwa 2 von 3 Kindern erreichten das Erwachsenenalter. Frauen starben oft im Kindbett. Etwa die Hälfte der Bevölkerung wurde nicht einmal 50 Jahre alt, nur wenige erreichten das greise Alter von 80 und mehr Jahren. So überrascht es nicht, daß der Tod nicht verdrängt, sondern von vielen Riten begleitet wurde. Lange war die Feuerbestattung üblich, später wurden die Toten im Sarg beigesetzt. Archäologische Untersuchungen römischer Grabstätten geben zahlreiche Aufschlüsse über das Leben der damaligen Menschen. Die Christen Roms begruben ihre Toten in den Katakomben, einem System unterirdischer Gänge und Kammern mit Wandnischen für die Särge. Zur Verringerung der Seuchengefahr verbot das römische Gesetz Bestattungen innerhalb der Stadt.

                        

Nach dem Jahr 200 n.Chr. wandelte sich das Römische Reich. Ständige Konflikte mit den "Barbaren" im Norden und den kriegerischen Persern im Osten, wirtschaftliches Chaos und andauernde Bürgerkriege zwischen rivalisierenden Heerführern begründeten den Niedergang Roms. Zeitweise gelang es Diokletian und seinen drei Mitregenten, den Frieden wieder herzustellen, doch um welchen Preis! Das Reich stöhnte unter der Last einer sich aufblähenden korrupten Bürokratie und die Armee verlor zusehends an Macht. Um das Jahr 400 n. Chr.  wurde das Heidentum mehr und mehr unterdrückt. Schließlich teilte man das Reich in zwei Staaten (395 n. Chr.)  Ost- und Westrom. Beider Geschichte sollte sehr unterschiedlich verlaufen.

        - ENDE -                                                     Back to top

 

 

 

 

 

 

        DAS ALTE GRIECHENLAND

       

Kultur und Alltagsleben einer faszinierenen Epoche -  Griechenland, ein gebirgiges Land mit heißen, trockenen Sommern und milden Wintern. Ackerland ist rar und war schon bei den ersten Siedlungsgemeinschaften Anlaß für kriegerische Auseinandersetzungen. Griechenland brachte eine Kultur hervor, die die westliche Zivilisation durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag stark beeinflußt hat. Die Griechen setzten Maßstäbe in Literatur, bildeneKunst, Theaterwissenschaft, Philosophie, Politik, Sport und vieles andere. Ihren Höhepunkt erreichte die griechische Kultur im Athen des 5. vorchristl. Jahrhunderts.

Die erste Hochkultur der Ägäis entwickelte sich auf Kreta. Diese Insel, die schon seit etwa 6.000 v. Chr. besiedelt ist, erreichte ihre Blütezeit zwischen 2200 und 1450 v. Chr. und verdankt ihren Reichtum dem florienden Handel mit Ägypten, Syrien und anderen. Der fruchtbare Boden brachte Früchte im Überfluß. Diese friedliche kretische Kultur wird nach dem legendären König Minos als minoisch bezeichnet (minoische Kultur). Um 17000 v. Chr, wurden Knossos und die anderen Paläste durch Feuer zerstört, danach aber noch prunkvoller wieder aufgebaut. Diese Kultur erlebte noch einmal einen Aufschwung, der etwa bis 1500 v. Chr. dauerte.

In der Bronzezeit gab es mehrere politische und wirtschaftliche Zentren in Griechenland. Eines davon war Mykenä, die Stadt des Agamemnon, eine nahezu uneinnehmbare Festung. Der König oder Stammesfürst lebte in einem Palast mit vielen Räumen, die gleichzeitig als militärisches Hauptquartier und als Verwaltungszentrum diente. Die Mykener waren Krieger, in ihrem Gräbern fand man Waffen und Rüstungen. Außerdem betrieben sie einen intensiven Handel. Um 1600 v.Chr. erreichte die mykenische Kultur ihren Höhepunkt und stellt sogar die minoische K. in den Schatten. Sie bauten Verteidigungswälle um alle großen Städte. Doch um 1200 v. Chr. wurden die Städte verlassen oder zerstört. Innerhalb von 100 Jahren waren die mykenischen Festungen eingenommen. Eine Periode, die oft das " Dunkle Zeitalter " genannt wird, begann.

Im 12. Jahrhundert v. Chr. verloren die einst so reichen mykenischen Städte und Paläste an Bedeutung oder wurden zerstört, der Handel im Osten stagnierte. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde die untergegangene mykenische Kultur in Sagen und Mythen verklärt, die von Generation zu Generation in Gedichtform überliefert wurden. Zwei dieser Heldengedichte, " Ilias" und " Odyssee " sind auch heute noch bekannt. Im 8. Jhd. v. Chr. wurden sie von Homer aufgeschrieben.

                         

Athen, das Zentrum der Künste und Wissenschaften war der Mächtigste unter den griechischen Stadtstaaten. Schutzherrin der Stadt war Athene. Sie war die Göttin der Weisheit und des Krieges.  Im Parthenon stand eine riesige Gold-Elfenbein-Statue der Göttin Athene. Im Jahre 480 v. Chr. griffen die Perser Athen an und zerstörten die Tempel auf der Akropolis. Später betrieb Perikles den Wiederaufbau der Stadt .

Das alte Griechenland bestand aus vielen unabhängigen Stadtstaaten, die von reichen Adligen, sogenannten Tyrannen, geführt wurden. Diese waren nicht immer grausame Unterdrücker, wie das Wort nahelegt. Doch schlechte Herrscher prägten die negative Bedeutung des Namens und gaben Anlaß zum Sturz der Tyrannis. So auch in Athen, wo eine Volksherrschaft entstand, die man Demokratie nannte. Diese Versammlung war Mittelpunkt des politischen Lebens. Jeder Bürger hatte das Rede- und Wahlrecht in der Versammlung, die nur stattfand, wenn mind. 6000 Männer anwesend waren. Zehn jährlich  gewählte militärische Befehlshaber hatten im Kriegsfall über die Verteidigung der Stadt zu entscheiden. Der athenische Staatsmann Solon (640 - 558 v. Chr.) erließ viele neue Gesetze. So schaffte er z.B. die Schuldknechtschaft ab, d.h. Bauern durften nicht mehr als Sklaven verkauft werden, wenn sie ihre Schulden nicht abzahlen konnten. Für die allgemeine Rechtssprechung führte Solon Geschworenengerichte ein.

 

                         

Die Griechen glaubten, daß alle Götter Nachkommen von Gaia (der Erde)  und Uranos (dem Himmel) waren. Sie schrieben den Göttern menschliche Eigenschaften zu: Ihre Götter verliebten sich, heirateten, stritten, hatten Kinder und musizierten.  Den bekanntesten Göttern weihte man Tempel und Heiligtümer, die man mit Geld und Kunstgegenständen füllte. Die  meisten bis heute erhaltenen griechischen Prachtbauten sind Tempel. In ihnen brachten die Menschen ihre Dank-und Bittopfer dar.      

        

                         

Wie andere Völker glaubten auch die Griechen mit ihren Göttern handeln zu können. Sie brachten ihnen Gold, Silber und Tiere als Opfer dar und veranstalteten ihnen zu Ehren Feste und Spiele. Als Gegenleistung erhofften sie vor Krankheiten bewahrt zu werden und um gute Ernteerträge. Eines der wichtigsten Heiligtümer in Griechenland war das des Apoll in Delphi. Apoll war der Gott des Lichtes, der Dichtung, der Musik und der Heilkunst. Er konnte weissagen und in Delphi sagte er den Menschen die Zukunft voraus. Seine Priesterin fungierte dabei als Sprachrohr. Das Orakel (so nannte man die Weissagunsstätte und die Weissagung selbst) blieb in Delphi bis in christliche Zeiten erhalten.

                               

Die Häuser der Griechen hatten kleine, hoch oben sitzende Fenster. Die Wände bestanden aus ungebrannten, an der Sonne getrockneten Lehmziegeln und waren daher nicht besonders hart. Die Häuser hatten einen Innenhof oder Garten, in dem sich häufig ein Brunnen befand.. Die Fenster waren ohne Glas, die Fensterläden aus Holz.

                           

In kretisch-minoischer Zeit hatten die Frauen noch verhältnismäßig große Freiheiten, doch später bestimmten die Ehemänner, Väter und Brüder zunehmned über ihr Leben. Ohne männliche Begleitung durften Frauen zu Perikles´s Zeiten kaum aus dem Haus gehen. Politische Betätigung war reine Männersache. Darüber hinaus waren Frauen meist nicht erbberechtigt und hatten kaum eigenes Geld. Im Alter von 13 oder 14 Jahren wurden sie mit einem viel älteren Mann verheiratet, den ihr Vater ausgesucht hatte. Wichtigste Funktion der Ehe war es, Kinder, vorzugsweise Jungen, das Leben zu schenken, um den Erhalt der männlichen Linie zu garantieren. Trotzdem gab es glückliche Ehen. Grabsteine mit zärtlichen Widmungen trauernder Männer deuten darauf hin. (Viele Mütter starben bei der Geburt eines Kindes.) Mit ihren Spinn- und Webarbeiten leisteten sie einen wichigen Beitrag zum Unterhalt der Familie.

                       

Die Zukunft eines Kindes lag ganz in der Hand seines Vaters. Sobald es geboren war, übergab die Mutter es dem Vater, er entschied, ob es am Leben bleiben und in der Familie aufwachsen durfte. Wenn er sich nicht dazu in der Lage sah, ein weiteres Kind zu ernähren, wenn das Baby nicht kräftig genug, behindert oder ein unerwünschtes Mädchen war, konnte er es aussetzen. Manche ausgesetzte Kinder fanden als Sklaven Aufnahme in fremden Familien. Wurde ein Kind aber von seiner Familie angenommen und hatte 10 Tage nach der Geburt einen Namen erhalten, war man sehr fürsorglich mit ihm. Spiele und Spielzeug der Kinder von damals kennen wir zum Teil heute noch, etwa Rasseln, Wippen, Drachen und Bälle. Im Alter von 7 Jahren gingen die Jungen zur Schule, die Mädchen blieben zu Hause. Das Alter von 12 oder 13 sah man als Ende der Kindheit an; dann wurde das Spielzeug Apollo oder Artemis geweiht.

                          

Reiche Griechen, insbesondere die Städter, hatten viel Freizeit, die sie gern mit Gesprächen und Festmählern sowie dem Besuch von Sportstätten und jeder Art von Spiel ausfüllten. Musik hatte einen besonderen Stellenwert

In Athen und anderen griechischen Städten veranstalteten die Männer oft Bankette und Trinkgelage für ihre männlichen Bekannten. "Ehrbare Frauen"  waren nicht zugelassen. Sklavinnen, die Hetären, unterhielten die Männer mit Tanz, Flötenspiel und akrobatischen Darbietungen. Der Abend begann mit dem Trankopfer (meist Wein) für die Götter, dazu sang man Lieder zu ihren Ehren. Die Gäste trugen Girlanden und waren parfümiert. Während früh am Abend häufig über Politik und Philosophie gesprochen wurde, ging man später zu Witzen, Rätseln und Geschichte über. Nachdem gut gegessen und getrunken wurde, schliefen die Gäste manchmal auf ihren bequemen Liegen ein. Aufräumen mußten die Frauen und Sklaven.

Griechische Theater gehören zu den beeindruckensten Bauwerken des Altertums. In Städten wie Athen oder heiligen Orten wie Delphi und Epidaurus strömten die Menschen zusammen, um sich Dramen zu Ehren der Götter anzusehn. Die Ursprünge des Schauspiels liegen in Dankfesten, die in Athen zu Ehren des Weingottes Dionysos mit Tänzen und Gesängen gefeiert wurden. Seit Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. veranstaltete man Dramenwettbewerbe. Ab dem 5. Jhd. v. Chr. wurden Komödien und Tragödien aufgeführt. Die Schauspieler waren ausschließlich Männer, sie trugen Masken und Perücken, der Chor kommentierte das Geschehen und wandte sich direkt an die Zuschauer.

                             

Die Griechen legten großen Wert auf Schönheit und Sauberkeit. Junge Männer trainierten ihren Körper, um gute Sportler und Soldaten zu werden. Nacktheit galt bei jungen Männern als normal, ihre sportlichen Wettkämpfe trugen sie immer nackt aus. Nach dem Sport rieben sich Jungen und Männer mit Olivenöl ein, um die Haut geschmeidig zu halten. Frauen bedeckten Körper und Kopf, wenn sie das Haus verließen. Ihre Sommerkleidung aus zarten Stoffen war allerdings manchmal nahezu durchsichtig. Sie parfümierten sich mit ätherischen Ölen und setzten ihre Haut möglichst wenig der Sonne aus, da Sonnenbräune als unschön galt. Wohlhabende Frauen trugen kunstvoll gearbeiteten Gold-und Silberschmuck.

                          

Die heimische Schafzucht lieferte den wichtigsten Rohstoff für die Kleidung. Die Schafwolle wurde sehr fein versponnen, sodaß die Gewänder dünner und leichter waren. Außerdem baute man Flachs an, den man zu Garn für kühle Leinenkleidung verspann. Die Reichen kauften teure Seide aus dem Osten, leuchtende Farben waren beliebt. Die Farbstoffe gewann man aus Pflanzensäften, aber auch aus Tieren, z.B. Purpurrot aus Meeresschnecken. Die Kleidung von Mänenrn und Frauen unterschied sich kaum und blieb über Jahrhunderte nahezu unverändert.

                          

Für die Griechen war Sport zugleich Götterverehrung und Übung für den Kriegsfall. Es gab viele regionale Wettkämpfe. Das bedeutenste waren die Olympischen Spiele, die zu Ehren des Gottes Zeus alle vier Jahre in Olympia veranstaltet wurden. Die sportlichen Regeln waren streng und jeder Verstoß wurde hart bestraft.

                            

In der Philosophie (Liebe zur Weisheit) versuchten die Griechen das menschliche Dasein und die Beschaffenheit der Welt zu ergründen. Viele Philosophen glaubten an die Wiedergeburt in einem anderen Körper. Manche hielten sogar Bohnen für einen Aufenthaltsort der Seele und lehnten es daher ab, dieses Gemüse zu essen. Es bestand ein enger Zusammenhang zwischen Philosophie, Kunst und Religion. Obwohl Sokrates (469 - 399 v. Chr.) einer der bekanntesten Philosophen Griechenlands ist, gibt es keine von ihm selbst verfassten Schriften. Philosophen wurde als Statuen oft mit nackter Brust gezeigt.

                            

Krieg war bei den Griechen nichts Außergewöhnliches. Die Stadtstaaten bekämpften sich häufig. Freie Männer mußten Kriegsdienst leisten und für ihre Rüstungen und Waffen selber aufkommen. In Athen bereiteten sich die jungen Männer im Alter von 18 bis 20 Jahren auf den Kriegsdienst vor, erst danach wurden sie einberufen. In Sparta begann die militärische Ausbildung sehr viel früher. Das Rückrat der griech. Armee bildete die Infanterie. Ärmere Soldaten dienten als Bogenschützen oder Steinschleuderer. Die Fußsoldaten nannte man "Hopliten" (grich. Wort für "hoplon" = Schild)

                           

Die alten Griechen beschäftigten sich eingehend mit naturwissenschaftlichen Fragestellungen. Sie griffen Erkenntnisse ägyptischer und babylonischer Gelehrter auf und verstanden es, eine theoretische Basis für angewandte Wissenschaft wie Biologie, Mathematik, Astronomie und Geographie zu schaffen. Ein wichtiges Gebiet war die Medizin. Die Griechen glaubten, daß Krankheit eine Strafe der Götter sei und deren Anbetung zu Heilung führe. Heiligtümer gab es in ganz Griechenland. Viele Kranke verbrachten dort die Nacht im Tempel. Sie glaubten, daß Asklepios ihnen im Traum erscheinen und Behandlungen verordnen würde. Am nächsten Tag fürhrte ein Priester die Behandlungen durch.

Im Altertum starben die Menschen meist recht früh, denn das Leben war hart. Junge Männer fielen im Krieg und junge Frauen starben bei er Geburt eines Kindes. Vom Leben nach dem Tod gab es unterschiedliche Vorstellungen. Am weitesten verbreitet war der Glaube an ein Totenreich in der Tiefe der Erde. Deshalb wurden die Toten meist begraben. Es gab aber auch Totenverbrennungen auf Scheiterhaufen. Die Seele wurde manchmal als winzige geflügelte Person dargestellt und manche glaubten, daß sie den Körper verlasse, sich zum Himmel aufschwinge und als Stern darauf wartete, in einem neuen Körper wiedergeboren zu werden.

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                         INDIANER

                      

Wer Indianer nur aus Karl-May-Büchern oder Western Filmen kennt, hat oft ein falsches Bild von ihnen. Vor der Ankunft der Weißen lebten in Nordamerika einige hundert verschiedene Indianerstämme, die in Europa meist unbekannt sind. Seit Jahrtausenden schon beherrschten die Ureinwohner die Jagd auf mächtige Bisons, erlegten Wale, pflanzten ertragreichen Mais an und bauten mehrstöckige Häuser aus Stein. Aufgrund ihrer Religion lebten sie in Harmonie mit Himmel und Erde, Tieren und Pflanzen.

Als die Weißen ab dem 16. Jahrhundert den Kontinent eroberten und besiedelten, veränderte sich das Gleichgewicht. Zwar blühten dank der aus Europa eingeführten Pferde in der Prärie neue Kulturen auf, doch letztendlich überwogen die Nachteile: Krankheiten, die die Eoropäer eingeschleppt hatten, rafften die Bevölkerung ganzer Dörfer dahin. Überall forderten die Weißen Land von den Indianern oder nahmen es ihnen mit Gewalt. Schließlich blieben den Ureinwohnern nur noch Reservationen.

Drei Millionen Indianer leben heute in Nordamerika. Ihre Zahl wächst, ihr Selbstbewußtsein steigt , und sie sind stolz darauf, daß ihre Vorfahren die ersten Amerikaner gewesen sind. Sie fordern zu Recht Teile des Landes zurück, daß ihnen die Weißen geraubt haben. Und sie versuchen, ihre überlieferten Sprachen und ihre so unendlich vielfältigen Kulturen vor dem Vergessen zu bewahren.

                              

Aber fangen wir doch einfach mal ganz von vorne an: Der berühmteste Entdecker Amerikas ist Christoph Kolumbus (1451 - 1506), ein Italiener aus Genua, der im Dienste des spanischen Königshauses einen neuen Seeweg nach Indien suchte. Als er nach einer beschwerlichen Seefahrt von Spanien westwärts über den Atlantischen Ozean  am 12. Oktober 1492 auf der Bahamainsel San Salvador an Land ging, glaubte er fest, in Indien zu sein. Dehalb nannte er die Bewohner " Ios indios " , zu deutsch. " Inder ". Viel später erkannten andere Entdecker, daß sich nördlich der Inseln ein riesiger, gänzlich unbekannter Kontinent erstreckte und daß Indien noch weit entfernt dahinter liegen mußte. Schließlich unterschied man auch zwischen den Indern in Indien und den Indianern in Amerika.

Kolumbus war - genaugenommen - der letzte, der Amerika entdeckte. Schon Jahrhunderte vor ihm waren die Wikinger in Nordamerika gelandet, und vermutlich hatten irische Mönche und bretonische Fischer die Ostküste gesichtet.. Doch erst nach der Reise des Kolumbus erfuhren allmählich alle Europäer von der Existenz dieser "Neuen Welt".

Bald verbreitete sich das Gerücht, die Ureinwohner Amerikas hätten eine rote Hautfarbe, und man nannte sie darum meist abfällig die " Roten" oder " Rothäute ". Doch eine rote Haut hatten scheinbar nur jene Indianer, die sich auf Kriegszügen oder bei religiösen Anläßen ihre Gesichter oder Körper mit Zinnoberfarbe  anmalten. In Wirklichkeit ist ihre Hautfarbe hell- bis dunkelbraun., und viele sehen den Menschen in Asien ähnlich: Ihre Haare sind schwarz und glatt, sie haben dunkle Augen, und die Haut ist nur spärlich behaart. Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall, denn tatsächlich kamen die Vorfahren der Indianer ursprünglich aus Asien, und insofern hatte Kolmbus nicht ganz unrecht.

                          

Schon vor etwa 30. 000 Jahren wanderten Menschen , die seit Generationen in der Arktis Asiens lebten, in den noch menschenleeren nordamerikansichen Erdteil ein. In dieser Zeit lag die Nordhalbkugel unter einer gewaltigen Eisdecke. Die ausgedehnten Gletscher banden so viel Wasser, daß der Spiegel des Pazifiks und des Nordpolarmeeres beträchtlich unter dem von heute lag. So entstand eine Landbrücke zwischen Asien (Sibirien) und Amerika (Alaska), die Beringstarße. Mehrere tausend Jahre war die Beringstrße trockenes Land.

Viele Jägergruppen gelangten während dieser Eiszeit auf den anderen Kontinent. Als Großwildjäger folgten sie den Mammuts, Großhornbisons und Rentierherden (Karibu). Später zogen sie auch den Wildpferden nach, fingen Biber, Kaninchen, Opossum und Waschbär, nutzten den Fischreichtum der Seen und Flüße und sammelten Wildfrüchte.

In den tausenden von Jahren seit der Erstbesiedlung wuchs die Bevölkerung Amerikas stetig an, neue Völker entstanden und siedelten in bisher unbewohnten Gebieten. Als die Europäer ab dem 16. Jahrhundert den Kontinent erforschten, trafen sie von Alaska im hohen Norden bis nach Feuerland, dem südlichen Zipfel Südamerikas, überall Ureinwohner. Wie viele Indianer damals in Nordamerika lebten, weiß niemand genau, vielleicht waren es zehn Millionen, vielleicht auch nur 2 Millionen. Ob es 250 oder mehr Indianerstämme gegeben hat, ist ebenfalls ungewiß, denn der Übergang von einem Stamm zum nächsten und von einer Sprache zur anderen war oft fließend. Ihre Sprachen werden in Sprachfamilien zusammengefasst. Zu den wichtigsten zählen:

                          

Algonkin (wohl die am weitesten verbreitete Sprachfamilie): Arapaho, Blackfoot,Cheyenne, Cree, Delaware, Mahican, Montagnais, Naskapi, Ojibwa, Ottawa, Shawnee.Athapaskisch: Apache, Chiewyan, Dogrib, Navajo, Kutchin, Yellowknife. Irokesisch: Cayuga, Cherokee, Erie, Huron, Mohawk, Oneida, Onondaga, Seneca, Tuscarora. Sioux : Assinbioin, Crow, Dakota, Hidatsa, Mandan, Winnebago. Muskogee: Chickasaw, Choctaw, Creek, Natchez, Seminole. Uto-Aztekisch: Comanche, Hopi, Kiowa, Paiute, Shoshone, Ute.

                       

Im Norden Kanadas und in Alaska erstreckten sich unterschiedliche Nadelwälder aus Fichten, Tannen, Kiefern, Lärchen und Lebensbäume, in die vereinzelt Birken und Pappeln eingestreut sind. Kurze, heiße Sommer und bitterkalte schneereiche Winter bestimmen das Klima der Subarktis (lateinisch: sub = unterhalb, also unterhalb der Arktis). Durch das Dickicht der Wälder gab es für Menschen kaum einen Weg - sie nutzten Wasserwege, um in ihre Jagdgründe zu gelangen. Hier fingen sie mit trickreichen Fallen Biber, Luchse, Marder, Nerze und den Vielfraß, erlegten aber auch Elche und Karibuhirsche. Die Subarktischen Jäger gehörten vornehmlich den weitverzweigtesten Sprachfamilien Nordamerikas an: Im Osten wohnten die Algonkin, im Westen die Athapasken.

Dort, wo Europäer verhungern würden, lebten die "Birkenrindindianer", die Naskapi und Montagnais. Der Wald gab ihnen alles. Aus Ahornsaft kochten sie Ahornsirup und als Notnahrung für den Winter Pemmikan, eine Mischung aus getrocknetem Fleisch, Fett und Beeren. Sie bauten leichte Birkenrindenkanus und deckten ihre kegelförmigen Zelte im Sommer mit Birkenrinde und im Winter mit Karibuhäuten ab. Auch der kufenlose Toboggan, ein leichter Schlitten der von Hunden gezogen wurde, bestand aus Birkenholz. Unentbehrlich waren im Winter Schneeschuhe. In einem breit-ovalen oder kreisrunden Rahmen aus Birkenholz flochten die Naskapi Karibu-Lederriemen. Die westlich wohnenden Cree und Beaver (Biber) besaßen eher längliche Schneeschuhe, die sie wegen ihrer Form Biber - oder Schwalbenschwanz nannten.

 

Südlich der Hudsonbucht siedelte die große Gruppe der Wald-Cree, ihre nördlichen Nachbarn waren die Chipewyan, der stärkste Stamm der Athapasken. Zu ihnen zählten auch die Yellowknife (Gelbmesser) und Dogrib (Hunderippen). Als Nachbarn der Eskimo (Inuit) lebten die Kutchin, sie ernährten sich vor allem von Lachsen und übernahmen den arktischen Kufenschlitten und den Kajak.

                        

Das geographische Gebiet "Nordosten" erstreckt sich vom Mississippi (Großer Fluß) über die Großen Seen bishin zur Atlantikküste im Osten. Vor Ankunft der Europäer war dieses Gebiet bis hinunter in den Süden mit Kiefer, Eiche, Buche und Ahorn bewaldet. In diesem Raum entwickelte sich eine Vielfalt von Lebensweisen indianischer Stämme. Die Heimat der mächtigen und berühmten Irokesen lag am Ontariosee und im Tal des St.-Lorenz-Stromes. Sie waren seßhaft, und in ihren umfriedeten Dörfern wohnten sie in Lagerhäusern. Auf den Feldern bauten sie Mais, Kürbis und Bohnen an. Sie ergänzten ihren Speisezettel durch Fisch, Kräuter, Pilze und Beeren. Zu ihrer bevorzugten Jagdbeute zählten Hirsche und Bären, Hasen und wilde Truthähne.

Von den an den Großen Seen lebenden Indianerstämmen - die Huron am Huronsee und die Erie am Eriesee - sind vor allem die Ojibwa (Chippewa) am Oberen See bekannt. Man bezeichnet sie als "Erntevolk", weil sie jedes Jahr große Mengen an wildem Wasserreis ernteten. Dabei handelt es sich um eine hohe Grasart, die im Wasser wächst und von Booten aus geerntet wird. Der Wasserreis regelte das gesamte Leben der Ojibwa, er war ihnen heilig.

Tiefer im Südosten lag das Gebiet der Natchez und der "zivilisierten" Stämme, zu denen sie Creek, Cerokee, Choctaw und Seminole zählten. Zivilisiert nannte man sie, weil sie sich im 19. Jahrhundert ganz an die Kultur der Weißen anpassten und sogar eigene Staatswesen schufen.

Die Natchez hingegen überlebten den Ansturm der Weißen nicht. In mehreren Kriegen im 18. Jahrhundert töteten und versklavten die Franzosen die Natchez, weil  sie deren fruchtbares Land besitzen wollten. Die Überlebenden flohen zu ihren Nachbarn, den Creek. Im Jahre 1940 starben die letzten Natchez in Oklahoma.

                        

Prärie und Plains nennt man die unendlich weite Grasfläche im Herzen Nordamerikas zwischen dem Mississippi im Osten und dem Felsengebirgen im Westen, den Rocky Mountains. Sie erstreckt sich über 3.000 Kilometer von Kanada quer durch die USA bis nach Mexiko hinein. Vor der Ankunft der Europäer lebten Indianer im östlichen Teil der Prärie und an den Ufern der Flüsse, die in den Mississippi münden. Denn hier war der Boden fruchtbar, und sie pflanzten Mais und Bohen in ihren Gärten. In den Flußauen standen Eiche, Ahorn und Walnußbaum. Der Regen brachte so viel Feuchtigkeit, daß das Gras der Prärie mehr als einen Meter hoch wuchs. Die hier lebenden Prärie-Indianer jagten vor allem Rehe, Wapiti-Hirsche, Gabelböcke und Bisons.

Im westlichen Teil hielten die Rocky Mountains die vom Pazifik heranziehenden Regenwolken zurück. Daher breitete sich dort eine gewaltige Trockensteppe mit nur niedrigem, teils sogar spärlichem Grasbewuchs aus, die Große Ebene oder Great Plains genannt. Das kurze Büffelgras war für viele Tiere eine lebenswichtige Nahrungsquelle, vor allem für die gewaltigen Herden von Bisons. Für Menschen allerdings war dieser Landstrich zu karg. Nur zur Jagd suchten die Indianer die Plains auf. Stämme wie Hidatsa und Mandan siedelten lieber im Flußtal des Missouri, wo sie Mais, Bohnen, Sonnenblumen und Tabak anbauten. Im Sommer, wenn auf den Feldern die Früchte heranreiften, gingen die Männer wochenlang auf die Jagd, die früher sehr mühsam war. Sie folgten den langsam ziehenden Bisonherden durch die wasserarme Steppe und schlichen sich vorsichtig an die grasende Herde heran. Hatten sie - oft weit entfernt vom Lager - einige Tiere erlegt, so konnten sie nur so viel Fleisch zurückbringen, wie sie zu tragen vermochten.

Nach der Ernte zogen sie in die felsigen " Badlands " , um dort Adler zu erbeuten, deren Federn sie zu Federhauben verarbeiteten. Alle Indianer legten Wert auf verzierte Kleidung . Die Lebensweise der halbseßhaften Prärie-Indianer änderte sich erst, als sie Pferde kennenlernten.  Die Spanier, die im 16. Jahrhundert von Mexico aus nach Nordamerika vordrangen, hatten sie aus Europa mitgebracht. Anfangs fürchteten sich die Indianer vor diesen " Großen Hunden ", aber bald bemerkten sie, wie nützlich sie waren. Aus gestohlenen und verwilderten Pferden, den Mustangs, züchteten Apache und Comanche ab 1630 selbst Pferde, und bald konnten sie besser reiten als die Spanier. Im Laufe von gut hundert Jahren breitete sich das Pferd dank indianischen Tauschhandels allmählich immer weiter Richtung Norden aus.

Nun konnten die Jäger viel leichter den Bisons folgen, die Kolosse vom Pferderücken aus mit Pfeil und Bogen erlegen, große Mengen Fleisch ins Lager schaffen - und so in den kargen Plains überleben. Um 1750 besaßen die meisten Indianer der Plains und Prärie Pferde., wie Cheyenne, Sioux (von den Weißen so genannt, sie selber nennen sich Lakota, Nakota und Dakota), Crow (Krähen), Comanche und Kiowa. Und 1775 hatten auch die im Norden lebenden Blackfoot (Schwarzfuß) und Plains-Ojibwa größere Herden. Zwischen 1750 und 1850 blühte die Kultur der Prärie- und Plains-Indianer, wie wir sie aus Filmen kennen: Reiter mit wehendem Federschmuck, die mit Gewehren und Tomahawks bewaffnet gegen die Weißen kämpfen, in Tipis wohnen und von der Bisonjagd leben.

                          

Das riesige langgestreckte Gebiet zwischen Felsengebirge und den die Küste abriegelnden Bergzügen heißt im Norden Hochebene oder Plateau, im Süden Großes Becken. Der Süden ist eine wüstenähnliche Landschaft, in der Dornenbüsche und gelegentlich lichte Nadelwälder wachsen. Nur Sammler und Jäger konnten hier überleben - Ute, Paiute und Shoshone beispielsweise. Sie ernährten sich von Wurzeln und Samen wilder Pflanzen. Am begehrtesten waren die nahrhaften und lange haltbaren Pinyon-Nüsse, eigentlich Samen großer Kiefernzapfen.

Zur Jagdbeute gehörten Schlangen, Eidechsen und Heuschrecken. Kaninchen und Antilopen lieferten außer Fleisch auch wertvolle Felle und Leder. Aus Faserpflanzen flochten Ute und Paiute Körbe, Sandalen und sogar Boote.

Von der Natur besser bedacht waren die Indianer des Plateaus, die Chinook, Salish, Nez Percé (Durchbohrte Nasen), Flathead (Flachkopf) und Kutenai. Hier im Norden mit wildreichen Wäldern und großen Flüssen litten die Menschen nur selten Hunger. Zu bestimmten Zeiten wimmelte es von Lachsen, die zum Laichen die Flüsse hinaufstiegen, und man mußte sie nur mit Speeren oder mit Netzen herausholen. Eine besondere Rolle für ihre Ernährung aber spielte die Zwiebel der Kamas-Pflanze, eine blaublühende Hyazinthenart.

Stellvertretend für die Leidensgeschichte aller Indianer kann das Schicksal der Nez Percé (sie nannten sich selbst Tsutpeli) angesehn werden. Diese Plateau-Indianer galten als hervorragende Züchter des getüpfelten Appaloosa-Pferdes, und sie führten einen heldenhaften Kampf mit ihrem Häuptling Joseph gegen die Weißen. Diese zerstörten die Kamasgründe der Indianer und zwangen sie 1877 ihre Heimat Oregon zu verlassen und sich in ein winziges Reservat in Idaho anzusiedeln. Auch die Zucht ihrer Pferde wurde ihnen untersagt. Sosehr sich  die Nez Percé auch wehrten - die Weißen waren in der Überzahl. Häuptling Joseph starb 1904 an "gebrochenem Herzen".  Häuptling "Looking Glass" wurde bereits 1877 von den Weißen getötet.

                         

An der wald- und regenreichen Nordwestküste war das Leben recht geruhsam. Da die Indianer nicht dem Wild folgen mußten, konnten Kwakiutl, Tlingit und Haida in großen, festen Plankenhäusern aus Zedernholz wohnen. Sie waren 10 - 15 Meter lang und boten Platz für mehrere Familien. Die Flüsse und das Meer vor der Küste wimmelten von Fischen: Riesige Mengen Lachs, Heilbutt, den "Kerzenfisch" Eulachon, Hering, Kabeljau und Schellfisch brachten die Fischer heim, außerdem jagten sie Robben, Delphine und Seelöwen. Die Nootka und Makah waren große Walfänger.

Im Frühjahr pflückten die Indianer jungen Klee und aßen ihn sofort, später im Jahr sammelten sie frische Pflanzensprößlinge, Beeren und Wurzeln. Im Winter lebten sie von all den üppigen Vorräten an gedörrtem Fisch, getrockneten Beeren und Fischöl. Da sie seßhaft waren, hatten sie Zeit für andere Beschäftigungen. Sie schnitzen kunstvolle  (Tanz-) Masken, Truhen, Löffel und reich geschmückte Totempfähle. Zur Erinnerung an wichtige Ereignisse errichteten sie solche Haus- oder Gedenkpfosten, auf denen sie Wal, Biber oder die doppelköpfige Schlange Sisiutl darstellten. Diese Tiere galten als Urahnen der Menschen und waren eine Art Familienwappen, darum spricht man statt von Totempfählen besser von Wappenpfählen.

Ganz entgegengesetzt zum feuchten Norden ist das heiße und trockene Klima im Südwesten. Der größte Teil des Landes ist eine 2.000 Meter hohe Hochebene, in die sich Flüsse wie der Colorado mit tiefen Schluchten (Canyons) eingegraben haben. Auf der Hochebene wachsen nur wenige Pflanzen, vor allem Kakteen, Yuccas, Büsche und Gräser, in Berghängen auch Nadelwälder. Dennoch lebten hier Indianer, die eine hoch entwickelte Kultur besaßen .Die Pima in Arizona legten von den Flüssen aus Kanäle und Dämme an, um ihre Felder mit Mais, Bohnen und Kürbissen zu bewässern. Hopi und Zuni nutzten statt dessen Regenwasser das von den Tafelbergen herabfloß. Ihre Dörfer bestanden aus mehrstöckigen Häusern , die aus Lehmziegeln oder Steinen gebaut waren.

Vor etwa 600 Jahren wanderten verschiedene Jägergruppen aus dem Norden in dieses Gebiet ein. Sie nannten sich selber Dineh, erst die Spanier gaben ihnen später die Namen Navajo und Apache. Von ihren seßhaften Nachbarn lernten die Navajo zwar den Bodenbau kennen, doch Jagd und später auch Schaf -  und Pferdezucht spielten in ihrem Leben immer eine wichtige Rolle.

Manche Apache wollten hingegen nicht seßhaft werden. Auf der Suche nach Früchten, Pinyon-Nüssen, ´Agavewurzeln, Kaktusfrüchten und Grassamen schweiften sie in diesem dürren Gebiet umher, und zur Bisonjagd zogen sie in die Prärie. Die Bisonfelle tauschten sie bei den seßhaften Bauern gegen Mais. An der Küste Kaliforniens und in den Tälern der Flüsse lebten die " Eichelernter" , die Pomo, Salina, Wintun und Maidu. Die Eichel lieferte ihnen das tägliche Brot, sie war ihnen ebenso heilig wie der Wasserreis den Ojibwa. Da die Eichel sehr bitter schmeckt, mußte das Mehl erst mehrere Male mit heißem Wasser übergossen werden, um die Bitterstoffe auszuwaschen.  Die Natur gab ihnen so viel Nahrung, daß sie keinen  Hunger litten.

                             

Je nachdem, ob die Indianer als Jäger ständig dem Wild folgten oder als Bauern seßhaft waren, bauten sie unterschiedliche Behausungen. Auch die Umwelt prägte ihren Baustil: Im Wald nutzten sie Holz, im baumlosen Südwesten Lehm. Die Irokesen im Nordosten bauten ihre Langhäuser (bis zu 25 Meter lang) aus Ulmenstämmen und - rinde, in denen 5 bis 20 Familien lebten. Und an der Nordwestküste - im " Land der Totempfähle " - wohnten die Indianer in riesigen Plankenhäusern aus Zedernholz. In den Sümpfen Floridas standen die mit Palmenblättern gedeckten Hütten auf Pfählen. Der Hogan der Navajo im Südwesten war ein mit Erde gedeckter Kuppelbau, andere Indianer errichteten hier auch Häuser aus Lehmziegeln.

Die seßhaften Indianer der Plains bauten in den Boden eingesenkte Erdhäuser. Die Indianergruppen, die ständig den Bisons folgten, wohnten in Zelten aus Stangen, die sie mit Bisonhäuten bedeckten, den Tipis. "Tipi" ist ein Wort aus der Sprache der Sioux und bedeutet " In ihm zu leben " .

Bevor die Indianer das Pferd kannten, mußten Hunde alle Lasten ziehen. Auf zwei miteinander verbundenen Stangen (Travois) schleppten sie Häute; Felle, Decken und anderen Hausrat zum nächsten Rastplatz. Aber Hunde sind schwache Zugtiere, und daher bauten die Indianer nur kleine und leichte Tipis. Erst als sie kräftige Pferde besaßen, wohnten sie in geräumigeren Tipis mit Durchmessern von 5 bis 6 Metern.

In einem Tipi ließ es sich recht gemütlich leben. In der Mitte des Zeltes brannte ein Feuer, dessen Rauch durch eine bei Regen verschließbare Öffnung abzog. Der Eingang des Tipi zeigte immer nach Osten. Aus der Richtung des Sonnenaufgangs kam auch das Leben und die Weisheit. Das Tipi war für die Indianer nämlich auch ein Abbild des Kosmos, Die kreisförmige Grundfläche stellte die Erde dar, die Zeltdecke den Himmel.

Bei Gefahr brachen die Indianer ihre Zelte blitzschnell ab. Die Frauen rollten die Felle, die als Bett dienten, und die großen Bisonhäute zusammen und bündelten die Zeltstangen . Innerhalb von nur 15 Minuten hatten die Frauen ein großes Tipi zerlegt und auf die Stangenschleifen geladen.

Auch die dem Wild folgenden Jäger der Subarktis in Kanada zogen viel umher und brauchten daher Behausungen, die sie leicht auf - und abbauen konnten. Die verbreitetste Form ihrer Unterkünfte war ein tipiähnliches Zelt, dessen Gerüststangen die Indianer in der fast baumlosen Tundra mit Elch- oder Karibuhäuten und in den Waldgebieten im Sommer mit aneinandergenähten Streifen aus Birkenrinde bedeckten.

Für Cree, Ojibwa und die meisten Waldlandindianer im Nordosten war jedoch der Wigwam (Algokin-Sprache: das runde Haus) typisch - eine kuppelartige Hütte aus kreisförmig in die Erde gesteckten gebogenen und zusammengebundenen Stangen als Gerüst und mit Birken- oder Ulmenrinde umkleidet. Später bezeichneten die Europäer alle indianischen Behausungen als Wigwams.

                           

Die im Südwesten lebenden Pueblo-Indianer gehören ganz unterschiedlichen Stämmen mit eigenen Sprachen an  -  Hopi, Zuni und Tano. Ihren gemeinssamen Namen erhielten sie von den spanischen Eroberern. Als diese 1539 durch Mexiko und weiter Richtung Norden zogen, entdeckten sie im Tal des Rio Grande ganz ungewöhnliche Dörfer, in denen Häuser terrassenförmig übereinander standen. Einige waren 5 oder 6 Stockwerke hoch. Die Spanier nannten alle diese Siedlungen "  Pueblo " , das bedeutet " Dorf " oder " Volk ". Nicht nur in Flußtälern ,auch auf den 2.000 Meter hohen Tafelbergen am Colorado, den Mesas, errichteten die Indianer diese Häuser. Als Baumaterial verwendeten sie Steine oder aus Lehm geformte und in der Sonne getrocknete Backsteine, Adobe genannt.

Der Eingang zu einer Wohnung befand sich oben auf dem flachen Dach. Über eine Leiter, früher ein Baumstamm mit Kerben, stieg man zuerst nach oben und dann über eine zweite Leiter durch ein Loch ins Innere des Hauses. Nahten Feinde, wurden alle Leitern hochgezogen.

Jedes Dorf  besaß in der Mitte unterirdische Kult-Räume,  die Kivas , wo Feiern für den Mais und die Ahnen stattfanden. Meist wohnten einige hundert Menschen in einem Pueblo - Dorf, manchmal sogar über tausend Menschen.

Es hat in Amerika auch richtig Städte gegeben. Im Tal des Mississippi fanden Archäologen Reste der Stadt Cahokia. Vor 700 Jahren lebten hier etwa 10.000 Indianer. Das religiöse Zentrum war ein Tempel, der auf einer 33 Meter hohen Erdpyramide stand. Die Stadt war von einem tiefen Graben und Palisaden umgeben, Wachtürme und Tore schützten die Menschen vor feindlichen Angriffen.

                          

Die wichtigste und älteste Nahrungspflanze in Amerika ist der Mais. Schon vor mehr als 6.000 Jahren bauten Indianer in Mittelamerika (Mexiko) die damals noch ganz unscheinbare Pflanze an - der Maiskolben war nur fingerlang. Aber indem die Bodenbauer für die neue Aussaat stets die dicksten Körner aussäten, züchteten sie im Laufe von jahrhunderten einen immer ertragreichenern Mais. Heuter werden die Maiskolben etwa 25 Zentimeter lang. Die Vorfahren der Pueblo-Indinaer übernahmen den Maiskolben schon vor einigen taisend Jahren, und schließlich breitete er sich bis in das Waldland im Nordosten aus.

In der Küche bereiteten die Frauen aus den gelben Körnern schmackhafte Gerichte zu. Die Mandan in der nördlichen Prärie zerstampften den Mais in einem hölzernen Mörser mit einem Stößel und kochten aus dem Mehl eine Suppe mit Fleisch und Gemüse.

Die Hopi im Südwesten zerrieben die Maiskörner auf Steinplatten zu Mehl und buken auf heißen Steinen hauchdünne, tellergroße Fladen. Dazu aßen sie Bohnen, Zwiebeln, Kürbis und Fleisch von Kaninchen, Antilopen oder Schafen. Eine Delikatesse war Puffmais, eine Maissorte, die beim Rösten laut aufplatzt. Wir kennen ihn heute als Popcorn.

Dem Mais galt alles Tun und Denken der Indianer - Gebete und Tänze um Regen sollten eine gute Ernte sichern. Er stand im Mittelpunkt ihres Weltbildes. Die ihn umgebenen anderen Nutzpflanzen wurden aber mit einbezogen. Sie pflanzten 60 verschiedene Bohnen - und 8 Kürbisarten an, dazu Sonnenblumen, Artischocken, Pfirsiche und Baumwolle. Die Blätter der Tabakpflanze sammelten sie meist von wildwachsenden Arten.

                            

Viele Maisbauern sammelten gelegentlich auch Wildpflanzen, die Jäger hingegen brauchten unbedingt Pflanzen für eine gesunde Ernährung. Ob in der Subarktis, in der Prärie, im Großen Becken oder in Kalifornien, überall sammelten Frauen Beeren, Früchte, Kräuter, Knollen, Samen, Wurzeln und Pilze. Die Indianer kannten einige hundert eßbare Pflanzen. An manchen Stellen wuchsen bestimmte Arten so massenhaft, daß man sie nur zur gegebenen Zeit ernten, aber nicht säen oder den Boden pflegen mußte.

Die westlich der Großen Seen lebenden Ojibwa sammelten im Herbst den wilden Wasserreis. Sie fuhren mit Booten über die Seen, bogen die reifen Rispen über den Bootsrand und schlugen mit einem Holzstab die Körner heraus.

Ebenso einfach war das Ernten der Zwiebeln der Kamas-Pflanze., die im Westen auf der Hochebene wächst. Diese blaublühende Hyazinthenart kann sich zu einem richtigen Blumenmeer ausbreiten. Die Nez Percé brauchten nur zur Reifezeit die begehrten Zwiebeln auszugraben. Frisch schmeckten sie wie Eßkastanien, man röstete sie, kochte sie wie Kartoffeln oder bereitete aus ihnen eine Suppe.

Ebenso reichlich wuchsen hier besondere Kiefernarten. In den Zapfen der Nußpinie saßen dicke, große Samen, auch Pinyon-Nüsse genannt. Körbeweise sammelten die Nez Percé diese Samen, die sie roh oder als Brei aßen. Für den Wintervorrat buken sie aus dem Mehl eine Art Kuchen, den sie trockneten und in Erdgruben für Notzeiten aufbewahrten.

Weiter südlich, in Kalifornien, wuchsen große Mischwälder aus Kiefer, Ahorn, Roßkastanie, Mammutbaum und Eiche. Das Mehl der Eicheln aßen die Indianer als Suppe, Brei oder als eine Art Brot. Eicheln enthalten viel Stärke, aber auch Zucker, Fett, Eiweiß und bitter schmeckende Gerbstoffe. Deshalb mußten die Indianer die Eicheln zuerst schälen, trocknen und auf Steinplatten zu Mehl reiben. Das Mehl füllten sie in Körbe und übergossen es mehrmals mit heißem Wasser, damit es die Bitterstoffe ausschwemmte. Dann trockneten sie das Mehl wieder und konnten es nun lagern.

Im Nordosten spendete der Wald den Ojibwa und Irokesen auch noch nahrhaften Zucker. Im Frühjahr zapften Frauen die Ahornbäume an und fingen den Saft in Eimern aus Birkenrinde auf - pro Baum etwa 3 Liter. Es war ziemlich mühsam, daraus Zucker zu gewinnen, denn in jedem Liter waren nur 3 Gramm Zucker enthalten. Die Frauen kochten die Flüssigkeit so lange, bis sie einen konzentrierten Sirup erhielten, der sich gut lagern ließ. Mit dem Ahornsirup süßte man Maisbrei oder trank ihn mit Wasser verdünnt.

                           

Für den Winter und für Notzeiten mußten die Indianer Vorräte anlegen, die wie der Ahornsirup gut haltbar waren. Besonders günstig war Mais. Wer ihn anbaute, litt selten Hunger, denn diese Pflanze brachte reiche Ernten, und die Kolben oder Körner ließen sich außerdem einfach lagern. Die Irokesen flochten Maiskolben zu Zöpfen und hängten sie in den Vorratskammern im Lagerhaus auf. Jede Familie bediente sich nach Bedarf, nur wenn Mangel herrschte, teilte man die Vorräte genau ein. Die Mandan in der Prärie droschen die trockenen Maiskolben, füllten die Körner in große Lederbehälter und bewahrten sie in tiefen Vorratsgruben in der Erde auf. Überall kannten Indianer das Trocknen von Beeren, Kräutern, Obst und Gemüse. In Tontöpfen oder Holzkisten blieben die Vorräte so monatelang haltbar.

Auch die Jäger brauchten dringend Vorräte. In Prärie und Subarktis ist es im Winter wochenlang bitter kalt, und furchtbare Schneeestürme verhindern die Jagd. Im Sommer hingegen konnte die Jagdbeute durch die Hitze schnell verderben. Ihre Notnahrung war Pemmikan. Dazu schnitten die Frauen die Jagdbeute in lange, dünne Streifen und trockneten sie an der Luft. Dann zerstampften sie das Fleisch zwischen Steinen und mischten es mit Trockenfrüchten und Tierfett. Abgepackt in Falttaschen aus Rohleder, den Parfleches, besaß die Familie einen Vorrat, der sich sogar jahrelang aufbewahren ließ. Ob roh oder gebraten, Pemmikan schmeckte natürlich nicht so gut wie frisches Fleisch, doch in Hungerzeiten konnten die Jäger nur damit überleben.

                          

Bevor die Spanier das Pferd nach Amerika brachten, jagten Blackfoot und andere Plains-Indianer den Bison, indem sie sich als Tiere verkleidet unter eine Herde schlichen oder die Bisons über eine Klippe in den Abgrund trieben. Zu jener Zeit gab es nur wenige Nomaden, die den Herden ständig folgten.

Erst dank des Pferdes konnten die Jäger der Plains den Bisonherden auf ihren Wanderungen folgen und dann auch große Mengen Fleisch zum Lager transportieren. Der Bison bildete von nun an ihre Lebensgrundlage. Fast alles, was die Indianer für Haushalt, Jagd  und Kleidung brauchten, lieferte ihnen dieses Tier.

Der männliche amerikanische Bison (oft tatsächlich Büffel genannt) ist doppelt so groß und schwer wie unser Rind - fast 2 Meter hoch, bis zu 3 Meter lang und 900 Kilogramm schwer. Die weiblichen Bisons sind kleiner und waren die bevorzugte Jagdbeute. Hatten die Jäger ein Tier erlegt, so weideten sie es gründlich aus und verwerteten im Lager Haut, Hörner, Haare und Knochen. Über 80 Arten von Gegenständen stellten die Indianer aus dem getöteten Bison her. Aus der ungegerbten Haut schnitten sie sich Riemen und Gurte, sie nutzten das Fell als Bett und Zudecke und das gegerbte Leder als Zeltplane für ihr Tipi.

Bisonhörner trugen sie als Schmuck, vor allem aber schnitzten sie aus ihnen Becher und Löffel, Knochen verarbeiteten sie  zu Messern, Pfeilspitzen, Nähnadeln und Schabern. Die Haare wurden zu Seilen oder Gürteln geflochten oder verzierten Keulen und Tipis. Der Magen diente als Wassereimer, die rauhe Seite der Zunge als Haarbürste, der Schwanz als Fliegenwedel. Sogar der Dung wurde gesammelt - getrocknet lieferte er guten Brennstoff für das Feuer.

Die Männer fertigten ihre Waffen, vor allem die stabilen Schilde, selber. Die Frauen nähten aus Bisonleder Taschen, schwere Wintermäntel und kostbare Roben. Für Röcke, Kleider und Hemden nahmen sie aber lieber das weichere, anschmiegsame Leder von Bergschaf, Hirsch und Gabelbock. Als Nähfaden dienten Tiersehnen. Ihre Festgewänder verzierten sie mit Hirschzähnen, Stachelschweinborsten oder europäischen Glasperlen. Männer trugen Hemden und Leggins, das sind Beinlinge, die von den Hüften bis zu den Knöcheln reichen und am Gürtel befestigt sind.. Auch ihre Schuhe, die Mokassins,waren aus Leder.

                            

Die Indianer der Nordwestküste (Haida, Tlingit, Kwakiutl, Chinook) , dem " Land der Totempfähle " , litten im Winter selten Hunger. Sie fingen im Frühjahr große Mengen des "Kerzenfisches" Eulachon und gewannen daraus ein nahrhaftes Öl. Das Öl bewahrten sie in Holzkisten auf. Zusammen mit in Fischtran gekochten Beeren, getrocknetem und geräuchertem Lachs und getrocknetem Heringsrogen hatten die Indianer damit immer Nahrungsvorräte für Herbst und Winter.

Das gefährlichste Unternehmen der Fischer, vor allem der Nootka und Makah, war die Jagd auf Wale wie Nordkaper und Schwertwal. Nur ein erfahrener Mann durfte das Vorhaben leiten, der Wal - Häuptling. Zuvor bereitete er sich außerhalb der Siedlung an einem einsamen Ort  auf seine verantwortungsvolle Aufgabe vor. Er fastete und bat mächtige Tiergeister um Beistand.. Am frühen Morgen stieg die Mannschaft ins Kanu und fuhr hinaus aufs Meer. Ganz genau beobachteten sie, wo ein Wal Atemluft ausstieß und wieder tauchte. Der Anführer berechnete, wo der Meeresriese wieder auftauchen mußte, und die Männer ruderten das Kanu längsseits des Wales, damit der Häuptling das Tier mit seiner Harpune treffen konnte.

Erst nach ihm durften die anderen Jäger ihre Harpunen und Lanzen werfen. Gleichzeitig mußte das Kanu aus der Reichweite des angegriffenen Tieres herausmanövriert werden - ein Wal konnte mit einem Schlag seiner kräftigen Schwanzflosse das Kanu umwerfen oder sogar zertrümmern. Die Harpunen trugen lange Leinen aus Walsehnen, an denen Schwimmer aus aufgeblasenem Seehundsfell hingen; sie verhinderten, daß der geschwächte Wal abtauchte. Eine erfolgreiche Jagd lieferte so viel Nahrung, daß man gewöhnlich benachbarte Gruppen einlud, am Festschmaus teilzunehmen.

Ein außergewöhnliches Fest der Indianer  der  Nordwestküste war das Potlatch. Dabei verteilte ein wohlhabender Häuptling seinen Reichtum an Lebensmitteln, Booten, Decken und vielen anderen Gegenständen an Verwandte und Nachbarn. Der eigentliche Anlaß für ein Potlatch konnte eine Hochzeit sein, die Geburt eines Kindes, der Bau eines Hauses oder der Tod eines berühmten Mannes. Je mehr Geschenke ein Häuptling verteilte, desto höher war sein Ansehen.

                             

Ein Kind, daß bei den Jägern der Subarktis aufwuchs, hatte zahlreiche Verwandte - Onkel, Tanten und Cousins. Es war nicht nur mit den Eltern und Geschwistern seines Vaters verwandt, sondern ebenso mit denen der Mutter. Das bot einen wichtigen Vorteil, denn in Zeiten des Mangels konnten Eltern mit ihren Kindern sowohl bei Angehörigen der väterlichen als auch der mütterlichen Familie Hilfe erwarten.

Im Süden Kaliforniens, bei den Serrano und ihren Nachbarn, kannten Kinder die Verwandten der Mutter hingegen kaum. Ein Junge lernte das Jagdrevier seines Vaters kennen, und wenn er später heiratete, blieb er bei seinem Vater wohnen. Seine Frau mußte also ihre eigene Familie verlassen und zu ihrem Mann ziehen.

Die Männer, die alle von einem gemeinsamen Ahn abstammten, bildeten eine Sippe und zusammen mit ihrem Ehefrauen einen Klan. Oft glaubten sie, daß ihr Ahn in einer engen Beziehung zu einem Tier stand oder gar selber ein Tier war - das war ihr Totem. Bei den Serrano gehörte man entweder zum Klan der Kojoten oder der Wildkatzen. Ein Junge aus dem Klan der Kojoten mußte später eine Frau aus dem Klan der Wildkatzen heiraten.

Bei vielen Indianerstämmen bestimmte aber die Abstammung von der Mutter die Verwandtschaft, vor allem bei den Maisbauern: den Irokesen und Huron im Nordosten, den Hopi und Zuni im Südwesten oder den Mandan und Hidatsa in der Prärie.

Bei den Irokesen gehörten Kinder zur Sippe der Mutter. Der Vater hatte nur wenig Einfluß auf die Erziehung seiner Söhne, dafür war der Bruder der Mutter zuständig.

In einem Langhaus wohnten bis zu 20 Familien - eine Großmutter mit ihren verheirateten Töchtern und deren Familien und die Schwestern der Großmutter mit ihren Nachkommen. Die Familien mehrerer Langhäuser bildeten einen Klan, dem wiederum eine Frau vorstand. Jeder Klan trug den Namen des Tieres, das für seine Schöpfungsgeschichte verantwortlich war, wie Wolf, Bär oder Schildkröte. Mehrere Klane wiederum bildeten einen Stamm.

Haus, Boden und Ernte waren das " Eigentum " der Frauen. Sie trugen die Verantwortung für Aussaat, Ernte und für alle Nahrungsvorräte. Wenn die Familie Wald roden mußte, um ein neues Feld anzulegen, dann war das Aufgabe der Männer: So wie sie im Krieg Menschen töteten, so gehörte auch das " Töten " von Bäumen zu ihren Aufgaben.

Jeder Klan besaß eine Anführerin und einen von den Frauen gewählten Klan-Häuptling. Gemeinsam schlichteten sie Zank und Streit im Klan und organisierten wichtige Feste. Die Häuptlinge aller Klane bildeten gemeinsam den Stammesrat. Auch besonders angesehene Krieger hatten hier einen Sitz, das waren die Friedenshäuptlinge oder " Pine Tree Chiefs " . Die Männer traten zwar nach außen hin als Häuptlinge auf, doch letzlich waren sie den Frauen verantwortlich. Ohne die Einwilligung ihrer Mütter und Tanten durften die Männer keine Kriege führen. Eine Mutter konnte ihrem Sohn sogar verbieten, sich an einem Kriegszug zu beteiligen.

                             

Bei Indianerstämmen, die in Klane eingeteilt waren, durfte ein junger Mann keine Frau heiraten, die aus seinem eigenen Klan war, doch sonst konnte er frei wählen. Um seiner Geliebten einen Heiratsantrag zu machen, schenkte ein Sioux ihr einige Pferde. Führte sie die Pferde zur Tränke, willigte sie damit in die Ehe ein. Der junge Mann war bei der Heirat etwa 17 Jahre alt, das Mädchen 2 Jahre jünger. Die Hochzeit wurde mit einem großen Festmahl begangen, danach zog das Paar in ein neues Tipi.

Indianische Kinder hatten es meist gut bei ihren Eltern, denn statt zu tadeln, versuchten Vater und Mutter es zunächst mit gutem Zureden. Schon von klein auf hielten sie ihre Kinder dazu an, die Erwachsenen nachzuahmen und ihnen zu helfen. Bearbeitete die Mutter ein Fell, so erhielt ihre Tocvhter ein kleines Schabermesser und half der Mutter, so gut sie konnte. Holte die Mutter Wasser, so trug auch die Tochter einen kleinen Beutel mit Wasser.

Nähte ein Mädchen ihre ersten Mokassins und schossen Jungen zum erstenmal mit Pfeil und Bogen, dann wurde ein Fest veranstaltet. Eltern erzogen ihe Kinder auch zur Nächstenliebe und Großzügigkeit: Der Vater schickte sie beispielsweise mit einem Stück Fleisch zu einem ärmeren oder kranken Nachbarn. So lernten die Kinder, mit anderen zu teilen.

Bei den Sioux und anderen Plains-Stämmen war es üblich, Jungen mit Fichtenzweigen zu schlagen. Das war aber keine Strafe, denn Indianer schlugen ihre Kinder nur selten. Die Jungen sollten vielmehr lernen, Schmerzen tapfer zu ertragen. Und mitten im Wald badeten sie täglich im eiskalten Fluß. Um später von allen geachtete Krieger zu werden, mußten sie schon früh üben, schrecklichen Hunger und quälenden Durst, bittere Kälte und große Hitze zu ertragen.

                           

In ihren Spielen übten die Kinder alles, was sie später als Erwachsene können mußten. Sioux -Jungen lernten ganz genau auf ein Ziel zu schießen. Sobald sie reiten konnten, spielten sie " Angriff " und versuchten, sich gegenseitig vom Pferd zu werfen. Beim Jagd-Spiel war ein Junge der Bison, den die anderen fangen oder zum Schein töten mußten. Beliebt waren auch Wettrennen. Die Mädchen trainierten gleichfalls schnelles Laufen, denn bei einem feindlichen Angriff auf ihr Lager mußten sie sehr schnell sein. Alle indianischen Mädchen spielten natürlich mit Puppen, die liebevoll aus Stroh, Holz oder Leder gefertigt waren.

Trafen sich einige Plains-Stämme zu einem Fest, so veranstalteten sie immer Pferderennen. Dabei wetteten die Zuschauer eifrig, wessen Pferd als erstes durchs Ziel gehen würde. Manchmal besaß ein Indianer ein Pferd, das zwar häßlich aussah, in Wirklichkeit aber unglaublich schnell laufen konnte. Damit gewann sein Besitzer zahllose Wetteinsätze und viel Anerkennung. Wer jedoch immer wieder aufs falsche Pferd setzte, konnte seinen gesamtn Besitz innerhalb eines Tages verspielen.

Weit verbreitet im Südosten war ein Ballspiel, daß die Franzosen Lacrosse nannten. Bei den Cherokee durfte es nur zu religiösen Feiern gespielt werden. Zwei Parteien standen sich gegenüber, die die beiden Dorfhälften darstellten. Jede Gruppe versuchte, mit zwei tennisähnlichen Schlägern einen Lederball ins gegnerische Ziel zu schlagen. Handspiel war streng verboten. Bis zu 200 Mitspieler rannten auf dem Spielfeld umher und schlugen sich um den kleinen Lederball.

In langen Winternächten, wenn es draußen kalt und dunkel war, vertrieben sich die Indianer die Zeit mit allerlei Ratespielen. Bei den Blackfoot verbarg ein Mitspieler ein markiertes Hölzchen oder ein bemaltes Holzstück in seiner Hand, und die Gegenpartei mußte herausfinden, in welcher es war.

Auch Würfelspiele waren bei den Indianern Nordamerikas beliebt. Würfel formten sie aus Stein oder Knochen, aus Pfirsich- oder Pflaumenkernen, aus Holz oder Wurzeln. Sie kannten unzählige Würfelspiele. An langen Winterabenden kamen auch Geschichtenerzähler zu Wort. Nun fand der Großvater Zeit, Märchen und Legenden von der Entstehung der Welt, der Tiere und der Menschen zu erzählen. Er erklärte seinen Enkeln beispielsweise, warum der Wolfsklan den Wolf zum Totem hat, woher der Donner kommt oder warum der Adler ein heiliges Tier ist.

                           

Im Winter nutzten die Stämme der Nordwestküste ihre freie Zeit, um allerlei Gegenstände aus Holz zu schnitzen - wunderschöne Masken, die sie bemalten, Becher, Teller und andere Haushaltsgegenstände. Die Natur bot Holz im Überfluß und sie fertigten alles, was sie brauchten, aus Holz. Sie zimmerten sogar wasserdichte Kisten, in denen sie Fischöl aufbewahrten oder mit Hilfe heißer Steine kochten. Für den Bau der Kisten nahmen sie ein dünnes Brett, erhitzten es über heißem Wasserdampf und bogen dann das aufgeweichte Holz zu einem rechteckigen Rahmen und befestigten ihn auf einem Holzboden. Für ihre Holzarbeiten besaßen sie einfache Werkzeuge aus Stein, Knochen oder Muschelschalen.

Während die Männer mit Holz arbeiteten, war es Aufgabe der Frauen, zu flechten und zu weben. Für den Winter benötigten sie warme Decken, die sie aus weichem Zedernbast und Wolle von Bergziegen oder Hunden herstellten. Eine Untergruppe der Tlingit, die Chilkat, fertigten die schönsten und kostbarsten Decken, die nur Häuptlinge als Umhang trugen. Sie waren fünfeckig, mit Fransen versehen und in den Farben Weiß, Gelb, Blau und Schwarz gehalten. das gewünschte Muster malten die Männer den Frauen auf ein Holzbrett auf. Es dauerte viele Monate, bis eine Chilkat-Decke fertig war. Die Arbeitstechnik war eher ein Flechten als ein Weben, denn die langen Kettfäden waren nur oben an einem Balken befestigt. Durch diese Fäden wurden die Querfäden ohne Weberschiffchen geflochten.

Weit verbreitet an der Nordwestküste waren verzierte Hüte und wasserfeste Körbe aus Wurzelfasern und Rindenbast, Schilf und Binsen. Die schönsten Körbe in ganz Nordamerika fertigten jedoch die Indianer in  Kalifornien. Die Pomo - Frauen flochten trichter- oder glockenförmige Tragkörbe. Lebhafte geometrische Muster und aufwendige Verzierung mit Muschelschalen und bunten Federn machten aus diesen Körben auch wertvolle Geschenke. Hüte, Matten und flache Teller trugen bei jedem Stamm eigene Muster.

Richtiges Weben an Webstühlen war eine Kunst, die in ganz Nordamerika nur die Indianer im Südwesten beherrschten. Bei den Pueblo - Indianern webten die Männer, bei den Navajo hingegen die Frauen. Die Navajo hatten vor Jahrhunderten von den Pueblo - Indianern gelernt, wie man aus Baumwolle Kleidung webt. Als die Spanier dann Schafe ins Land brachten, verwendeten die Navajo Schafwolle zum Weben von mit geometrischen Mustern verzierte Decken als Schultertuch, Schlafdecke oder Türvorhang.

Die Pueblo-Indianer waren dagegen für ihre Töpferwaren berühmt. Jedes Dorf hat - auch heute noch - seine besondere Tradition und seine eigenen, wunderschönen Muster und Farben. Das Grundmaterial ist Lehm, den die Töpferin zu Wülsten formt, spiralförmig übereinanderlegt und glattstreicht.. Eine Töpferscheibe besaßen die Indianer ursprünglich nicht, denn in ganz Amerika war in voreuropäischer Zeit das Rad unbekannt. Nach dem Brennen bemalten die Frauen ihre Töpfe farbig, manchmal mit Vögeln und Hirschen, manchmal mit geometrischen Mustern.

Überall, wo die Indianer Leder für ihre Kleidung und Zelte verwendeten, verzierten sie es. Tipis wurden farbig bemalt, Hemden und  Hosen schmückten die Frauen mit Muscheln, Federn, Zähnen, bunten Glasperlen oder kostbaren Hermelinpelzen. Weit verbreitet war die Sitte, Leder mit den gefärbten Borsten des Stachelschweines zu verschönern. Huron, Cree und Ojibwa liebten gestickte Blätter, Blüten und Knospen auf ihren Kleidern.

                                

Einzigartig waren die Bisonroben der Sioux- und Kiowa-Häuptlinge. Innen, auf der glatten Seite, hielten sie in einer Bilderschrift geschichtliche Ereignisse fest. Jeden Winter zeichneten sie ein wichtiges Ereignis auf. Bisonspuren vor einem Tipi hieß: Es gab so viele Bisons, daß sie bis zu den Zelten kamen. Mit Punkten übersäter Kopf und Rumpf bedeutete: Pockenepidemie. Auf einem einzigen Bisonfell  "schrieben" sie so alle wichtigen Ereignisse von 50 bis 100 Jahren auf. Immer wieder erzählten Väter und Großväter von diesen Ereignissen. sodaß die Kinder ihre Stammesgeschichte kennen lernten.

Eine ähnliche Gedächtnisstütze kannten die Irokesen und ihre Nachbarn. Beim Abschluß wichtiger Verträge tauschten sie Wampumgürtel aus. Sie bildeten eine Art Urkunde, die jeder Stamm sorgfältig aufbewahrte. Aus Farbe und Muster " lasen" die Häuptlinge ab, ob es dabei um Friedensschluß oder eine Kriegserklärung ging. Ein Wampumgürtel bestand aus weißen und violetten Zylinderperlen aus der Schale einer Meeresschnecke und der Venusmuschel.

Eine Schrift wie unser Alphabet besaßen sie nicht. Erst ab 1820 verfügte ein Stamm im Südosten darüber. Entwickelt hatte sie der Cherokee Sequoya (1760 - 1843), der im heutigen Tennessee lebte. Bald konnten Erwachsene und Kinder lesen und schreiben. Ein Lehrbuch, das Neue Testament und eine Zeitung, der   "Cherokee Phoenix " erschienen.

Trafen Angehörige von Stämmen aufeinander, deren Sprachen nicht miteinander verwandt waren, benutzten sie eine Art Zeichensprache. Weit über hundert verschiedene Gesten mit Händen, Armen oder Kopfbewegungen drückten alles Wichtige aus: Herkunft, Reiseziel, Jagderfolge und vieles mehr. Natürlich waren diese Gesten nicht überall gleich, je nach Region und Sprache änderte sich die Bedeutung oder neue Gesten kamen hinzu. Auch Trapper - die berühmten Waldläufer - nutzten diese Zeichensprache, die von Angehörigen vieler Stämme verstanden wurde. Daneben verwendeten die Indianer auch Signalsprachen, in den baumlosen Grasebenen vor allem Feuer- und Rauchzeichen. Über große Entfernungen hin erfuhren sie so, ob Feinde heranrückten oder Bisonherden auftauchten.

Manchmal legten sie Aas in gewissen Abständen aus und steuerten so das Verhalten von aasfressenden Greifvögeln, wie Kondor und Gelbkopfgeier, die meist sehr hoch fliegen und daher gut zu beobachten sind.

                                

Jeden Morgen, wenn die Sonne am Horizont erschien, begrüßten die Indianer sich ehrfurchtsvoll. Die Sonne als Spenderin von Licht, Leben und Wärme war Teil einer übernatürlichen Macht, die die Algonkin Manitu, die Sioux Wakan nannten. Manitu konnte aber auch Tiere und Pflanzen sein, ebenso Steine und Sterne, Blitz und Donner. Manitu oder Wakan waren starke Kräfte, die dem Menschen auch gefährlich werden konnten. Opfergaben besänftigten Manitu.

Bisweilen wird Manitu als " höchstes Wesen " bezeichnet, hier vermischen sich bereits indianische mit christlichen Gottesvorstellungen. In der Subarktis, wo Jäger manchmal erfolglos jagten und dann hungerten, glaubten die Indianer auch an böse Geister.

Weit verbreitet bei vielen Jägervölkern war der Glaube an einen persönlichen Schutzgeist. Bei den Pawnee der Prärie lernten Jungen und Mädchen in ihrer Jugend, wie sie einen eigenen Schutzgeist bekommen. Ein Heranwachsender zog sich für mehrere Tage alleine in die Wildnis zurück. Geduldig fastete und betete er, bis ihm endlich in einer Vision ein Rabe, ein Wolf, ein Adler oder ein Biber erschien.

Von nun an würde ihm dieses Tier bei der Jagd, bei Krankheit und im Unglücksfall helfen; ein erlernter Ruf oder eine bestimmte Melodie holten den Schutzgeist in Tiergestalt jederzeit herbei.

Er wies den jungen Indianer auch an, bestimmte Gegenstände zu sammeln, die für ihn später besonders viel Macht besaßen : Federn, Zähne oder Vogelkrallen. In seinem persönlichen Medizinbeutel bewahrte er sie sein ganzes Leben lang sorgfältig auf. Kein Fremder durfte diesen Beutel jemals an sich nehmen oder öffnen. Einen besonders mächtigen Schutzgeist glaubten die Heilkundigen des Stammes, die Schamanen oder Medizinmänner, zu besitzen - den Bärengeist. Mit seiner Hilfe konnten sie außergewöhnliche Taten vollbringen, zum Beispiel Jagdwild anlocken oder das Wetter beeinflußen.

                               

Die wichtigste Aufgabe des Medizinmannes war es, Kranke zu heilen. Bei den Comanche zeigte der Medizinmann in einer öffentlichen Zeremonie sein Können. Er schlug die Trommel so lange, bis sich sein Geist vom Körper löste und er in Trance fiel. Nun konnte er die überirdischen Geister um Hilfe bitten. Er saugte dann scheinbar den krank machenden Gegenstand aus dem Körper seines Patienten heraus - einen Stein oder Dorn - und gab ihm daduurch die Kraft, fest an die Heilung zu glauben und wieder gesund zu werden.

Bisweilen waren Stammesmitglieder, die den gleichen Schutzgeist besaßen, in einem Medizinbund organisiert wie dem Falschgesichterbund der Irokesen. Seine  Mitglieder lernten, wie man Kranken hilft. Bei der Heilzeremonie verwandelte sich der Medizinmann in ein " Falschgesicht " und trug eine Maske mit verzerrten Gesichtszügen. Weil der Kranke dadurch Geheimnisse des Bundes erfuhr, mußte er nun auch Mitglied werden.

Bei den Navajo im Südwesten gehörte Gesang zur Krankenheilung. Zu bestimmten Liedern fertigte der Medizinmann mit seinem Helfer ein großes Sandbild auf dem Boden an. Aus farbigem Sand stellten sie Berge, Blitze, heilige Pflanzen und vor allem heilige Wesen dar. Dann setzte sich der Kranke auf das Bild, um direkten Kontakt zu den heiligen Wesen zu haben und so dank ihrer Kraft geheilt zu werden. Bei Sonnenuntergang mußte das Sandbild wieder zerstört werden.

Alle Indianer in Nordamerika legten großen Wert auf Reinlichkeit. Nicht nur Kranke, sondern  auch Gesunde benutzten regelmäßig die Schwitzhütte, um sich innerlich und äußerlich zu reinigen.

                         

Die Nachbarn der Navajo, die Hopi, glaubten nicht an Tierschutzgeister. Sie waren ja keine Jäger, sondern pflanzten Mais, Kürbisse und Bohnen an, und dafür brauchten sie dringend Regen. In ihren Zeremonien wandten sie sich an die Kachina. Das waren Ahnengeister von Verstorbenen und Geister von Tieren und Pflanzen, Steinen und Sternen. Sie lebten in der Unterwelt und vermittelten zwischen den höheren Mächten, die über Sonne, Regen und die Ernte bestimmten.

Vielleicht kann man die Kachina mit unseren Heiligen vergleichen, zu denen Gläubige um Schutz und Hilfe beten. So wie man sie an bestimmten Attributen erkennt (etwa den heiligen Georg am Schwert, mit dem er den Drachen tötet) , so erkannten die Hopi ihre etwa 300 verschiedenen Kachina an deren Farbe, Form und Schmuck.

Damit die Kinder lernten, sie auseinanderzuhalten, schenkte man ihnen Kachina-Figuren, die sie zu Hause aufhängten und so immer vor Augen hatten. Diese kleinen Holzfiguren waren, ähnlich wie die großen, farbig bemalt und mit Haaren, Hörnern oder Pelzstücken geschmückt.

Die Kachina waren in mehrere Bünden organisiert, zu denen nur Männer Zutritt hatten. Bei ihren Zeremonien versammelten sie sich in den unterirdischen Kivas. Hier vermittelten sie geheimes Wissen an die heranwachsenden Jungen, von denen Frauen nichts erfahren durften. War ein Junge 10 - 12 Jahre alt, so trat er dem Bund bei und galt damit als erwachsen. Nun durfte er bei den großen Festen Maske und Kostüm eines Kachina überziehen und verwandelte sich dadurch in ein Geistwesen. Jeder Kachina besaß eigene Tänze, Lieder und bestimmte typische Körperbewegungen. Manche Feiern dauerten 2 Wochen, aber nur am letzten Tag tanzten die Kachina im Dorf, wo auch Frauen sie sehn durften.

Noch heute hüten die Hopi ihr geheimes Wissen um die Kachina, und zu großen Festen fahren die Indianer, die in der Stadt arbeiten, in ihr Dorf zurück. Auch Kachina-Figuren werden noch geschnitzt - inzwischen sind sie ein beliebtes Souvenier für Touristen.

                     

Das wichtigste Fest vieler in den Plains lebenden Indianerstämme war der Sonnentanz. Bei den Cheyenne versammelte sich der ganze Stamm im Sommer an einem Ort. Durch diese Feier sollten sich Himmel und Erde erneuern mit allen Lebewesen, mit Mond und Sternen, Donner und Regenbogen. Die Cheyenne gewannen so neue Lebenskraft.

Zunächst bauten sie eine Zeremonialhütte mit offenem Dach und einem besonders gerade gewachsenen Baumstamm als Mittelpfahl, der symbolisch Erde und Himmel verband. Ohne zu essen und zu trinken, tanzten und sangen die Männer 4 Tage lang in dieser Hütte. Sie hatten sich zeremoniell bemalt und mit religiösen Symbolen geschmückt. Trommeln und Rasseln gabe den Takt an. Dabei starrten sie zum Himmel, bis sie schließlich in einen Bewußtseinszustand gerieten, in dem sie sich der höchsten Macht nahe glaubten und sie um Schutz und Hilfe für den ganzen Stamm anflehten.

Tapfere Männer, meist Krieger, legten auch ein Gelübte ab, um sich einer besonderen Prüfung zu unterwerfen. Auf Brust und Rücken ließen sie sich mit zwei Schnitten die Haut einschneiden und ablösen, durch die dann Riemen gezogen wurden. Die Riemen liefen bis zur Spitze des Mittelpfahls, so daß die Tänzer nun mit dem "Mittelpunkt der Welt " verbunden waren. Langsam schwingend und auf der Stelle tretend, tanzten sie nun viele Stunden, bis sie durch die Schmerzen Visionen hatten und magische Kräfte verspürten. Sie tanzten, bis die Riemen zerrissen; die später geheilten Wundnarben galten als Zeichen höchster Tapferkeit.

Auch heute noch versammeln sich die Indianer zum Sonnentanz. Mit dieser Feier zeigen sie, daß ihre Kultur immer noch lebendig ist.

                       

 

Vermutlich ist auch das Rauchen von Tabak eine Art Sonnenverehrung. Rauchte der Häuptling der Crow-Indianer eine Pfeife, so hielt er sie zunächst gegen die Sonne, die Spenderin allen Lebens, dann gegen den Boden zur Erde. Den Rauch blies er danach feierlich in alle vier Himmelsrichtungen und zuletzt auf den eigenen Körper - so war  eine Verbindung zwischen ihm selbst und dem Kosmos hergestellt. Anschließend machte die Pfeife die Runde. Crow und Blackfoot bauten sogar eigens Tabak an, doch nur Mitglieder des Tabakbundes durften die heilige Pflanze, eine ganz besondere Sorte, anpflanzen und ernten.

Tabak war in Nordamerika weit verbreitet. Die Männer der Ojibwa sammelten Blätter  des wildwachsenden Tabaks und mischten sie mit zerstoßener Rinde der Weide. Andere Indianer verwendeten trockene Blätter oder Sumach. Diese sehr unterschiedlichen Tabakmischungen hießen allgemein Kinnikinnik und wurden in einfachen Pfeifen geraucht. Für zeremonielle Anläße gab es das Kalumet, ein Paar bemalter und mit Federn geschmückter Stäbe, die auch als Pfeife dienen konnten.  das blau und grün bemalte Kalumet war ein Sinnbild für den Gegenstatz von Himmel - Erde, Krieg - Frieden, Tag - Nacht, Sonne - Mond, männlich - weiblich. Der Kopf der Pfeife bestand meist aus dem roten Tonschiefer Catlinit, der aus einem Steinbruch in Minnesota stammte.

Frisch gebrochen, ließ sich der Stein leicht schneiden, durchbohren und schleifen. Nur wenige Spezialisten verstanden die Kunst des Pfeifenschnitzens. Das Holzrohr schmückten sie mit Adlerfedern, Perlen oder Menschenhaar.

Ein Kalumet zu rauchen war immer eine heilige Handlung und stets mit einer Botschaft an die Geister verbunden. Der Medizinmann rauchte bei der Krankenheilung, der Häuptling vor der Jagd und ein Familinvater, wenn er ein Kind adoptierte. Überreichte ein Bote einem Stamm ein rot bemaltes und mit roten Federn verziertes Kalumet, so erklärte er ihm damit den Krieg. Schlossen zwei Stämme wieder Frieden, so rauchten ihre Häuptlinge gemeinsam ein Pfeife - daher der Ausdruck Friedenspfeife. Im Frieden war das Kalumet blau bemalt und mit Federn eines Adlerweibchen geschmückt.

Sogar bei einem Rechtsstreit konnte die Pfeife Frieden stiften, zum Beispiel, wenn ein Mann des Diebstahls verdächtigt wurde. Schwor er einen Eid auf die heilige Pfeife, um seine Unschuld zu beweisen, so glaubten ihm alle. Der Tabak schuf also eine harmonsiche Beziehung zwischen Menschen und heiligen Mächten und zwischen den Menschen untereinander.

                          

Das Kalumet gehörte zu den wenigen kostbaren Besitztümern eines Mannes. Beim Tod eines Mandan zogen ihm seine Verwandten die beste Kleidung an und gaben ihm Waffen, Ehrenzeichen und Friedenspfeife an die Seite. Wie viele andere Prärie-Stämme setzten die Mandan ihre Toten auf Holzgerüsten bei, in waldreichen Gebieten auch auf einer Plattform im Geäst eines Baumes. Fiel das Gerüst zusammen, so begruben die Mandan die Knochen, die eine eigene Seele besaßen, in einem Grab. In Kalifornien verbrannten die Indianer ihre Toten, die Hopi im Südwesten schnürten den Toten in mehrere Decken und setzten die Leiche in einem Erdgrab oder einer tiefen Felsspalte bei.

Fast alle Indianer glaubten an ein Leben nach dem Tode. Die in den Plains lebenden Cheyenne waren sicher, daß sich die Seelen der Toten vom Körper lösten und über die Milchstraße ins Land des " Großen Geistes " aufstiegen, wo sie ein angenehmes Dasein führten. Diese " Glücklichen Jagdgründe " ähnelten dem Leben auf der Erde: Die Seelen wohnten in Hütten oder Zelten, gingen auf die Jagd und unternahmen Raubzüge. Erst die Weißen bezeichneten das Totenreich als die " Ewigen Jagdgründe ", obwohl die Indianer keine Vorstellung von dem Begriff " ewig " hatten.

Denn eine Seele lebte auch im Jenseits nicht ewig. Sie wurde entweder in einem Kind wiedergeboren, oder sie starb - spätestens dann, wenn niemand mehr da war, der sich an diesen früher lebenden Menschen erinnerte.

Der Weg ins Jenseits konnte aber auch gefahrvoll sein. Um in das " Land der Seligen " zu gelangen, mußten die Pawnee einen Fluß auf einem glitschigen Baumstamm als Brücke überqueren. War jemand friedlich gestorben, so kam er sicheren Fußes über den Fluß, andernfalls fiel er hinein.

Die Irokesen glaubten, daß die Geister der Toten einige Zeit als Schatten in der Nähe der Lebenden bleiben und alles beobachteten, was sie tun. Im Mai feierte der Stamm das Totenfest, das von den Frauen veranstaltet wurde. Redner hielten feierliche Ansprachen, und Männer und Frauen tanzten dann abwechselnd die ganze Nacht hindurch. Um Mitternacht verbrannten die Mitglieder des Ogive-Bundes (Bund der Totensänger) Tabak und baten die anwesenden Geister der Verstorbenen, den Lebenden in ihrem Daseinskampf beizustehn. 

                     

Die Indianerstämme der Subarktis, wie Cree oder Naskapi, wanderten in kleinen Gruppen umher und brauchten keine Häuptling. Ein älterer, erfahrener Jäger entschied, wo die Jagd am günstigsten war, und seine Familie folgte ihm. Auch die Shoshone im Großen Becken zogen in kleinen Gruppen umher und sammelten Früchte und Wurzeln.

Im Herbst vereinigten sich mehrere Familien, um gemeinsam Kaninchen zu jagen. Dabei organisierte ein " Kaninchenanführer " die Treibjagd und verteilte anschließend die Beute. Auf einer Länge von 100 Metern stellten die Shoshone unter seiner Anleitung Netze auf und trieben die Kaninchen durch Lärm und mit Hilfe von Hunden in diese Falle. War die Jagd vorbei, hatte der Kaninchenanführer keine Macht mehr.

Viele Plains-Indianer, wie Blackfoot und Crow, hatten hingegen immer Häuptlinge. Bei den Blackfoot konnte nur ein Mann Anführer werden, der ein erfahrener Jäger und Krieger war. Er mußte für Eintracht in der Gruppe sorgen und sie vor dem Verhungern bewahren.

Die Cheyenne hatten außerdem für bewaffnete Auseinandersetzungen einen Kriegshäuptling. War der Kriegszug vorbei, dann hatte er keine Macht mehr, und der Friedenshäuptling traf wieder alle Entscheidungen. Den Stamm mit etwa 4.000 Angehörigen führten 44 Friedenshäuptlinge. Sie waren vom Rat der Häuptlinge gewählt und blieben etwa 10 Jahre im Amt. Wie ein weiser Vater mußte jeder Häuptling für seine Stammesgefährten sorgen, den Armen helfen und Streitereien schlichten.

Ein guter Häuptling war ehrlich, gerecht, freigebig, freundlich und galt allen als Vorbild. Im Sommer trafen sich die Friedenshäuptlinge und fällten gemeinsam wichtige politische Entscheidungen, beispielsweise, ob sie mit verfeindeten Nachbarstämmen Frieden schließen oder wie sie Missetäter bestrafen sollten.

Dabei redeten zunächst die älteren, erfahreren Häuptlinge, später auch die jüngeren. Niemand durfte während seiner Rede unterbrochen werden; auch der gegenteiligen Meinung hörte jeder aufmerksam und respektvoll zu. Ein Sprecher teilte dann allen anderen den gemeinsamen Beschluß mit.

                    

Im Südosten Nordamerikas, im heutigen Staat Mississippi, lebten die Natchez, die von einem Herrscher über Leben und Tod regiert wurden. Sie bauten vor allem Mais und Süßkartoffeln an, fingen Fisch und liebten das Barbecue, das Rösten von Fleisch über dem Feuer.

Zeugnis ihrer Lebensweise sind noch heute die von ihnen errichteten Hügel, die Mounds. Auf solchen oben abgeflachten Hügeln stand das Haus der " Großen Sonne " . So hieß der unumschränkte Herrscher, der sich als höchster Priester und Bruder der Himmelssonne betrachtete und wie ein König verehrt wurde. Zu jedem Herrschertum gehörten mehrere Städte, die ein oder zwei Mounds aufzuweisen hatten und der Hauptstadt untergeordnet waren.

Die " Große Sonne " zeigte sich bei Zeremonien stets eingehüllt in einen kostbar gearbeiteten Federmantel und mit einer prächtigen Federkrone auf dem Kopf. Gewöhnliche Sterbliche näherten sich ihr nur mit höchster Ehrerbietung. Diener trugen sie in einer Sänfte, denn eine Sonne durfte den Boden niemals berühren.

Das Volk verehrte den König wie einen Gott, und wenn er starb, mußten seine Frau, seine Diener und sein Leibarzt ihm in den Tod folgen. Zum Erben bestimmte die Tradition den Neffen, also den Sohn der älteren Schwester des Königs; ähnlich wie bei den Irokesen gehörten nur diejenigen zu einer Familie, die über ihre Mütter und Schwestern miteinander verwandt waren.

Die Gesellschaft der Natchez gliederte sich in verschiedene Klassen. Unter den Sonnen standen noch zwei Gruppen von Adligen: Die Edlen waren entfernte Verwandte des Königs, die Geehrten gehörten dem untersten Adelsrang an. Das einfache Volk waren die Gemeinen, manchmal auch Stinker genannt, und schließlich hielt man noch Sklaven, meist Kriegsgefangene. Diese Klassen lebten aber nicht streng getrennt voneinander, sondern mußten einander heiraten.

Alle adligen Frauen heirateten Stinker, und ihre Kinder erbten den Rang der Mutter. Die adligen Männer heirateten Stinker-Frauen, doch dabei verloren die Kinder eine Rangstufe. War der Vater eine Sonne und die Mutter eine Gemeine, so war das Kind ein Edler. Und die Sonne selber hatte eine Sonne zur Mutter, aber einen Stinker zum Vater.

                      

Hoch oben im Nordosten, um den Erie- und Ontariosee und am St. Lorenz-Strom lebten Stämme, die irokesisch sprachen. Immer wieder stritten sie untereinander und mit den Algonkin um die besten Jagdgebiete. Zwei Männern gelang es schließlich, den ständigen Streit zu beenden: Deganawida und Hiawatha.

Sie riefen um 1570 zur Gründung eines Völkerbundes auf, dem 5 Stämme beitraten: die Seneca (Hüter des westlichen Tors), Cayuga, Onondaga, Oneida und Mohawk (Hüter des östlichen Tors). Bei den Onondaga brannte das große Ratsfeuer - hier versammelten sich die Stammesvertreter jedes Jahr zu einer wichtigen Ratssitzung.

Erst 1722 gesellten sich die aus dem Süden vertriebenen Tuscaora ihnen zu. Von nun an spricht man von den " Sechs Nationen " . Einer Vision zufolge wurde eine Fichte das Symbol des Bundes. Auf ihrer Spitze wachte ein Adler, und das Wurzelwerk bestand aus den 5 Stämmen. Frieden und Eintracht sollte unter allen Mitgliedern herrschen.

Der Bund besaß eine sorgfältig erarbeitete Verfassung. Alle Vereinbarungen und die Geschichte des Bundes waren in Wampumgürteln " aufgeschrieben " . Aber nur ein weiser Mann konnte die Symbole des Gürtels verstehen und sie den anderen " vorlesen " .

Die Vertreter der einzelnen Klane regierten den ganzen Bund. Zuerst wählten die weiblichen Vorstände der Großfamilie eines Langhauses die Klanhäuptlinge und die Friedenshäuptlinge. Alle diese Häuptlinge bildeten den Stammesrat. Aus ihrer Mitte wählten diese dann die Vertreter für den Bundesrat, die Sachems.

Dieser Rat aus 49 Sachems entschied politische Fragen, die alle 6 Stämme betrafen, also beispielsweise, ob sie sich bei den Kämpfen zwischen Engländern und Franzosen (1756 - 1763) auf die Seite der Engländer schlagen sollten. Solche Beschlüsse mußten einstimmig getroffen werden. Die Sachems bewiesen in tagelangen Debatten ihre einzigartige Rednerkunst und Geduld. Sie respektierten jede Meinung, und die Beteiligten diskutierten so lange, bis alle zufrieden waren.

Die Irokesen verbündeten sich mehrfach mit den Engländern gegen die Franzosen oder Amerikaner. Als 1783 die Kolonien von England unabhängig wurden und die Vereinigten Staaten von Amerika gründeten, flohen viele Irokesen vor den rachsüchtigen Amerikanern ins britische Kanada. Doch trotz aller Schwierigkeiten haben die Irokesen überlebt und mit ihnen der Irokesen - Bund, dessen Gründung noch heute gefeiert wird.

                           

Die ersten Europäer, die Nordamerika besiedelten, kamen aus England. Sie gründeten 1607 den Ort Jamestown, der im heutigen Virginia liegt, an der Ostküste der USA. Das Leben in der Wildnis war beschwerlich, und die Siedler hatten große Probleme, ausreichend Lebensmittel für den Winter herbeizuschaffen. Schon bald starben viele an Hunger, Malaria und der Ruhr.

Die Weißen siedelten im Gebiet der Powhatan-Indianer, die einen mächtigen Bund von etwa 30 Stämmen bildeten. Einer der Anführer der englischen Siedlung, John Smith, machte sich auf den Weg zu ihnen, um Mais und andere Vorräte einzuhandeln. Als Smith auf 200 Krieger aus ihrem Stamm traf, kam es zu Handgreiflichkeiten, und Smith erschlug 2 Indianer.

Sofort nahmen die anderen ihn gefangen und brachten ihn zum Häuptling Powhatan, der den gleichen Namen wie sein Stamm trug - dieser beschloß ihn aus Rache zu töten. Im letzten Moment trat seine zwölfjährige Tochter Pocahontas dazwischen und erwirkte Smith´ Begnadigung. Schließlich adoptierte Powhatan den jungen Weißen sogar.

Nur durch die großzügige Hilfe der Ureinwohner konnten die weißen Siedler überleben. Doch die Weißen dankten es den Indianern schlecht. Statt selber Vorräte anzulegen, forderten sie einfach immer wieder Mais, Bohnen und Kürbisse von ihnen, oft mit Waffengewalt. Und sie wohnten auf Land, das sie den Powhatan einfach weggenommen hatten.

Als John Smith 1609 nach England zurückkehrte, wehrten sich die wütenden Indianer gegen die weißen Siedler und töteten viele. In kurzer Zeit schrumpfte Jamestown von 500 auf 60 Siedler. Um Häuptling Powhatan zum Frieden zu zwingen, nahmen die Weißen Pocahontas als Geisel. Man behandelte sie zuvorkommend, und die Häuptlingstochter lernte Englisch und ließ sich sogar taufen. Ihr christlicher Name war Rebecca.

Inzwischen kamen neue Kolonisten an, unter ihnen John Rolfe. Er hatte vermutlich aus der Karibik Tabaksamen mitgebracht, und es gelang ihm, daraus den später berühmten Virginia-Tabak zu züchten.

Rolfe heiratete Pocahontas, und da auch der Häuptling der Hochzeit zugestimmt hatte, herrschte zunächst Frieden in Jamestown. Im Jahre 1616 reiste Rolfe mit Frau und Sohn nach England. Am königlichen Hof wurde die Häuptlingstochter als   "Indianerprinzessin " vorgestellt. Im März 1617, kurz vor ihrer Rückreise nach Virginia, erkrankte Pocahontas an Pocken und starb. Ihr kleiner Sohn blieb in England.

Rolfe kehrte zurück und widmete sich weiter dem Tabakanbau. Zunächst kauften die Siedler Land von den Indianern. Doch Tabak laugt den Boden schnell aus, und daher brauchten sie ständig neue Felder. Statt dafür mühsam Wald zu roden, vertrieben die Weißen lieber die Indianer von ihren Maisfeldern. Schon bald rächten sich die Powhatan, sie verwüsteten die Tabakplantagen und töteten Siedler. Von 1622 bis 1644 herrschte Krieg zwische Engländern und den Powhatan. Die Indianer waren der Übermacht der Weißen unterlegen. Auf beiden Seiten starben viele hundert Menschen. Schließlich wurden die wenigen überlebenden Indianer erbarmungslos aus ihrer Heimat vertrieben - ein Vorgang, der sich in den folgenden 300 Jahren noch oft wiederholte.

                       

Alle Indianer lebten nach einem grundlegenden Prinzip: Der Mensch ist ein Teil der Natur und lebt in Einheit mit Mutter Erde, mit allen Pflanzen und Tieren. Darum konnten Flüße, Boden und Wälder nicht jemandes Eigentum sein. Als die Weißen Land  "kaufen " wollten, erschien das den Indianern so unsinnig, wie Luft, Wind oder Wolken zu verkaufen.

Sie hatten keine Vorstellung, daß ihr Land einmal sehr wertvoll sein würde - so "verkauften" sie 1626 dem Holländer Peter Minuit die Halbinsel Manhattan für einen Haufen Glasperlen und anderen Tand im Wert von nur 60 Gulden. Sie glaubten, nur für einige Jahre das Recht auf Nutzung dieses Landes abzutreten, doch sie irrten sich gewaltig. Manhattan ist heute ein Stadtteil von New York.

Als die ersten Weißen zwischen 1500 und 1600 an der Küste Nordamerikas mit den Indianern Handel trieben, schleppten sie viele Krankheiten ein. Gegen die fremden Erreger von Masern, Grippe, Tuberkulose und Pocken hatten die Indianer keinerlei Abwehrkräfte. Tausende erkrankten und starben, ganze Landstriche wurden entvölkert, und die wenigen Überlebenden flüchteten voller Panik. Wahrscheinlich sind Millionen von Indianern in Nordamerika an diesen Krankheiten gestorben. Als die Engländer im 17. Jhd. die Küste besiedelten, waren Virginia, Nord- und Südcarolina fast menschenleer.

Die ersten Einwanderer hatten ursprünglich nicht vor, die Indianer auszurotten und ihnen alles Land wegzunehmen, sondern sie wollten Handel treiben, brachliegendes Land bebauen und die Ureinwohner zum Christentum bekehren. Doch mit dieser Absicht gerieten sie schnell in blutigen Streit mit den Indianern, die hier lebten und ihre eigene Religion besaßen.

Besonders grausam verfuhren die Puritaner, die die Küste im Nordosten besiedelten. Obwohl sie Christen waren, verhielten sie sich äußerst unchristlich. Sie überfielen indianische Dörfer, setzten die Hütten in Brand und töteten alle Einwohner. Die Überlebenden verkauften sie als Sklaven nach Westindien (Bahamas, Antillen).

Anfangs kamen nur wenige hundert Siedler, aber bald schwoll ihre Zahl enorm an. Im 19. Jhd. strömten jährlich viele hunderttausend Menschen nach Amerika. Es waren arme Bauern, Arbeiter und Handwerker auf der Suche nach Arbeit, aber auch Glücksritter und Abenteurer. 

In Irland und Deutschland gabe es Mißernten und Hungersnöte, und wer noch Geld besaß, buchte eine Schiffspassage nach Amerika. Alle diese Einwanderer mußten eine Bleibe finden, viele wollten Land erwerben und sich als Bauern niederlassen. So drängten immer mehr Weiße Richtung Westen: im 18. und 19. Jhd. erst über die Appalachen ins Tal des Mississippi und Ohio, dann in die Plains und schließlich über die Rocky Mountains nach Kalifornien.

Wo immer es fruchtbares Ackerland gab, vertrieben die Weißen die Indianer rücksichtslos. Mit Waffengewalt zwangen die Eroberer die Indianer, Verträge zu unterzeichnen. Darin " verkauften" sie ihr Land zu einem Spottpreis und behielten selber nur kleine, unfruchtbare Gebiete. In diesen Reservaten leben heute noch viele Indianer. Fast 300 Jahre dauerte die Eroberung des neuen Kontinents, an deren Ende den Indianern nur ein winziger Bruchteil ihres riesigen Landes blieb.

                       

Bei den Auseinandersetzungen zwischen Weißen und Indianern spielten Waffen eine entscheidene Rolle. Gegen die ersten Siedler an der Ostküste kämpften die Indianer noch mit einfachen Mitteln - mit Keulen, Steinbeilen, vor allem aber mit Pfeil und Bogen. Schon ein kleiner Junge lernte, einen Bogen aus geeignetem Holz herzustellen, und Pfeile so zu befinden, daß sie gut fliegen, und von einem Pferderücken aus genau zu zielen und zu treffeen.

Ganz besonders gefürchtet war später der Tomahawk. Das Wort stammt aus der Algonkin-Sprache und bedeutet " Werkzeug zum Schneiden ". Ursprünglich bezeichnete es eine indianische Streitaxt. Später übertrug man das Wort auf ein Beil mit Eisen- oder Stahlklinge, das die Europäer in großer Zahl einführten. 

Schnell breitete sich der Tomahawk unter allen Stämmen aus - als Werkzeug und Waffe. Schon bald konnten Indianer glänzend damit umgehen. Der Engländer Thomas Anburey schrieb 1777: " Sie werfen einem fliehenden Feind den Tomahawk nach und treffen ihn mit tödlicher Sicherheit in den Schädel oder Rücken. "

Die Tomahawks dienten auch zum Überbringen von Nachrichten. Wenn ein Stamm einem anderen den Krieg erklären wollte, schickte er einen Boten, der einen rot geschmückten Kriegs-Tomahawk überbrachte. Manchmal handelte es sich auch um einen Pfeifen-Tomahawk, der gleichzeitig aus Pfeife und Beil bestand.

Beim Friedensschluß, so heißt es oft, vergruben die früheren Gegner gemeinsam das Kriegsbeil - doch das war nur eine Redensart.

Von Anfang an brachten Europäer Feuerwaffen ins Land und nutzten sie auch als Tauschmittel beim Fellhandel mit den Indianern. Doch die Handhabung dieser Gewehre war umständlich - ein Indianer konnte 8 Pfeile abschießen, bis der Vorderlader nur einmal neu geladen war. Zudem tötete ein Pfeil lautlos, ohne den Feind zu alarmieren.

Erst das Repetiergewehr besiegelte die Überlegenheit der Weißen, denn mit ihm konnten 15 Schuß schnell hintereinander abgegeben werden. Damit schlachteten amerikanische Soldaten die Indianer regelrecht ab.

                             

In der Vorstellung vieler Weißen gelten die Indianer als besonders grausam, und viele ältere Indianerfilme vermitteln leider noch heute dieses Bild. Sie führen die Indianer als blutrünstige rote Teufel vor, die friedliche weiße Siedler überfallen und skalpieren. Aber solche Filme zeigen nicht, warum sich die Indianer so zur Wehr setzen mußten. Sie waren verzweifelt, weil weiße Eindringlinge sie erbarmungslos aus ihrer Heimat vertrieben und vernichteten. In Wirklickeit waren die Indianer nicht angriffslustiger als andere Völker.

Sioux, Cheyenne und andere Plains-Stämme gelten als kriegerisch, aber in Wirklichkeit vermieden sie unnötiges Blutvergießen, zumal ihre Stämme zahlenmässig nicht sehr stark waren. Junge Männer, die ihre Tapferkeit beweisen wollten, zogen gemeinsam auf den Kriegspfad. Doch statt den Feind zu töten, genügte oft schon ein Coup (frz.: Schlag, sprich: Ku). Dabei berührte ein Krieger den Gegner im Kampf mit der Hand oder einem besonderen Stab, ohne ihn aber zu verletzen.

Eine solche von Zeugen beobachtete Heldentat bewies Mut und Tapferkeit, sie galt höher als das Töten eines Feindes. Ein kurzer nächtlicher Überfall, bei dem eingige junge Männer Pferde stahlen und ihre Feinde in dem Durcheinander kurz berührten, reichte oft schon, um Anerkennung zu verdienen.

Dank ihres Mutes durften sie Mitglied in einem Krieger-Bund werden und erhielten eine seltene Adlerfeder. Je mehr solcher Ehrenzeichen ein Krieger besaß, desto angesehener war er. Erfolg im Krieg hatte aber auch religiöse Bedeutung, denn zugleich mehrte ein Mann damit seine übernatürlichen Kräfte. Nur ganz vereinzelt kam es vor, daß die Indianer einen Gefangenen an einen Pfahl banden und ihn quälten.

Vor allem Irokesen waren gefürchtet wegen ihrer grausamen Marter. Je angesehener das Opfer war, desto länger dauete die Quälerei. Ein tapferer Indianer zeigte hier zum letzten Mal, wie stark und mannhaft er war und daß er im Angesicht des Todes seine Feinde noch verhöhnen konnte - und die Sieger waren dann stolz, einen so tapferen Krieger überwunden zu haben.

Zeigte er sich besonders stark im Ertragen der Schmerzen, schenkte man ihm mitunter aus Anerkennung das Leben oder adoptierte ihn als Stammesmitglied. Der Mut, Martern zu ertragen, bewies zugleich, wie stark die geistigen Kräfte des Opfers waren.

Auch das Skalpieren, das Abziehen der Kopfhaut samt Haaren, hatte ursprünglich eine religiöse Bedeutung. Die Haare.,so glaubten viele Indianer, sind Sitz der Seele, und wer fremde Haare sein eigen nennt, verfügt über die Lebenskraft dieses Menschen. Irokesen und Natchez im Osten pflegten ihre getöteten Feinde zu skalpieren.

Bei den Sioux und Plains-Cree schmückten sich berühmte Häuptlinge mit Skalplocken, die sie an ihre Zelte oder Festgewänder nähten. Erst als die Weißen hohe Kopfgelder für indianische Skalps zahlten und die Indianer gegeneinander aufhetzten, verlor die religiöse Handlung jeden Sinn. An ihre Stelle trat Mord, der mit Geld entlohnt wurde.

                          

Schon um 1600 trieben die Europäer, vor allem die Franzosen, Handel mit den Indianern. Sie wollten Biberfelle und Seeotterpelze kaufen und tauschten sie bei den Indianern für Messer, Glasperlen, Spiegel, Töpfe und Pfannen ein.

Wegen der in Europa herrschenden Herrenmode, Hüte aus Biberfilz zu tragen, war die Nachfrage groß und der Preis entsprechend hoch. Die Franzosen gründeten Handelsposten am St.-Lorenz-Strom, und bald war Montreal im heutigen Kanada das Zentrum des Fellhandels.

Als die Biber um Montreal und anderen Siedlungen selten wurden, begannen um 1630 einzelne Männer, in die Wildnis vorzudringen, um dort selber zu jagen und von den Indianern Felle einzutauschen. Das waren die " Mountain Men " oder Waldläufer, von den Amerikanern später Trapper (Fallensteller) genannt. Sie lernten die Sprache der Indianer, hatten oft indianische Frauen, und sie liebten das freie Leben in der Wildnis.

Nur einmal im Jahr kehrten sie zu einem Handelsposten zurück, um die Felle gegen Geld und Waren zu tauschen. Die Indianer schätzten die neuen Güter sehr, sie konnten Decken, Stoffe, Äxte, Schußwaffen, Kupfer- und Eisenkessel gut gebrauchen. Die Weißen verteilten und verkauften jedoch auch große Mengen Alkohol. Diese ungewohnte Droge brachte Trunkenheit, Raub und Gewalt unter die Indianer und zerstörte allmählich ihr Leben.

Um weiterhin Alkohol und Waffen kaufen zu können, beteiligten sich viele Indianer an der massenhaften Jagd auf Biber. Sie ahnten nicht, daß sie sich damit an ihrer Ausrottung beteiligten. Gebete und Rituale bei der Jagd bewirkten in ihrem Glauben die Rückkehr der Tiere. Als sie schließlich immer weniger Biber fingen, gaben sie den Weißen die Schuld daran, da diese nicht die richtigen Rituale kennen würden.

Franzosen und Engländer gründeten Handelsgesellschaften, die vor allem im Norden eine große Anzahl befestigter Stationen errichteten. Die Northwest Company beschäftigte um 1780 etwa 2.000 Angestellte als Schreiber, Führer, Übersetzer, Waldläufer oder Bootsleute. Inzwischen waren Jagd und Handel immer weiter nach Westen vorgedrungen bis in die Rocky Mountains und schließlich an die Küste des Pazifik.

Zwischen 1825 und 1840 trafen sich Indianer und Trapper jedes Jahr an einem anderen Ort zum " Rendezvous". Solche Treffen glichen Volksfesten, bei denen sich alle  nach dem Geschäft dem Vergnügen widmeten: Pferderennen, Wettschießen und Trinkgelagen.

In Europa wandelte sich die Mode, Hüte aus Seide waren nun der letzte Schrei und Biberhüte wurden unmodern. Damit endete um 1840 die Jagd auf Biber.

                        

Die Weißen kämpften nicht nur gegen die Indianer, sondern waren auch unter sich uneins. Franzosen und Engländer stritten erbittert um die Vorherrschaft auf dem neuen Kontinent und zogen dabei viele Indianerstämme als Verbündete in ihren Konflikt mit hinein. Die Huron hatten sich mit den Franzosen verbündet, da aber die Huron mit den Irokesen verfeindet waren, verbündeten sich die Irokesen folglich mit den Engländern - gegen die Huron und Franzosen. Als dann die Engländer im Unabhängigkeitskrieg (1776 - 1783) gegen die Amerikaner verloren, flohen viele Irokesen nach Kanada.

Diese Zersplitterung machte es den Weißen natürlich leicht, die indianischen Stämme gegeneinander auszuspielen. Gelegentlich versuchten einzelne Indianer, ihre Brüder von einem Zusammenschluß gegen die weißen Eindringlinge zu überzeugen und den Widerstand gegen die Siedler zu schüren.

Einer der berühmtesten Führer einer solchen Widerstandsbewegung war Tecumseh, ein Shawnee aus dem Nordosten, der von 1768 - 1813 lebte. Schon in seiner Jugend hatte er grausame Schlachten zwischen Weißen und Indianern miterlebt und dabei seinen Vater verloren. Er haßte die Weißen, die immer wieder die Maisfelder und Nahrungsvorräte der Indianer verbrannten, und er ahnte, daß sein Volk,  ja daß alle Ureinwohner Nordamerikas am Abgrund der Vernichtung standen - wenn sie sich nicht gemeinsam wehrten.

Häuptling Blackfish adoptierte Tecumseh, der dank seiner rednerischen und militärischen Begabung bald selber zum Häuptling gewählt wurde. Schonungslos kritisierte er alle Friedenshäuptlinge, die Verträge mit den Weißen unterzeichneten und Stammesland verkauften. " Land " rief Tecumseh, " ist wie Luft und Wasser und gehört allen Indianern"

Sein größtes Ziel war ein Bund der indianischen Stämme zwischen Ohio und Mississippi, um dann die Siedler am weiteren Vordringen zu hindern und einen eigenen Indianerstaat zu errichten.

Jahrelang reiste er zwischen Florida und Kanada hin und her, und in mühsamen, endlosen Debatten gelang es ihm, die Delaware, Miami, Potawatomi, Shawnee und Creek zu überzeugen, daß nur ein Bündnis ihrer Völker sie vor der Vernichtung durch die Weißen bewahren könne.

Gestützt auf diesen Bund, ging er 1810 zum Gouverneur General Harrison, forderte die Aufhebung aller mit den Indianern geschlossenen Landverträgen und verlangte die Anerkennung dieses geeinten " Indianerstaates ". Harrison lehnte ab und beschloß, mit Gewalt gegen die Indianer vorzugehn. Tecumseh kehrte zu seinem Stamm zurück, und Harrison zog 1811 mit 1.000 Mann gegen die Indianer vor.

Ohne jedoch die Rückkehr Tecumsehs abzuwarten, griff sein Bruder und Medizinmann Tenskwatawa - sein Name bedeutet " Die offene Tür " - im Vertrauen auf seine Zauberkräfte die heranrückenden Soldaten an. Die Indianer wurden vernichtend geschlagen und ihre Dörfer in Brand gesteckt.

Alle Hoffnungen waren zerstört. Tecumseh zog sich nach Kanada zurück, wurde britischer Offizier und fiel am 5. Oktober 1813 in einer Schlacht der Engländer und verbündeter Indianerstämme gegen die Amerikaner.

                       

Anfang des 19.  Jahrhunderts war der Landhunger der Weißen kaum noch zu zügeln. Ihr Ziel: Von der Ostküste bis zum Mississippi sollte alles Land uneingeschränkt ihnen gehören. Vor allem das fruchtbare Gebiet der " Fünf zivilisierten Stämme " wollten die Siedler sich aneignen, also das Land der Cherokee, Choctaw, Chickasaw, Creek und Seminole im Südosten, einschl. Florida. Gerade diese Stämme hatten schon vieles aus der Kultur der Weißen übernommen und blühende Staatswesen geschaffen.

Es gab Schulen, Bibliotheken und Krankenhäuser, Mühlen, Bäckereien und Ziegeleien. Eine eigene Verfassung und ein oberster Gerichtshof sorgten für die Einhaltung aller Gesetze.

Die Farmen erbrachten reiche Erträge, der Tierbestand an Schafen und Rindern war riesig. Doch gerade dieser Reichtum schürte Neid und Gier der weißen Nachbarn. Sie forderten das Land für sich, aber inzwischen weigerten sich immer mehr Indianer, kostbares Stammesland zu verkaufen.

Und natürlich erfüllte die Regierung in Washington die Wünsche ihrer Bürger. Im Jahre 1830 unterzeichnete Präsident Jackson ein Gesetz über die Umsiedlung der Indianer. Er sah vor, den Indianern zwischen Ostküste und  Mississippi alles Land im Tausch gegen Gebiete westlich des Flusses wegzunehmen.

Viele Stämme akzeptierten den Tausch, doch einige weigerten sich hartnäckig: Irokesen, Ottawa und Seminole leben  noch heute östlich des Mississippi. Im Winter 1838/39 siedelten die Amerikaner die Cherokee um, die durchaus nicht ihre vertraute Umgebung verlassen wollten. Getrieben von der Armee, zogen schließlich 16.000 Cherokee auf dem mehr als 1.000 km langen " Pfad der Tränen " durch Sümpfe. Wälder, Dickichte und reißende Flüsse.

Über 4.000 Indianer starben in Schneestürmen, an Hunger und Erschöpfung, an Schlangenbissen und Cholera. Wer seine Heimat verteidigte, wurde erschossen. Einigen hundert gelang es , zu fliehen und sich in den Bergen zu verstecken. Sie kauften später Teile ihres Landes zurück, wo ihre Nachkommen heute noch leben.

Die umgesiedelten Cherokee ließen sich aber nicht entmutigen. Sie rodeten das Land, bauten neue Höfe und begannen mit der Aufzucht von Kühen und Schafen. Sie regierten sich selbst, hatten eine eigene Polizeitruppe und hofften, als eigenständiger Indianerstaat anerkannt zu werden. Doch 1906 wurde der Stamm aufgelöst, die Cherokee waren nun Bürger der USA.

Aber sie blieben hartnäckig, um 1935 richteten sie ihre Stammesorganisation wieder ein. Heute leben in Oklahoma etwa 100.000 Cherokee, und an der Spitze dieses Stammes steht eine Frau - Wilma Mankiller. Die Gesamtzahl der Cherokee betrug 1993 etwa 300.000, damit sind sie die größte indianische Bevölkerungsgruppe in den USA.

                   

Um 1800 zogen 50 Millionen Bisons über die Prärie, 1850 gab es nur noch 20 Millionen, und bis 1890 überlebten nur etwa 550 Tiere. Die Ernährungsgrundlage von 50.000 Indianern der Plains und Prärie war vernichtet. Schuld an dieser Katastrophe war die ungeheure Besiedlung des Kontinents.

Zwischen 1800 bis 1850 wuchs die amerikanische Bevölkerung von 5 auf 23 Millionen an. Viele Abenteurer zog es im Goldrausch nach Amerika, doch die Reise mit Planwagen oder Postkutsche war äußerst beschwerlich und dauerte Wochen bis Monate. Um den Westen schneller zu erschließen, wurde deshalb ab 1862 mit dem Bau mehrerer Eisenbahnlinien quer durch das Land begonnen.

Im Osten gab es bereits ein Eisenbahnnetz, nun mußten vom Mississippi bis zum Pazifik neue Schienen verlegt werden.

Diese Gleise führten natürlich durch die Jagdgebiete der Prärie- und Plains-Indianer und schränkten die Wanderbewegung der Bisons stark ein. Entlang der Strecke schossen die Bauarbeiter die scheinbar unzähligen Bisons zu zehntausenden ab, um sich vom Fleisch der Tiere zu ernähren.

Doch es kam noch schlimmer: Die wachsende Industrie im Osten brauchte große Mengen Leder für Treibriemen, und so erlegten weiße Jäger massenhaft Bisons, zogen die Haut ab und ließen den Rest einfach liegen. Allein in den Jahren von 1871 - 1874 töteten sie mehr als 3 Millionen Tiere. Wo jahrhundertelang riesige Herden umherzogen, hing nur noch der Gestank verwesender Kadaver in der Luft, war das Land weiß von bleichenden Knochen.

Die Vernichtung der Bisonherden brachte Hunger, Krankheit und Elend über die Indianer. Durch die von den Weißen eingeschleppten Krankheiten wie Pocken waren Tausende von Indianern gestorben, nun hatten die Überlebenden kaum noch Kraft, Widerstand zu leisten. Sie waren gezwungen Verträge zu unterschreiben, in denen sie den Weißen ihr Land abtraten und nur wenige Gebiete für sich behielten - die Reservationen.

                       

Doch nicht einmal den dürftigen Rest ihres angestammten Landes konnten die Indianer unumschränkt ihr eigen nennen - sobald sich das vermeintlich wertlose Land durch die Entdeckung von Bodenschätzen als wertvoll erwies, wurden die Verträge von den Weißen einfach gebrochen, und sie vertrieben die Indianer.

Im Jahre 1874 fanden amerikanische Bergbauexperten in Süddakota Gold. Der Fundort lag in den Black Hills, mitten im Herzen der damaligen " Great Sioux-Reservation". Sofort drangen Scharen weißer Goldsucher widerrechtlich in das Land ein. Der politische und religiöse Führer der Teton-Sioux zu jener Zeit war Sitting Bull. Schon seit Jahren kämpfte er gegen die Weißen, die zwar Verträge schlossen, sich aber nur selten daran hielten.

Die Schwierigkeiten nahmen zu, als die Amerikaner die Black Hills wegen ihrer Goldvorkommen von der " Great Sioux-Reservation" abtrennten und die Indianer mitten im Winter umsiedeln wollten. Trotz Frost und Schnee sollte Sitting Bull bis Ende Januar 1876 sein Lager um 400 km verlegen - er weigerte sich. Die Weißen sahen darin ein Zeichen von Feindseligkeit und sandten im Frühjahr Militär gegen die Aufsässigen.

Sitting Bull rief Sioux, Cheyenne und Arapaho zusammen und hielt einen Sonnentanz ab. Dabei hatte er eine Vision. Er sah Soldaten massenhaft wie Heuschrecken vom Himmel fallen. Das bedeutete den sicheren Sieg, und die Häuptlinge entschlossen sich zum Kampf. Kurz darauf griff eine Abteilung des amerikanischen Militärs unter General George Custer das große Indianerlager am Fluß Little Big Horn an.

Tausende indianische Krieger, ausgerüstet mit modernen Winchesterbüchsen, schlugen zurück und töteten Custer und seine Soldaten - die Vision von Sitting Bull hatte sich bewahrheitet.

Es war  der letzte große Sieg, aber ein nutzloser. Letztlich konnten Sitting Bull und die mit ihm verbündeten Häuptlinge nichts gegen die ständig wachsende Übermacht der Weißen ausrichten. Die Indianer hungerten, weil es kaum noch Bisons gab, das Militär griff die Indianer immer wieder an, und schließlich floh Sitting Bull 1877 mit seinen Anhängern nach Kanada - erst 4 Jahre später kehrte er in die USA auf die "Standing Rock Reservation" zurück.

                           

Als der Druck der Weißen auf die Indianer unerträglich wurde, suchten sie Zuflucht in einer neuen Religion. Ab 1870 entstanden christlich beeinflußte Heilslehren, die ihnen Hoffnung machten. Verschiedene Propheten traten auf, unter ihnen der Paiute-Indianer Wovoka aus Nevada, der 1888 eine Vision hatte. Daraufhin rief er die Indianer auf, regelmäßig 4 Tage lang zu tanzen. Dann werde schließlich der Sohn Gottes auf die Erde kommen, den weißen Mann vertreiben, die Bisonherden würden wieder wie einst über die Prärien ziehen, und es entstünde eine neue, bessere Welt.

Wovoka ernannte 11 Apostel, die seine frohe Botschaft anderen Stämmen verkündeten, und er verbot den Gebrauch aller von den Weißen stammenden Dinge. Die Indianer warfen tatsächlich ihre Gewehre weg, tranken keinen Alkohol mehr und nahmen alle 6 Wochen am " Geistertanz " teil. Immer mehr Stämme übernahmen den neuen Glauben, darunter auch Sioux, Cheyenne, Arapaho und Kiowa. Viele Indianer besaßen " Geisterhemden " , die ihren Träger angeblich gegen Gewehrkugeln schützen sollten.

Im Jahre 1890 spitzte sich die Situation zwischen Weißen und Sioux dramatisch zu. Sitting Bull unterstützte die Geistertanz-Bewegung, und die Amerikaner fürchteten einen neuen Aufstand. Um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen, gaben sie den Befehl, Sitting Bull zu verhaften. Seine Freunde wollten das verhindern, es kam zu einem Handgemenge, in dem Sitting Bull erschossen wurde.

Zahlreiche Anhänger der Geistertanz-Religion flohen, kehrten jedoch auf Befehl der Armee wieder zurück. Am 28. Dezember 1890 lagerten sie unter starker Bewachung an dem Bach Wounded Knee, hier sollten sie ihre Gewehre abgeben. Als die Soldaten die Indianer entwaffneten, fiel ein Schuß. Das war das Signal - mit Schnellfeuergewehren und Kanonen schlachteten die Soldaten Männer, Frauen und Kinder ab, erbarmungslos verfolgten sie auch Flüchtige und töteten sie. Fast 300 Indianer kamen um. Mit diesem Blutbad endete der Freiheitskampf der nordamerikanischen Indianer. Selbst Wovoka empfahl seinen " Kindern " jetzt, " Die Straße des weißen Mannes zu beschreiten. "

Erst 1973 erinnerte man sich wieder an Wounded Knee. Anhänger der Indianerbewegung AIM (American Indian Movement) besetzten den Ort und nahmen Geiseln, um so auf ihre Forderungen an die amerikanische Regierung aufmerksam zu machen.

Vor allem sollten sämtliche Verträge, die jemals mit Indianern geschlossen worden waren, überprüft werden. Die Regierung erfüllte diese Forderung zwar nicht, doch die Aktion bewirkte immerhin, daß die amerikanische Bevölkerung auf die schwierige Lage der indianischen Minderheit aufmerksam wurde.

                            

Auf die letzten erfolglosen kriegerischen Auseinandersetzungen der Indianer mit den Weißen folgte eine Zeit tiefer Trauer und Hoffnungslosigkeit. Entwurzelt, ihrer Heimat beraubt, ohne Arbeit, hatten viele Indianer ihren Lebensmut weitgehend eingebüßt und fanden nur Trost im Alkohol, im " Feuerwasser ".

Heute gibt es in den USA und Kanada ungefähr 3 Millionen Indianer und Mischlinge, die sich zu den Indianern zählen. Etwa ein Drittel wohnt in Reservationen. Hier gibt es aber kaum Arbeit, viele sind deshalb auf Sozialhilfe angewiesen.

Mehr als 1,5 Millionen leben ganz oder zeitweise in der Stadt, wo sie meist in einfachen Berufen arbeiten. Als Spezialisten begehrt sind die Mohawk, denn sie sind schwindelfrei und werden deshalb beim Bau von Wolkenkratzern bevorzugt eingestellt.

Der Kampf um Land ist in den vergangenen Jahrzehnten erneut aufgeflammt, denn in einigen Reservaten lagern kostbare Bodenschätze: bei den Blackfoot in Montana Öl und Gas, bei den Ojibwa in Wisconsin Kupfer und bei den Navajo im Südwesten Kohle und Uran. Oft kümmern sich amerikanische ( und auch deutsche ) Firmen nicht um geltene Verträge oder Umweltschäden und bauen rücksichtslos diese Bodenschätze ab.

Die Navajo stimmten zwar dem Abbau von Uran zu, doch ahnten sie nicht, wie furchtbar die Folgen sind. Die Landschaft wird zerstört, das Grundwasser vergiftet. Die Radioaktivität von Uran führt zu Mißbildungen bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Krankheiten wie Krebs nehmen zu.

Doch inzwischen finden sich die Indianer nicht mehr einfach mit ihrem Schicksal als unterdrückte Minderheit ab. Sie besinnen sich auf die Sitten und Gebräuche, auf ihre Stammessprachen und ihren Glauben - und sie klagen ihre Rechte ein.

Indianer, die als Rechtsanwälte arbeiten, ziehen immer häufiger vor Gericht, um dort die Einhaltung der früher geschlossenen Verträge durchzusetzen. Manchmal haben sie Erfolg. Im Nordwesten der USA erhielten die Yakima 85 Quadratkilometer zurück, ein Gebiet, das auch den für die Indianer heiligen Berg Mount Adam umfaßte. Die Taos Pueblo in Neumexiko bekamen ihren heiligen " Blue Lake " (Blauer See) und weitere 104 Quadratkilometer Land wieder.

Inzwischen wehren sich Indianer auch dagegen, daß Museen die Gebeine ihrer Vorfahren öffentlich ausstellen. Sie fordern Respekt vor den Toten und wollen die Überreste entsprechend ihrer Kultur würdig bestatten. Auch andere wertvolle Gegenstände fordern sie zurück.

Statt sich der Kultur der Weißen anzupassen, stärken die Indianer heute ihr Selbstbewußtsein. So bleibt die Hoffnung, daß ihnen eine freudvollere Zukunft offensteht, in der sie als Menschen mit allen Rechten geachtet werden und so leben dürfen, wie sie selbst es wünschen.

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                     DAS ALTE ÄGYPTEN

                

                                                                             Maske des Tut

Das Geheimnis der Hieroglyphen        Was ist eine Mumie?

Was ist ein Ägyptologe?                     Das Totengericht

Der Pharao                                        Gräber

Das Leben des Pharao                        Leben der Untertanen/Die Familie

Regierung im alten Ägypten                Behausungen

Streit und Recht                                Leben, Nahrung, Kleidung

Gräber des Pharao / Pyramiden           Festlichkeiten

Bestattung                                        Kindererziehung und Schule

Wie wurde eine Pyramide gebaut?      Berufe im alten Ägypten

Religion im alten Ägypten                       Löhne und ägypt. Kalender

                                                       

    

Die meisten Menschen denken beim Stichwort " Ägypten" an Pyramiden, Mumien und Hieroglyphen, sogar an Nil und  Königin Kleopatra. Sicher,alles das und viel mehr gehört dazu, doch zu allererst müssen wir uns mit dem Nil befassen, denn ohne ihn hätte es das Reich der Pharaonen nie gegeben.

Unsere Landwirtschaft braucht genügend Regen, wenn es eine gute Ernte geben soll. Der ägyptische Bauer jedoch wartete nicht auf den Regen für seine Felder, denn es regnete viel zu selten. Statt dessen hoffte er jedes Jahr darauf, daß die Nilüberschwemmung die richtige Höhe erreicht, um seine Felder zu bewässern. Alljährlich, etwa ab Mitte Juni, begann nämlich das Wasser des Nils langsam anzusteigen. Seine Flut erreichte ihren Höhepunkt im September.

Wenn sich die Wassermengen zurückzogen, ließen sie einen schwarzen Schlamm zurück. Dieser war reich an Nährstoffen und bewirkte, daß die Saat gut aufging, prächtig gedeihte und reiche Ernte brachte. Die reichen Ernten gab es aber nur, wenn die Bauern ihre Äcker richtig bestellten. 

Der große Fluß regte die Intelligenz der Menschen an, weiteres zu erfinden und zu entdecken. Sie fanden heraus, daß sie das Kommen der Nilüberschwemmung vorhersagen konnten, wenn sie den Lauf der Sterne genau beobachteten: dabei gelangen sie zu wichtigen astrologischen Erkenntnissen. Die Lage und die Größe der Felder waren abhängig von der Höhe der Nilflut. So mußten die Felder jedes Jahr aufs neue vermessen werden.

Weil die Ägypter dabei klug und planvoll vorgingen, schufen sie die Grundlagen der Geometrie.

Die Bewohner des Niltals lernten also, den Fluß zu beherrschen. Dabei war es vor allem die jährliche Überschwemmung, die ihr Denken anregte und leitete. Schon die alten Ägypter stellten sich die Frage, woher die Wassermassen kommen, doch sie fanden nicht die richtige Antwort.

                               

Der erste Pharao hat das altägyptische Reich keineswegs aus dem Nichts erschaffen. Jahrtausende vor ihm haben bereits Menschen im Niltal gelebt, und erst ihre Erfindungen haben es möglich gemacht, dort dauerhaft zu wohnen.

Bis etwa 25.000 Jahre vor Christi Geburt, war die heutige Wüste Sahara noch ein gut bewohnbares Gebiet, in dem Nomaden als Jäger und Sammler lebten. In den folgenden Jahrtausenden trocknete die Sahara aber mehr und mehr aus. Das zwang die Menschen, in günstigere Regionen zu wandern, und sie zogen zum Niltal.

Nach etwa 10.000 Jahren wurde das Klima wieder feuchter, und die Menschen bevorzugten die Hochebene am Rande des Niltals, denn das Niltal selbst war nun kein guter Lebensraum mehr, wegen des hohen Wasserspiegels.Im 7. und 6. Jahrtausend begannen die Randgebiete erneut auszutrocknen.

Etwa um 5.000 v. Chr. zogen wieder Menschen in das Niltal und lernten, mit dem großen Fluß zu leben. Die Epoche der Jungsteinzeit begann. Sesshafte Menschen siedelten in Dörfern und ernährten sich von Landwirtschaft und Viehhaltung. Sie züchteten die wichtigsten Kulturpflanzen, Emmer und Gerste als Getreide, Linsen und Kichererbsen als Hülsenfrüchte, Lattich und Zwiebeln als Gemüse und viele andere.

In dieser frühen Zeit begannen die Bewohner des Niltals bereits mit der Viehzucht. Sie hielten Rinder, Ziegen, Schafe, Esel und Schweine, aber auch Geflügel, wie z.B. Gänse. Daneben spielte die Jagd eine wichtige Rolle. Man jagte Wild auf den Hochebenen, fing Vögel und fischte im großen Fluß sowie in den Sumpfgebieten des Deltas.

Nicht nur vom Westen her sind die Menschen in das Niltal eingewandert, sondern auch vom Süden und Nordosten, also von Vorderasien. Sie alle haben ihre Beziehungen zu den Gebieten ihrer Herkunft nicht abreißen lassen, und so gelangten neben Handelswaren auch viele unterschiedliche Ideen und Erfindungen nach Ägypten. Was dort zusammentraf, vermischte sich.

                             

Schon um 3200 v. Chr. gelingt es einigen lokalen Häuptlingen, im Nildelta und in Oberägypten größere Gebiete unter ihre Herrschaft zu bringen. Aus diesen entstehen ein unterägyptisches und ein oberägyptisches Königreich.

Einer der Könige, der bereits um 3100 v. Chr. zeitweilig über beide Königreiche herrschte, ist Narmer. Um 3000 v. Chr. werden die beiden Königreiche nach langen Kämpfen entgültig vereinigt. Den militärischen Sieg erringt ein oberägyptischer König, kulturell bleibt jedoch das unterägyptische Reich überlegen. Als ersten Herrscher über ganz Ägypten nennen die erhaltenen Königslisten Menes (anderer Name: Aha).

Mit ihm beginnt die 1. Dynastie. Er gründet an der Grenze zwischen Ober- und Unterägypten die Festung " Weiße Mauer ", die später Memphis genannt wird. Auf Menes folgen, unter anderem, Könige mit den Namen Djer und Wadj, in der 2. Dynastie Könige mit den Namen Ninetjer und Chasechemui.

Die beiden ersten Dynastien nennen wir die Frühzeit des ägyptischen Staates. Ihre Könige sichern Ägypten gegen äußere und innere Feinde, richten eine zentrale Verwaltung ein und handeln bereits mit Byblos im Libanon. Unter ihnen entwickelte sich Schreiben und Rechnen, die Kunst der Steinbearbeitung und anderer Künste. In dieser Zeit entstand die Grundlage des ägypt. Staates.

Mit der 3. Dynastie, etwa ab 2700 v. Chr. beginnt das Alte Reich. Djoser, einer ihrer Könige, verlegt die Hauptstadt nach Memphis. Er läßt bei Saqqara eine Stufenpyramide als sein Grabmal erbauen. Sie ist 60 m hoch und der älteste Steinbau dieser Größe in der Geschichte.

Aus der 4. Dynastie ragt Pharao Cheops  heraus (um 2600 v. Chr.). Von ihm stammt die größte aller Pyramiden, die jemals errichtet wurden.  (Cheopspyramide) Sie erhebt sich bei Gisa, und mit einer Höhe von 147 m zeigt sie deutlich, daß der Pharao die Kraft ganz Ägyptens für seine Pläne einsetzen kann. Sein Wort ist Befehl, und seine Untertanen sehen ihn als Gott an.

Die Könige der 5. Dynastie verehrten in besonderem Maße den Sonnengott Re. Pharao Sahure berichtet um 2500 v. Chr. von seinem siegreichen Feldzug gegen die Libyer und davon, daß er seine Flotte entlang der Küste des Mittelmeeres nach Byblos geschickt hat. Es ist typisch für das Alte Reich, daß Ägypten seine Grenzen festigt und Expeditionen aussendet, um Rohstoffe zu besorgen.

Gegen Ende der 6. Dynastie zerbricht die Kraft des Alten Reiches. Ein Grund dafür ist, daß die hohen Beamten in den Provinzen immer mehr Macht für sich selbst gewinnen und dadurch die Macht des Pharao schwächen. Auch verliert der Staat einen Teil seiner Einkünfte, weil die Tempel ihren Besitz beständig vermehren.

Die Thronfolge wird immer häufiger durch Kampf entschieden. Viele Herrscher regieren nur für kurze Zeit, und Bürgerkriege brechen aus. Um 2100 v. Chr. zerfällt Ägypten in mehrere Teilreiche. Die Erste Zwischenzeit beginnt. Zwei Königreiche setzen sich durch: Die Herrscher der 9. und 10. Dynastie regieren in Herakleopolis, nahe der Oase Fajjum, die Herrscher der 11. Dynastie haben ihren Sitz in Theben, dem heutigen Luxor. Beide Dynastien regieren gleichzeitig und bekämpfen sich.

Die Herrscher aus Theben gewinnen den Kampf. Um 2000 v. Chr. vereinigt Mentuhotep II. ganz Ägypten unter seiner Herrschaft und begründet das Mittlere Reich. Pharao Amenemhet I. , der erste Herrscher der 12. Dynastie, festigt wieder die Macht und die zentrale Stellung des Königs. Er verlegt die Hauptstadt von Theben nach Itj-taui, südlich von Memphis. Die Pharaonen dieser Dynastie bringen Ägypten zur Blüte.

                              

Sesotris I. und Sesotris III. erobern Nubien bis zum 2. Katarakt und sichern die Grenze durch viele Festungen: dieses Gebiet gehört von nun an zum ägyptischen Reich. Die Ägypter verstärken ihren Handel mit dem Ausland, mit dem freien Nubien südlich des zweiten Katarakts, mit Phönizien (dem heutigen Libanon), mit Zweistromland (dem heutigen Irak) und wahrscheinlich mit Kreta. 

Von der 13. Dynastie an wird die Macht der ägyptischen Könige schwächer. In Unterägypten reißen Herrscher den Thron an sich, die keine Ägypter sind. Sie gehören zu den zahlreichen Asiaten, die schon seit längerer Zeit in Ägypten leben, und ihr Name  "Hyksos " geht auf eine ägyptische Bezeichnung zurück, welche  " Herrscher der Fremdländer " bedeutet.

Die Hyksos bilden die 15. und 16. Dynastie (etwa ab 1650 v. Chr.): ihre Hauptstadt Auaris liegt im östlichen Delta. Gleichzeitig regieren inTheben die Pharaonen der 17. Dynastie, die sich als die rechtmäßigen Nachfolger der Könige der 13. Dynastie betrachten.

Außerdem gibt es in Mittelägypten  kleinere Fürstentümer. Sie alle müssen jedoch Tribut an die Hyksos zahlen. Diese Epoche nennen wir die Zweite Zwischenzeit In ihr gelangen manche Erfindungen der Asiaten nach Ägypten, darunter der von Pferden gezogene Streitwagen, der eine schlagkräftige neue Waffe ist. 

                              

Den letzten König der thebanischen 17. Dynastie gelingt es um 1550 v. Chr. die Fremdherrscher aus Ägypten zu vertreiben. Ahmose erobert Auaris und begründet die 18. Dynastie und mit ihr das Neue Reich. Die tatkräftigen Könige dieser Dynastie machen Ägypten zu einer Großmacht des Vorderen Orients.

Thutmosis I. dringt in Nubien bis etwa zum 5. Katarakt vor, und in Asien erreichen seine Truppen den Euphrat. Unter der Königin Hatchepsut wird von einer großen Handelsexpedition in das Land Punt berichtet, das in Eritrea am Südende des Roten Meeres lag. Tutmosis III. ist der große Eroberer der Dynastie. Er sichert die ägyptische Vorherrschafr in Palästina und Syrien. In dieser  Zeit der größten Macht Ägyptens gibt es einen regen Handel mit den Nachbarstaaten.Aus Nubien, das reich an Gold ist, werden große Mengen nach Ägypten gebracht.

                             

Um 1350 v. Chr. kommt Pharao Echnaton an die Regierung und beginnt, vieles in Ägypten grundlegend zu verändern. Es gibt Theben und Memphis als Hauptstädte auf und gründet eine neue Residenz in El-Armana. Die Verehrung des Gottes Amun und der meisten anderen Götter wird verboten, und an ihre Stelle setzt Echnaton die Verehrung des Gottes Aton, der als Sonnenscheibe Licht und Leben spendet.

Bisher unbekannte Männer, auch Ausländer, werden in hohe Ämter eingesetzt. Die ägyptischen Bildhauer und Maler entwickeln völlig neue Formen. Warum führt Echnaton diese Veränderungen durch? Ein wichtiger Grund ist, daß er die Macht der Tempel und Priester des Gottes Amun brechen will; denn diese hat stetig zugenommen und beschränkt die Macht des Königs. Weitere Gründe liegen in der Persönlichkeit und der Erziehung Echnatons.

Bald nach dem Tode Echnatons, unter Pharao Tutanchamun, erlangen die Tempel und Priester ihre alten Rechte zurück. In der folgenden Zeit wird der Name Echnatons gelöscht und ausgemeißelt, wo auch immer man ihn findet. Ein Text nennt Echnaton den " Verbrecher von Amarna ".

Um 1300 v. Chr. beginnt die 19. Dynastie. Ramses II. ist einer ihrer großen Herrscher. Er baut seine neue Residenz, die " Ramsesstadt ", im Ostdelta und läßt im ganzen Land zahlreiche Tempel errichten. Seine Kriege mit den Hethitern, darunter die berühmte Schlacht bei Qadesch, führen schließlich zu einem Friedensvertrag. Weitere mächtige Gegner bedrohen Ägypten. Um 1200 v. Chr. besiegt Ramses III., der bedeutenste König der 20. Dynastie, die Seevölker und die Libyer, die nach Ägypten eingefallen waren.

Unter den schwachen Nachfolgern Ramses III., verliert Ägypten erneut seine Kraft. Die Ordnung im Lande zerbricht. Wirtschaft und Handel liegen am Boden, und Räuber plündern sogar die Gräber der Pharaonen. Die Dritte Zwischenzeit beginnt.

Wieder brechen Ober- und Unterägypten auseinander. In Theben regieren die Hohepriester des Gottes Amun, in der Deltastadt Tanis, die Herrscher der 21. Dynastie. Die folgenden Dynastien können den Niedergang Ägyptens nicht aufhalten.

In der Spätzeit wird Ägypten überwiegend von Königen beherrscht, die keine Ägypter mehr sind. Um 700 v. Chr. regieren als 25. Dynastie nubische Könige, deren Reich vom sechsten Katarakt bis zum Mittelmeer reicht. Es folgen die Herrschaft der Assyrer, der Saiten (Libyer), der Perser und, nach drei einheimischen Dynastien, erneut der Perser.

                         

Im Jahre 332 marschieren die Truppen Alexanders des Großen in Ägypten ein. Einer seiner Generäle, Ptolemäus, begründet die Dynastie der Ptolemäer. Diese lassen sich als Pharaonen krönen, regieren in Ägypten und machen das Land erneut zu einer Großmacht des Vorderen Orients. Aber das ist nicht mehr das alte Ägypten: Die Pharaonen sind Griechen, die Soldaten sind Söldner aus aller Herren Länder, die Hauptstadt Alexandria liegt am Mittelmeer, und auf die Welt des Mittelmeeres richtet sich das Interesse der Ptolemäer, weniger auf Ägypten. 

Allerdings lebt das alte Ägypten in bestimmten Bereichen weiter, vor allem in der Religion. Die ptolemäischen Könige fördern die Priester und Tempel, weil diese ihnen nützlich sind; denn sie verschaffen ihnen, den fremden Herrschern, Anerkennung beim Volk, und sie organisieren einen großen Teil der Landwirtschaft.

                           

Nach dem Tod  Kleopatras VII. im Jahre 30 v. Chr. wird Ägypten eine Provinz des Römischen Reiches. Die Römer regieren nicht mehr im Lande. Zwar interessieren sie sich für die geheimnisvolle Kultur des alten Ägypten, wichtiger sind ihnen aber die enormen Getreidelieferungen des Landes. In den Jahrhunderten der römischen Herrschaft übernehmen die Ägypter das Christentum.

Als um 400 n. Chr. das Römische Reich entgültig geteilt wird, fällt Ägypten an die Byzantiner, die das Land von Konstantinopel (heute: Istanbul) aus regieren und ausbeuten.

Im Jahre 640 erobern die Araber Ägypten und machen es zu einer Provinz des Kalifenreiches. Die arabische Sprache beginnt die uralte ägyptische Sprache zu verdrängen, und der Islam breitet sich aus. Die verbliebenen Christen werden " Kopten " genannt.

Ab 935 regieren in Kairo wieder einheimische Herrscher. Ihr berühmtester ist Sultan Saladin, der Kairo glanzvoll ausbaut und siegreich gegen die Heere der Kreuzfahrer kämpft. Die Mamluken, Angehörige einer militärischen Elite, gelangen 1250 an die Macht und lenken die Geschicke Ägyptens eher schlecht als recht bis zum Jahre 1517.

Dann erobern die Osmanen Kairo, und Ägypten wird eine türkische Provinz. 1798 landet Napoleon Bonaparte mit einer französischen Flotte in Ägypten und besiegt die Mamluken und die Türkei. Er bringt viele Gelehrte und Künstler mit, die unter anderem auch die Denkmäler des alten Ägypten untersuchen und aufzeichnen. Soldaten Napoleons finden den Stein von Rosette, und dieser Fund wird die wissenschaftliche Erforschung Ägyptens einleiten.

1805 reißt der aus Albanien stammende Offizier Mohammed Ali die Macht an sich. Er und einige seiner Nachfolger machen aus Ägypten einen modernen Staat, der die technischen Erfindungen Europas nutzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bringen die Engländer Ägypten in ihre Gewalt. Erst 1952 übernehmen wieder Ägypter die Regierung ihres Landes, indem sie den letzten unfähigen König Faruq und die Engländer verjagen. Auf die Präsidenten Nasser und Sadat folgt Mubarak, der noch heute Ägypten regiert (Stand 2001)

Die Geschichte Ägyptens können wir mit schriftlichen Quellen über etwa 5000 Jahre verfolgen. Dabei ist zu erkennen, wie sehr sich im Laufe der Zeit alles vermischt und verändert - und wie gering in diesem Geschehen ein einzelner Mensch ist.

                          

Woher aber wissen wir all dies? Man erschließt es aus den historischen Quellen. Jeder hört gerne Geschichten aus der Vergangenheit. Hauptsache ist, die Geschichte ist interessant, unwichtig, ob es tatsächlich so geschah. Anders sieht das der Historiker, also der Wissenschaftler, der die Geschichte erforscht. Er glaubt nicht ohne Prüfung, was über die Vergangenheit erzählt wird; sein Ziel ist nämlich herauszufinden, wie die Sache wirklich war. Dabei stürzt er sich auf Funde, die von dem Ort und der Zeit stammen, um die es geht; solche Originalfunde nennt man historische Quellen.

In Ägypten findet man drei Arten von historischen Quellen. Es sind Gegenstände, Bilder und Texte. Gegenstände sind z.B. ein Grab, eine Statue, ein Tempel, ein Haus, etc. Die gegenständlichen Quellen zeigen dem Historiker, was es damals alles gab, wie diese Dinge aussahen, wozu sie dienten und wie sie funktionierten.

Die Bilder befinden sich auf einigen der genannten Gegenstände: geritzte Bilder in Tempeln, auf Mauern, Bilder auf Töpfen, Mumien usw. Weil aber die bildlichen Quellen den Gegenstand meist nur von einer Seite abbilden, wird manchmal nicht klar, wie er genau ausgesehen hat oder wozu er diente.

Dafür aber zeigen die Bilder oft mehrere Gegenstände in einem sachlichen Zusammenhang; hieraus ergibt sich manchmal die Erklärung, wozu der einzelne Gegenstand diente.

Texte und Inschriften findet man auf den verschiedensten Gegenständen, auf Felsen, auf Mauern und Wänden, auf Möbeln, Waffen und Statuen, auf Tonscherben, vor allem aber auf Papyrus. Diese schriftlichen Quellen können nur recht ungenau angeben, wie etwas aussah. Aber nur sie halten Namen fest, geben Maße und Größe in Zahlen an, berichten über weit zurückliegende Ereignisse und bewahren, was Menschen längst vergangener Zeiten gefühlt und gedacht haben.

Jede der drei Arten historischer Quellen verschweigt etwas. Deshalb erfahren wir am meisten über eine Sache, wenn wir dazu sowohl Gegenstände als auch Bilder und Texte besitzen. Allerdings bleibt auch dann noch vieles offen. Die Historiker streiten sich nämlich nicht selten darum, wie diese Quellen zu verstehen sind.

                             

                               

Das Geheimnis der Hieroglyphen

Im Jahre 1799 fanden französische Soldaten im westlichen Delta, beim Dorf Rosette, einen dunklen Stein. In diesem waren drei verschiedene Schriften eingeritzt, die hieroglyphische, die demotische und die griechische. Als die europäischen Gelehrten Abschriften der Texte bekamen, wurde der griechische sofort übersetzt. Er enthält den Beschluß einer Priesterversammlung aus dem Jahre 196 v. Chr. An seinem Ende ist zu lesen, daß der Beschluß in drei Schriften aufgeschrieben werden sollte. Damit war klar, daß jede Schrift denselben Text wiedergab. Der Stein von Rosette mußte der Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen sein.

Auch mit Hilfe dieses Schlüssels bemühten sich viele Gelehrte vergebens. Einige kamen allerdings der Lösung des Problems näher. Sehr weit gelangte der englische Physiker Thomas Young. Er ermittelte bereits die Lautwerte einiger Zeichen und die Bedeutung einiger Wörter; das System der Hieroglyphenschrift bleib ihm aber verborgen.

Es war der Franzose Jean Francois Champollion (1790 - 1832), der das System der hieroglyphischen Schrift erkannte. Er hatte sich für seine Studien gut vorbereitet, hatte Griechisch und Latein gelernt, ebenso wie Hebräisch, Arabisch und Koptisch.

Wichtig für seinen Erfolg war das Studium der " Kartuschen ", also der Königsnamen, welche in einem länglich-ovalen Feld stehen. Champollion verglich 2 Kartuschen miteinander ( Ptolemäus und Kleopatra) und ihre Griechischen Wiedergaben.

Vieles blieb noch zu klären, so zum Beispiel, daß das Zeichen für " o " kein Vokal ist, weil die ägyptische Schrift nur Konsonanten kennt. Champollion wußte bald, daß die Hieroglyphen zwar Bilder sind, daß aber viele von ihnen feste Lautwerte hatten, ähnlich wie unseren Buchstaben. Rasch fand er die Lautwerte zahlreicher Zeichen heraus, las Königsnamen und Texte.

Im Jahre 1822 legte Champollion die Ergebnisse seiner Forschung vor. Sie waren zweifellos richtig, aber viele seiner Kollegen wollten seine Entdeckung nicht anerkennen. Schließlich prüfte der deutsche Gelehrte Richard Lepsius die Ergebnisse Champollions und erklärte sie für grundsätzlich richtig. Lepsius löste noch einige Probleme des Schriftsystems, die Champollion nicht hatte klären können. Damit war die Entzifferung der Hieroglyphen abgeschlossen.

                                

                                                                    

Was ist ein Ägyptologe?

Der Ägyptologe ist ein Historiker, der sich speziell mit der Geschichte des alten Ägypten befasst. Weil Champollion sich als Erster ganz dem Studium der pharaonischen Ägypten gewidmet hat und weil er dabei so erfolgreich war, darf man ihn den ersten Ägyptologen nennen. In Paris wurde er 1830 Professor für das Fach Ägyptologie; die Stelle hatte man eigens für ihn neu geschaffen. Die erste deutsche Proffessur für Ägyptologie erhielt Richard Lepsius in Berlin.

Die Ägyptologen können viele ägyptische Probleme nicht alleine lösen; deshalb arbeiten sie immer häufiger mit anderen Wissenschaftlern zusammen. Zu diesen gehören Astronomen, Ärzte (Fachärzte), Geologen, Biologen und andere.

Dank der Zusammenarbeit von Ägyptologen und Geologen kann man heute in vielen Fällen sagen, aus welchem Steinbruch des Landes ein Stein kommt. Auch läßt sich das Alter einer Arbeitsstelle im Steinbruch mit Hilfe der Meißelspuren bestimmen.

Die für die Medizin entwickelte Methode der Computertomographie hat man auch zur Untersuchung ägyptischer Mumien eingesetzt. Nun kann man in die Mumie hineinsehen, ohne daß man sie aufwickeln, aufschneiden und damit zerstören muß. Die CT Bilder zeigen in vielen Einzelheiten, wie die Mumie hergestellt wurde, mitunter sogar die Erreger bestimmter Krankheiten, und deren Folgen, sowie allerlei körperliche Missbildungen.

Aus dem Körpergewebe der Mumie läßt sich die Blutgruppe des Verstorbenen feststellen. Auch DNA-Analysen sind möglich. Beides kann über die verwandtschaftlichen Beziehungen der Toten Auskunft geben. Das hilft den Historikern offene Fragen zu den einzelnen Dynastien zu klären.

                             

                                                                                

Der Pharao

Der ägyptische König unterschied sich von seinen Untertanen weniger in der Kleidung, denn wie sie kann auch er als einziges Kleidungsstück einen kurzen Schurz tragen. Es sind seine Insignien, also bestimmte Kennzeichen seines königlichen Ranges, die ihn über sein Volk erheben. Dazu gehören neben Stierschwanz, Krummstab und Geißel vor allem das Königskopftuch, die Kronen und die Uräusschlange.

An diesen Insignien ist die Macht des Königs zu erkennen. Wie groß die Macht des Pharaos war, das soll eine historische Quelle zeigen. Sie stammt aus der Lebensgeschichte des Sinuhe, die vor etwa 4000 Jahren niedergeschrieben wurde. Sinuhe hatte viele Jahre im Ausland gelebt und ist nun nach Ägypten zurückgekommen. Er wird aufgefordert zum König zu kommen. Über seine Begegnung mit dem König schrieb er :

" Ich erkannte Seine Majestät auf dem großen Thron unter einem Baldachin (Überdachung eines Thrones) aus Gold, während ich ausgestreckt auf meinem Bauch lag. Ich verlor beinahe die Besinnung vor ihm, als dieser Gott mich freundlich ansprach. Ich war wie jemand, der das Bewußtsein verloren hat; mein Geist hatte mich verlassen, meine Glieder zitterten. Mein Herz war nicht mehr in meinem Leibe, und so wußte ich nicht mehr, ob ich lebte oder tot war. Da sagte Seine Majestät zu einem der Höflinge: " Hebt ihn auf, macht, daß er mit mir sprechen kann".

Dieser Text läßt erkennen, daß der Untertan Sinuhe seinen König als einen Gott ansieht. Und die Erscheinung dieses "Gottes" flößt ihm soviel Ehrfurcht ein, daß er nahezu bewußtlos wird.

Wenn nun der König in den Augen der Untertanen ein Gott war, war er ein Gott auch im Vergleich mit den anderen Göttern? Hatte er wirklich dieselbe Macht? Die Antwort kann ein Text des Mittleren Reiches geben, in dem der König selbst spricht:

"Der Gott Harachte hat mich erschaffen, um das zu tun, was für ihn getan werden soll, um das auszuführen, was er befohlen hat. Er hat mich zum Hirten dieses Landes gemacht."  Klar ist zu erkennen, daß der König nur ein Geschöpf des Gottes ist und daß er im Auftrag des Gottes handelt.

Ein Text des Neuen Reiches zeigt, wie sehr der König auf die Hilfe seines Gottes angewiesen ist. Dabei handelt es sich um ein Gebet, das Ramses II. zum Gott Amun sprach, als er während der Schlacht bei Qadesch von seinen Truppen verlassen und von Feinden umzingelt war:

" Ich rufe zu Dir, mein Vater Amun, während ich inmitten von Fremden bin. Alle Fremdländer haben sich gegen mich vereint, ich aber bin ganz allein, niemand ist bei mir. Mein großes Heer hat mich verlassen, und keiner von meinen Wagenkämpfern hat sich nach mir umgesehen. Ich rief und rief nach ihnen, doch keiner hörte auf mich, als ich rief. Aber ich habe erkannt, daß Amun für mich besser ist als Millionen von Fußtruppen und Hunderttausende von Wagenkämpfern, mehr als zehntausend Brüder und Söhne, die fest zusammenhalten. Das Werk vieler Menschen ist nichts, Amun ist besser als sie."

Deutlich ist zu sehn, daß Ramses II. nicht die Macht des Gottes Amun hat. Er erfleht ja die Hilfe seines "Vaters Amun", wenn menschliche Hilfe ihn nicht mehr retten kann. Also erscheint der Pharao gegenüber den Menschen als ein Gott, aber gegenüber dem Gott ist er doch nur ein Mensch. 

Dennoch gehört der Pharao zur Familie der Götter. Er trug den Titel " Sohn des Re " und galt als der Stellvertreter des Gottes Horus auf Erden. Deshalb konnte er als Einziger mit den Göttern sprechen und sie bitten, den Ägyptern alles zu geben, was sie zum Leben brauchten. Der Ort, an dem der Pharao mit den Göttern sprach, war der Tempel. Dort überreichte er ihnen seine Opfergaben, denn er war nicht nur der König und Herr Ägyptens, sondern auch der oberste Priester in allen Tempeln des Landes.

Natürlich wußten die Menschen, daß der Pharao sterblich war. Doch das war er nur, solange er bei ihnen auf der Erde lebte. Nach seinem Tode kehrte der Pharao zu seinen göttlichen Ahnen zurück und wurde ein wirklicher Gott. Und dort im Jenseits, so glaubte man, würde er bis in alle Ewigkeit wieder diejenigen Menschen regieren, die zu seiner Zeit auf Erden gelebt haben.

Die Ägypter konnten sich ein Leben ohne Pharao nicht vorstellen, denn sie lebten durch ihn, in der diesseitigen und in der jenseitigen Welt.

Besonders groß war die Macht des göttlichen Pharao im Alten und Mittleren Reich. Später wurde der König mehr und mehr als Mensch gesehen. Gegen Ende der ägyptischen Geschichte kam es sogar vor, daß einige Ägypter ihren König danach beurteilten, ob er so regiert hatte, wie es seine Pflicht war.

                             

                                                                 

Das Leben des Pharaos

Aus Stein errichtete man die Tempel der Götter sowie die Gräber der Menschen und Könige, der Stein war nämlich das Material für Ewigkeit. Für das kurze Leben in dieser Welt genügten Bauten aus luftgetrockneten Nilschlammziegeln. So lebten die Menschen in Häusern aus Ziegeln und auch der Palast des Pharaos wurde überwiegend aus demselben Material gebaut.

Neben dem großen Tempel Ramses III. auf der Westseite von Theben ist ein Palast des Königs ausgegraben worden. Nach dem Eingang betritt man zunächst eine Vorhalle mit zwei Säulen. Von ihr gelangt man in einen zentralen, großen Saal mit sechs Säulen. An seiner Rückwand befindet sich der Thron, auf dem der König saß, wenn er hohe Beamte oder Abgesandte empfing. Eine Tür links neben dem Thron führt in den privaten Teil des Palastes. Zu ihm gehörte ein Wohnraum mit einem weiteren Thron, das Schlafzimmer sowie Bad und Toilette.

Links von diesem Teil des Palastes liegen die Gemächer der Königin. Hinter den Gemächern des Königs und der Königin gibt es drei Wohnungen für die vertrauenswürdigsten Diener.

Die Mauern und die Tonnengewölbe des Daches bestehen aus Nilschlammziegeln. Aus Stein sind die Einfassungen der Türen, die bis zu 7,5 m hohen Säulen, die Untersätze für die Throne sowie der Boden und die Wandverkleidung der sanitären Räume.

In diesem Palast hat sich der König nur aufgehalten, wenn er einmal den Tempel während eines großen Festes besuchte. Auch nach seinem Tode, so glaubte man, lebte er darin, um an den Festen teilzunehmen.

Während der meisten Zeit jedoch wohnte der König in einem anderen Palast. Die Ausgräber haben in diesen Wohn-Palästen sehenswürdige Überreste der einstigen Bemalung gefunden. Diese Reste zeigen, daß die Decken, Böden und Wände bunt bemalt waren, zumeist mit Pflanzen und Tieren, aber auch mit Ornamenten.

Zahlreiche Diener sorgten für das Wohl des Königs. So gab es Diener, die für die Kleidung, den Schmuck, für das Fleisch, die Früchte, das Brot, für den Bierkeller oder Weinkeller zuständig waren. Ein Mundschenk reichte dem König die Getränke und das Essen.

Die Organisation des Palastes und des Dienstes am König unterstand einem strengen Leiter. Wenn der König in der Öffentlichkeit erschien, wurde er in einer Sänfte getragen. Neben der Sänfte schritten Wedelträger, welche die Stirn des Königs mit großen Wedeln aus Straußenfedern vor der heißen Sonne schützten.

Der König hatte mehrere Frauen, von denen im Neuen Reich eine den Titel " Große Königliche Gemahlin" trug. Im Harem, dem Haus der Frauen, lebten die Gemahlinnen des Pharao mit ihren Kindern und ihrer Dienerschaft. Hier auch wurden die Kinder erzogen. Manche Pharaonen hatten einen großen Harem und viele Kinder. Von Ramses II. kennen wir 40 Töchter und 49 Söhne.

Selbst die Große Königliche Gemahlin hatte nur einen ganz geringen Anteil an der Macht des Königs. Allzu sehr war der ägyptische Staat auf die Person des Pharao ausgerichtet. Wenn aber einmal eine Königin auf den Thron gelangte, was nur selten geschah, dann hatte sie dieselbe Macht wie der König.

                           

                                                                      

  Regierung im alten Ägypten

Alle Macht lag in den Händen des Pharao. Nur der König erließ die Gesetze, und nur er setzte die höheren Beamten und Priester ein. Der König entschied auch über Krieg und Frieden. Er schickte das Heer aus, und manchmal zog er an der Spitze seiner Truppen in den Kampf. In bestimmten Fällen ließ sich der König von einigen Vertrauten beraten,aber er konnte sich in jedem Fall über die Meinung der Ratgeber hinwegsetzen.

Der mächtigste Mann neben dem König war der Wesir. Als der höchste Beamte Ägyptens wachte er darüber, daß die Gesetze und Befehle des Königs im Lande richtig ausgeführt wurden. Im Alten und im Mittleren Reich gab es nur einen Wesir, im Neuen Reich jedoch zwei. Von diesen war einer für Unterägypten zuständig, der andere für Oberägypten.

Der Wesir mußte dem König täglich Bericht erstatten. Er hatte sich um die Gesetze und um die Rechtsprechung zu kümmern, um die Vermessung der Felder, um die Anlagen zur Bewässerung, um die Polizei, um die Bestrafung der Räuber, um die Bezahlung der Steuern und die Ausgaben des Staates, um die Lohnzahlungen und um vieles andere mehr.

Außerdem war er die höchste Stelle, an die man sich mit einer Beschwerde wenden konnte. Natürlich hatte der Wesir über all dies "nur" die Oberaufsicht. Ägypten war nämlich schon gegen Ende des Alten Reiches in 38 Verwaltungsbezirke (Gaue) aufgeteilt. Es waren die Leiter dieser Gaue, welche die Arbeit vor Ort lenkten. Sie mußten dem Wesir über ihre Arbeit berichten und sich ihm verantworten.

Allerdings gab es in den Verwaltungsbezirken größere Tempel, die ihren Besitz nicht selbstständig verwalteten. Manche Tempel mußten keine Steuern bezahlen und ihre Leute nicht zur Arbeit für den Staat hergeben, weil der König sie mit einem Befehl davon befreit hatte.

Der Wesir und die Leiter der Bezirke beaufsichtigten viele Beamte. Diese berechneten die Ernteerträge, die Steuern, die Lohnzahlungen, benötigtes Arbeitsmaterial und vieles mehr. Sie organisierten Expeditionen, um Rohstoffe zu besorgen, sie überwachten die Arbeiter und prüften die Qualität der Arbeit.

Alles was wichtig war, hielten sie in Urkunden und Akten schriftlich fest. Die Beamten lenkten nahezu das gesamte öffentliche Leben. Auch Handwerker, Künstler und Wissenschaftler waren Beamte. Frei von der Aufsicht des Staates waren die Menschen nur im Bereich ihrer Häuser.

                              

                                                                            

Streit und Recht

Neben privaten Streitereien gab es auch schwere Verbrechen. So hatten Räuber königliche Gräber ausgeplündert. Auch Mord und Totschlag kamen vor. Wer aber verhörte die Zeugen, entschied den Streit und legte die Srafe fest? Den Beruf des Richters gab es nicht. Seine Aufgabe übernahmen Richterkollegien, die an vielen Orten Ägyptens bestanden. Zu einer solchen Richtergruppe gehörten die höheren Beamten, Priester und andere Personen, die wegen ihres Berufes und ihrer Erfahrung geeignet erschienen.

Die weniger schweren Fälle entschied das örtliche Richterkollegium, die schweren Verbrechen jedoch wurden dem "Großen Richterkollegium" vorgelegt, dem auch der Wesir angehörte. Die Entscheidung eines örtlichen Richterkollegiums konnte z. B. lauten:"Die Partei A ist im Recht, die Partei B ist im Unrecht."

In einem Fall hatte der Arbeiter Menna den Wasserträger Tscha angeklagt, weil der ihm einen lahmen Esel verkauft hatte. Tscha wurde für schuldig befunden und mußte dem Menna entweder einen besseren Esel geben oder den Kaufpreis zurückerstatten. In anderen Fällen mußte der Schuldige einen Eid schwören, sein Vergehen in Zukunft nicht mehr zu wiederholen.

Wenn das " Große Richterkollegium " schwere Fälle untersuchte, dann konnte es auch Prügel anordnen, um ein Geständnis zu erzwingen. War die Schuld erwiesen, dann waren harte Strafen möglich. Dazu gehörten die Verbannung an einen fernen Ort, Zwangsarbeit im Steinbruch, Hiebe mit blutenden Wunden, das Abschneiden von Zunge, Nase, Ohren, Händen und sogar die Todesstrafe, z.B. durch Abschneiden des Kopfes.

Doch wie auch immer das Richterkollegium entschied, es mußte sich an Wahrheit und Gerechtigkeit halten.

                                  

                                                                 

  Die Gräber der Pharaonen/Pyramiden  

Das Wahrzeichen Ägyptens sind die Pyramiden, und jeder denkt dabei an die drei großen Pyramiden von Gisa. Doch kennen wir insgesamt einige Dutzende Pyramiden, die an vielen Orten errichtet wurden, vom ersten Katarakt bis zum Delta. Besonders viele stehen auf dem Westufer des Nils, gegenüber den heutigen Städten Kairo und Heluan.

Nach Größe und Form gibt es zwischen den einzelnen Pyramiden deutliche Unterschiede. Den Anfang bilden die Stufenpyramiden. Die erste von ihnen hat König Djoser errichten lassen. Sie hat 6 Stufen und ist 60 m hoch. Die erste Pyramide mit glatten Seitenflächen stammt von König Snofru, Anfang der 4. Dynastie.

Einige der kleinen Stufenpyramiden des frühen Alten Reiches sind keine Gräber, sondern Zeichen königlicher Macht, denn sie enthalten in ihrem Inneren keine Grabräume. Die meisten anderen Pyramiden des Alten und Mittleren Reiches gehören zur Grabanlage eines ägyptischen Königs. Sie bergen in ihrem Inneren mehrere Gänge und Kammern. In einer der Kammern befindet sich der steinerne Sarg, in dem einst die Mumie des Pharao lag. Keine der königlichen Mumien aus dieser Zeit ist bisher gefunden worden.

                           

                                                                                   

Bestattung

Von der 4. Dynastie an gehören zur Grabanlage des Königs nicht nur die Pyramide, sondern der Taltempel, der Aufweg und der Totentempel. Der Taltempel liegt im Osten der Pyramide und ist der monumentale Eingang zum Pyramidenbezirk. Vor ihm liegt eine Anlegestelle für Schiffe, die vom Nil aus über einen Kanal bis zu den Pyramiden fahren konnten.

Am Tage des Begräbnisses brachte ein Schiff die Mumie des verstorbenen Pharao zum Taltempel. Im Taltempel befanden sich bereits viele Standbilder des Königs. Vor ihnen und vor der Mumie des Pharao wurden zaubermächtige Sprüche laut vorgesprochen und Zeremonien durchgeführt, welche die Wiedergeburt und das ewige Weiterleben des Königs garantierten.

Dann trugen Priester die Mumie aus dem Taltempel hinaus und gelangten zum Aufweg. Dieser war von hohen Mauern begrenzt und überdacht, so daß  von außen niemand das Geschehen beobachten konnte. Durch einen schmalen Schlitz in der Mitte der flachen Decke fiel etwas Licht auf den Weg und ließ die Priester mit sicherem Schritt vorangehn. Sie gingen eine lange Strecke bergan, vom Tal hinauf zum Rand des Wüstengebirges.

Am Ende des Aufweges erreichten sie den Totentempel. Dort gelangten sie in einen offenen Hof ,den viele Pfeiler säumten. An seiner Westseite befanden sich Standbilder des Königs, unter anderem in seiner Erscheinung als Osiris, als König von Oberägypten und als König von Unterägypten. Nach Westen hin schloss sich eine Kapelle an.

Dorthin gingen die Priester aber nicht. Sie hielten sich rechts und trugen die Mumie aus dem Totentempel hinaus. Nun befanden sie sich bereits am Fuße der Pyramide, in einem breiten Gang, den eine Mauer nach außen begrenzte. Sie wandten sich weiter nach rechts, und ihr Ziel war die Nordseite der Pyramide, wo sich der Eingang befand. Sie betraten die Pyramide, trugen die Mumie durch lange Gänge und Vorkammern bis in die Sargkammer und bestatteten sie dort.

Abschließend versperrten Arbeiter die Gänge im Inneren mit Steinen und verschlossen den Eingang. Kein Sterblicher durfte die Pyramide jemals wieder betreten, denn in ihr sollte die Mumie des Pharao ungestört und unbeschädigt bis in alle Ewigkeit ruhen.

Täglich versorgten die Totenpriester den verstorbenen König mit Nahrung. Vom Taltempel aus brachten sie die Getränke und Speisen über den langen Aufweg bis in den Totentempel. Im offenen Hof sprachen sie die wirksamen Sprüche, die den König zu einem Gott machten und sein ewiges Weiterleben garantierten. Dann schritten sie nach Westen bis zur Kapelle und stellten die Speisen vor einer Scheintür ab.

Sie riefen den König mit folgenden Worten zum Essen: " O du König da, wisse, du sollst dir nehmen dieses dein Gottesopfer, damit du dich daran sättigst an jedem Tage, Tausende von Broten, Tausende von Bier, Tausend Stück vom Rindfleisch, Tausende von Gänsen, Tausende von allen süßen Dingen" . Dann warteten sie eine Zeit, bis der König aus dem Inneren der Pyramide durch diese Scheintür gekommen war und sich gesättigt hatte. Die " restlichen" Speisen nahmen sie wieder mit.

In der Nähe der Pyramiden befinden sich große, mit Stein ausgekleidete Gruben, in denen man Schiffe "beerdigt" hatte. Zwei der Schiffe dienten dem König vielleicht zur Überquerung des Himmels. Er war ja der Sohn des Sonnengottes Re und fuhr mit seinem Vater täglich vom einen zum anderen Horizont. Andere Schiffe sollten dem König im Jenseits weiter dienen, denn er hatte sie wohl zu Lebzeiten benutzt, und in einem von ihnen war seine Mumie zur Pyramide gebracht worden.

                                                                   

   Pyramiden

Was ist nun eine Pyramide? Sie ist ein Grabmal, denn in ihr ruht die Mumie eines Königs. Mit ihrer gewaltigen Höhe strebt sie zum Himmel, und vielleicht sollte sie dem König den Aufstieg dorthin erleichtern. Die Spitze der Pyramide war vergoldet und lenkte die belebende Kraft der Sonne zur Pyramide und zum Leib des Königs, der in ihr ruhte.

Außerdem war die vergoldete Spitze in diesem Gebiet der höchste Punkt und spiegelte funkelnd das letzte und das erste Sonnenlicht eines jeden Tages. Damit verkündete sie am Abend und am Morgen weithin sichtbar die beiden Augenblicke, an denen der Sonnengott Re diese Welt am Horizont verließ und wieder betrat.

Auch der König saß in der Sonnenbarke seines Vaters Re und fuhr mit ihm über den Himmel. So zeigte die Pyramide den Ägyptern, daß ihr König zwar verstorben, aber  nicht vergangen war, weil er täglich zu ihnen zurückkehrte. " Horizont des Cheops " lautete der Name der größten Pyramide Ägyptens.

Jetzt stellt sich noch die Frage, wie Pyramiden gebaut wurden. Die Antwort ist nicht so schwer, wenn man an die kleineren Pyramiden denkt und an solche, die aus Nilschlammziegeln oder leichten Steinen gebaut wurden. Die Frage kann aber nicht mit Sicherheit beantwortet werden, wenn wir sie für die Pyramide des Pharaos Cheops stellen.

Jeder Stein dieser Pyramide wiegt nämlich im Durchschnitt mehr als 2 Tonnen, also 2.000 Kilo. Und es sind etwa zwei - einhalb Millionen Steine, die übereinander geschichtet wurden, bis die Höhe von 147 m erreicht war. Außerdem gibt es im Inneren einzelne Granitblöcke, die ungefähr 200.000 Kilo, also 200 Tonnen wiegen.

Deshalb dürfen wir aber nicht annehmen, wie von einigen "Forscher" behauptet, daß diese Pyramide Jahrtausende vor dem Alten Reich von Göttern oder Raumfahrern erbaut wäre und daß sie allerhöchstes Geheimwissen enthielte. Denn es gibt Papyri, die beweisen, daß schon im Mittleren Reich die Kartenlänge, die Höhe und der Böschungswinkel einer Pyramide angegeben oder berechnet wurden.

Aus derselben Zeit besitzen wir das Modell der unterirdischen Gänge und Kammern einer Pyramide. Zu den Werkzeugen des Alten Reichs, die man gefunden hat, gehören zum Beispiel Hämmer, Meißel und Sägen, aber kein Rad und kein Flaschenzug; den Schlitten kennt man aus Abbildungen und Funden. Also muß man einsehen, daß die Pyramide nicht von überirdischen Wesen gebaut wurde, sondern von Menschen, mit ihren Berechnungen, Plänen und Werkzeugen.

Wie aber konnte man mit derart einfachen Werkzeugen ein solch gewaltiges Gebäude errichten? Man weiß es leider nicht genau. Es wurden aber Theorien aufgestellt, die angeben, wie man die Pyramide gebaut haben könnte. Von diesen sind am ehesten glaubwürdig die Rampen-Theorien, weil man Reste von Rampen in der Nähe von Pyramiden und anderen hohen Bauten gefunden hat.

Nach einer der Rampen-Theorie hätte man bis zu einer Höhe von etwa 30 m mehrere kleine Rampen gebaut, die rechtwinklig auf die Pyramide zuliefen. Anschließend hätte man eine große Rampe an die Pyramide angelehnt, mit ihr wachsen lassen und sie dabei um die wachsende Pyramide herumgeführt. Über die Rampen hätte man die tonnenschweren Steine mit Schlitten nach oben befördert.

                          

In den ersten beiden Dynastien, also vor der Zeit der Pyramiden, werden die Könige in anderen Gräbern bestattet. Diese bestehen aus großen, rechteckigen Gruben, über denen man einen flachen Hügel oder einen größeren Überbau anlegt. Zahlreiche Nischen gliedern die Außenflächen der Oberbauten. Die eigentliche Grabkammer liegt im Zentrum der Grube. Weil das Grab als Wohnhaus für die Ewigkeit gedacht ist, enthält es viele Kammern mit Vorräten. Sogar ein Bad kann dazugehören.

Im Neuen Reich, also nach der Pyramidenzeit, lassen sich die Könige nicht mehr in der Nähe von Memphis bestatten, sondern in Theben. Auf der Westseite des Nils werden ihre Gräber in einem einsamen Wüstental aus dem Fels gemeißelt. Man schlägt eine Treppe aus dem Gestein, senkt einen langen Gang schräg abwärts und erweitert ihn zu einer Kammer.

Es folgen im Wechsel weitere Gänge und Kammern, bis man schließlich tief im Inneren des Berges die Sargkammer und die Nebenräume anlegt. Einzelne dieser lang gestreckten Gräber führen bis über 200 m in den Fels hinein, und alle Wände und Decken dieser großen Anlagen sind mit religiösen Darstellungen ausgeschmückt. Das " Tal der Könige " nennt man heute diese Städte, in der 64 Könige der 18. bis 20. Dynastie begraben wurden.

In einem anderen Wüstental, dem " Tal der Königinnen ", ruhten einst zahlreiche Königinnen und Prinzen. Ins Grab legte man außer der Mumie all die vielen Gegenstände, die der König für sein Weiterleben benötigte: Streitwagen, Waffen, Möbel, Lampen, Gefäße, Schmuck, Musikinstrumte und anderes. Etliche dieser Gegenstände waren besonders wertvoll, weil sie teilweise oder ganz aus Gold waren.

Die Totentempel, die im Alten und Mittleren Reich an die Pyramide grenzten, befinden sich aber jetzt nicht mehr beim Grab. Vielmehr werden sie weitab von diesen Wüstentälern am Rande des Fruchtlandes errichtet. In ihnen gibt es nur noch wenige Räume, in denen der König verehrt und versorgt wird. Der weitaus größere Teil des jeweiligen Tempels gehört dem Gott Amun.

                         

Man fragt sich, warum Grab und Totentempel jetzt voneinander getrennt werden. Die Antwort liegt nahe: Die Grabräuber waren allzu dreist und erfolgreich geworden, und man mußte neue Wege finden, um die Grabanlagen der Pharaonen vor ihnen zu schützen. So legte man die Gräber nun in diesen einsamen Wüstentälern an und verschließt ihre Eingänge sorgfältig.

Die Arbeiter und Künstler, welche die Gräber anlegen und dekorieren, leben in einer nahe gelegenen Siedlung, die wir heute Deir el-Medina nennen. Sie werden in der Regel gut versorgt und entlohnt, aber sie dürfen das Dorf nicht verlassen, damit sie die Lage der Königsgräber nicht verraten können.

Doch all dies kann die Grabräuber nicht aufhalten, nicht einmal eine spezielle Polizeitruppe, die das gefährdete Gebiet bewacht. Besonders gegen Ende der 20. Dynastie werden Königsgräber geplündert. Der Polizei gelingt es hin und wieder Räuber zu fassen und anzuklagen. Die gerichtlichen Protokolle, die man während einer längeren Untersuchung niedergeschrieben hatte, wurden aufgefunden.

Auf einem Papyrus kann man das Geständnis der Räuber lesen: " Wir nahmen uns die Grabbeigaben, die an ihnen waren, die Sachen aus Gold, Silber und Bronze, und verteilten sie unter uns. Wir teilten das Gold, das wir bei diesen beiden Königen und Göttern gefunden hatten,.....in acht Teile, für jeden von uns 20 Deben " . Jeder der Räuber erhielt also etwa 2 kg Gold.

Auf Grabraub stand die Todesstrafe, aber die Versuchung war wegen der Aussicht auf reiche Beute sehr groß. Die Grabbeigaben des Königs Tutanchamun zeigen nämlich, welch riesige Mengen an Gold in einem Grab liegen konnten. Dieses Grab wurde erst 1922 von H. Carter entdeckt, mit all seinem Inhalt.

Die alt-ägyptischen Grabräuber waren vielleicht schon vorher ins Grab eingedrungen, aber man hatte sie wohl gestört. Nachdem die Wächter das Grab wieder versiegelt hatten, wurde es bis in unsere Tage von keinem Räuber entdeckt.

Die Königsgräber, die in den gerichtlichen Protokollen genannt wurden, gehörten Pharaonen älterer Zeit, die noch nicht im Tal der Könige bestattet worden waren. Das Tal selbst wurde anfangs nur selten, später aber häufiger geplündert, und zwar zu einer Zeit, als auch die Wächter mit den Räubern gemeinsame Sache machten.

Schließlich, in der 21. und 22. Dynastie, ließen Hohepriester die Mumien der Könige aus Gräbern holen, einerseits, um sie zu schützen, andererseits wohl auch, um an das viele Gold der Grabbeigaben zu gelangen. Zunächst sammelte und versteckte man die Mumien in einigen wenigen Königsgräbern, dann aber größtenteils im schwer zugänglichen Familiengrab eines Hohepriesters.

Dort ruhten sie in Frieden, bis sie gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts von modernen Grabräubern und Ägyptologen entdeckt wurden. Heute befinden sich die Mumien der Pharaonen im Museum der Stadt Kairo. Nur  diejenige des Tutanchamun liegt wieder in der Grabkammer dieses Herrschers im Tal der Könige.

                           

                                                                        

Religion im Alten Ägypten

Die alten Ägypter verehrten sehr viele Gottheiten. Die genaue Anzahl kann niemand nennen. Es gab große und kleine Gottheiten, Dämonen, göttliche Tiere und göttliche Gegenstände. Viele Götter wurden vor allem in einem bestimmten Gebiet oder in einer bestimmten Stadt angebetet.

Einige Gottheiten waren jedoch in ganz Ägypten hoch angesehen, zum Beispiel Ptah- der Schöpfergott, Re- der Gott der Sonne, Schu- der Gott der Luft, Nut- die Göttin des Himmels, Geb- der Gott der Erde, Hathor- die Göttin der Liebe und Musik, Min- der Gott der Fruchtbarkeit, Isis- die treu sorgende Gemahlin und Mutter, Month- der Gott des Sieges, Thot- der Gott der Wissenschaft und Weiheit, Horus- der Herr des Himmels und Gott des Königtums, Amun-Re- der Urgott, oder Osiris- der Herr des Totenreiches.

All diese Götter erschienen entweder in der Gestalt eines Menschen, eines Tieres oder in Menschengestalt mit Tierkopf; auch erkannte man sie in den Wesen und Dingen dieser Welt. So zeigte sich Amun auch als Widder oder als Gans, Horus als Falke, Thot als Ibis, Month als Stier, Hathor als Kuh oder als Baum, Nut als Himmelsgewölbe oder Re als Sonne. 

Doch kein kluger Ägypter hätte  jemals gedacht, die Sonne wäre Re. Nein, er wußte, daß Re viel mehr war, daß er sich in der Sonne nur zeigte, so wie in tausend anderen Dingen und Wesen. Ebenso waren die anderen Götter unendlich viel mehr als die Tiere, Pflanzen und Dinge, in denen sie für die Menschen sichtbar wurden, damit diese sie verehren konnten.

Auf der anderen Seite waren die Tiere, in denen die Götter sich zeigten, in einer bestimmten Weise göttlich. Darum wurden auch sie verehrt, nach ihrem Tode mumifiziert und in Tierfriedhöfen mit allen Zeremonien bestattet. Die Verehrung heiliger Tiere hat im Laufe der Zeit immer mehr zugenommen.

Manche Texte wenden sich nur an einen einzigen Gott, so wie dieses Gebet, das Pharao Ramses III. persönlich verfasst hat: " Gegrüßt seiest du, der du groß und uralt bist, Tatenen, Vater der Götter, du ältester Gott des Anbeginns, der die Menschen formte und die Götter schuf, der das Werden begann als erster Urgott, - alles, was hervorkam, entstand nach ihm" - Ramses III. betet zu einem allmächtigen Gott, Tatenen, der die Welt, die anderen Götter und die Menschen erschaffen hat.

Man erkennt, daß die alten Ägypter beides zugleich verehrten, viele verschiedene Götter und einen einzigen allmächtigen Gott. Die vielen Götter fanden sich überall in Ägypten, und diese achteten sie sehr hoch. Den einen Gott aber erkannten sie in ihrer Nähe, und dieser war im Moment des Gebetes für sie alles.

                                

Wenn ein Ägypter beten wollte, konnte er es dort tun, wo er gerade war, im Ausland, in der Wüste, auf dem Wasser, unter einem Baum, in seinem Haus; er erreichte seinen Gott überall. Allerdings betete er am liebsten in der Nähe des Tempels, vor der Tempelmauer, am  Tempeltor oder in einem Vorhof. Die inneren Räume des Tempels durfte er jedoch nicht betreten. Der Tempel war nämlich keinesfalls der Ort, an dem sich die Menschen zu einem gemeinsamen Gottesdienst versammelten.

Vielmehr war der Tempel der Ort, an dem der König und die Priester mit Opfern und Gebeten die Hilfe der Götter erwirkten. Der oberste Priester in allen Tempeln Ägyptens war der Pharao, der natürlich zumeist von einem Priester vertreten wurde.

Der König ließ in seinem Namen den Gott oder der Göttin den Tempel errichten. Darin opferte er vor dem Standbild der Gottheit Speisen und Getränke, er verbrannte Weihrauchkügelchen und goss kühlendes Wasser aus, schenkte dem Gott Kleidung, Schmuck, Salbe, frische Blumen und vieles mehr.

Ohne den Tempel und ohne den König, der darin den Göttern opferte, war das Land verloren - davon waren die alten Ägypter zutiefst überzeugt. Die Götter nämlich schenkten dem König als Gegengabe Sieg über die Feinde Ägyptens und Nahrung für sein Volk, Glück, Gesundheit und ewiges Leben.

                                  

Das Leben auf der Erde war für die alten Ägypter nur eine rasch vorübergehende Zeit, das wirkliche und ewig währende Leben begann erst nach dem Tode. Deshalb nannten sie das Grab auch " das schöne Haus für die Ewigkeit ". Darin lebten sie aber nicht alleine, denn sie glaubten fest daran, daß sie ihre verstorbenen Angehörigen in der jenseitigen Welt wiederfinden würden.

Auch mit ihren noch lebenden Angehörigen trafen sich die Verstorbenen mindestens einmal im Jahr. Dann kamen die Lebenden zu den Friedhöfen, in einer großen Prozession, bei der sie Götterstatuen aus den Tempeln mitführten. Dort, in der Totenstadt, feierten die Lebenden und die Toten gemeinsam das " Schöne Fest vom Wüstental ", ein großes Fest, mit Musik, Essen und Trinken und in Erinnerung an die Verstorbenen. So geschah es jedenfalls im Neuen Reich in Theben, im zehnten Monat des Jahres.

Die Verstorbenen in ihren Gräbern waren darauf angewiesen, daß die Lebenden sie mit Opfergaben und Gebeten versorgten. Deshalb stehen in den Gräbern Texte, in denen der Grabinhaber die Vorübergehenden mit diesen oder ähnlichen Worten anredet:

" O ihr Lebenden, die ihr noch seid, die ihr das Leben liebt und das Sterben hasst, die ihr vorbeikommen werdet an diesem Grab!   .....  Ihr möget mir opfern von dem, was in eurer Hand ist. Wenn ihr nichts habt, dann sollt ihr sagen mit eurem Munde: Tausend an Brot, Bier, Rindfleisch, Geflügel  ...... für den seligen Verstorbenen  ......"

Mit dem Tode wurden die Verstorbenen mächtiger, als sie es zu Lebzeiten waren. Sie wurden beinahe wie die Götter, konnten andere Gestalten annehmen und in vielen Teilen der Welt leben, im Himmel, in der Unterwelt. In einem Text des Totenbuches sagt der Tote: " Geöffnet sind mit die Türflügel des Himmels, geöffnet sind mir die Türflügel der Erde,  .......  , so daß ich herausgehe am Tag zu jedem Ort, an dem mein Herz sein will ".

Die Macht der Toten war so groß, daß sie aus den Gräbern steigen und den Lebenden gefährlich werden konnten, vergleichbar unserer Vorstellung von Gespenstern. Es wurden sogar Briefe gefunden, in denen Lebende an Tote schreiben, mit der Bitte, sie doch zukünftig in Frieden zu lassen und ihnen keinen Schaden mehr zuzufügen.

Das Weiterleben im Jenseits war aber nur möglich, wenn der Körper des Verstorbenen in eine Mumie verwandelt wurde, damit er nicht verweste. Denn dann konnte sich im Grab der Ba-Vogel (ein Vogel mit Menschenkopf) mit der Mumie vereinen, und die Lebenskraft des Ka fand ihren Weg zum Verstorbenen zurück.

                                 

                                                                             

   Was ist eine Mumie?

Um den Leichnam in eine Mumie zu verwandeln, wurde das Gehirn mit metallenen Haken durch die Nase herausgezogen, der Leib aufgeschnitten und die Innereien mit Ausnahme des Herzens entfernt. Anschließend überhäufte man den Leichnam mit Natron, um ihn austrocknen zu lassen. Nach etwa 35 Tagen wurde der ganze Körper mit Leinenbinden eingewickelt, die man mit harzartigen und öligen Substanzen getränkt hatte. 

Die Länge der Binden konnte einige hundert Meter betragen, und das ganze Verfahren der Mumifizierung, zu dem noch viele weitere Handlungen gehörten, dauerte etwa 70 Tage. Das ist nur eine Art der Mumifizierung, neben der es weitere gab, die sich im Laufe der Zeit veränderten und preiswerter oder teurer waren. Eine teure Mumifizierung garantierte aber noch nicht das ewige Leben, denn zuerst mußte jeder Verstorbene vor dem Totengericht erscheinen und dort seine Unschuld beweisen.

                            

                                                                                 

  Das Totengericht

Wenn das Menschenwerk an der Mumie vollendet ist, legt der Gott Anubis persönlich letzte Hand an, damit die Mumie wieder zum Leben erwacht. Dann erhält der Verstorbene seine irdische Gestalt zurück und wird von Anubis in die Gerichtshalle geführt. Dort erblickt er eine große Standwaage. In einer Waagschale liegt sein Herz, in der anderen eine Feder, das Symbol der Ma´at, der Wahrheit und Gerechtigkeit. Zum Glück für den Verstorbenen ist die Waage im Gleichgewicht. Das bedeutet, daß alles, was sein Herz gesagt hat, der Wahrheit entspricht. Neben der Waage steht der Gott Thot und schreibt das gute Wiegeergebnis auf.

Wenn der Mensch sich weiter umsieht, erkennt er die 42 Totenrichter, vor denen er beteuern muß, daß er bestimmte Sünden in seinem irdischen Leben nicht begangen hat:  "Ich habe kein Unrecht getan, ich habe nicht gestohlen, ich habe keine Menschen getötet, ich war nicht habgierig, ich habe keine Lüge gesagt, ich habe keine Unzucht getrieben, ich habe keinen Gott beleidigt."

Die Richter glauben seinen Beteuerungen, und deshalb wird ihn die Totenfresserin nicht verschlingen, denn das würde den zweiten Tod und die entgültige Vernichtung bedeuten. So aber wird ihn das Gericht freisprechen, und er darf die Ewigkeit in der Nähe des Osiris verbringen und diesem mächtigen Herrn der Unterwelt dienen.

                                 

                                                                                          

Gräber

Das Grab galt nicht als Ort, an dem die Leiche vermoderte, sondern als Haus für das ewige Leben. Es war groß oder klein, gut ausgestattet oder ärmlich, je nachdem, ob der Verstorbene arm oder reich war. Recht einfache Gräber bestehen aus einer Grube im flachen Gelände oder aus einer kleinen Felskammer. Die Gräber der Reichen haben jedoch viele Räume und sind mit Bildern prächtig ausgeschmückt.

An den Wänden sieht man bunte Szenen des täglichen Lebens, aus Landwirtschaft und Handwerk oder aus dem privaten Bereich der Vergnügungen und der Feste. Manche Szenen beziehen sich auf den Beruf. So läßt sich der Wesir Rechmire sein großes Büro darstellen. All diese Bilder wollen das Leben ins Grab holen, damit es dort für immer bleibe.

Die Gräber der Reichen enthalten viele Grabbeigaben. Dazu gehören zum Beispiel Betten, Stühle, Kleidung, Schmuck, Truhen, Schminke, Salbe, Spiegel, Waffen, Werkzeuge, Schreibgeräte, Amulette usw. Man wollte das ewige Leben genauso weiterführen wie das irdische. Für das Weiterleben wichtig war vom Neuen Reich an auch das Totenbuch, eine Papyrusrolle mit Sprüchen, die den Verstorbenen halfen, die Gefahren der Unterwelt zu überwinden.

                             

                                                          

  Das Leben der Untertanen/Die Familie

Von den Bildern und Gegenständen der Gräber können wir viel über das tägliche Leben der alten Ägypter erfahren. In der Regel wohnten Vater, Mutter und Kinder gemeinsam in einem Haus. Manchmal wurde noch eine alleinstehende Großmutter oder Tante aufgenommen, um diese zu versorgen. Wenn die Jungen erwachsen waren, verließen sie die Eltern und " gründeten ein Haus " , oder wie wir sagen würden, gründeten eine Familie

Es gab also Familien, und diese sahen nicht viel anders aus als heutzutage bei uns. Anders als heute waren aber die Aufgaben und Pflichten des Vaters und der Mutter. Der Vater arbeitete außerhalb des Hauses als Bauer, Handwerker oder Beamter, die Mutter blieb im Haus, besorgte die häuslichen Arbeiten und kümmerte sich um die jüngeren Kinder.

Die Ehefrau wurde " Herrin des Hauses " genannt. Daran ist zu erkennen, daß die Frau im Haus ziemlich frei entscheiden konnte. Auch sonst besaß die Frau im alten Ägypten mehr Rechte und Freiheiten als noch vor 150 Jahren die Frauen in Europa. So verfügte sie zum Beispiel frei über ihren Besitz, oder sie konnte zum Gericht gehn und dort selbstständig für ihr Recht streiten. Insgesamt gesehen spielte jedoch der Mann im öffentlichen Leben die größere Rolle.

Die Familie forderte bestimmte Aufgaben und Pflichten, zugleich aber gab sie ihren Mitgliedern Schutz ud Geborgenheit. Gegenseitige Liebe und Achtung sollten das Band  sein, daß Eltern und Kinder zusammenhielt. Hören wir, mit welchen Worten es die Ägypter gesagt haben:

" Wenn du gut herangereift bist und eine Familie gründest, dann sollst du deine Frau lieben, ganz wie es sich gehört. "   " Tue ihm alles Gute, denn er ist dein Sohn, er ist ein Sproß aus deiner Wurzel, wende dein Herz nie von ihm ab."   " Gib deiner Mutter doppelt so viel Nahrung, wie sie dir gegeben hat. Trage sie, wie sie dich getragen hat. "

Die Familie hielten die alten Ägypter für so wichtig und bedeutsam, daß sie sogar Götter-Familien bildeten. In Theben war Amun der Vater, Mut die Mutter und Chons der Sohn, in Memphis finden wir an deren Stelle Ptah, Sachmet und Nefertem. In ganz Ägypten verehrte man in zunehmendem Maße die Familie des Osiris, der Isis und des Horus.

                           

                                                                            

   Behausungen 

Die Häuser der einfachen Leute haben im Neuen Reich eine Grundfläche von etwa 25 bis 80 Quadratmeter. Die größeren Häuser, die in der Arbeitersiedlung von Deir el-Medina etwa 70 Quadratmeter umfassen, gliedern sich in drei Teile. Im vorderen liegt der Haupteingang, der in den Empfangsbereich führt; hier befindet sich auch ein Hausaltar, auf dem die Familie den Göttern opfert. Der mittlere Teil des Hauses hat ein höheres Dach, das von einer Säule getragen wird; es ist der Hauptwohnraum, der manchmal eine gemauerte Liegefläche enthält. Im hinteren Teil schließen sich die Vorratsräume und die Küche an; von hier führt eine Treppe auf das Dach, welches als zusätzlicher Wohnraum genutzt wird.

Das Baumaterial besteht aus luftgetrockneten Nilschlammziegeln, nur für die Sockel der Wände und für die Basis der hölzernen Säule wird Stein verwendet. Die Wände sind verputzt und weiß getüncht. Auf den flachen Dächern leitet eine schräg abgedeckte Öffnung den kühlen Nordwind ins Innere des Hauses.

Das Haus der sehr Reichen liegt inmitten eines Gutshofes, der eine Fläche von mehreren Tausend Quadratmetern einnehmen kann. Um das eigentliche Wohnhaus des hohen Herrn, mit einer Grundfläche von bis zu 400 Quadratmetern, gruppieren sich Höfe, Gärten, Ställe, Arbeitsräume und Wohnungen für die zahlreichen Bediensteten. Der gesamte Besitz wurde von einer Mauer eingefasst.

                         

                                                    

  Das Leben, die Nahrung, die Kleidung

Die wichtigsten Nahrungsmittel der Bevölkerung sind Brot und Bier. Hinzu kommen Erbsen, Bohnen, Linsen, Knoblauch, Zwiebeln und Kürbisse, Weintrauben, Datteln, Feigen und Granatäpfel sowie Fisch, Geflügel und das Fleisch von Ziegen, Schweinen und Schafen. Rindfleisch und Wein können sich nur reiche Leute leisten.

Die meisten Speisen und Getränke werden auf verschiedene Art zubereitet, was den Speiseplan abwechslungsreich macht. Fleisch wird gekocht, gegrillt, getrocknet oder gepökelt. Von Brot und Bier gibt es zahlreiche Sorten, die sich in den Zutaten unterscheiden. Um eine Speise zu süßen, benutzt man Datteln und Honig.

                                 

Zur einfachen Kleidung des Mannes gehörte der Schurz, also ein Stück Stoff, das ganz um den Leib gewickelt wird und von der Taille bis zu den Waden hinabreichte. Frauen bevorzugten ein enges Trägerkleid. Als Schuhe dienten Sandalen, die man aus Gräsern, Palmblättern oder auch Leder fertigte. (Ähnlich den heutigen "FlipFlops") Natürlich gibt es auch modische Veränderungen.

Im Neuen Reich bevorzugt man weite, verzierte und plissierte Gewänder, und die Männer nehmen gerne zum Schurz ein Hemd hinzu. Perücken aus Menschenhaar werden von Frauen und Männern getragen, und zwar beim offiziellen Dienst als Beamte und während der Feste.

                             

                                                                                

    Feierlichkeiten

Feste feierte man zumeist aus religiösem Anlaß. Dazu gehört zum Beispiel in Theben das " Schöne Fest vom Wüstental ", das die Lebenden bei ihren verstorbenen Angehörigen feiern. Am Beginn der Erntezeit gibt es ein großes Fest zu Ehren der Renenutet, jener Göttin, welche die Felder und Gärten fruchtbar macht. Doch auch persönliche Gedenktage können der Anlaß zu einem Fest sein, darunter vom Neuen Reich an auch der Geburtstag.

Zu einem Fest kommen Verwandte und Freunde, und man zieht die schönsten Kleider an, trägt eine kunstvoll frisierte Perücke, Halskragen, Ohrringe und Armbänder. Die Augen sind mit kräftigen Strichen geschminkt, den Kopf schmücken Lotosblüten sowie der parfümierte Salbkegel, welcher angenehmen Duft verbreitet. Die besten Speisen und Getränke werden gereicht, Musik erklingt und Tänzerinnen treten auf, um die Gäste zu erfreuen.

                              

                                                                   

  Kindererziehung und Schule

Ihre erste Erziehung erhielten die Kinder nicht anders als heute, im Hause der Eltern. Dort lernten sie, wie sie sich verhalten mußten, um ihr Leben gut zu meistern. Dieses Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben, zumeist mündlich. Doch es gab auch kluge und lebenserfahrene Männer, welche die Regeln für ein richtiges und zugleich glückliches Leben klar formulierten und niederschrieben.

Von ihren Eltern lernten die Kinder auch das, was sie später in ihrem Beruf wissen mußten, die Mädchen das meiste von der Mutter, die Jungen das meiste vom Vater. Bei den Mädchen handelte es sich dabei um den Beruf der Mutter und Hausherrin, bei den Jungen um das Handwerk, das schon der Vater ausübte.

Wenn aber die Begabung für den höheren Beruf des Schreibers, Beamten oder Priesters vorhanden war, wurden die Jungen in die Schule geschickt. Wie und wozu man die Mädchen ausbildete, darüber sagen die historischen Quellen nur wenig. Außerhalb es Hauses gab es für sie vor allem den Beruf der Sängerin oder Tänzerin.

Die Schulen gehörten entweder zum Palast oder zu einem Tempel. Dort lernten die Jungen vor allem Lesen und Schreiben, Mathematik und Geometrie, aber auch anderes, zum Beispiel aus den Gebieten der Goegraphie und Religion.

Zur Mathematik gehörten Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren, Dividieren, Bruchrechnung, Berechnung der Fläche eines Quadrats, Dreiecks oder Kreises; auch waren Gleichungen ersten Grades zu lösen, wie zum Beispiel: " Eine Menge, wenn man 1/7 von ihr zu ihr hinzufügt, wird 19. Wie groß ist die Menge? "

Schulklassen und den Beruf des Lehrers gab es erst ab dem Mittleren Reich. Von da an berichten uns die Quellen auch von den bekannten Unarten der Schüler. Ein Lehrer sagt:  " Ich unterrichte dich den ganzen Tag lang, aber du hörst nicht. Dein Herz ist wie das eines Dummen, was ich dich lehre, das behälst du nicht ".

Ein anderer Lehrer drohte dem Schüler grimmig: " Sei keinen einzigen Tag faul, sonst wird man dich schlagen. Das Ohr eines Jungen sitzt doch auf seinem Rücken, er hört erst, wenn man ihn schlägt ".

Für die Kinder blieb aber noch genügend Zeit, um ohne den Zwang der Schule zu spielen. Viele ihrer Spielzeuge sind gefunden worden, und manche Bilder zeigen uns, welche Spiele sie liebten. Einige davon kennen auch wir, andere sind uns fremd.

                               

                                                                       

  Berufe im alten Ägypten

Die  meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft, aber nicht als freie Bauern mit eigenem Hof. Sie waren vielmehr ziemlich unfrei, standen im Dienst eines Tempels, des Königs oder eines Großgrundbesitzers und durften deren Gebiet nicht verlassen. Ihre Arbeit wurde streng überwacht, und wenn sie einmal zu wenig geleistet hatten, wurden sie bestraft und manchmal auch dirchgeprügelt. Eine gewisse Freiheit besaßen die Bauern nur in ihrem privaten Bereich.

Die Landwirtschaft erzielte so hohe Ernteerträge, daß sie mit ihrem Überschuß auch die vielen Menschen versorgen konnten, die nicht auf dem Lande arbeiteten. Diese waren in anderen Berufen beschäftigt, von denen der angesehenste der des Schreibers und Beamten war. In einer historischen Quelle ist darüber zu lesen :

" Es gibt keinen Beruf ohne einen Vorgesetzten, außer dem Schreiber, der ist der Vorgesetzte. " Die übrigen Berufe entsprechen weitgehend unseren. Es gibt Bildhauer, Maler, Musiker, Lehrer, Ärzte, Juweliere, Friseure und Nagelpfleger, Töpfer, Metallarbeiter, Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Gärtner, Jäger, Fischer etc.

Was auch immer der einzelne Handwerker arbeitete, es wurde von den Beamten genau überprüft und notiert. In den Akten eines Tempels ist folgende Notiz zu lesen:  "Abschrift der Mitteilung, ....... , die der Schuster Urniptah, der Sohn des Seanchptah, gebracht hat: Lasse Leder vom Rind oder Leder vom Kleinvieh bringen. Du sollst es dem Schuster Urniptah geben und schriftlich festhalten. - Leder vom Rind wurde diesem Schuster gegeben ".

                          

                                                                            

  Löhne /Ägypt. Kalender

Geld in Form von Münzen benutzte man in Ägypten erst ab dem Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Vorher zahlte man die Löhne in Getreide aus. Der Sack Getreide hatte eine festgesetzte Größe und konnte in Kupfer- oder Silberstücke umgerechnet werden. So erhielt der Lohnempfänger die Grundnahrung für seine Familie, und für den Überschuß mochte er andere Dinge kaufen. Bezahlt wurde nach Ausbildung. So konnte im Neuen Reich ein Schreiber pro Monat 570 l Getreide verdienen, ein einfacher Arbeiter 420 l und ein Hilfsarbeiter 150 l.

                            

Die Ägypter hielten 110 Jahre für das ideale Lebensalter, und im 1. Buch Mose wird gesagt: " Also wohnte Joseph in Ägypten  .....   und lebte 110 Jahre ". Die ägyptischen Quellen für das ideale Lebensalter sind wesentlich älter als die Bibel.

Schließlich verdanken wir auch unseren Kalender den Ägyptern. Die hatten nämlich das Jahr in 365 Tage eingeteilt, mit 12 Monaten zu je 30 Tagen und fünf Zusatztagen. Die Schalttage wurden von Julius Caesar und von Papst Gregor XIII. eingeführt.

Als erste gliederten die Ägypter den Tag in 24 Stunden, zwölf für den Tag und zwölf für die Nacht. Damit teilen wir unsere Zeit noch heute so ein, wie es die alten Ägypter vor Jahrtausenden erfunden haben.

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SAMURAI - RITTER DES FERNEN OSTENS

 

                                                                           

 

Einleitung                                                                                  Woran orientierte ein Samurai sein Leben?

Wie entstand das japanische Kaiserreich?                                   Leben, Erziehung, Ausrüstung des Samura

Wie und wo entstand der Samurai?                                            Waffen und deren Umgang

Wie lebten die ersten Samurai?                                                   Welche Rolle spielten Frauen?

Was machte Japan entgültig zum Samurai-Staat?                         Welche Rolle spielte der Selbstmord?

Wie entwickelte sich der Samurau-Staat bis zum 16.                   Wer waren die Ninja?

Wann und durch wen wurde die Einheit Japans wieder hergestellt?                   

Niedergang und Ende der Samurai

 

 

 

 

 

                                                                                        

 

 

 

 

                                                                                   

  Einleitung

Die Ritter Japans, die Samurai, gehören zu den faszinierensten Erscheinungen der Weltgeschichte. Hervorgegangen aus privaten Kriegsverbänden, die in den Grenzregionen des frühen Kaiserreichs gegen die dort ansäßigen Eingeborenenstämme kämpften, wuchs ihnen in den Parteikämpfen des 10. bis 12. Jhd. immer mehr Macht zu. Um die Mitte des 12. Jhd. riss ein Samurai-Fürst erstmals die Regierungsgewalt an sich. 

Im Jahre 1192 begründete ein anderer den ersten Samurai-Staat, indem er die kaiserliche Regierung entmachtete und den Kaiser selbst auf religiöse und zeremonielle Aufgaben beschränkte. Entsprechend groß war die prägende Kraft, die von der Kriegerkaste ausging, von ihrem Denken, ihren religiösen Überzeugungen, von ihrer Kultur und von ihren Lebensgewohnheiten - Einflüße, die noch heute spürbar sind.....

                                                 

Wie entstand das japanische Kaiserreich

 

Im Jahre 645 n. Chr. brach am japanischen Königshof eine Rebellion los, die das Ziel hatte, Japan von der unglückseligen Willkürherrschaft seiner großen Adelsfamilien zu befreien. Diese alten Geschlechter behandelten den Staat seit Jahrhunderten wie ihren Privatbesitz, maßten sich Vollmachten an, die ihnen nicht zustanden, drangsalierten den rechtmäßigen Herrscher, zettelten blutige Fehden und politische Morde an, bereicherten sich mit Gewalt und nahmen bei allen ihren Unternehmungen und Zwistigkeiten keine Rücksicht auf das Wohl des Landes.

Solchen Mißständen wollten die Verschwörer ein Ende machen. Ihnen schwebte ein anderes, ein von Grund auf erneuertes Japan vor: ein Staat nach dem bewunderten Vorbild Chinas, wo alle Macht in den Händen eines Kaisers lag und kaiserliche Beamte noch in den entlegensten Winkeln des Reiches für Ordnung, Gerechtigkeit und Wohlstand sorgten.

Der Staatsstreich gelang und eröffnete für das zerrissene Land ein neues Zeitalter: ein Zeitalter tiefgreifender Reformen, das die Japaner selbst " Taika "  nennen - zu deutsch:   "  die große Wende ".

Grundlage für alle Taika-Reformen war die neu geschaffene Kaiserwürde, die mit umfassenden Vollmachten ausgestattet wurde. Dieses höchste Amt im Staate übertrugen die siegreichen Revolutionäre einem altehrwürdigen Fürsten- und Priestergeschlecht, das seine Herkunft auf die himmlische Schirmherrin Japans, die Sonnengöttin " Amaterasu "  zurückführte. Das hatte zur Folge, daß die neuen Kaiser als " Söhne der Sonne "  in den Augen ihrer Untertanen nicht nur weltliche Herrscher waren, sondern daß sie auch im Auftrage der Götter regierten. Deshalb ihr Würdetitel  " Tenno "  ( himmlischer Gebieter) und die göttliche Verehrung, die man ihnen entgegenbrachte.

                            

Nach dem Staatsstreich von 645 nahm das japanische Kaiserreich rasch Gestalt an. Die meisten Mitglieder des Hochadels lenkten ein, unterwarfen sich dem Tenno und dienten ihm fortan als Minister, Behördenleiter oder Höflinge. Damit war die entscheidende Voraussetzung für die Taika-Reformen erfüllt.

                      

Wie und wo entstand die Kriegerkaste der Samurai?

 

Wie gesehen, verfolgte die Taika-Reform das Ziel, Japan in einen straff organisierten Einheitsstaat umzuwandeln; in ein Staatswesen, in dem überall die gleichen Gesetze gelten und die gleichen Lebensverhältnisse herrschen sollten. Doch dieses hochgesteckte Ziel wurde niemals wirklich erreicht. Schuld daran war zum einen die Politik der kaiserlichen Regierung, die im Laufe der Zeit ihre Überzeugungskraft und Entschlossenheit einbüßte. Schuld daran war aber auch die Gestalt der japanischen Landschaft.

Japan besteht zu rund 75 % aus Gebirgsketten, die den Lebensraum der Einwohner in mehrere große und viele kleinere Landschaftsräume zerschneiden. In alter Zeit war deshalb jede längere Reise von einem Landesteil in den anderen ein oft lebensgefährliches Unterfangen.

Der direkte Zugriff der kaiserlichen Regierung erstreckte sich unter diesen Gesichtspunkten vor allem auf das Kernland, den Süden der Hauptinsel Honshu und den Norden Shikokus und Kyushus. Dagegen waren andere Landesteile wie Hokkaido, der Norden Honshus und großte Teile der Westküste vom Zentrum des Reiches und seiner Hauptstadt weltenweit entfernt. Die Übermittlung von Befehlen der Regierung oder die Entsendung von Soldaten konnte unter diesen Umständen Monate dauern. Darauf aber konnten die Bewohner der entlegenden Provinzen nicht warten.

Im Norden der Hauptinsel Honshu behaupteten sich noch lange die kriegerischen " Ezo " Auch im Süden verteidigten alteingesessene Stämme ihre Heimat gegen die Piraten und organisierten Räuberbanden. Bis zum Ende des 9. Jhd. tobte vor allem im Norden ein grausamer Kleinkrieg.

Kein Wunder also, daß die Befehlshaber und Adligen in den Provinzen nicht auf die kaiserliche Regierung und kaiserlichen Truppen verlassen mochten, sondern Sicherheit und Ordnung lieber in die eigenen Hände nahmen. Sie taten das, indem sie wehrhafte Männer um sich versammelten, aus denen sie kleine Truppenverbände bildeten und diese unter ihren persönlichen Oberbefehl stellten. Solche Ortsansäßigen Militärverbände nannte man " Bushi-dan "  , ihre Mitglieder " Bushi " . Diese harten, waffenerprobten und todesmutigen Männer kann man als die ersten Ritter Japans, als die ersten Samurai betrachten.

                                         

  Wie lebten die ersten Samurai ?

 

Die typischen Militärverbände waren nach dem Vorbild japanischer Großfamilien organisiert. Deshalb bezeichnet man diese Verbände zu Recht auch als Kriegerfamilien. Allerdings muß man sich beim Wort " Familie "  in diesem Zusammenhang klarmachen, daß zu einer Kriegerfamilie eben nicht nur Angehörige des Familienoberhauptes, also Verwandte gehörten, sondern auch nichtverwandte Fremde.

Befehlshaber der Kriegerfamilien waren Adlige, die über bedeutende Ländereien verfügten. Dort, auf eigener Scholle, lebten sie zusammen mit ihren Verwandten und Bediensteten aller Ränge unter einem Dach. Der typische Samurai der Frühzeit war also Krieger und Hofbesitzer in einem.

Das Land, das ihn ernährte, gehörte jedoch in der Regel nicht ihm, sondern seinem Herrn, der sein  " Sho-en "  (privaten Grundbesitz) nach Kräften zu erweitern trachtete - durch Rodung oder durch Eroberungen.

Nach japanischer Tradition hatten sich alle Mitglieder einer Familie der Autorität des Familienoberhauptes bedingungslos unterzuordnen - so auch die Mitglieder einer Kriegerfamilie. Auf diese Weise bekleideten die Führer der Militärverbände eine herausragende Stellung. Für das Bewußtsein und das Verhalten der straff geführten Kriegerfamilien in den Provinzen hatte das eine wichtige Konsequenz: die Treue zu ihren Führern und der Gehorsam gegenüber ihren Befehlen rangierten in der Reihenfolge der Samurai-Tugenden ganz obenan.

Persönliche Ergebenheit und Gehorsam waren auch die Hauptgründe für die wilde Tapferkeit der Samurai, wie sie in zahllosen Heldengeschichten verherrlicht wird. So im berühmten " Konjaku Monogatari " . ( Geschichten aus alter Zeit )

                        

Anfangs betrachtete die kaiserliche Regierung das Aufkommen der Kriegerfamilien jenseits der Berge mit Gelassenheit. Zwar rügte sie die ungesetzliche Landnahme der Anführer und die nicht erlaubte Vergabe von Lehen an ihre Gefolgsleute, strenge Verbote aber sprach sie nicht aus - sie wären wohl auch nicht beachtet worden.

Doch mit der Zeit nahm die Entwicklung immer bedrohlichere Formen an. Ursprünglich hatten zu einer typischen Kriegerfamilie vielleicht ein paar Dutzend Samurai gehört, jetzt aber schufen bedeutende Fürstenpersönlichkeiten imposante Großverbände, die schließlich Hunderte oder gar Tausende von gut ausgebildeten Rittern aufbieten konnten. Die beiden mächtigsten dieser Krieger-Großfamilien waren die   "Taira"  und die " Minamoto " . Ihnen gelang es im Laufe des 11. und 12. Jahrhundert ganze Landstriche unter ihre Kontrolle zu bringen.

Im Jahre 935 demonstrierte die nun immer selbstbewußter auftretende Samurai-Kaste dem Kaiser und seiner Regierung zum erstenmal ihre Macht. Der Aufrührer war ein Taira, sein Name: Taira Masakado. Weil die Regierung ihn nicht zum Polizeichef ernannt hatte, sagte er sich mit den acht Provinzen, die er zuvor in seine Gewalt gebracht hatte, vom Kaiserreich los und ließ sich anschließend selbst zum Kaiser ausrufen. Erst nach 5 Jahren erbitterten Kampfes konnte die Ordnung wiederhergestellt werden - mit Hilfe anderer Samurai-Verbände.

Indes, die Rebellion Taira Masakados war nur die erste in einer langen Reihe weiterer Aufstände. So entglitt dem kaiserlichen Hof allmählich die Kontrolle über das Land, während die auftrumpfende Kriegerkaste von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mächtiger und anmaßender wurde.

Allerdings darf man sich die Samurai in dieser Phase ihres Aufstieges keinesfalls als eine festgefügte Gesellschaftsschicht mit gemeinsamen Zielen vorstellen. Im Gegenteil. Schon immer hatte es zwischen einzelnen Kriegerfamilien heftige Rivalitäten und blutige Auseinandersetzungen gegeben.

                              

In dem langen Machtkampf zwischen den führenden Samurai-Familien der Taira und Minamoto behielten die Taira zunächst die Oberhand. 1159 kam es zum Entscheidungskampf in den Straßen Kyotos, wobei Teile der Stadt in Flammen aufgingen. Danach machte der Sieger, Taira Kiyomori, mit den Besiegten Minamoto kurzen Prozeß. Ihre Anführer wurden hingerichtet oder auf der Flucht getötet.

Nachdem das erledigt war, entmachtete Kiyomori die Regierung. Während die geheiligte Person des Kaisers unangetastet blieb, mußten die führenden Minister gehen. Daß nun ein Samurai, ein Krieger also, die Geschäfte des Landes führte, wurde vom Hofadel als ungeheure Anmaßung empfunden. Ein Samurai war für die kultivierten Höflinge nichts weiter als ein ungehobelter Barbar.

Doch Kiyomori focht die Verachtung, die ihm entgegengebracht wurde, nicht an. Höflich, aber bestimmt forderte er vom Kaiser das höchste Regierungsamt und erhielt es. Dann regelte er mit eiserner Hand, was er für regelungsbedürftig hielt: die Thronfolge innerhalb der kaiserlichen Familie, die Besetzung von Beamtenstellen, die Verteilung der Gelder und vieles andere mehr. Vor allem aber arbeitete Kiyomori beharrlich an einer Rangerhöhung seiner Familie. Ein erster Erfolg dieser Politik war die Hochzeit des Kaisers mit seiner Tochter. Und dann, im Jahre 1180, hatte er die unbeschreibliche Genugtuung, daß sein erst dreijähriger Enkel Antoku als 81. Tenno den kaiserlichen Thron bestieg.

Die letzten Jahre Kiyomoris waren von schweren Sorgen umdüstert. Gegen seine Herrschaft hatte es mehrere große Aufstände gegeben, die in Blut erstickt worden waren. Jetzt kamen aus den östlichen Provinzen bedrohliche Nachrichten. Offensichtlich war es den Minamoto gelungen, sich dort eine neue Machtbasis aufzubauen. Doch diesmal hatte Kiyomori keine  Zeit mehr, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Im März 1181 starb er. Seine Söhne und Enkel hatte er noch auf dem Totenbett schwören lassen, daß sie die Leichname der Minamoto-Führer auf offenem Felde würden verfaulen lassen.

                                

  Was machte Japan entgültig zum Samurai-Staat

Nach dem Tode Taira Kiyomoris kämpften die Taira auf verlorenem Posten. Obwohl sie sich gegen den Niedergang ihrer Macht verzweifelt zur Wehr setzten, erlitten die dank der überlegenden Technik der Minamoto Niederlage um Niederlage. Dennoch zog sich der blutige Krieg - die Historiker nennen ihn den " Gempei-Krieg " - in die Länge; er dauerte von 1180 bis 1185. In diesen fünf schicksalsschweren Jahren wurde auf beiden Seiten mit äußerster Erbitterung gekämpt.

Wer sich den blutigen Endkampf zwischen Taira und Minamoto bildhaft vorstellen möchte, sollte sich einmal die berühmten Historien-Filme japanischer Meisterregisseure anschauen: " Die 7 Samurai" ,  " Die verborgenen Festung " ,  " Die Samurai-Sippe der Taira "  oder  " Das Höllentor " . Darin erinnern die Samurai an europäische Ritter, denen sie auch sonst in vielem glichen. Wie jene tragen sie in den Schlachten eindrucksvolle Rüstungen, dazu oft phantastische Helme, die ihnen das Aussehen von riesigen Insekten verleihen, und über dem Gesicht furchterregende Ledermasken. Ihre Kampfweise ist wild und ungestüm. Ehe sie die Schmach der Gefangenschaft erdulden, geben sie sich lieber selbst den Tod. Mit besiegten Feinden können sie kalt und gnadenlos verfahren, aber sie konnten auch nachsichtig, ja, ehrerbietig und milde sein - eben " ritterlich " . Die persönliche und die Familienehre gilt ihnen alles. Unehrenhaft zu handeln bedeutet tiefste Schande, die schwerer wiegt als das Leben.

Der Gempei-Krieg endete, wie gesagt, 1185. Falls der Kaiser und der Hofadel damals gehofft haben sollten, die Minamoto, ihre alten Verbündeten, würden ihnen jetzt, nach dem Triumph über die Taira, wenigstens einen Teil der Macht zurückgeben, so irrten sie sich gründlich. Tatsächlich dachte deren machtbewußter Führer Minamoto Yoritomo  (1147 - 1199 ) nicht im Traum daran, die Macht der Krieger-Kaste zu schmälern. Im Gegenteil. Sein Plan war es, die Herrschaft der Samurai auf Dauer zu sichern. Dabei hatte er nicht die Absicht, die geheiligte Person des Tenno anzutasten - der sollte das göttliche Sinnbild des Landes bleiben. Die weltliche Macht aber sollte für immer in den Händen der Samurai liegen.

Nach seinem Sieg über die Taira ergriff Minamoto Yoritomo eine Reihe einschneidener Maßnahmen. Die wichtigste: er baute sein Armee-Hauptquartier, das Fischerdorf Kamakura, zur glanzvollen Residenzstadt aus und ließ sich dort nieder. Die alte Welt des Kaiserhofes und das neue Machtzentrum der Samurai sollten für immer voneinander getrennt sein. Der Kaiser mochte zwar da-, sollte aber nicht dabeisein.

Im Jahre 1192 ernannte der Tenno Yoritomt zum " Sei-i tai Shogun " , zum Oberbefehlshaber zur Niederwerfung der Barbaren. Dieser Ehrentitel war schon früher an verdiente Feldherren vergeben worden. Jetzt aber, in Verbindung mit der Person Yoritomos, erhielt er eine ganz neue Bedeutung. Von nun an war der Shogun der unbestritten mächtigste Mann im Lande: ranghöchster Samurai und Leitender Minister in einem. Er allein bestimmte, was zu geschehen hatte, und der Kaiser durfte dazu bald nur noch seine Zustimmung geben oder, wenn er das Spiel nicht mitspielen wollte, freiwillig abdanken.

Um seinen politischen Plänen Geltung zu verschaffen, schuf Yoritomo in Kamakura eine neue Reichsverwaltung, das sogenannte " Bakufu ". Das Bakufu ware eine Militärregierung, an deren Spitze der Shogun selbst stand. Wie er waren auch die meisten seiner Minister oder deren engste Mitarbeiter Samurai. So war dafür gesorgt, daß der Geist der Kriegerkaste in alle Bereiche des öffentlichen Lebens eindrang.

Als erfahrener Feldherr wußte Yoritomo, daß es nicht genügte, Befehle zu erteilen - sie mußten auch befolgt werden. Um das sicher zu stellen, besetzte er in den Provinzen alle wichtigen Posten mit Männern, die sich im Gempei-Krieg sein Vertrauen erworben hatten. Darüber hinaus schuf er in jeder Provinz zwei neue Ämter: das des Militärgouverneurs (japanisch: Shugo), der für alle Militär- und Polizeiangelegenheiten in seinem Bereich zuständig war, und das des militärischen Landverwalters (japanisch: Jito), dem unter anderem die Kontrolle von Steuern und Abgaben oblag. Shugo und Jito waren dem Bakufu direkt verantwortlich. Sie hatten regelmäßig in Kamakura zu erscheinen und dort ausführlich Bericht zu erstatten. Auf diese Weise waren die Shogun und seine Minister über alles, was im Lande vorging, bestens unterrichtet und konnten, wenn nötig, rechtzeitig eingreifen.

Mit dem Staat von Kamakura und seinen charakterischen Einrichtungen ( Shogun, Bakufu und örtliche Militärregierungen in den Provinzen ) begann in der Geschichte Japans ein neues Kapitel. Zwar blieb der Kaiser Staatsoberhaupt und sein Hofstaat einflußreich, aber ihre Vormachtsstellung hatten beide verloren. Nicht mehr der zivile Hofadel lenkte fortan die Geschicke des Landes, sondern der kriegerische Schwertadel - der Samurai.

                  

Wie entwickelte sich der Samurai-Staat bis zum 16. Jahrhundert

 

Die von Minamoto Yoritomo 1192 begründete Militärregierung, das Bakufu von Kamakuru, bestand ca. anderthalb Jahrhunderte. Sein Ende kam ziemlich unvermittelt, als im Jahre 1333 ein Heer aufständischer Samurai die Stadt stürmte und der in die Enge getriebene Stadthalter des Shogun mit 800 Gefolgsleuten im Angesicht der brennenden Häuser feierlich Selbstmord beging.

Die näheren Umstände dieser Ereignisse sind ziemlich verwickelt, sie sind in unserem Zusammenhang aber auch nicht von Belang. Für die Geschichte der Samurai bedeutsam aber sind die Folgen der Rebellion. Zum einen führte der gewaltsame Sturz des Shogunats von Kamakura dazu, daß die Shogun-Würde auf die eigentlichen Sieger in diesem Kampf, die Familie Ashikaga, überging. Und zweitens ließ der neugekürte Ashikago-Shogun das zerstörte Kamakura hinter sich und zog mit dem gesamten Bakufu in das kaiserliche Kyoto um.

Diese Maßnahme erwies sich als verhängnisvoller Fehler. Denn kaum in Kyoto angekommen, waren die im Regieren noch unerfahrenen neuen Samurai-Führer bereits tief in die Machenschaften und Intrigen des kaiserlichen Hofes verstrickt. Was aber noch schwerer wog: die an Geradlinigkeit und Diziplin gewöhnten Krieger versanken in der verführerisch schönen Hauptstadt hoffnungslos in Luxus und Wohlleben. Um mit dem arroganten Hofadel gleichzuziehen, ließen sich der Shogun und die führenden Samurai prächtige Häuser bauen, nahmen an Empfängen, Festen und Theateraufführungen teil, ergingen sich in den stimmungsvollen Gärten, hielten sich teure Konkubinen und   - vernachlässigten darüber die Regierungsgeschäfte.

Die Folgen dieses Mißstandes ließen nicht lange auf sich warten. Sobald die Militärgouverneure in den Provinzen, die bisher vom Shogun an straffem Zügel geführt worden waren, merkten, daß der harte Griff des Bakufu sich lockerte, begannen sie ihre eigene Politik zu betreiben - mit verheerenden Auswirkungen für die Einheit des Staates. Schon im Laufe des 15. Jahrhunderts gaben sich viele der örtlichen Machthaber wie selbstständige Fürsten - japanaisch: " Daimyo " ( großer Name ). Sie unterhielten eigene Samurai-Truppen und überfielen damit ihre Nachbarn und andere vermeintliche Feinde, bis aus Scharmützeln ein regelrechter Bürgerkrieg wurde, der mehr und mehr außer Kontrolle geriet.

Die letzte Phase dieses Kampfes aller gegen alle wird in den Chroniken als " Sengoku Jidai " ( Zeit der kämpfenden Lande ) bezeichnet. Sie dauerte von 1478 bis 1577, also rund ein Jahrhundert. Es war, ähnlich wie der Dreißigjährige Krieg in Europa, eine für Land und Leute grauenvolle Zeit, aber ganz nach dem Geschmack der streit- und todessüchtigen Samurai, die hier ihre Kampfeslust ungehemmt austoben durften.

In der allgemeinen Raserei ereigneten sich Dinge, die vordem undenkbar gewesen wären. So kam es immer häufiger vor, daß Söldnerführer oder irgendwelche Dunkelmänner ihre Daimyo, denen sie eben noch Treue geschworen hatten, ermordeten oder vertrieben und sich selbst an ihre Stelle setzten. Ein Umsturz von unten also, den die Historiker  "Gekokujo "  nennen ( Die da unten stürzen die da oben ). Wie diese Orgie aus Blut und Verrat das gesellschaftliche Gefüge Japans erschütterte, mögen zwei Zahlen belegen: Zu Beginn der " Zeit der kämpfenden Lande "  gab es in Japan etwa 260 Daimyo, die allesamt aus vornehmen Samurai-Geschlechtern stammten. Am Ende waren davon nur noch ein Dutzend übrig. Statt dessen gab es jetzt rund 250 sogenannte " Sengoku Daimyo " : kleinere, aber um so ehrgeizigere Provinzfürsten von oft zweifelhafter Herkunft, die in den Wirren der Zeit den Aufstieg aus eigener Kraft geschafft hatten.

                  

Wann und durch wen wurde die Einheit Japans wieder hergestellt

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts sah es so aus, als werde das vom Bürgerkrieg geschüttelte Kaiserreich für immer in Teilstaaten auseinanderbrechen. Nur noch ein Wunder könnte den entgültigen Zerfall und den Frieden wieder herstellen. Das Wunder geschah. Ein kleiner Daimyo von der Pazifikküste, Oda Nobunaga ( 1534 - 1582 ), wurde gänzlich unvermutet zum Retter des Landes. Nobunaga war ein außergewöhnlicher Mann: gedankenscharf, vorurteilsfrei, kühl und schlau, dazu ein genialer Feldherr. Mit ungewöhnlichen Einfällen und grausamer Entschlossenheit gelang es ihm in wenigen Jahren die Landesmitte mit der Hauptstadt Kyoto in seine Gewalt zu bringen. 1573 jagte er den letzten Ashikaga-Shogun aus dem Amt. Für Japan war es beinahe eine Katastrophe, als Nobunaga 1582 von einem gekränkten General angegriffen wurde und dabei in den Flammen seines Hauses den Tod fand.

Daß das Einigungswerk dennoch fortgeführt wurde, verdankt das Land Nobunagas tüchtigstem General: Toyotomi Hideyoshi ( 1536 - 1598 ). Hideyoshi war ein Emporkömmling, häßlich, ungebildet und geltungssüchtig, aber intelligent, willensstark und vor allem ein glänzender Stratege. Mit rücksichtsloser Geradlinigkeit setzte er nach Nobunagas Tod fort, was sein Förderer begonnen hatte. Bereits 1588 war er mächtig genug, um auch in entfernten Gebieten Landaufseher einzusetzen und den Bürgern - mit Ausnahme der Samurai - die Ablieferung aller Waffen zu befehlen. 1592 griff Hideyoshi mit 200.000 Mann Korea an. Man hat vermutet, dies sei mit Bedacht geschehen, um die kampfversessenen Samurai vom eigenen Lande abzulenken. Wie dem auch sei: jedenfalls kehrten von dem überseeischen Abenteuer Zigtausende möglicher Unruhestifter nicht mehr in die Heimat zurück.

Als Hideyoshi 1598 starb, hinterließ er die Herrschaft seinem unmündigen Sohn, für den ein Regentschaftsrat die Staatsgeschäfte führen sollte. Aus dieser Runde löste sich alsbald ein Mann, der die Einigung Japans vollendete: Tokugawa leyasu (1542-1616). Ieyasu war nicht der Typ des Helden, aber in dem dicklichen Körper steckte ein stählerner Wille und ein glasklarer Verstand. Vor allem aber konnte er geduldig auf seine Stunde warten. Im Jahre 1600 vernichtete er in einer blutigen Schlacht das letzte Aufgebot seiner Gegner. Drei Jahre später ernannte ihn der Kaiser zum Shogun.

Damit begann für Japan die Tokugawa-Zeit, eine Zeit, die dem Land 250 Jahre Frieden bescherte. Nur einmal noch wurde die Ruhe kurz unterbrochen, als Ieyasu 1614/15 den nun erwachsenen Sohn Hideyoshis, der auf die Nachfolge seines toten Vaters nicht verzichten wollte, mit List und Waffengewalt beseitigte. Danach aber traf eine dauerhafte Friedensordnung in Kraft, der sich auch die kampfversessenen Samurai, wenngleich zähneknirschend, fügen mußten.

                        

Nachdem die " Zeit der kämpfenden Lande "  vorüber war, gingen Tokugawa Ieyasu und seine Nachfolger daran, dem zerrissenen und ausgebluteten Land eine neue staatliche Ordung zu geben. Der Staat, der ihnen vorschwebte, sollte niemandem mehr Gelegenheit geben, Verschwörungen anzuzetteln, unkontrolliert Gewalt auszuüben oder gar einen Bürgerkrieg zu beginnen. Um jede Art von Unregelmäßigkeiten bereits im Keim zu ersticken, ergriffen die neuen Männer einschneidende Maßnahmen.

Eine davon galt dem Kaiser. Ihm und dem Hofadel mit seinen ewigen Intrigen wurde jede politische Betätigung untersagt. 1615 erließ Ieyasu eine Verordnung, mit der die Rechte des Tenno drastisch eingeschränkt wurden: auf religiöse Handlungen, auf Zeremonien an Staatsfeiertagen und auf die Pflege von Philosophie und Dichtung.

Um die politische Macht in den Händen der Kriegerkaste dauerhaft zu sichern, besetzte Ieyasu alle Schlüsselpositionen im Land mit treu ergebenen Samurai. Im einzelnen sah die neue Ordnung so aus: An der Spitze der Staatsorgane stand der ranghöchste Samurai: der Shogun. Er hatte seinen Amtssitz in Yedo, der heutigen Landeshauptstadt Tokyo. Von dort herrschte er über das ganze Land wie ein absoluter Monarch: sein Wort war Gesetz; was er wollte, geschah.

Unter dem Shogun rangierte die Militärregierung: das Bakufu. Wie alle Inhaber hoher Ämter im Tokugawa-Staat entstammten die meisten seiner Minister führenden Samurai-Familien. Aufgabe des Bakufu war es, die Weisungen des Shogun in praktische Politik umzusetzten und seinen Befehlen im ganzen Lande Geltung zu verschaffen.

Nächst dem Shogun und dem Bakufu waren die höchsten Würdenträger im Tokugawa-Staat die Samurai-Fürsten: die Daimyo. Ihnen oblag es, die 260 Provinzen des Landes zu verwalten. Von den gewöhnlichen Samurai war eine Minderheit dem Shogun in Yedo direkt zugeordnet. Die große Masse aber - rund 400.000 Krieger mit ihren Familien - unterstand dem Daimyo in den Provinzen.

An ihrem Wohnsitz übernahmen die Samurai Aufgaben, die ihr Daimyo ihnen übertrug. Einige hatten militärische Pflichten, die meisten aber leisteten zivile Arbeit. Doch diese Zivilisten fühlten sich noch immer als Krieger und zudem als Elite der Nation. Die Samurai - so hieß es in der einschlägigen Bestimmung - sind die Herren unter den vier Ständen. Was das in der Praxis bedeutete, kann man sich unter anderem an einem Vorrecht ablesen, das jeder Samurai - vom Shogun bis zum einfachen Wachsoldaten - besaß: am " Recht niederzustrecken und zu gehn ". 

                                    

  Woran orientierte ein Samurai sein Leben

 

Die Samurai-Kaste wurde nicht durch Rang, Besitz oder Lebensweise zusammengehalten - da gab es, vom Shogun bis zum einfachen Fußsoldaten, große Unterschiede. Entscheidend für das Gefühl der Zusammengehörigkeit war vielmehr ein gemeinsamer Traum: der Traum vom " ritterlichen "  Menschen. Ein ritterlicher Mensch zu werden war das selbstverständlichste Ziel eines jeden Samurai. Für den langen, beschwerlichen Weg dahin prägten ihre Vordenker einen eigenen Begriff: " Bushido "   - Weg des Kriegers.

Bushido war das moralische Grundgesetz, an dem jeder Samurai sein Leben orientierte. In der Praxis bedeutete das vor allem den Erwerb und die Ausübung dreier grundlegender Tugenden: Treue, Pflichtbewußtsein und Mut.

Mit Treue ( japanisch: Chugi ) ist hier die älteste und ehrwürdigste aller Samurai-Tugenden gemeint: die Treue zum Herrn. Nächst der Treue war die zweite Grundtugend das Pflichtbewußtsein ( japanisch: Giri ). Dahinter verbarg sich ein ganzes Bündel von moralischen Forderungen, die sehr ernst genommen wurden. Zum einen die Pflicht zur Selbsterziehung; Aufrichtigkeit; Bedürfnislosigkeit ( Verachtung von Geld und anderen Annehmlichkeiten);Anstand ( Beachtung der Gebote, weder Freude noch Schmerz äußern, schweigsam sein ); Ehrerbietung gegenüber Vorgesetzten, den Eltern, dem älteren Bruder, dem Freund, den Ahnen; Höflichkeit gegen jedermann; Mitgefühl gegenüber Kranken, Schwachen und Unterdrückten; Achtung gegenüber Feinden.

Dann gab es noch die dritte Grundtugend: der Mut ( japanisch: Yu ). Damit gemeint war nicht nur Kühnheit im Kampf, sondern ebenso Unerschrockenheit im Zivilleben - eine Haltung also, die der chinesische Philosoph Konfuzius in die Forderung gekleidet hatte " Tue immer und unbeirrt das Rechte ".

                                  

Leben, Erziehung und Ausrüstung des Samurai

 

Die Erziehung der Söhne des Samurai begann bereits im Märchenalter. Sobald der kleine Samurai eine Geschichte verlangte, versuchten ihn seine Eltern für den Kriegerberuf zu begeistern, indem sie ihm vom Gempei-Krieg und den vielen anderen dramatischen Ereignissen der Samurai-Geschichte erzählten, in denen Japans Kriegshelden glänzende Siege errungen hatten. Solche Erzählungen erweckten in dem Kind glühenden Wunsch, selbst einmal so zu werden wie jene bewunderten Vorbilder.

Frühzeitig begann auch die praktische Erziehung, die zwar liebevoll, aber nach heutigen Begriffen überaus streng war. Angestrebt wurde vor allem, daß der Knabe seinen Körper und sich selbst zu beherrschen lernte. So erwartete man von ihm, daß er Schmerzen und anderes Ungemach klaglos ertrug. Kamen ihm einmal die Tränen, wurde er von seiner Mutter energisch zurechtgewiesen.

Neben eindringlichen Ermahnungen sollten gezielte Maßnahmen den Knaben an eiserne Disziplin gewöhnen. So weckte man ihn bereits in der Morgendämmerung, ließ ihn zuweilen im ungeheizten Zimmer spielen oder entzog ihm für geraume Zeit die Nahrung. Noch härtere Prüfungen folgten, wenn er alt genug war, um im benachbarten Tempel oder Kloster Lesen und Schreiben zu lernen: da hatte er den oft langen Weg bei Wind und Wetter ohne Mantel zurück zu legen und im Winter barfuß zu gehen. Später mußte er seine Angst bekämpfen, indem er die Nacht allein auf einem Friedhof oder auf dem Richtplatz zubrachte, inmitten von Gehängten, Geköpften und Gekreuzigten.

Während man dem Knaben so Selbstkontrolle, Härte und Furchtlosigkeit antrainierte, unterrichtete man ihn gleichzeitig im Gebrauch der Waffen. Dieser Teil der Ausbildung begann im Alter von fünf Jahren mit einer kleinen Feierlichkeit, bei der der künftige Krieger symbolisch eingekleidet und mit dem Schwert umgürtelt wurde. Erste Unterrichtsfächer waren Schwimmen, Reiten und Jiu-Jitsu, die Kunst der Selbstverteidigung ohne Waffen. Aus diesem Grundunterricht folgte eine umfassende Ausbildung im Bogenschießen, im Speerkampf und im Fechten. Außerdem mußte sich der Jüngling weitere Fähigkeiten aneignen, zum Beispiel wie man mit gebundenen Händen und Füßen in voller Rüstung schwamm, wie man einen See mit Schlingpflanzen durchquerte und wie man ohne zu straucheln in reißenden Gewässern kämpfte.

Mit 15 Jahren war die Ausbildung beendet. Spätestens jetzt sollte der junge Mann so sein, wie ein echter Samurai zu sein hatte: " ruhig wie der Wald, unbewegt wie der Berg, kalt wie der Nebel, schnell im Entschluß wie der Wind und im Angriff heftig wie das Feuer "  genügte er diesen Anforderungen, so wurde er in die Gemeinschaft der Krieger aufgenommen.

Die Aufnahmezeremonie begann damit, daß der um Aufnahme Ersuchende den Namen, mit dem man ihn in der Kindheit gerufen hatte, ablegte und seinen endgültigen Namen annahm. Danach schor man ihm den Vorderkopf und flocht die Haare des Hinterkopfes zum Samurai-Zopf: zur Mage, die mit Pomade getränkt und nach vorn gebogen wurde. Dann verlieh man dem jungen Krieger die eigentlichen Abzeichen seiner neuen Würde: das lange und das kurze Schwert. Und zum Schluß überreichte man ihm das " Eboshi " , die Lackmütze für den Alltag, und das " Kammuri " , die spitze Mütze für feierliche Anlässe.

Während gewöhnliche Samurai-Knaben in der Regel nur die geschilderte private Ausbildung durchliefen und allenfalls private Schulen ( japanisch: Juku ) besuchen durften, ließen der Shogun und die höheren Ränge der Krieger-Kaste ihre Söhne in staatlichen Eliteschulen ( japanisch: Hanko ) erziehen. Gelehrt wurden dort neben den verschiedenen Kampftechniken die Lehren des verehrten chinesischen Philosophen Konfuzius, dazu naturwissenschaftliche Fächer wie Mathematik, Medizin und Arzneikunde, und möglicherweise auch Schönschrift, Dichtung und Musik. So kam es, daß die vornehmen jungen Samurai die Schule nicht nur als perfekte Kämpfer, sondern auch als gebildete und empfindsame Menschen verließen.

                           

Die Rüstung der Samurai war eine höchst originelle Schöpfung  japanischer Waffenschmiedekunst. Um das zu verstehen, ist es nützlich, einen vergleichenden Blick auf das europäische Mittelalter zu werfen. Bei uns in Europa schützten sich die Ritter seit der Mitte des 13. Jahrhunderts durch Metallplatten und -spangen, die im Laufe der Zeit zu einer ringsrum verschlossenen Kapsel zusammenwuchsen. Dieser sogenannte  "Plattenharnisch "  verwandelte den Gewappneten in eine steife Puppe, die sich kaum bewegen konnte und darüber hinaus so schwer war, daß man sie in den Sattel heben und dort festbinden mußte. Stürzte der Eisenmann in der Schlacht vom Pferd, so war das sein sicheres Ende.

Ganz anders in Japan. Hier bestand die Rüstung vom Unterkleid bis zu den Panzerhandschuhen, aus mindestens 23 Einzelteilen, die locker übereinander gezogen wurden. Dabei schützte der Samurai seinen Rumpf mit dem " Do " , einem Wams aus zusammengeknüpften Stahlplättchen, und seine Arme und Beine mit metallbesetzten Ledermanschetten. Eine solche Rüstung wog noch nicht einmal 25 Pfund und war verschieblich. Ihr Vorteil liegt in der Hand: Während ihr Träger durch die Schalenförmige Anordnung der Einzelteile, und durch deren Elastizität gegen Pfeile, Lanzenstiche und Schwerthiebe hinlänglich geschützt war, konnte er sich dennoch frei bewegen, ohne Hilfe in den Sattel steigen, rennen, springen, klettern und sogar schwimmen.

Doch die Samurai-Rüstung hatte noch zwei weitere Aufgaben. Zum einen betonte sie mit ihren leuchtenden Farben, kunstvollen Verzierungen und bunten Wappen den besonderen Rang ihres Trägers. Darüber hinaus aber sollte sie dem Feind imponieren und ihm Angst einjagen.

Eine durchaus begründete Erwartung. Denn ein Samurai in der feierlichen Pracht seiner Rüstung hatte für den Gegner tatsächlich etwas Bedrohliches. Zu diesem Eindruck trugen die wippenden Schulterflügel ebenso bei wie der eigentümliche Helm mit seiner weitausladenen Krempe und dem phantastischen, oft grotesken Helmzierat. Besonders unheimlich aber wirkte die starre Gesichtsmaske, durch die hindurch der Samurai seine Gegner ins Auge faßte - kalt und unberechenbar.

                          

Im Gegensatz zum geraden und wuchtigen Schwert der europäischen Ritter war das japanische Schwert leicht gebogen und weniger schwer. Seine elgante Klinge, die reich dekorierte Scheide und ein mit bunten Seidenschnüren umwickelter Griff machten es zur vielleicht schönsten Waffe der Welt. Vor allem die japanischen Klingen genossen einen legendären Ruf. Jede einzelne wurde von einem erfahrenen Meister in wochenlanger geduldiger Arbeit kunstvoll geschmiedet. Dabei verwendete man Eisensorten verschiedener Härtegrade. Das Ergebnis war ein Stahl von höchster Qualität. Eine so hergestellte Klinge brach nicht, verbog nicht und - sie hatte die Schärfe eines Rasiermessers.

Um sich davon zu überzeugen, besaßen die Samurai das " Recht der Schwertprobe "  . Dazu spannte man den Körper eines Hingerichteten oder auch einen zum Tode verurteilten über einem Sandhaufen und hieb ihn mit einem einzigen gewaltigen Schlag in zwei Stücke.

                                               

  Waffen und deren Umgang

Das japanische Schwert gab es in verschiedenen Ausführungen, die teils zur Rüstung, teils zur Privatkleidung getragen wurden - und zwar jeweils paarweise. Dabei bestand jedes Schwerter-Paar ( japanisch: Daisho ) aus einer längeren und einer kürzeren Waffe.

Zur Rüstung gehörte in erster Linie das " Tachi " : ein Kampfschwert, das - mit Schnüren am Gürtel befestigt - auf der linken Seite getragen wurde. Das Tachi hatte einen überlangen Griff, so daß es auch mit beiden Händen geführt werden konnte. Als zweite Waffe gehörte zur Rüstung das " Tanto " , ein etwa 30 Zentimeter langer Dolch, der griffbereit vorn im Gürtel steckte.

Sobald ein Samurai seine Rüstung ablegte und Privatkleidung anzog, tauschte er auch das " Kriegs-Daisho "  gegen ein ziviles Schwerterpaar, von dem diesmal beide Teile im Gürtel getragen wurden. Ein solches " ziviles Daisho "  bestand aus dem Katana, einem Langschwert, das dem Tachi ähnelte, aber keine Vorrichtung für die seitliche Aufhängung besaß, und dem " Wakizashi " , das man als eine vergrößerte Version des Tanto betrachten kann.

Im Lebern und Denken der Samurai spielte das Daisho eine zentrale Rolle. Offiziell wies es seine Träger als Angehörige der höchsten Gesellschaftsschicht aus. Darüber hinaus aber betrachtete der einzelne seine beiden Schwerter auch als Zeichen seiner ganz persönlichen Würde und Ehre. Dementspechend legte der Samurai sein Katana nur dann ab, wenn es die Etikette erforderte: bei Audienzen, bei Besuchen und zu Hause. Von seinem Wakizashi aber trennte er sich auch in den eigenen vier Wänden allenfalls in höchst privaten Situationen. Aber auch dann waren noch die geliebten und verehrten Schwerter nicht weit: in einem verzierten hölzernen Gestell standen sie stets griffbereit am Eingang zum Wohnzimmer, am Schreibtisch oder am Kopfende der Schlafmatte.

                           

Wie wir aus zeitgenössischen Quellen und Abbildugnen wissen, betrachteten die Samurai den Schwertkampf als eine hoch entwickelte Kunst, bei der es nicht auf gewaltsames Dreinschlagen ankam, sondern auf kaltblütiges Abschätzen der Situation, blitzschnelles Angreifen und absolute Treffsicherheit. Ziel dieser " Kenjutsu "  genannten Schwertkunst war es, den Gegner überfallartig auszuschalten: durch einen Schnitt in den Hals, durch einen Stich in die Flanke oder aber durch gezieltes Abschlagen einer Gliedmaße.

Kenjutsu war also eine schwierige Kampftechnik, die der Samurai früh lernen und Zeitlebens üben mußte. Um es darin möglichst weit zu bringen, besuchten diejenigen , die es sich leisten konnten, nach Abschluß ihrer Grundausbildung noch eine der vielen staatlichen oder privaten Kenjutsu-Schulen, an denen die besten Schwertmeister Japans lebten und unterrichteten.

Am Anfang jeder Kenjutsu-Unterweisung stand die " Kunst des Schwertziehens "  - so bezeichnete man die Fähigkeit, aus jeder beliebigen Position, zum Beispiel aus dem Sitz mit untergeschlagenen Beinen, in sekundenschnelle aufzuspringen, dabei die Klinge zu ziehen und augenblicklich die richtige Kampfstellung einzunehmen. Für die weiter fortgeschrittenen Schüler wurden die Übungen später mit ausgeklügelten Zielübungen verknüpft.

Neben dem Training von Schnelligkeit, Wendigkeit und Treffsicherheit begann schon früh der Unterricht " am Mann " . Dabei kämpfte man zunächst mit Holzstäben, später mit stumpfen und dann erst mit scharfen Schwertern. In diesem Abschnitt des Kenjutsu lernte der junge Samurai zuerst die sechzehn vorgeschriebenen Grundschläge: abwärtsgerichtete, aufwärtsgerichtete, schräge und kreisende. Erst wenn er diese sicher beherrschte, ging es an den eigentlichen Lehrstoff: die verschiedenen Methoden des Angriffs und der Verteidigung, von denen später auf dem Schlachtfeld sein Leben abhing.

Höhepunkt des Kenjutsu aber war der Zwei-Schwerter-Kampf. Dabei stand der Betreffende, mit beiden Schwertern gleichzeitig kämpfende, einer ganzen Gruppe von Feinden gegenüber. Wer sich diese komplizierte Kampftechnik aneignen wollte, mußte über beinahe akrobatische Fähigkeiten verfügen. Gleichwohl beherrschten viele Samurai auch diesen schwierigen Teil der Schwertkunst meisterhaft. Wie weit man es darin bringen konnte, zeigt das Beispiel des berühmten Kenjutsu-Meisters Kami-izumi Ise-no-kami Hidetsuna, von dem berichtet wird, er habe es mit sechszehn Speerkämpfern gleichzeitig aufgenommen und dabei stets gesiegt.

                          

Die beiden wichtigsten und häufigsten Waffen der Samurai neben dem Schwert waren Bogen und Lanze. Mit Abmessungen von 180 - 220 Zentimetern erscheint der japanische Bogen auffallend lang. Eine weitere Besonderheit war seine Asymetrie, bedingt durch einen " Spannpunkt " ( so heißt die Stelle, von der der Pfeil abfliegt ), der weit unterhalb der Mitte lag. Gefertigt wurde dieser Samurai-Bogen aus mehreren Lagen feinsten Bambusholzes. Seine Schub- und Durchschlagskraft war gewaltig. Reichweiten von 300 Metern und mehr waren nichts außergewöhnliches. Bewegliche Ziele von der Größe eines Hundes konnte ein geübter Schütze noch aus 150 Meter Entfernung sicher treffen.

Die Munition für seinen Bogen, etwa 25 Pfeile, trug der Samurai in einem kastenförmigen Köcher auf dem Rücken. Die meisten dieser 1 Meter langen, gefiederten Geschosse waren mit scharf geschliffenen Stahlspitzen bewehrt. Daneben verfügten die Krieger auch über Pfeile mit leicht entflammbaren Köpfen (Brandpfeile).

Die dritte Hauptwaffe war die Lanze. Als reguläre Waffe kam sie erst im Laufe des 14. Jahrhunderts auf, zu einer Zeit, als immer mehr Krieger aus dem Sattel stiegen und  so als Fußkämpfer beide Hände frei hatten. Fortan spielten Lanzen in allen großen Feldschlachten eine zunehmend wichtige Rolle.

                           

Feuerwaffen lernten die Samurai erstmals im Jahre 1543 kennen. In diesem Jahr landete auf der südlichen Insel Tanegashima ein portugisisches Handelsschif, dessen Kapitän dem zuständigen Daimyo einige europäische Musketen als Gastgeschenk überreichte. Es waren die damals üblichen Vorderlader, die mit Pulver und einer Bleikugel gestopft und mit einer Lunte gezündet wurden. Das seltene Geschenk erntete großes Aufsehen. Nachdem der Kapitän deren Handhabung demonstriert hatte, befahl der Daimyo seinen Waffenschmieden, die unheimlichen " Feuerrohre "  nachzubauen, was auf Anhieb gelang. Ein halbes Jahr später konnte man bereits 600 Mann damit ausrüsten. 

Feuerwaffen haben in der Geschichte Japans eine entscheidene Rolle gespielt. Gleichwohl konnten sie sich in der Kriegerkaste niemals durchsetzen. Zwar duldete man ihren Gebrauch, rüstete auch die unteren Samurai-Ränge damit aus, wollte aber selbst möglichst wenig mit ihnen zu tun haben. Als der Samurai-Staat Mitte des 19. Jahrhunderts zusammenbrach, waren japanische Gewehre noch immer die primitiven Vorlader, die die Portugiesen 300 Jahre zuvor ins Land gebracht hatten.

                         

Welche Rolle spielten Frauen in der Samurai-Gesellschaft

 

In der Tokugawa-Zeit ( 1672 ) erschien in Japan ein Buch mit dem Titel "  Onna Daigaku "  (großes Lernen für Frauen ). Dieses grundlegende Werk, das man dem angesehenen Gelehrten Kaibara Ekiken ( 1630 - 1714 ) zuschrieb, zeichnete das Idealbild der japanischen Frau, wie es sich in Jahrhunderten herausgebildet hatte. Hier ein paar Sätze daraus:

" Eine Frau hat keinen bestimmten Lehnsherren. Also muß sie auf ihren Ehemann als auf ihren Herrn schauen und ihm mit aller Verehrung und Hochachtung dienen" - " Die große, lebenslange Pflicht der Frau ist Gehorsam " - " Eine Frau muß immer auf dem Posten sein und über ihre Lebensweise streng wachen. Am Morgen soll sie früh aufstehen und am Abend spät zur Ruhe gehn " - " Wie viele Dienstboten eine Frau auch beschäftigen mag, niemals darf sie der Mühe ausweichen, sich um alles selbst zu kümmern. Sie muß die Kleidung ihres Schwiegervaters und ihrer Schwiegermutter nähen und ihnen das Essen bereiten. Stets darauf aus, die Ansprüche ihres Mannes zu erfüllen, muß sie seine Kleidungsstücke falten und seine Decke ausbürsten. Sie muß seine Kinder erziehen, aufziehen, waschen, was schmutzig ist und überhaupt immer im Mittelpunkt ihres Haushaltes stehn" - " Wenn eine Frau so handelt, können ihre ehelichen Beziehungen nur harmonisch und von Dauer sein, und ihr Haus wird eine Stätte des Friedens".

Zusammengefasst: Eine Frau, also auch eine Samurai-Frau, hatten gehorsam, selbstlos, pflichtbewußt und diszipliniert zu sein; und - sie hatte sich bedingungslos unterzuordnen.

Aus heutiger Sicht erscheint ein solches Leben extrem eingeengt und freudlos. Doch so empfanden die Betroffenen ihr Dasein keineswegs. Zwar war ihr Lebenskreis auf Haus und Familie beschränkt. Dort aber genossen sie hohes Ansehen und Vertrauen, und ihr Einfluß auf die Erziehung der Kinder war beträchtlich. Darüber hinaus kam eine Samurai-Frau selbst aus einer Samurai-Familie und war so auf ihre Rolle vorbereitet worden und betrachte sie somit als natürlich.

Die Samurai-Frau lernte von klein auf mit ihren Brüdern den Umgang mit Waffen. Denn als Ehefrau wurde von ihr erwartet, daß sie bei Abwesenheit des Ehemannes Haus und Familie notfalls auch mit der Waffe in der Hand schützte. Den kurzen Dolch  (Kaiken) trug sie schon als Mädchen stets griffbereit bei sich. Wie sehr der Geist der Kühnheit und Todesverachtung auch die Frauen der Samurai beseelte, zeigte sich immer dann, wenn es darum ging, die eigene Ehre zu verteidigen. Drohte einer Frau etwa Vergewaltigung oder irgend eine andere Demütigung, so gab sie sich ohne zu zögern durch einen entschlossenen Dolchstich in den Hals selbst den Tod.

                                       

  Welche Rolle spielte der Selbstmord

 

Im Jahre 1333 endete die erste Phase der Samurai-Herrschaft, das Shogunat von Kamakura, mit einer dramatischen Szene. Während Aufständische in die Stadt eindrangen und die Häuser in Flammen aufgingen, zogen sich die bedrängten Verteidiger auf den Friedhof des Tosho-ji-Tempels zurück. Dort, die Demütigung der Gefangenschaft vor Augen, zückten die Stadthalter des Shogun, seine Familie und 800 seiner Gefolgsleute ihre Dolche und begingen, einer nach dem anderen, feierlich Selbstmord, indem sie sich den Bauch aufschlitzten.

Mehr als viele Worte zeigt dieser grausige Massenselbstmord den tiefen Wandel im Denken und Fühlen der Kriegerkaste, den 150 Jahre Samurai-Herrschaft bewirkt hatten. Zu den traditionellen Tugenden Treue, Kühnheit, Schlichtheit und Geradlinigkeit war etwas Neues, Unheimliches dazugekommen: eine düstere Lebensverneinung, die sich in der vollkommenden Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Leben ausdrückte.

In bestimmten Situationen wurde Selbstmord für den Samurai zur Ehrenpflicht. Es galt als schimpflich, nach einer Niederlage in Gefangenschaft zu geraten, was zur Folge hatte, daß nach jeder Schlacht viele, vor allem hochgestellte Samurai Selbstmord begingen.

Ein weiteres Motiv sich selbst zu töten, wurde aus der Pflicht des Kriegers zu bedingungsloser Gefolgschaft hergeleitet. Viele Samurai, die ihrem Herrn besonders ergeben waren, verstanden das so, daß ein wirklich Getreuer seinem Herrn auch in den Tod folgen müsse. Die Konsequenz solchen Denkens war im Alten Japan blutige Wirklichkeit; sobald ein ranghoher Samurai fiel oder starb, war es gang und gebe, daß auch einige seiener treuesten Gefolgsleute sich den Tod gaben. Schließlich nahm dieses todessüchtige Verhalten solche Ausmaße an, daß es vom Bakufu als Mißbrauch angeprangert und verboten werden mußte.

Ein dritter häufiger Grund für den Selbstmord war der Zusammenprall zweier widerstreitender Pflichten. Einerseits verbot das Bushido-Gebot der Ehrerbietung dem Samurai seinem Herrn offen zu widersprechen. Andererseits durfte er aber auch nicht wegschauen, wenn derselbe Herr etwas Unrechtes oder Unehrenhaftes tat. Wie sollte er sich in einer solchen Situation verhalten? Der Samurai löste diesen Konflikt, indem er sich demonstrativ das Leben nahm. Das wirkte. Denn ein Selbstmord aus Protest bedeutete für den Herrn eine öffentliche Bloßstellung, die ihn oft zur Umkehr bewog.

Schließlich konnten Angehörige der Krieger-Kaste durch Selbstmord ihrer Hinrichtung entgehen. Selbstverständlich wäre der Tod unter dem Beil des Henkers für jeden Samurai eine unerträgliche Schmach gewesen. Deshalb hatten zum Tode verurteilte Krieger das Recht, sich in einer feierlichen Zeremonie selbst zu töten. Ein solcher Tod vor den Augen hochrangiger Zeugen galt als vollkommene Sühne und beließ dem Verurteilten, worauf es ihm vor allem ankam: seine persönliche Ehre.

                            

                         Achtung !!! Es folgt ein " blutiger " Text.  Vorsicht !!

 

 

Wenn ein Samurai seinem Leben selbst ein Ende setzen wollte, so gab es dafür nur eine einzige ehrenvolle Methode: Seppuku - das " Aufschlitzen des Bauches ". Der zum Tode Entschlossene setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden, entblößte den Leib, stieß sich das Wakizashi oder den langen Dolch tief in die linke Flanke, zog die Klinge langsam zur rechten Seite hinüber und beendete die äußerst schmerzhafte Prozedur mit einem kleine Schnitt aufwärts. Allerdings kam es soweit nur selten, denn gewöhlich öffnete der tiefe Schnitt bereits auf halbem Wege die im Bauchraum liegenden großen Gefäße, sodaß der Betreffende in Sekundenschnelle verblutete.

 

                                     

                            Gefahr gebannt - es kann weitergehn !

Vermutlich ist Sappuku irgendwann zwischen 1150 und 1170 erfunden und erstmals vollzogen worden. Der qualvollen Methode lag die uralte japanische Vorstellung zugrunde, daß die Seele und die tieferen Empfindungen des Menschen ihren Sitz im Bauch haben. Sich den Bauch zu öffnen bedeutete demnach: " Schaut her, in diesem Augenblick sind meine Seele und meine Gedanken unbefleckt; ich sterbe in Reinheit "  Natürlich war für eine solche Tat ein fast übermenschlicher Mut nötig. Doch genau das machte Seppuku für die Kriegerkaste um so anziehender.

In späterer Zeit nahm der mit Bedacht ausgeführte Selbstmord immer mehr den Charakter einer feierlichen Zeremonie an. Insbesondere für das Seppuku eines zum Tode Verurteilten galten fortan feste Regeln. Den Rahmen bildete ein Kreis offizieller und privater Zeugen. Vor ihnen erschien der Todgeweihte in einem weißen Gewand, zusammen mit dem sogenannten Kaikashu, einem selbstgewählten Freund oder Verwandten, der die Aufgabe hatte, dem Sterbenden den Tod zu erleichtern, indem er ihm auf dem Höhepunkt der Zeremonie den Kopf abschlug. Während der Verurteilte öffentlich seine Schuld bekannte, sich niedersetzte und nach dem Dolch griff, trat der Kaikashu einen Schritt zurück und zog unhörbar sein Katana - das eigentliche Ritual des Todes hatte begonnen. 

                                                 

   Wer  waren die Ninja

 

Ninja ( frei übersetzt: " Schattenkrieger " ) hießen die hochspezialisierten Einzelkämpfer, die ihre Aufträge: Auskundschaften des Feindes, Sabotage, Ermordung feindlicher Anführer und so weiter, im Verborgenen ausführten. Die Ninja waren also die Geheimagenten des Alten Japan. Sie waren keine Samurai, spielten jedoch in den jahrhundertelangen Auseinandersetzungen der Kriegerkaste eine wichtige, oft entscheidene Rolle.

Vermutlich sind die Ninja und ihre Kunst des Untergrundkampfes ( japanisch: Ninjutsu) aus dem traditionell hochentwickelten japanischen Kundschafterwesen hervorgegangen. Größere Bedeutung erlangte dieser etwas zwielichtige Teil der Kriegskunst aber erst, als mit dem Aufkommen der Samurai die kriegerischen Auseinandersetzungen im Lande immer mehr zunahmen. Von da an gab es für die  "Schattenkrieger "  einen ständig steigenden Bedarf. Um den zu befriedigen, entstanden auf der Halbinsel Honshu eine Reihe geheimer Ausbildungsstätten, deren Zahl auf 25 bis 70 geschätzt wird. Sie lagen abgeschieden und streng abgeschirmt, und breiteten über ihre Tätigkeit den Schleier der absoluten Geheimhaltung.

Die Männer, die an diesen Schulen erzogen wurden, kamen größtenteils aus Familien, in denen der Ninja-Beruf Tradition war. Aber auch herrenlos gewordene Samurai, die sogenannten " Ronin "  , ergriffen zuweilen den Beruf des Schattenkriegers.

                                         

  Niedergang und Ende der Samurai

Am 7. Juli 1853 ging der amerikanische Commodore Matthew Perry mit vier Kriegsschiffen in der Bucht von Yedo vor Anker. Die Botschaft, die er dem Shogun im Auftrage seiner Regierung überbrachte, lautete: Japan möge seine Grenzen öffnen und durch ein Handelsabkommen den freien Austausch von Waren zwischen beiden Ländern gewährleisten.

Die Forderung brachte das Bakufu in arge Bedrängnis. Japan hatte sich seit mehr als 200 Jahren von der übrigen Welt abgesondert; die Grenzen waren geschlossen, niemand durfte hinein, niemand ( bei Todesstrafe ) hinaus. Doch seit geraumer Zeit umkreisten Flottengeschwader der europäischen Großmächte das Inselreich, die alle auf eine Gelegenheit zum Eindringen lauerten. Wie sollte das technisch zurückgebliebene Land dieser offenkundigen Bedrohung begegnen? Nach dem energischen Drängen der Amerikaner konnte man die Antwort auf diese Frage nicht länger hinausschieben.

Zunächst versuchte das Bakufu Zeit zu gewinnen. Doch schon bald mußte es dem Druck nachgeben. 1854 schloß es " Freundschaftsverträge "  mit den USA, England und Frankreich, im Jahr darauf auch mit Rußland und Holland. Den Freundschaftsverträgen folgten 1858 Handelsverträge mit den genannten fünf Staaten.

Die Nachgiebigkeit des Bakufu gegenüber den Fremden spaltete Japan in zwei Lager. Während die einen in der Öffnung eine Chance zur Modernisierung des Landes sahen, wollten die anderen die verhaßten Fremden bei nächster Gelegenheit wieder hinauswerfen. Ihre Forderung lautete: das kopflose Bakufu, das die japanischen Interessen verraten habe, solle abtreten und die Regierung dem Tenno übertragen, der sich hartnäckig geweigert hatte, die Handelsverträge mit dem Ausland anzuerkennen.

In den folgenden Jahren spitzten sich die Auseinandersetzungen weiter zu. Das aufreizende Verhalten der ungeliebten Handelspartner, die sich im Lande wie die Herren aufführten, forderte die Japaner heraus. Es gab Schießereien und Morde an Reisenden, die die Landessitten mißachteten. Darauf antworteten die ausländischen Mächte mit Vergeltungsmaßnahmen. 1863 schossen Kriegsschiffe die Stadt Kagoshima in Brand. 1864 zerstörten sie die Forts von Shimonoseki. Die Erbitterung der Unzufriedenen im Lande und ihre Hoffnung auf einen Sturz des Bakufu wuchs. Allerdings mußten sie kurz darauf eine bittere Enttäuschung hinnehmen. 1866 starb Kaiser Komei, die Leitfigur des Widerstandes, im Alter von nur 35 Jahren. Nachfolger wurde sein erst 15-jähriger Sohn Mutsuhito, den noch niemand so recht einschätzen konnte.

Dann aber überstürzten sich die Ereignisse. Unter dem schweren Druck der ausländischen Mächte hatte das Bakufu kurz nach Kaiser Komeis Tod einer Senkung der Zölle auf eingeführte Waren zugestimmt. Dieses neuerliche Nachgeben gegenüber den verhaßten Weißen löste im ganzen Land maßlose Erbitterung aus und brachte das Pulverfaß zur Explosion. Im Süden sammelte sich eine Armee kaisertreuer Samurai und marschierte in Richtung Hauptstadt. In diesem kritischen Augenblick gab der Shogun das Spiel verloren. Am 14. Oktober 1867 verzichtete er auf sein Amt zugunsten des jungen Kaisers Mutsuhito. Das war, gleichsam über Nacht, das ebenso überraschende wie klägliche Ende der annähernd 700-jährigen Samurai-Herrschaft über Japan.

Zwar versuchte der abgetretene Shogun im kommenden Jahr das Blatt noch einmal zu wenden. Es war ihm gelungen, 100.000 Getreue aufzubieten, mit denen er nun auf Kyoto marschierte. Doch gleich der erste Zusammenstoß machte deutlich, daß hier die alte gegen die neue Zeit angetreten war. Während die Truppen des Ex-Shogun wie vor Jahrhunderten mit Bogen, Schwert und Lanze angriffen, antworteten die an Zahl unterlegenden Kaiserlichen mit Salven aus europäischen Gewehren. Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, war der Traum von einer Rückkehr in die Vergangenheit ausgeträumt.

                      

Die Thronbesteigung Kaiser Mutsuhitos am 3. Januar 1868 war für die meisten seiner Anhänger eine bittere Enttäuschung. Sie hatten erwartet, der junge Herrscher werde sich nun energisch für die Vertreibung der Fremden und für eine neuerliche Abschließung des Landes einsetzen. Doch Mutsuhito war aus ganz anderem Holz geschnitzt als sein Vater. Mit klarem Blick und bestärkt von seinen jungen Beratern stellte er sich von Anfang an kompromißlos auf die Seite des Fortschritts. Nur ein modernes Japan werde stark genug sein, den Weltmächten Widerstand entgegen zu bringen. 

Japan dürfe sich also nicht von der Welt absondern; es müsse sich im Gegenteil weit öffnen, um möglichst rasch Anschluß an die moderne Welt zu finden. Als sichtbares Zeichen für dieses Programm gab er seiner Regierung den Namen " Meiji " , d.h.  "aufgeklärte Regierung " . Binnen weniger Jahre nahm die Modernisierung des zurückgebliebenen Landes ein atemberaubendes Tempo an. Zugleich beseitigte die Meiji-Regierung Zug um Zug alle Reste vergangener Herrschaft. 1869 mußten die Daimyo ihre Gebiete dem Kaiser zurückgeben. Die Versorgung der Samurai übernahm der Staat, indem er ihnen kleine Gehälter zahlte. Vier Jahre später, im Januar 1873, stürzte die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht die Kriegerkaste in eine tiefe Sinnkrise. Bisher war sie allein das Schwert Japans gewesen, darauf vor allem beruhte ihre Sonderstellung in der Gesellschaft - damit war es jetzt vorbei.

Doch es kam noch schlimmer. Zwischen 1873 und 1876 strich der Staat den Kriegern die gerade erst zugestandenen Gehälter und entschädigte sie dafür mit einer einmaligen Summe in bar oder in Schuldverschreibungen. Und schließlich büßten die Samurai auch noch das äußere Zeichen ihres gesellschaftlichen Ranges ein: 1876 wurde das Tragen des Daisho ( der beiden Schwerter ) verboten.

Für viele brach damit ein Welt zusammen. Verzweifelt stemmten sie sich gegen die Entwicklung. Dreimal - 1874, 1876 und 1877 - erhoben sich kleinere oder größere Gruppen gegen die verhaßte Meiji-Herrschaft - vergebens. Als im Jahre 1889 die neue Verfassung des Landes verabschiedet wurde, mußte auch dem hartnäckigsten Verfechter der alten Ordnung klar sein: die alte Zeit der Samurai-Herrlichkeit war ein- für allemal vorbei, und sie würde nie wieder kommen.

             - ENDE -     &nbssp;                            Back to top

 

 

 

 

 

 

 

 

                    DIE WIKINGER

          

                      

                                                                             

Einleitung

Die Heimat der Wikinger                     Der "Wikingersturm" auf Europa

Haus und Hof der Wikinger                  Siedler / Erik der Rote

Häusliche Tätigkeiten                            Wie entdeckten sie Amerika

Kleidung der Wikinger                          Wikinger und Indianer 

 Sippe / Eigenschaften der Wikinger       Handel in der Wikingerzeit

Welche Götter wurden verehrt?             Haithabu der Handelsplatz

Recht und Gesetz                                   Leben und Krankheit

Wikinger als Seefahrer u. Schiffbauer      Handwerk / Hacksilber

Wikinger als Räuber und Plünderer          Runenschrift

Waffen der Wikinger                               Wie wurden Wikinger Christen 

                                                              

                                                                                                                                              

 

 

 

 

                                                                 

Einleitung Wikinger

 

Die Wikinger waren kein Volk, kein Stamm und gehörten keiner besonderen Rasse an wie beispielsweise die Indianer in Amerika. Sie waren - ganz einfach - die Vorfahren der heutigen Skandinavier, die in der Wikingerzeit von 800 - 1100 n. Chr. in den Küstenregionen Dänemarks, Schwedens und Norwegens lebten. Das Wort " vikingr " kommt aus dem Nordischen und heißt wahrscheinlich so viel wie " Seekrieger "  oder auch " Heerfahrt zur See " . Wikinger nannte man in Skandinavien die Männer, die von ihrer Heimat aus mit ihren Schiffen zu Beutezügen, Ruhm und Abenteuer aufbrachen und dann wieder zu ihren Wohnsitzen zurückkehrten.

Die rauhen Männer wurden von ihren Opfern, Gegnern oder Geschäftspartnern in Europa mit unterschiedlichen Namen bezeichnet. Die Franken nannten sie " Normanni "  (Männer aus dem Norden ). Bei den Angelsachsen in England hießen sie " Dani " und " Wicingas ". Die im späteren Rußland wohnenden Slawen nannten die Wikinger " Rus " oder auch " Waräger " , was altschwedisch " Rudergemeinschaft "  heißt. Bei den Arabern hießen sie " Madjus " - auf arabisch: " Heidnische Teufel " .

Das Zeitalter der Wikinger war keine schöne, friedfertige, sondern eine kriegerische, aber auch spannende Epoche in der europäischen Geschichte. Es war vor allem eine Zeit großer abenteuerlicher Seereisen hervorragender und kühner skandinavischer Seeleute, die mit ihren offenen, aber seetüchtigen Schiffen alle erreichbaren Gewässer befuhren.

Gegen Ende der Wikingerzeit eroberten wikingische Normannen Süditalien und Sizilien und schufen dort ein Reich. Zur gleichen Zeit gründeten wikingische Auswanderer neue Siedlungen in Irland, Russland, Frankreich, England, aud Island und den nordatlantischen Inseln.

Um 1000 n. Chr. gelangten Skandinavische Entdecker - 500 Jahre vor Kolumbus (!) - von Grönland aus zu dem bis dahin unbekannten Amerika und versuchten sich dort anzusiedeln. Erst als die Skandinavier Christen wurden, ging um 1100 n. Chr. die Wikingerzeit zu Ende.

 

                                                                   

Die Heimat der Wikinger

 

Der Norden Europas, die Heimat der Wikinger, hat ein kühles, oft rauhes und unwirtliches Klima und ist überall vom Meer geprägt. Skandinavien ist landschaftlich sehr konstrastreich mit großen Wäldern, zahllosen Binnenseen und Flüßen, tiefen Meeresbuchten, hohen Gebirgen wie auch Ebenen fruchtbaren Ackerlandes. Die Wikinger haben es meisterhaft verstanden, sich den ganz unterschiedlichen Lebensbedingungen ihrer Heimat anzupassen. Sie lebten nicht in einem einzigen " Land " und bildeten auch keinen Staat, sondern siedelten in mehreren Landstrichen und kleineren Gebieten im heutigen Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland überall dort, wo sich nicht zu dicht bewaldetes, leicht zugängliches Land fand. Landes- und Staatsgrenzen zwischen den einzelnen Gebieten wurden außer im Süden Dänemarks erst viel später festgelegt. Alle in Skandinavien lebenden Menschen sprachen damals noch die gleiche Sprache.

In der Wikingerzeit gab es nur wenige und oft beschwerliche Landverbindungen in Skandinavien. Überall jedoch bot das nahe Meer guten Seefahrern beste Möglichkeiten, nahe und ferne Ziele zu erreichen. Die unzähligen Inseln wirkten wie Brückenköpfe und erleichterten die Orientierung.

Die skandinavischen Länder sind dem Meer in drei verschiedene Richtungen zugewandt. Dänemark blickt nach Westen und Südwesten, Schweden nach Südosten und Osten, Norwegen nach dem nahen und fernen Westen. So ging die Stoßrichtung der Wikinger vor allem an die westeuropäischen Küsten und nach England. Die Schweden wandten sich zur Ostsee, zum Baltikum und nach Rußland, die Norweger nach Nordengland, Irland und in Richtung der nordatlantischen Inseln.

 

                                                   

  Haus und Hof der Wikinger

 

Die Lebensbedingungen in Skandinavien waren karg. Im Lande selbst konnte man kaum Reichtümer erwerben. Die Mehrheit der Menschen bedrückte immer wieder die Sorge um das tägliche Brot. Besonders am Ende des Winters, wenn alle Vorräte aufgegessen waren, mußte man oft wochenlang schlimmen Hunger leiden und manche der Armen verhungerten. Die meisten Skandinavier waren wie ihre Vorfahren Bauern und lebten bescheiden von Ackerbau und Viehzucht. Als Getreide bauten sie Gerste, Roggen, ein wenig Hafer und in milden Lagen wohl auch einmal Weizen an. Sie zogen Ackererbsen, Bohnen, Kohl und Zwiebeln und sammelten und verwandten in großen Mengen wilde Früchte, Pflanzen und Kräuter.

Als Nutztiere hielten sie Schweine, Ziegen, Schafe, Rinder und Pferde, deren Fleisch sie aßen. Ziegen und Rinder waren Milchlieferanten, Schafe gaben Wolle. Das wichtigste Arbeitstier auf einem Bauernhof war der Ochse. Mit einem Ochsengespann wurden die Felder bestellt, die Ernte eingebracht und das Holz aus dem Walde geholt. Bei den Pferden unterschied man zwischen Arbeits- und Reitpferden. Für Transporte in unwegsame Gegenden diente das Pferd als Lasttier. Als Geflügel hatte man auf den Höfen Hühner und Gänse. Katzen sollten Mäuse und Ratten kurzhalten, Hunde waren unverzichtbare Wächter auf dem Hof, halfen den Schäfern auf der Weide und begleiteten, sorgfältig abgerichtet, die Jäger.

Die Küstenbewohner vor allem in Westnorwegen an den Mündungen der Fjorde und auf Island lebten überwiegend von der Fischerei. Zur Hauptfangsaison kamen auch viele Männer aus den entlegerenden Tälern und inneren Buchten der Fjorde zu den großen Fischersiedlungen und beteiligten sich am Fischfang. Sie wohnten dann bei den Fischerfamilien oder in kleinen Holzhütten, die sie sich für diese Zeit selbst zimmerten.

Hauptfanggut waren die großen Seefische: Dorsch, Kabeljau, Schellfisch und massenweise Heringe. Man jagte auch Wale, Walrosse und Seehunde. Wale lieferten Fleisch, Tran und Häute, Seehundsfelle waren überall begehrt und Walrosszähne wurden als Elfenbein-Ersatz an europäische Fürstenhöfe verkauft. Aus Walrosshaut fertigte man die besten und stärksten Schiffstaue. Jäger und Fallensteller machten Jagd auf Pelztiere, vor allem Eichhörnchen, Füchse, Marder und die wertvollen Hermeline und Zobel.

Als Großwild jagte man Bären, Hirsche, Elche und Rentiere. Überall in Skandinavien stellte man Vögeln nach, sammelte Federn, Daunen und Eier. Junge Falken wurden gefangen und lebend an die europäischen Fürstenhöfe zur Abrichtung als Jagdfalken verkauft. In den Hochmooren Schwedens und Norwegens gewann man hochwertiges Eisenerz, das zumeist an Ort und Stelle zu Eisen verhüttet und als Barren verhandelt wurde. Daraus konnte man auf den kleineren Bergbauernhöfen, auf denen man sonst kaum das Nötigste zum Überleben erwirtschaftete, gute zusätzliche Einnahmen erzielen. Man lebte überwiegend auf einzeln gelegenen Bauernhöfen, nur in Dänemark und Schweden gab es schon kleinere Dorfsiedlungen.

                          

Dieses Haus wurde vielfach in Südschweden und Dänemark gebaut.

  

  

Wie die Wikinger ihre Häuser und Höfe erbauten, bestimmten Klima, Verfügbarkeit von Baustoffen und gewohnten Bautraditionen. In waldreichen Gegenden baute man ganz mit Holz, in baumarmen Regionen errichtete man nur die tragenden Hauselemente aus Holz und machte die Hauswände aus lehmgedichtetem Flechtwerk (Übrigens kommt daher unser Wort " Wand " von "winden" , also "flechten" ). Auf den baumlosen Inseln des Nordatlantiks hatten Wikingerhöfe doppelte Steinmauern, deren Zwischenräume zur Wärme-Isolierung mit Erde gefüllt waren. Die Rasensodendächer reichten dort bis zum Boden und schützen die Häuser vor den eisigen Winden wie riesengroße Pelzmützen. Auf Grönland baute man Häuser mit über drei Meter dicken Wänden aus Torfsonden.

Auf einem Wikingerhof in Skandinavien gab es Gebäude für jeden Zweck. Es war dort nicht mehr üblich, in einem Gebäude Wohnteil und Stadtteil gemeinsam unterzubringen. Als Wohnhaus für die Familie des Hofbesitzers errichtete man ein Giebelhaus mit rechteckigem Grundriß und einem großen hallenartigen Wohnraum. Das Dach wurde mit Rasensoden, Stroh, Reet oder Holzschinden gedeckt. Das Haus besaß keine Fenster, höchstens eine kleine Öffnung im Giebel, das " Windauge " . Der Fußboden im Inneren des Hauses bestand aus gestampftem Lehm, in der Mitte des Hauses lag der Herd.

Dies war eine Lage lehmüberkleideter Steine, worauf ein offenes Feuer brannte. Der Herd diente zugleich als Wärme- und Lichtquelle und hier wurde gekocht. Meist hing an einem Haken über dem Herd ein großer eiserner oder kupferner Kessel, der ein Fassungsvermögen von vier bis sechs Litern hatte. Töpfe für verschiedene Speisen wurden an den Rand der Glut gestellt. An die Außenwände angelehnt waren über die gesamte Länge  des Hauses zu beiden Seiten niedrige erdgefüllte Holzbänke angebracht. Darauf lagen Felle, schwere Wolldecken und auch schon einmal richtige Federkissen, denn hier wurde gegessen, gearbeitet und geschlafen.

Ein wohlhabender Hausherr, der etwas auf sein Ansehen hielt, ließ sich in der Mitte hinter dem Herd einen erhöhten Platz bauen, den berühmten " Hochsitz " . Reich verzierte Pfosten stützten ihn ab. Außerdem gab es auf dem Hof ein Stallgebäude und ein Haus für das Gesinde (persönlich abhängige Arbeitskräfte wie Mägde und Knechte), eine Scheune und mehrere Schuppen.

Zum Hof konnte auch eine Eisenschmelze gehören und fast immer ein kleiner kuppelförmiger Backofen. Diesen konnte man auch im Haus selbst finden. Manchmal hatte man sogar einen Baderaum oder eine Sauna. In Südskandinavien gab es außerdem kleine Gebäude, die wie Erdkeller aussahen. Sie waren bis zu 80 cm in den Boden eingetieft und dienten als Lager für Vorräte, die kühl, aber frostfrei aufbewahrt werden mußten. In diesen Grubenhäusern hat man auch Webstühle aufgestellt und dort Wolle und Flachs verarbeitet. Zum Schutz vor allem gegen wilde Tiere und feindliche Besucher umgab man das Gehöft mit einem Zaun aus starken Holzpalisaden und die Weiden friedete man mit Flechtzäunen ein.

 

                                                    

Häusliche Tätigkeiten

 

Die Wikinger waren Selbstversorger. Alles, was sie zum Leben benötigten, wurde auf dem Hof erzeugt. Ein Wikingerhaushalt war gut und zweckmäßig ausgestattet. Die Hausfrau hatte hölzerne Tröge, Eimer, Fässer und Kübel, große Holzlöffel und Kellen zur Verfügung. Da die Männer gerne Gegrilltes aßen, gab es lange Bratspieße und Grillgabeln. Die Tontöpfe, die man täglich brauchte, töpferten die Frauen selbst. Den Eisen- oder Kupferkessel mußten die Frauen dagegen beim Schmied kaufen und die wertvollen Töpfe aus norwegischem Speckstein, die sich Wohlhabende leisten konnten, bei Händlern.

Specksteintöpfe halten die Wärme lange und die Speisen brennen darin nicht an - sie waren die " Teflontöpfe "  der Wikingerzeit und für die vielbeschäftigten Frauen die idealen Kochgefäße.

Gewöhnlich wurden zwei Mahlzeiten täglich zubereitet. Getreide war das Grundnahrungsmittel. Am Morgen gab es eine eintönige Gersten-, Hafer- oder Hirsegrütze. Das dazu benötigte Korn mußte vorher in einer steinernen Handmühle gemahlen werden. Diese mühselige Arbeit taten die Mägde oder Sklavinnen. Wenn es Abend wurde, versammelte sich die Familie um das Feuer im Haus zur Hauptmahlzeit. Es gab dann z.B. einen Suppeneintopf, Fisch oder Fleisch gegrillt oder gekocht und vielleicht frisch gebackenes Brot.

Abwechslung in das tägliche Nahrungseinerlei brachten frische oder getrocknete Wildfrüchte. Beim Essen besaß jedes Familienmitglied, auch die Kinder, sein eigenes Messer und einen Löffel aus Holz oder Knochen. Man aß gemeinsam aus dem großen Topf. Eßgabeln kannte man nicht, sondern langte mit den Fingern zu.

Die Wikingerfrauen verstanden sich hervorragend auf das Haltbarmachen der Nahrungsmittel. Das war für die Vorratshaltung in den langen Wintern überlebenswichtig. Fleisch und Fettfische wurden eingesalzen oder geräuchert, mageren Fisch und Würste trocknete man an der Luft. Aus Milch bereitete man den haltbaren Quark " Skyr "  und Butter. Aus Gerstenmalz und Hopfen wurde Bier gebraut, das haltbar genug war, um z.B. als Reiseproviant mitgenommen zu werden. Als Süßungsmittel gab es nur den Honig der Waldbienen, der mühevoll gesammelt werden mußte. Gesüßt wurde deshalb nichts bis auf den berühmten Met, den Honigwein, ein alkoholisches Getränk für Festtage.

Die Frauen hatten außerdem die Aufgabe, alle Familienmitglieder mit Kleidung zu versorgen. Jedes Mädchen mußte schon früh alle Textiltechniken erlernen - vom Spinnen der Garne über das Weben und Färben der Stoffe bis zum Nähen der Kleidungsstücke.

 

                                                   

  Die Kleidung der Wikinger

 

Welche Kleidung die Wikinger trugen, hing ganz von ihrer gesellschaftlichen Stellung ab. Die Knechte und Mägde und erst recht Sklavinnen und Sklaven besaßen nur die allernotwendigsten einfachen Kleidungsstücke aus grobem Wollstoff: ein weitgeschnittenes knöchellanges Ärmelkleid, in dem man sich bei der Arbeit gut bewegen konnte, und vielleicht einen Umhang. Sklavinnen und Sklaven besaßen kaum jemals Schuhe, sondern mußten im Sommer wie im Winter barfuß gehen.

Kleidung einer etwas wohlhabenderen Frau, Klammern zum Halten der Träger.

   

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Die freien Männer trugen über der langen Hose ein Unterhemd, darüber eine kniekurze Tunika mit einem Gürtel. Für rauhes, kühles Wetter hatten sie meistens auch ein eng anschließendes Arbeitswams aus kräftigem lodenartigem Wollstoff mit langen Ärmeln und einer angenähten Kapuze, die ganz besonders notwendig für Seeleute war. Die Männer trugen Schuhe oder kurzschäftige Stiefel aus kräftigem Rinderleder.

Ihre Frauen trugen über einem bodenlangen Unterhemd aus gefärbter Wolle oder Leinen einen Trägerrock aus feinerem Wollstoff, dessen Schulterträger sie mit zwei durch eine Kette verbundenen Schalenspangen aus Bronze befestigten.(siehe Bild) Für draußen hatten sie bei kaltem Wetter eine lange mantelartige Obertunika mit Kapuze aus gewalktem Wollstoff, der Wind und Nässe abhielt, meistens mit einem gröberen Wollstoff gefüttert war und zusätzlich noch eine Futterfüllung aus Daunen oder Federn haben konnte. Die erfinderischen Wikingerfrauen hatten schon vor tausend Jahren unser Prinzip der daunengefütterten Parkas und Anoraks entdeckt. Auch sie gingen in rindledernen Schuhen oder kurzen Stiefeln.

Die Vornehmen und Reichen trugen viel kostbarere Kleidungsstücke, die aus feinen und wertvollen Stoffen hergestellt waren. Die Frauen besaßen Untergewänder aus gefärbtem, fein plissiertem Leinen. Ihre Obergewänder waren figurbetonend eng geschnitten, denn diese Frauen brauchten ja keine schwere körperliche Arbeit damit zu verrichten.

Ihre Gewänder - ebenso wie die der Männer dieser Schicht - waren häufig mit farbigen Zierflechten, kunstvoll gewebten Borten oder sogar Seidenbändern geschmückt. Von ihren weiten Reisen brachten die Wikinger auch modische Anregungen mit. So trugen wohlhabende Männer z.B. stoffreiche, kreppgefältete Pumphosen aus dünner Wolle, die rot bis purpur und gelb-grün gefärbt sein konnten, eine Mode, die sie im Orient kennengelernt hatten. Für Männer, Frauen und selbstverständlich auch die Kinder der Oberschicht wurden Schuhe und Stiefeletten aus weichem, geschmeidigem Ziegenleder angefertigt.

Die Männer trugen im Winter Pelzmützen, die Frauen Pelzkappen. Verheiratete Frauen bedeckten ihre Haare immer mit einem Kopftuch. Frauen trugen meist Schmuck. Außer den Gewandfibeln hatten sie Halsketten und Glasperlen sogar als Haar- und Ohrschmuck. Während die Frauen ihre Haare lang wachsen ließen, waren Haar- und Barttracht der Männer ganz unterschiedlich. Viele ließen Haar und Bart natürlich wachsen, andere trugen dagegen zeitweilig zu geflochtenen Spitzbärten kurzgeschnittene Haare.

 

                                        

Die Sippe/Eigenschaften der Wikinger

 

In Skandinavien gab es zu Beginn der Wikingerzeit noch keinen Staat mit einer Verfassung, wie wir dies heute kennen. Als Mitglieder eines Volkes verband die Menschen nur ein geringes Zusammengehörigkeitsgefühl. Viel wichtiger war es für sie, einer Sippe anzugehören. Die Sippe war der große Familienverband aller Verwandten und eigentlich das Wichtigste im Leben aller freien Wikinger.

Als Mann mußte man nicht nur seine eigene Ehre, sondern auch jederzeit die Ehre der Sippe wahren und verteidigen. Die Sippenmitglieder beschützten und rächten einander. War ein Sippenmitglied von einem Angehörigen einer anderen Sippe getötet worden, so war es eine Sache der Ehre für die Sippenmitglieder, Blutrache zu nehmen, d.h. denjenigen zu töten, durch den ihr Verwandter den Tod gefunden hatte. Die Sippe sorgte auch für in Not geratene Mitglieder. Wurde ein Mann wegen eines Vergehens aus der Sippe ausgestoßen, war dies das größte Unglück, denn dann wurde er friedlos. In der Gesellschaft der Männer war er fortan ein Nichts ohne hilfreiche Verwandte, so elend wie ein Sklave, und er wurde in die Verbannung geschickt.

Der Häuptling oder " Jarl "  war der Anführer einer Sippe, deren Männer eine Kriegergruppe bildeten. Die freien Männer waren die " karlar " , sie durften Waffen tragen, waren zumeist Bauern mit eigenem Land, Jäger, Fischer oder Handwerker.

Die Unterschicht bildeten die Besitzlosen, die sich als Knechte und Mägde durchschlagen mußten und sich auf den Höfen als Gesinde verdingten. Auch Kaufleute und Handwerker beschäftigten Knechte als unverzichtbare Hilfskräfte in einer Zeit, in der alles auf Handarbeit beruhte. Auf der untersten Stufe der Gesellschaft standen die Sklaven, die " thraells " . Sie waren hauptsächlich als Kriegsbeute auf Raub- und Plünderungszügen gefangen genommen und verschleppt worden.

Rechte besaßen die Sklaven nicht, sondern galten als Sachbesitz wie Vieh. Mit kurzgeschorenen Haaren und in grober, grauer Kleidung mußten sie die schwersten, schmutzigsten und niedrigsten Arbeiten verrichten: Mist als Dünger auf die Felder tragen, Schweine hüten, Bäume fällen, Zäune setzen. Die Sklavinnen mußten melken, waschen und kochen. Jedoch blieben die Sklaven nicht gänzlich rechtlos. In der späten Wikingerzeit, als das Christentum in Skandinavien einzog, konnten die Sklaven eigenen Besitz haben und sich mit selbstverdientem Geld freikaufen. Auf Island mußte ein freier Bauer seinen Sklaven auch dann weiterversorgen, wenn dieser arbeitsunfähig geworden war.

Die Frauen der freien Bauern und Jarle wurden mit Respekt behandelt. Sie waren die geachteten Herrinnen des Hauses und trugen zum Zeichen ihrer Würde und Autorität den Hausschlüssel am Gürtel. Im Haus trafen sie alle Entscheidungen und waren tüchtig genug, Haus und Hof allein zu besorgen, wenn ihre Männer als Wiking- oder Handelsfahrt oder aus einem anderen Grund für längere Zeit abwesend waren. Allerdings hatten sie in der Gesellschaft nicht die gleichen Rechte wie die Männer.

Am Beginn der Wikingerzeit gab es in Skandinavien noch kein erbliches Königtum wie im Mittelalter. Besonders tatkräftige, mächtige und reiche Jarle wurden von den Freien zum Anführer oder Häuptling in eine königliche Stellung gewählt und mußten in der Folgezeit durch besondere herrscherliche Fähigkeiten ihre königliche Stellung behaupten und festigen. Waren sie dazu unfähig, leistete man ihnen keinen Gehorsam oder wählte gar einen anderen, Geeigneteren zum König.

                             

 

Körperliche Stärke, Geschicklichkeit und Ausdauer waren für einen Wikinger wichtige Eigenschaften, die er oft unter den harten Lebensbedingungen zum Überleben brauchte. Von Kindheit an waren die Jungen daran gewöhnt, ihre Kräfte zu üben und zu entwickeln. Sie taten das im Spiel, die erwachsenen Männer hielten richtige Wettkämpfe ab, die viele Zuschauer anlocken konnten.

Sport war für die Wikinger ein Vergnügen, aber nicht nur das. Beim Steinheben und -werfen, Wettlauf, Weitsprung, Bogenschießen, Speerwerfen und Fechten, beim Bergsteigen und Schwimmen maßen sie mit Vorliebe ihre Kräfte, trainierten zugleich aber auch ihre Kräfte für den Kampf Mann gegen Mann im Krieg.

Von einem vielbewunderten Fürsten hieß es, daß er acht Sportarten meisterhaft beherrscht habe und den norwegischen Wikingerkönig Olaf Tryggvason würden wir heute bestimmt als " Supersportler "  bezeichnen. Er konnte u.a. außenbords über die Riemen seines Drachenschiffs laufen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, während seine Männer ruderten. Mit drei scharfen Schwertern jonglierte er und warf mit beiden Händen gleichzeitig zwei Speere, um danach noch einen heranzischenden feindlichen Speer sicher abzufangen. Für die schneereichen skandinavischen Winter hatten die Wikinger als alltägliches Fortbewegungsmittel Skier aus Holz, mit denen sie auch Laufwettkämpfe veranstalteten. Auf Schlittschuhen aus Tierknochen glitten sie über die zugefrorenen Eisflächen von Flüssen und Seen.

Durch archäologische Forschungen wissen wir, daß die Wikinger groß und schlank waren. Nicht selten erreichten sie eine Größe von 1,80 m. Fremde bewunderten häufig ihre körperliche Schönheit und Größe.

Nicht nur durch körperliche Fitness sollte ein Mann sich Achtung unter seinesgleichen erwerben, sondern auch, indem er Furchtlosigkeit, Zuverlässigkeit und Treue bewies. Klugheit und Redegewandtheit im Gespräch der Männer und in der Beratung auf dem Thing (= Ding = nordgermanische Gerichts- und Volksversammlung) steigerten sein Ansehen.

Die Wikinger waren lebensfroh und liebten Vergnügungen und Feste. Das Julfest mitten im Winter dauerte 12 Tage. Die Männer vermummten sich, zogen mit Masken vor dem Gesicht lärmend herum und trieben allerhand Schabernack. Zur Sommersonnenwende wurde ebenfalls ausgiebig gefeiert und den Göttern für die Ernte durch Opfer gedankt. (siehe Kapitel: Götter). Gutes und reichliches Essen sowie ein starker Mettrunk, an dem man sich tüchtig berauschen konnte, machten die Feste erst richtig schön.

Außerdem gehörte auch Unterhaltung durch gute Geschichten und kunstvolle Gedichte dazu. Die Sänger und Dichter hießen " Skalden " . Ein Skalde war ein wandernder Dichter, ebenso hoch geachtet wie ein tüchtiger Krieger. Die Skalden dienten oft bei Fürsten, die sie in Lob- und Preisliedern verherrlichten. Sie genossen Redefreiheit und durften ungestraft loben und tadeln.

Wer die hohen Werte der Wikinger verriet, verfiel der Ächtung durch die freien Männer wie etwa der treulose  " Hroskil " , dessen Schandtat sogar in einer Inschrift auf einem Runenstein  anderen Männern zur Lehre " verewigt " wurde: " Aber Hroskil verriet das Vertrauen eines Mannes, dem er durch Eide verpflichtet war. "

 

                                                   

                                                      

  Die Götter der Wikinger

 

Die Wikinger hatten eine ganz andere Religion als die Christen, von denen sie als  "paganos "  ( Heiden ) bezeichnet wurden. Aus den Isländersagas und den Liedern des Buches der " Edda " , die der isländische Geschichtsschreiber Snorri Sturlusson schrieb, wissen wir, daß ihre Religion die gesamte skandinavische Gesellschaft beherrschte. Die Wikinger glaubten an eine vielfältige Götterwelt. Für jeden Lebensbereich gab es einen "zuständigen" Gott oder eine Göttin, um deren Schutz und Segen man sich durch entsprechende Opfer bemühen mußte. Während die christliche Religion auf Nächstenliebe, Demut und Frieden mit Gott und den Menschen gegründet ist, enthielt die Religion der Wikinger viele Elemente des Streites und Kampfes, weil das ihren Lebenserfahrungen entsprach.

Die Welt war für die Wikinger der Schauplatz eines Dramas mit dunklem Ausgang: Nicht ewig ist die Welt, auch die Götter sind es nicht. Weder sind sie vollkommen noch schuldlos. Sie verkörpern Stärke, Härte und handeln oft aus Eigennutz - genau wie die Menschen. Seit dem Ursprung der Zeiten ist das Leben der Götter durch äußere und innere Feinde bedroht, auch in der Götterwelt gibt es Verhängnis, Meineid, Folter und Streit. Irgendwann wird es zum letzten Kampf der Götter mit den lebenden Mächten kommen. Im " Ragnarök "  , dem Weltuntergang, werden die Erde, die Götter und alle Lebewesen vernichtet. Für diesen letzten Kampf rüsten die Götter schon. Auf ihrer Seite werden die tapfersten Menschenkrieger kämpfen und mit ihnen umkommen.

Die Welt glaubte man aus den Gliedern des Riesen " Ymir "  geschaffen. In ihrem Mittelpunkt wächst die Weltesche " Yggdrasil " . Bei ihr leben die drei Nornen " Urd " ,  "Skuld "  und " Verdandi " , die das Schicksal der Götter und Menschen bestimmen.  "Midgard "  heißt der Teil der Welt, in dem die Menschen wohnen, in " Utgard "  leben die feindlichen Riesen, die Götter leben in " Asgard " . Dort befindet sich " Walhall " , Wohnsitz und Kriegerhalle " Odins "  und dorthin bringen die " Walküren " , Odins Töchter, auf seinen Befehl, die in ehrenvollem Kampf gefallenen tapferen Krieger, die  "Einherier "  heißen. Sie werden mit Odin, dem ranghöchsten Gott, im Ragnarök untergehn.

Odin ist eine schreckenerregende, dämonische, machtvolle Gestalt. Als Ahnherr aller Götter hat er auch die Menschen geschaffen. Am Strand fand er zwei Bäume, die er zum Leben erweckte. Der eine wurde ein Mann, der andere eine Frau. Odin ist einäugig. Er opferte ein Auge, um vollkommende Weisheit zu erlangen, und fand die magischen Runen, indem er sich selbst neun Qualnächte hindurch an der Weltesche aufhängte. Alle, die Rat und Hilfe brauchen, rufen ihn an. Er besitzt den Speer " Gungnir " , der jedes Ziel trifft, nach dem er geworfen wird. Am Arm trägt er den Zauberring " Draupnir " , von dem jede Nacht acht andere Ringe tropfen, die ebenso schwer sind wie Draupnir selbst.

Er reitet den achtfüßigen grauen Hengst " Sleipnir " , der schneller läuft als alle anderen Pferde auf der Welt. Seine beiden Raben " Hugin " ( Gedanke ) und " Munin "  (Erinnerung) ) begleiten ihn und sitzen auf seiner Schulter. Jeden Morgen sendet er sie aus und mittags kommen sie zurück und berichten ihrem Herrn, was sie in der ganzen Welt gesehen haben.

" Thor "  ist der Sohn Odins und der stärkste der Götter. Er wird oft " der fahrende Gott "  genannt, weil die Menschen glauben, daß er mit seinem von zwei Ziegenböcken gezogenen Wagen über den Himmel fährt. Wenn die Menschen diesen Lärm hören, sprechen sie vom " Dröhnen Thors "  oder vom Donner. Thor wird deshalb auch " Donar "  genannt. Er besitzt den Hammer " Mjölnir " , den ihm die kunstfertigen Zwerge geschmiedet haben. Er kann ihn so groß oder so klein machen, wie er will. Mjölnir trifft immer, wenn er geworfen wird und kommt darauf von selbst in die Hand Thors zurück.

Die Wikinger verehrten noch besonders " Njörd " , den Gott, der das Meer beherrscht, Winde und Feuer bezwingen kann und dessen beide Kinder " Freyr "  und " Freya " , die Götter der Fruchtbarkeit. " Freitag "  hat übrigens nichts mit " frei "  zu tun, sondern an diesem Tage verehrte man Freyr. " Tyr " , der Kriegsgott, war für die kriegerischen Wikinger ein sehr wichtiger Gott. Er ist der tapferste der Götter. Seine Lanze dient ihm als Waffe im Kampf, zugleich ist sie aber das Zeichen seiner ritterlichen Gewalt, denn er schützt das Recht in der Versammlung der Freien.

Die Wikinger dienten ihren Gottheiten an besonders schönen und geheimnisvollen Orten in der Natur: an heiligen Quellen, Teichen, Bäumen oder Hainen. Dort brachten sie ihnen Feldfrüchte und Tiere dar. Man kannte noch das Menschenopfer, das als höchstes Opfer galt. Nach einem Sieg war es üblich, gefangende Feinde als Dankopfer für die Hilfe der Götter zu töten. Das Opfer war ein religiöses Fest der gesamten Gemeinschaft. Berufspriester, wie die Christen sie haben, kannte man nicht. Die priesterische Aufgabe übernahmen die vornehmsten Männer der jeweiligen Gemeinschaft. Dies konnte entweder der Familienvater, der Heerführer, der Jarl oder beim vornehmsten Opfer der König selbst sein.

 

                                                     

                                                       

Recht und Gesetz

 

Das Thing war in der Wikingerzeit überall in Skandinavien das grundlegende politische Beschlußorgan. Es war die Öffentliche Versammlung aller freien Männer eines Bezirkes. Sie waren verpflichtet, persönlich zu erscheinen oder einen Stellvertreter zu senden. Wer unentschuldigt fehlte, konnte mit einer Geldbuße belegt werden. Die Thingversammlung tagte ein- bis zweimal monatlich unter freiem Himmel, um über wichtige Angelegenheiten zu beraten, Gesetze zu beschließen und Recht zu sprechen.

Die Alten oder der Gesetzessprecher leiteten die Versammlung. In voller Freiheit beriet das Thing z.B. über königliche Gesetze und konnte ihnen zustimmen oder sie auch ablehnen. Kläger trugen dem Thing ihre Rechtsstreitigkeiten vor. Man kannte kein Verhör und die Angeklagten verteidigten sich selbst. Nach eingehender gemeinsamer Beratung fällte die Versammlung den Urteilsspruch.

Es gab keine Gefängnisse, Gesetzesbrecher konnten nicht eingesperrt werden. Sie mußten je nach Schwere der Tat eine Buße bezahlen. Wer sich des Todschlags schuldig gemacht hatte, mußte " Wergeld " ("wer" = germanisch " Mann " - also " Manngeld " ) an die Sippe des Getöteten bezahlen. Für bestimmte Verbrechen gab es als Strafe die Verbannung auf Zeit. Bei schwersten Verbrechen, z.B. Mord während einer erklärten Waffenruhe, setzte das Thing die schlimmste Strafe fest: Der Straftäter wurde für "vogelfrei" erklärt, war damit geächtet, verlor seinen Besitz und alle Rechte eines Freien. Jeder durfte ihn straflos töten.

Das Thing besaß keine Machtmittel, um seine Beschlüsse durchzusetzen. Nach dem Urteilsspruch mußte die geschädigte Partei das festgesetzte Bußgeld selbst eintreiben. Jedermann fühlte sich aber moralisch verpflichtet, die Entscheidungen des Thing zu befolgen und durchzuführen.

Die Mehrheit der Streitigkeiten wurde allerdings nicht vor das Thing gebracht. Die meisten Männer zogen es vor, die Streitigkeiten selbst zu regeln, z.B. mit Hilfe ihrer Sippenangehörigkeit. Oft kam es vor, daß sich zwei Feinde  entschlossen, ihren Streit durch einen Zweikampf oder " Holmgang "  zu entscheiden. Dies war ein Kampf nach strengen Regeln auf Leben und Tod, der auf einem einsam gelegenen Platz, z.B. auf einer Insel ( Holm ) ausgetragen wurde. Seinen Ausgang sah man als Gottesurteil an. Diese Form des Zweikampfes wurde von König Knut dem Großen von Dänemark (996-1035) verboten.

 

                                        

                                   

   Wikinger als Schiffsbauer und Seefahrer

 

Für die Wikinger gab es Gründe genug, in See zu stechen und das Glück  außerhalb der Heimat zu suchen. Dort hatten sich die Lebensverhältnisse zu Beginn der Wikingerzeit verschlechtert. Die Bevölkerung war gewachsen und das nutzbare Land knapp geworden. Die Wikinger hatten viele Kinder - auch deshalb, weil es einem Mann gestattet war, neben seiner Ehefrau auch noch eine oder mehrere Nebenfrauen zu haben. Hoferbe konnte nur jeweils der älteste Sohn werden, die anderen Söhne gingen leer aus und mußten ihr Auskommen auf andere Weise suchen.

Auch die Politik erschwerte das Leben in der Heimat. Blutige politische Kämpfe zwischen den Adligen und Königsfamilien um die Vergrößerung von Herrschaftsgebieten und Ausweitung der Macht über Menschen haben viele freiheitsliebende Männer veranlaßt, zeitweilig auf Wikingerfahrt zu gehen oder für immer auszuwandern. Auch Männer, die das Thingrecht zur Strafe für begangene Freveltaten zum Verlassen der Heimat verurteilt hatte, gründeten fern der Heimat neue Wohnsitze.

In der Gesellschaft der Wikinger besaß ein reicher Mann hohes Ansehen. Reichtum, am besten ganz handfest als Gold- oder Silberschatz, war für sie ein sichtbares Zeichen, daß ihre Götter dem glücklichen Besitzer dieser Kostbarkeiten ihre Gunst schenkten. Für die heidnischen Wikinger war es keine Schande, wenn ein Mann sich auf Raub- und Plünderungsfahrten Reichtum verschaffte, im Gegenteil: man hielt ihn dann gerade für besonders mutig und tüchtig.

Die Mächtigen im Lande organisierten im Laufe der Wikingerzeit immer größere Flotten- und Kriegsverbände, um ihren Reichtum durch Piratenzüge und offenen Krieg zu mehren. Solchen Fürsten und Königen schlossen sich viele freie junge Männer als Gefolgsleute an - in der Hoffnung auf Abenteuer, Ruhm, Reichtum und später auch Landzuteilungen.

Und noch was war wichtig: Den Wikingern war das Meer vertraut wie niemandem sonst und sie konnten die besten Schiffe in Europa bauen. Die wikingischen Fernhändler berichtete in der Heimat von den neuerstandenen wohlhabenden Handelszentren an Küsten und Flußläufen in Europa. Für die nordischen Abenteurer war es eine unwiderstehliche Verlockung, auf ihren schnellen Schiffen dorthin zu fahren, um sich durch einen überraschenden Überfall  mit den Kostbarkeiten und Gütern ohne Bezahlung einzudecken.

                            

Wie die Schiffe der Wikinger in Wirklichkeit ausgesehen hatten, wie sie gebaut waren und welche Fahreigenschaften sie besaßen, wußte man viele Jahrhunderte gar nicht mehr. Man konnte über sie nur etwas erfahren über Saga-Texte oder Abbildugnen. Genauere Vorstellungen erhielt man erst, als 1880 in einem Grabhügel am Oslofjord das  "Gokstadschiff "  und 1904 ganz in der Nähe dieses Fundes, ein weiteres kostbares Grabschiff, das " Osebergschiff "  entdeckt wurden. Beides waren einstmals kostbare Schiffe gewesen, bevor sie ihren fürstlichen Besitzern nach deren Tod als Grabschiffe dienten.

Das " Gokstadschiff "  war als Schiffstyp so etwas wie ein " Allroundschiff " , für Handelsfahrten, Raubzüge oder Kolonisationszwecke gleichermaßen zu gebrauchen. Lange Zeit glaubte man, die Wikinger hätten überhaupt nur einen einzigen Schiffstyp gekannt. In alten Quelltexten aus der Wikingerzeit las man aber noch von einem anderen Schiffstyp, der viel kräftiger gebaut war und mit dem man die Hochseefahrten unternahm. Nur konnte man sich nicht vorstellen, wie diese Schiffe ausgesehen hatten. Um 1960 entdeckten dann aber dänische Archäologen auf dem Grund des Skuldelev - Fjordes bei der dänischen Stadt Roskilde die Überreste von fünf Wikingerschiffen, die man dort zum Schutz der Stadt als Seesperre versenkt hatte.

Die Schiffe waren alle unterschiedlich gebaut, denn sie hatten in ihren guten Zeiten ganz verschiedenen Zwecken gedient. Unter den Schiffen waren eine kleine Fähre, ein kleines und ein großes Handelsschiff, ein kleines und ein großes Kriegsschiff. Am aufregensten waren für die Archäologen die Schiffswracks 1 und 2. Wrack 2 war einst ein schnelles Kriegsschiff von ca. 28 m Länge und 4,5 m Breite. Mit 20 - 25 Ruderpaaren ausgerüstet, war dies ein " Langschiff "  gewesen, der gefürchtete Kriegsschiffstyp der Wikinger, geeigent für ihre Englandfahrten.

Wrack 2 war ein ganz anderer Schiffstyp. Er war ein kräftig gebautes Hochseesegelschiff, stabil genug, für die Handelsfahrten der Wikinger-Kaufleute und Großbauern über das Meer und den Transport der Auswanderer auf die altantischen Inseln, nach Island und Grönland. Dies war nun der Schiffstyp, den man lange gesucht und nun endlich gefunden hatte, der sagenhafte " Knorr " .

Deutsche und dänische Wissenschaftler haben auf ähnliche Weise wie im Skuldelev - Fjord in den Jahren 1979/80 aus dem Hafen der ehemaligen Wikinger-Hauptstadt  "Haithabu "  im heutigen Schleswig - Holstein die Überreste eines sehr wertvollen Wikinger-Kriegsschiffs geborgen und Teile eines großen " Knorr " , der noch im Wasser  des Hafens liegt.

Das Schiff ist wahrscheinlich beim Kampf um Haithabu in Brand gesetzt worden und brennend gesunken. Die qualitätvollen Materialien, die perfekte Baukunst lassen vermuten, daß der Besitzer dieses einstmals hervorragenden und superschnellen Schiffes niemand anderes gewesen sein kann als der dänische König selbst. Durch die Erforschung beider Schiffsfunde haben die Wissenschaftler viele neue Erkenntnisse über den wikingerzeitlichen Schiffbau hinzugewonnen.

                               

                            

Der wikingerzeitliche Schiffbau wurde von Spezialhandwerkern durchgeführt. Unter Leitung eines Schiffbaumeisters arbeiteten Zimmerleute, Plankenhauer, Stevenschmied, Nagelschmied und eine Reihe einfacher Arbeiter. Für den Bau eines Schiffes gab es keine schriftlichen Pläne. Man arbeitete nach Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Augenmaß. Bevorzugtes Baumaterial war Eichenholz, aber auch Kiefer wurde viel verbaut, dazu das Holz der Esche, Erle, Birke, Weide und Linde. Nachdem man im Sommer die passenden Bäume ausgewählt hatte, fällt man sie im Winter. Über den gefrorenen Boden ließen sich die schweren Stämme dann leichter zum Schiffsbauplatz tranportieren.

Die wikingischen Bootsbauer kannten keine Säge. Alles benötigte Holz wurde mit der normalen Axt oder der Breitaxt wenn nötig millimetergenau, bearbeitet. Für den Schiffbau war das besonders vorteilhaft: das Holz gebeilter Planken ist nämlich viel stärker als gesägtes Holz, weil es seine natürliche Elastizität bewahren kann. So konnten leichte, aber sehr stabile Schiffe gebaut werden. Auch der keilförmige Zuschnitt der Planken war hervorragend geeigent für die typische Klinkerbauweise aller Wikingerschiffe, bei der die Planken so montiert wurden, daß sie sich dachziegelartig überlappten.

Allen Wikingerschiffen war gemeinsam, daß sie " doppelspitz "  gebaut waren, d.h. Bug und Heck waren nicht verschieden, sondern symmetrisch geformt. Am leicht gebogenen Kiel, den man zuerst auflegte, wurden als genau gleich geformte Enden Vorder- und Achtersteven angelascht. Nachdem man dieses Grundgerüst als " Rückrat "  des Schiffes gebaut und an beiden Enden abgestützt hatte, befestigte man die einzelnen Plankengänge ( jede Schicht von Planken nennt man " Plankengang") einander überlappend ( in Klinkerbauweise ). Die Planken wurden miteinander durch Eisennieten verbunden. Die Fugen zwischen den Planken wurden kalfatert, d.h. , man dichtete sie mit geteerten Schnüren aus Tierhaar ab, um den Schiffskörper wasserdicht zu machen.

Die Wikinger bauten ihre Handelsschiffe zwar wie die Kriegsschiffe in gleicher Technik, gaben ihnen aber entsprechend ihrer unterschiedlichen Verwendung jeweils ein ganz anders Aussehen. Ein Handelsschiff wurde als besonders kräftiges und robustes Segelschiff konstruiert. Ein großes Rahsegel an einem stabilen Mast gab dem Schiff den Antrieb. Es konnte 100 Quadratmeter Segelfläche haben und war meistens aus Wolle.

Auf einem Handelsschiff fuhr normalerweise nur eine kleine Mannschaft mit: je nach Größe des Schiffes etwa vier bis zwölf Mann. Nirgends an Bord des offenen Schiffes gab es für sie einen Schutzraum gegen Wind, Wetter und See, denen sie bei jeder Hochseefahrt mehrere Tage und Nächte lang ausgesetzt waren.

Kriegsschiffe mußten besonders schnell sein, sei es beim Angriff oder auch auf der Flucht vor einem überlegenen Gegner. Deshalb wurden sie auf Schnelligkeit gebaut, also besonders leicht, lang und schmal. Während das Längen-Breiten-Verhältnis eines viel rundlicher gebauten Handelsschiffes etwa 4:1 betrug, hatten Kreigsschiffe meistens ein Längen-Breiten-Verhältnis von 7:1 und konnten in der Regel doppelt so schnell laufen wie Handelsschiffe. Das Haithabu-Kriegsschiff hat sogar ein Längen-Breiten-Verhältnis von 10:1 und muß wie ein Schnellboot der Wikingerzeit mit 10-12 Knoten über die Wellen der Ostsee geflitzt sein.

Kriegsschiffe waren ebenfalls mit Mast und Segel ausgerüstet, wurden aber bei Flaute und widrigen Winden, beim Angriff oder Landen sowie auf der schnellen Flucht von ihrer zahlenmäßig starken Mannschaft gerudert. Sie hatten je nach Größe eine Besatzung von 35 bis über 60 Mann. Den Mast konnte man umlegen, was im Kampf die Regel war. Über die gesamte Länge des Schiffes waren deshalb Ruderpforten in die Bordwand eingelassen. Anders als die Handelsschiffe hatten diese auch durchgehende Decksplatten. Die Krieger saßen beim Rudern auf ihren eigene Seekisten. Darin bewahrten sie ihre persönliche Habe und ihr Raubgut auf.

Ihre Schilde zurrten sie bei hohem Seegang auf der Reling fest. Auch im Kampf wurden die Schilde auf diese Weise aufgesetzt. Zusätzlich zum " Antifouling-Anstrich "  mit Holzteer wurden kostbare und wichtige Kriegsschiffe mit Farbe bemalt - beliebt waren die Farben Gelb und Rot - und mit Schnitzwerk verziert. Einige besaßen Galionsfiguren in Form furchterregender Drachenköpfe auf den Steven.

                         

                                

 

Die Wikinger waren die einzigen Seefahrer im frühen Mittelalter, die es wagten, weitab von jeder Landmarke zu segeln. Obwohl sie noch keinen Kompaß und keine Uhr besaßen und kaum andere navigatorische Hilfsmittel, schafften sie es dennoch und sogar ziemlich regelmäßig, lange Seefahrten nach Island und Grönland durchzuführen, bei denen tagelang kein Land in Sicht war. 

Die Wikinger wandten, wenn sie weite Strecken des offenen Meeres durchsegeln mußten, das " Breitengrad-Segeln "  an. Dabei kam es bei der Abfahrt auf drei wesentliche Dinge an: Man mußte die Küste am richtigen Punkt, bei günstigem Wind und mit dem richtigen Kurs verlassen. Wollte man beispielsweise nach Island, mußte man von Nidaros/Trondheim, Norwegen abfahren und möglichst genau nach Westen segeln. Die Seeleute beobachteten tagsüber den Sonnenstand und richteten ihren Kurs in klaren Nächten nach dem Polarstern.

Sie benutzten wahrscheinlich eine hölzerne Peilscheibe mit einer senkrechten Nadel zur Bestimmung der Sonnenhöhe und einer waagerechten Nadel, die den Kurs angab. War der Himmel dunstig bewölkt, bedienten sie sich für die Bestimmung des Sonnenstandes möglicherweise des geheimnisvollen " Cordierit-Steines " , der seine Farbe ändert, wenn man ihn in Richtung Sonne hält. Im Übrigen richteten sich die Seeleute nach vielen Zeichen und Merkmalen. Sie beobachteten den Verlauf der Wellen, den Zug der Wale, Farbe und Wuchs des Seetangs sowie Wolkenbildung über unsichtbaren Inseln.

Der größte Teil der Seefahrt der Wikinger war allerdings weniger sensationell, nämlich Küstenschiffahrt. Hier war die Navigation kein großes Problem. Sie segelten möglichst nah an der Küste entlang.

                           

                             

 

Für Mannschaft und Passagiere war das Leben an Bord hart, strapaziös und gefährlich. Während der Fahrt waren sie ständig Regen, Sonne, Wind und Wetter ausgesetzt, weil es keinen Schutzraum auf den offenen Schiffen gab. Bei der Küstenschiffahrt konnte man wenigstens abends ankern und an Land gehen, um dort zu kochen.

Viel anstrengender war die Hochseefahrt. Die Schiffe wurden in aller Regel aus Kostengründen vollbeladen, so daß man sich an Bord während der Fahrt kaum rühren konnte. Auf einem Knorr fanden etwa 30 Personen Platz, dazu Vieh, Futterheu und Proviant für die Menschen. Es gab während der gesamten Fahrt keine warme Mahlzeit, denn an Bord eines Wikingerschiffes durfte niemals ein Feuer entfacht werden.

Man ernährte sich von haltbarem Reiseproviant: Trockenfisch, Pökelfleisch, Dauerquark, Knäckebrotfladen und getrockneten Beeren. Wasser wurde in Fässern oder Ledersäcken mitgenommen. Die Besatzung schlief Nachts häufig zu zweit in Pelzsäcken, in denen man tagsüber Geschirr, Waffen und andere Gegenstände aufbewahrte.

 

                                           

                                     

   Wikinger als Räuber und Plünderer

 

Am 8. Juni 793 n. Chr. im Kloster des heiligen Cuthbert auf der Insel Lindisfarne vor der Küste Nordostenglands. Die Mönche dort lebten seit der Gründung des Klosters schon 150 Jahre in Frieden und Sicherheit auf dieser Insel; denn sie waren durch einen starken Gezeitenstrom auf natürliche Weise gegen Überfälle von Land geschützt. Niemand konnte am Morgen ahnen, welch schreckliches Unglück über das hochberühmte Heiligtum hereinbrechen würde.

Am Vormittag erschienen von See her nordische Kriegsschiffe und landeten am flachen Sandstrand. Heraus stürmten schwerbewaffnete Männer, die mit ihren Äxten und Schwertern die arglosen Inselbewohner überfielen und alle töteten, derer sie habhaft werden konnten. Die Tiere schlachteten sie ab, sie plünderten das Kloster aus, raubten den Kirchenschatz und alles Kostbare. Dann steckten sie die Klosteranlage in Brand. 

Ebenso rasch, wie sie gekommen waren, verschwanden sie. Sie fuhren mit ihren schwer mit Beute beladenen Schiffen auf die See hinaus. Zurück blieb eine Stätte der Verwüstung. Am Morgen sah man nur noch rauchende Trümmer, wo vorher ein blühendes Kloster stand und die meisten Inselbewohner waren umgekommen.

Der Überfall auf das Kloster ist das Musterbeispiel eines typischen Wikingerangriffs. Das Element der Wikinger war das Meer. Von dort her entwickelten sie ihre Angriffe. Gekämpft wurde aber an Land. Bei ihren Angriffen verließen sich die Wikinger auf die überlegenden Eigenschaften ihrer Schiffe. Sie lagen so niedrig auf dem Wasser, daß man sie von Land aus meist erst sichten konnte, wenn es für Abwehrmaßnahmen bereits zu spät war.

Durch die Kontakte zu ihren skandinavischen Fernhändlern, die in ganz Europa herumkamen, hatten die Räuber ein europaweit funktionierendes Informationsnetz mit neuesten Nachrichten zur Verfügung. Sie wußten auch immer über die Zwistigkeiten ihrer Gegner Bescheid und nutzten das für ihre Aktionen. Die nordischen Kriegerscharen vermieden die offene Feldschlacht. Wenn es an der Küste Verteidigungsstellungen gab, wie Karl der Große sie gegen die Seeräuber aufbauen ließ, griffen sie diese nicht an, weil sie hier nämlich mit heftigem Widerstand zu rechnen hatten. Lieber umgingen sie solche Stellungen und suchten an anderer Stelle nach leichter zu ereichbarer Beute.

                                                

                                                         

                                                     

Waffen der Wikinger

  

In der Wikingerzeit mußte jeder Krieger für seine Waffenausstattung selbst sorgen. Daher gab es darin große Unterschiede zwischen den Reichen und vornehmen Kriegern und den einfachen Männern. Der einfache Mann besaß wahrscheinlich nur eine Axt, zumeist die schwere Streitaxt. Das zweischneidige Langschwert war eine teure, kostbare Waffe für die adligen und reichen Krieger.

Die besten - bruchsicheren und scharfen - Klingen schmiedeten fränkische Waffenschmiede im Rheinland. Ihre Stahlklingen besaßen die Güte heutigen Messerstahls. Den Namen eines der besten Schwertfeger kennen wir sogar, weil er seine Klingen mit seinem Namen " Ulfberth "  signierte.

Neben dem Langschwert wurde auch der Sax, das einschneidige kurze Hiebschwert, benutzt und als Wurfwaffe, die jeder immer am Gürtel trug, der kleine messerartige Sax. Der Speer war die am häufigsten benutzte Hieb- und Stoßwaffe. Auf einem langen, kräftigen Stiel war eine drei- oder vierschneidige Stahlspitze montiert.

Fernwaffe war der Bogen. Viele Wikinger konnten ihn meisterhaft handhaben, weil sie schon von Kindheit an beim Spiel und auf der Jagd im Bogenschießen geübt waren. Neben der Zielgenauigkeit war auch möglichst schnelles Schießen im Kampf erforderlich. Meisterschützen sollen es fertiggebracht haben, 20 Pfeile in der Minute abzuschießen.

Schutzwaffen war vor allem die Schilde, runde Holzscheiben mit einem eisernen Schildbuckel in der Mitte als Schutz für den dahinterliegenden Handgriff. Kettenpanzer aus Stahl wurden äußerst selten getragen, weil sie wegen der schwierigen Herstellung unwahrscheinlich teuer waren. Die Krieger trugen normalerweise Leder- oder Fellwesten als ziemlich notdürftigen Schutz. Niemals haben Wikinger Helme mit Hörnern getragen !

                                          

                                              

                                          

  Der Wikingersturm auf Europa

  

Zu Beginn der Wikingerzeit gab es in Europa drei große Machtzentren: das Frankenreich, das Emirat der muslimischen Araber von Cordoba in Spanien und im Südosten das mächtige Byzantinische Kaiserreich mit der kulturellen " Welthauptstadt" Konstantinopel. Alle drei Reiche waren damals wohlorganisiert und verteidigungsfähig. Kaiser Karl der Große hatte in seinen letzten Regierungsjahren noch eine wirksame Küstenverteidigung zwischen Rhein- und Seinemündung geschaffen. Er ließ eine Abfangflotte bauen und an den großen Flußmündungen Flottenstützpunkte anlegen. Beides schreckte die Seeräuber ab.

Viel leichter dagegen kamen die nordischen Drachenschiffpiraten in dieser frühen Zeit auf die britischen Inseln zum Ziel ihrer Wünsche, denn das Land war aufgeteilt in mehrere kleine Königreiche, die häufig miteinander in Streit lagen.

In den ersten Jahrzehnten wollten die Piraten soviel Kostbarkeiten wie möglich an sich raffen. Die Norweger spezialisierten sich auf den Norden Englands und auf Irland, die Dänen auf den Süden Englands. Nach jahrzehntelang andauernden Überfällen ließen sich die dänischen Wikinger eine neue Methode einfallen, durch die sie bequemer noch mehr Geld bekamen.

Nachdem sie die ansässige Bevölkerung in Furcht und Schrecken vor den zu erwartenden Kriegsgreueln bei einem Angriff ihrerseits versetzt hatten, boten sie ihr an, den Frieden durch eine hohe Summe Lösegeldes zu erkaufen. Darauf ließen sich notgedrungen die gequälten Menschen ein und Jahr für Jahr flossen riesige Summen von sogenannten " Danegeld "  als Tribut an die Dänen. Als das Land wirtschaftlich ausblutet, nichts mehr zu holen war und im Gebiet des " Danelag "  Ostengland von London bis York von Wikingern beherrscht wurde, gingen diese schließlich 876 zu einer neuen, dritten Phase der " Wertschöpfung "  über. Sie wurden nämlich auf dem eroberten Land selbst Siedler.

In Frankreich entwickelten sich die Dinge nach und nach ähnlich. Einige Zeit nach dem Tode Karl des Großen verfiel die Königsmacht im Frankenreich und mit ihr endete die Reichseinheit. Damit waren den wikingischen Scharen auch hier Tür und Tor geöffnet. 834 wurde Dorestad, der internationale Handelsplatz an der Rheinmündung und eine der reichsten Handelsstädte Europas, geplündert. 

Um 845 segelte eine große Wikingerflotte die Elbe aufwärts und plünderte das schlecht verteidigte Hamburg. Im gleichen Jahr plünderten die Wikinger Paris und die Stadt mußte sich für die unerhörte Summe von 7000 Pfund Silber freikaufen.

Zur Mitte des 9. Jahrhunderts siedelte sich ein Teil der Wikinger in allen Gegenden des Frankenreichs an. Von den Franken wurden sie zum Teil als Söldner angeworben, um die Küste gegen andere Wikinger zu verteidigen. 885 griffen 30.000 dänische Wikinger erneut Paris an, das nur von einem kleinen Heer von 200 Reitern verteidigt wurde. Die Dänen besetzten beide Seinufer und belagerten das Stadtzentrum, die " Ile de la Cité " , acht Monate lang.

Aber es gelang ihnen nicht, den Widerstand der Verteidiger zu brechen. Schließlich begannen die Wikinger auch im Frankenreich - ebenso wie in England - sich anzusiedeln. Diese dritte Phase der dauerhaften Siedlungsnahme begann hier 911.

Im 10. Jahrhundert war es entlang der Küste Westeuropas und Englands verhältnismäßig ruhig. Doch gegen Ende des Jahrhunderts brach der Wikingeransturm erneut los und schlimmer als je zuvor. Nun stellten sich dänische und norwegische Könige selbst an die Spitze. 1013 unterwarf der dänische König Sven Gabelbart ganz England. Sven starb bereits 1014, aber sein Sohn Knut der Große eroberte die Königsmacht zurück und herrschte als König bis zu seinem Tod 1035 nicht nur über Dänemark sondern auch über England, Norwegen und Schweden. Der letzte dänische König auf dem englischen Königsthron war Hardeknud, der 1042 starb.

 

                                     

                                           

  Die Wikinger als Siedler/Erik der Rote

 

Erik der Rote mußte mit seinem Vater 970 die norwegische Heimat verlassen. Den beiden war der Boden in der Heimat nicht zu knapp, sondern zu heiß geworden. Wegen Totschlags hatte das Thing sie für friedlos erklärt und zur Verbannung verurteilt. Also beluden sie ihren Knorr mit all ihrer beweglichen Habe, segelten über das Meer nach Island und nahmen sich dort neues Land.

Gutes Land bekamen sie dort allerdings nicht mehr, weil in Island schon seit mehr als 100 Jahren viele Skandinavier angesiedelt hatten und die besten Ländereien bereits in festen Händen waren. Eriks Vater starb bald darauf und Erik ging es auf Island nicht viel besser als vorher in Norwegen. Einige Jahre später wurde er wiederum zweimal in Händel mit seinen Nachbarn verwickelt, es kam wieder zu Totschlag im Streit und das isländische Thing verurteilte ihn erneut zur Friedlosigkeit für drei Jahre.

Wenn er nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte, mußte er zumindest für die 3 Jahre Island verlassen. Auf der Suche nach gutem Siedlungsland lockte ihn die Erforschung eines bis dahin unbekannten Landes im Westen von Island, das der Isländer Gunbjörn gesichtet hatte. Dieses Land, " Gunbjörn-Schären "  genannt, wollte Erik auffinden und in den drei vor ihm liegenden Jahren der Verbannung erforschen. So rüstete er seinen Knorr aus und verließ im Frühjahr 982 mit 15 Männern und einigen Sklavinnen an Bord Island. Was er fand war: Grönland !

Manches war in Grönland anders als heute. Das Land lag zu Eriks Zeit noch 7 m höher über dem Meeresspiegel und die Durchschnittstemperatur war um 3 Grad wärmer. So waren das Klima milder und Pflanzenwuchs reicher als heute. Ganz systematisch wurden die Küsten und Fjorde Grönlands abgefahren und erkundet auf der Suche nach dem besten Siedlungsland. Im zweiten Sommer fand Erik tief im Inneren eines Fjords, der nach ihm Eriksfjord genannt wurde, das für ihn selbst geeignete Land und nahm es feierlich in Besitz.

Erik kehrte 985 nach Island zurück und berichtete den Daheimgebliebenen über das erforschte Land, dem er wie ein moderner Werbefachmann einen vielversprechenden Namen gegeben hatte: Grönland = Grünes Land. Erik wollte auf Grönland siedeln und möglichst viel Isländer gewinnen, mit ihm dorthin auszuwandern. Sein Bericht hatte den gewünschten Erfolg.

Als Erik im Jahr darauf mit seiner Familie, seinen Haustieren und der beweglichen Habe in Richtung Grönland Island verließ, fuhren auf 24 weiteren Schiffen mehr als 500 Menschen als Auswanderer mit ihm. Von den 25 Schiffen erreichten nur 14 Grönland, die anderen gerieten in einen furchtbaren Sturm, ausgelöst durch ein Meeresbeben, blieben verschollen oder trieben zurück nach Island. Die meisten Überlebenden ließen sich an der geschützten Ostküste nieder. Ein Teil der Auswanderer fuhr weiter nach Nordwesten und gründete 700 km entfernt die sogenannte Westsiedlung.

Erik hatte zwei Ziele erreicht: Er hatte Siedlungsland gefunden und war als Erforscher Grönlands und Anführer der Auswanderer der Oberhäuptling der neuen Siedlungsgemeinschaft geworden, der Jarl auf Grönland.

 

                                                

                                                   

Die Entdeckung Amerikas

 

Die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger hat eine ganz ähnliche Vorgeschichte wie die Entdeckung und Erkundung Grönlands. Im Jahre 996 wurde der isländische Kaufmann Bjarni Hjerlufson mit seinem Knorr auf der Fahrt von Island nach Grönland durch Sturm und Nebel von seinem Kurs abgebracht und das Schiff weit nach Südwesten versetzt. Bjarni konnte erkennen, daß er zu weit südlich war und steuerte dann einen Kurs, der ihn tatsächlich nach Grönland zurückbrachte.

Dreimal sichtete er dabei Land, ohne es zu betreten, und hatte damit zufällig als erster Wikinger die Neue Welt entdeckt, was er allerdings nicht wußte.

In der Eriksfamilie auf Grönland berichtete er von seinen Beobachtungen. Davon war Leif, Eriks ältester Sohn, so fasziniert, daß er einige Jahre später beschloß, selbst auf Erkundungsfahrt zu dem von Bjarni entdeckten Land aufzubrechen, nachdem er Bjarni seinen großen Knorr abgekauft hatte.

Leifs Route führte an Labrador vorbei, das er " Markland " ( Waldland ) nannte, nach Neufundland. Dies war das Land, dem er den berühmten Namen " Vinland " ( Weinland ) gab, und das kam so: Auf Leifs Schiff fuhr nämlich sein deutscher Ziehvater Tyrkir mit und ausgerechnet er war es, der bei einem Erkundunsgang an Land wilde Weintrauben fand.

Er wußte, was er da gefunden hatte, denn in seiner Jugend hatte er im Rhein-Mosel-Gebiet Weinreben wachsen gesehen. Wie Leif später berichtete, fanden sich auch " Korn, das sich selbst aussäte " , und Bäume so hoch, daß sich daraus Häuser bauen ließen. In diesem gesegneten Land beschlossen sie zu überwintern und bauten sich große Hütten, die noch von den Verwandten Leifs, die später nach " Vinland "  fuhren, als Quartiere benutzt wurden. Im nächsten Jahr beendete Leif die Expedition und fuhr zurück nach Grönland.

 

                                           

                                          

Begegnung Wikinger und Indianer

 

Im Jahr von Leifs Heimkehr 1003 starb Erik der Rote und Leif als ältester Sohn trat seine Nachfolge als Jarl der Siedlung an. In den folgenden Jahren unternahmen Leifs Brüder Thorwald und Thorstein nacheinander Fahrten nach Vinland. Thorwalds Männer begegneten erstmals den dort lebenden Indianern, die sie verächtlich " Skaelinge "  (Schwächlinge) nannten. Diese Überheblichkeit sollten sie bald bereuen. Nachdem Thorwalds Männer im Wald acht schlafende Indianer grundlos getötet hatten, griffen die Indianer den Knorr an und Thorwald, der als einziger ungeschützt hoch im Schiff am Ruder stand, wurde durch einen Pfeilschuß getötet.

Seine Männer begruben ihn in Neufundland und kehrten nach Grönland zurück, wie er ihnen sterbend befohlen hatte. Zwischen 1009 und 1011 versuchten Leifs Verwandte Karlsefni und Gudrid mit einer Reihe von Begleitern noch einmal, im milden Klima Vinlands eine Siedlung zu gründen. Aber bald gerieten auch sie mit den Indianern in Konflikt. Deshalb brachen sie ihren Siedlungsversuch ab und kehrten anch Grönland zurück. Ob es noch weitere Versuche, in Vinland zu siedeln, gegeben hat, wissen wir nicht mit Bestimmtheit. Noch lange Zeit aber hat man vom holzarmen Grönland aus Holzfahrten in die Neue Welt unternommen.

Über die Ursache des Endes der Wikingersiedlung auf Grönland rätseln noch die Forscher. Um 1350 fand man in der Westsiedlung, die dort einst blühenden Höfe verlassen, aber noch herrenlose Haustiere wie Pferde und anderes Vieh. Einige Zeit später waren offenbar auch die Lebensbedingungen für die Menschen in der Ostsiedlung geschwunden, so daß auch diese verwaiste und sich dort wieder menschenleere Einöde ausbreitete, wie sie vor Eriks Expedition geherrscht hatte.

 

                                                   

                                                     

  Handel in der Wikingerzeit

 

In der Wikingerzeit bildete sich ein weitgespanntes Netz internationaler Handelsbeziehungen. Der jetzt neu entstandene Beruf des Fernhändlers war für kaufmännisch geschickte Wikinger sehr attraktiv. Ein wichtiges Handelsgut aus Skandinavien war Fisch, den man haltbar machte. Damit hatte man längere Zeit haltbare Nahrung zur Verfügung, in einer Zeit ohne Kühlschränke. Die Christen in Mitteleuropa mußten viele Fastentage im Jahr einhalten, an denen sie kein Fleisch, sondern höchstens Fisch essen durften. Stockfische und Salzheringe waren für sie eine begehrte Fastenspeise.

Wikingische Händler waren mit ihren großen Knorren oder kleineren Handelsschiffen an den bedeutensten Handelsplätzen in ganz Europa zu treffen. Sie importierten Silber aus dem Orient und verkauften im Gegenzug Sklaven und Pelze. Unter besonders günstigen Bedingungen konnte sich ein Saisonmarkt zu einer andauernd bewohnten Marktsiedlung fü den Fernhandel, dem Wik, entwickeln. Einer der wichtigsten Wikorte war Haithabu. Es lag im Süden des dänischen Reiches und wurde zu einem zentralen Handelsplatz der Wikingerzeit.

 

 

                                       

  Wie wurde Haithabu wiederentdeckt?

 

Viele Jahrhunderte lang wußte man nicht mehr, wo Haithabu, die berühmteste Handelsstadt der Wikingerzeit, eigentlich gelegen hatte. Haithabu war nämlich nach seiner Zerstörung durch ein slawisches Heer im Jahr 1066 entgültig von den meisten seiner Bewohner verlassen und nicht wieder aufgebaut worden. Im Laufe der Zeit verödete die Stadt, und ihre Bauwerke, die ja alle aus Holz errichtet waren, vergingen vollständig. Da entdeckten um 1900 eine deutsche Archäologin und ein dänischer Archäologe bei Forschungsarbeiten an einer innersten Bucht der Schlei, am Haddebyer Noor bei Schleswig, den Siedlungsplatz der alten Wikingerstadt.

Seither haben dort mehr als 100 deutsche und ausländische Wissenschaftler/innen die Geschichte dieses frühen Handelszentrums erforscht. Man hat Ausgrabungn in der Siedlung durchgeführt und den Hafen untersucht. Von seinem Grunde haben Taucher viele großartige Funde ans Licht geholt und es ist den Wissenschaftlern gelungen, das Wrack eines ehemals sehr wertvollen Wikingerkriegsschiffs vollständig aus dem Wasser zu bergen. Durch diese Forschungsarbeiten haben wir inzwischen eine gute Vorstellung darüber, wie die Menschen einstmals in dieser frühen Stadt gelebt haben.

                             

                              

 

Haithabu lag wie die Spinne im Netz im Schnittpunkt aller wichtigen Handelswege Nordeuropas an der schmalsten Stelle Jütlands auf der Schleswiger Landenge, die eine Landbrücke zwischen Nord- und Ostsee bildet. Von der Ostsee aus gelangten die Händler mit dem Schiff direkt zu der Stadt über die fjordähnliche, tief in das Landesinnere hineinreichende Schlei.

Wollte man von Haithabu aus dann auf der Ostsee weiterfahren, ging man dort an Bord eines anderen Handelsschiffes, das die gewünschte Route befuhr. Wir wissen, daß von Haithabu aus jede Woche Schiffe zu wichtigen Ostseehandelsplätzen fuhren. Man ersparte sich durch diese Transitstrecke die gefährliche und zeitraubende Umfahrung Jütlands, was von Vorteil war, denn auch in der Wikingerzeit galt bereits die Devise:  "Zeit ist Geld " .

Schließlich lag Haithabu in nächster Nähe zu einer wichtigen Handelsstraße. Wenige Kilometer westlich verlief der " Heerweg " . Dies ist der Name für eine uralte Handelsstraße, die von Jütland durch Norddeutschland bis ins Rheinland führte. Auch die Ansiedlungsbedingungen waren für die Menschen, die sich in Haithabu niederlassen wollten, sehr einladend. Der größte Teil des Siedlungsplatzes hatte Sandboden. Dies war ein ideales Baugelände. Ein Bach durchfloß die Siedlung und versorgte die Menschen mit Trink- und Brauchwasser. Das sanft abfallende Ufer war für die flachen Schiffe der Wikingerzeit ein geeigneter Schiffslandeplatz, deshalb sprach sich unter den Kaufleuten schnell herum, welch ausgezeichneter Rastplatz dieser " Ort auf der Heide "  (dän. = Haithabu )  für sie war und wie bequem man die Waren im Ost-West-Handel umschlagen konnte.

                                 

                                   

 

Die Entwicklung Haithabus zum bedeutensten Wikingerhandelsplatz hat am meisten der dänische König Göttrik ( gest. 810 ) gefördert. Göttrik war eine eigenwillige und machtbewußte Herrscherpersönlichkeit und arbeitete ebenso rücksichtslos wie zielstrebig darauf hin, seine Königsmacht zu stärken. Er hatte den Zusammenhang von Macht und Geld begriffen. Um seine Macht auszubauen brauchte er Geld, das die Bauern durch ihre geringen Steuerabgaben nicht aufbringen konnten. Wohl aber die Kaufleute. Für eine Erlaubnis, in seiner Stadt Handel zu treiben, mußten die Kaufleute dem König Zölle und Abgaben entrichten. Oftmals war auch eine Klausel vereinbart, nach der dem König die kostbarsten Waren und Luxusgüter zuerst angeboten werden mußten, er also eine Art Vorkaufsrecht ausüben und damit die größten Gewinne selbst machen konnte.

Die Kaufleute waren es also, die den König zum reichen Mann machten. Für sie war der königliche Schutz auch äußerst wichtig. Fernkaufleute waren durch ihre kostbaren Waren besonders gefährdet. Deshalb erließ der König Gesetze zu ihrem Schutz.

Um seine königlichen Einnahmen in Haithabu zu verbessern, ging Göttrik übrigens ausgesprochen " wikingisch "  vor. 808 überfiel er auf einem Feldzug mit seiner Flotte den slawischen Handelsort Rerik, der Haithabu Konkurrenz machte, und brannte ihn nieder. Die dort ansäßigen Kaufleute, die ihm tributpflichtig waren, deportierte er einfach, d.h. mit all ihrer Habe mußten sie mit ihm fahren und sich fortan in Haithabu ansiedeln. Mit Haithabu entstand Anfang des 9. Jahrhunderts die früheste Stadt in Nordeuropa.

                        

                                 

 

Immer wieder haben die dänischen Könige z.T. gemeinsam mit den Einwohnern im Laufe der Jahrhunderte große Anstrengungen unternommen, die Siedlung für die Bewohner zu einem sicheren Aufenthaltsort zu machen. Schon ihre Lage - weitab von der Küste und dennoch gut von See aus erreichbar - war in der kriegerischen Wikingerzeit vorteilhaft.

Überraschungsangriffe von See konnte es kaum geben, ohne daß die Einwohner von Haithabu frühzeitig gewarnt worden wären. Im Süden war die Stadt durch das  "Danewerk "  geschützt. Das war ein System großer Verteidigungswälle, das man mehrfach verstärkte und ausbaute. Haithabu selbst wurde durch einen halbkreisförmigen Stadtwall mit drei stark bewachten Toren befestigt. Trotz dieser sehr guten Verteidigungsanlagen ist Haithabu mehrfach von fremden Mächten erobert und auch zerstört worden. 1050 verbrannten die norwegischen Wikinger König Haralds des Harten Haithabu.

Im Jahr 1066 wurde die gerade wiederaufgebaute Siedlung erneut erobert und niedergebrannt, diesmal von slawischen Truppen. Die überlebenden Bewohner haben danach die Stadt nicht wieder aufgebaut, sondern sich auf das gegenüberliegende Schleiufer zurück gezogen, wo die Stadt Schleswig, die es heute noch gibt, Nachfolgerin Haithabus wurde.

                                     

                                              

                                                

  Leben und Krankheit in Haithabu

 

 

Für manche ist die Wikingerzeit so etwas wie die " gute alte Zeit " , in der die Menschen noch im Einklang mit der Natur lebten, sich natürlich ernährten und kleideten, keine Zivilisationskrankheiten kannten, keine Umweltsünden begingen usw. Aber schon ein Blick auf die Lebenserwartung der damaligen Menschen dürfte uns nachdenklich machen, ob diese Ansicht richtig ist. 

Im Vergleich mit uns Heutigen, die wir eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 80 Jahren haben, wurden die Menschen damals nicht alt. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung erreichte ein Lebensalter von 30, höchstens 40 Jahren. Die meisten starben schon im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Die Kindersterblichkeit war hoch und sehr viele Säuglinge überstanden die ersten Lebenswochen nicht.

Das lag an den harten und kargen Lebensverhältnissen, den täglichen Strapazen, der mangelnden Hygiene und dem geringen medizinischen Wissen. Gegen Infektionskrankheiten gab es keine Hilfe, chronische Krankheiten konnte man nicht behandeln, und wer z.B. kariöse Zähne hatte, mußte sich lebenslang auf das damit verbundene Leiden einstellen. Kälte, Nässe, mangelhafte Kleidung und die verräucherte Luft in den Häusern setzten den Menschen zu. Unterernährung durch immer wiederkehrende Missernten und darauf folgenden Hungersnöten schwächten ihre Widerstandskraft.

In einer Stadt wie Haithabu, wo viele Menschen und Tiere auf engem Raum zusammenleben mußten, vermehrte sich alles Ungeziefer gewaltig. Müll, tierischer Mist, Kot und Urin, Abfälle aller Art brachte man nicht vor die Stadt, sondern schichtete einfach alles neben die Häuser auf große Misthaufen. Wir können und nur schwer vorstellen, in welch ständigem Gestank und Lärm die Menschen gelebt haben. Wie sehr sie unter Läusen gelitten haben müssen, beweisen uns die unzähligen Kämme, die bei Ausgrabungen gefunden wurden.

Der Kamm war das wichtigste Hygieneinstrument Erst als kaum mehr Platz für den Müll in der Siedlung war, kippte man den meisten Abfall von den Schiffsbrücken ins Noor. Man hatte nicht bedacht, daß durch eine " Müllverklappung "  im Hafen dort die geringe Wassertiefe mehr und mehr abnahm, bis größere Schiffe hier nicht mehr anlegen konnten. Man zerstörte also damit die wirtschaftlichen Lebensbedingungen, die auf den Schiffsverkehr angewiesen waren.

 

                                        

                                      

  Hacksilber und das Handwerk der Wikinger

 

 

Der Handelsraum der Wikinger war riesengroß, er reichte vom Kaspischen Meer über Russland nach Zentral- und Westeuropa bis ins Mittelmeergebiet, umfasste ganz Skandinavien und die Inseln im Nordmeer. Überall aber galten andere Zahlungsgewohnheiten und Zahlungsmittel. Im Fränkischen Reich und in den arabischen Kalifaten hatten die Wikinger Münzwährungen kennengelernt und rasch begriffen, wie problemlos und elegant sich damit ein Handel begleichen ließ und wie umständlich und altmodisch dagegen der in Skandinavien noch übliche Tauschhandel war.

Weil sie aber noch lange Zeit keine größeren Mengen eigener skandinavischer Münzen zur Verfügung hatten, ließen sie sich eine sehr praktische Lösung des Problems einfallen: Sie erfanden das Gewichtsgeld ! Währungsmetall war das Silber, das sie entsprechend dem vereinbarten Kaufpreis auf einer sehr präzise wiegenden kleinen Kaufmannswaage abwogen. 

Als Silber nahmen sie vor allem ausländische Münzen, meistens arabische, in Zahlung, die sie, wenn nötig, in Stücke brachen, um das vereinbarte Silbergewicht des Kaufpreises genau passend zu machen. Findet man heute bei Ausgrabungen Münzschätze mit solchen zerhackten Münzen sprechen die Wissenschaftler von " Hacksilber " . Übrigens erkannte der dänische König bald, daß eine königliche Münzwährung auch für ihn, der die Münzen prägen lassen konnte und dafür Abgaben erhob, eine gute Einnahmequelle sein müßte, und richtete in Haithabu um 825 die erste Münzstätte Nordeuropas ein. Aber diese frühen " Haithabu-Münzen " haben sich noch lange Jahre nicht gegenüber dem von den Wikingern überall benutzten " Gewichtsgeld "  durchsetzen können.

                               

                                 

 

Überall auf dem Lande war es während der Wikingerzeit noch üblich, die benötigten Gebrauchsgegenstände in der Hausgemeinschaft selbst herzustellen. Als Spezialhandwerker brauchte die Bevölkerung nur den Schmied. In den neu entstandenen Städten zur Wikingerzeit reichten nun aber vielen wohlhabenden Kunden, die qualitätvollere und schönen Gebrauchsgegenstände wünschten und diese auch bezahlen konnten, wenn sie zu bekommen waren, die einfachen nicht mehr aus.

Daher ergaben sich mit einem Mal ganz neue Möglichkeiten für spezialisierte Handwerker. Sie konnten ihre Produkte den Stadtbewohnern und darüber hinaus auch den Reisenden und Händlern anbieten, die auf dem städtischen Markt ja nicht nur verkaufen, sondern sich auch selbst mit neuer Ware für ihre Kundschaft versorgten. In der Stadt ließ sich für gute Handwerksarbeit gutes Geld verdienen.

Eine Stadt wie Haithabu wirkte auf die wikingerzeitlichen Handwerker wie ein Magnet. Es entstanden dort immer mehr spezialisierte Handwerkszweige. Die Kammmacher stellten aus den Rohmaterialien Geweih oder Knochen die schönsten Kämme, Haarnadeln, Messergriffe, Würfel und Spielsteine her. Die Bernsteinarbeiter fertigten aus Bernstein und tiefschwarzem Gagat ( Pechkohle ) Perlen, Anhänger und andere Schmuckstücke.

Glasmacher konnten die vielfältigsten Formen von Glasperlen für Schmuckketten erzeugen, dazu Gläser und Glasgegenstände. In der Stadt arbeiteten Holzschnitzer, Drechsler, Gerber, Textilfärber, Schiffbauer, Grob- und Feinschmiede, Goldschmiede und Glockengießer.

                              

                                       

 

Die Wikinger besaßen viel Sinn für Schönheit und schätzten mit Ornamenten verzierte Gebrauchsgegenstände mit denen sie ihren Alltag verschönten. Die besten Kunsthandwerker arbeiteten an Königs- und Fürstenhöfen und auch in einem Handelszentrum in Haithabu.

Hochentwickelt war die Webkunst. Man konnte Bildteppiche und Wandbehänge weben, für die man aufwendig gefärbtes, vielfarbiges Garn verwendete. Meistens beschäftigten sich die vornehmen Frauen der Jarle und selbst die Königinnen mit den allerfeinsten Näh- und Webarbeiten. Auch unter den Holzschnitzern gab es Meister. Die schönsten Holzschnitzarbeiten kennen wir aus dem Osebergfund. Bei den Ornamenten mußten auch die kleinsten Einzelheiten mit der größten Sorgfalt ausgeführt werden.

Das Lieblingsmotiv der Wikinger in der Ornamentik war ein Fabeltier, das mit seinen kräftigen Klauen stets nach etwas greifen mußte: in den umgebenden Rahmen, nach einem Tier oder sogar nach sich selbst. Das war das Greiftier. Dieses Phantasietier war eine gelungene Mischung aus Löwe, Schlange und Drache, immer in Bewegung, unheimlich, kraftvoll, kühn und manchmal auch lustig. Das Monster gefiel den Wikingern großartig, weil es so gut zu ihnen und ihrer Welt passte. Über Jahrhunderte haben sich die nordischen Künstler mit diesem Wesen beschäftigt und es immer wieder verändert.

Nach den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Greiftiers werden die Kunststile der Wikinger benannt. Die frühesten Greiftiere aus dem 9. Jahrhundert haben einen sehr großen Kopf und sind entweder plumpe oder bandförmige Gestalten, die überallhin greifen (Berdal-Stil). Bei späteren Greiftieren fallen deren Mickeymaus-Ohren auf (Borre-Stil). Darauf kommen schlangenartig langgestreckte Tiere in Mode (Jellinge-Stil), im 10. Jahrhundert erhalten die Tiere fächerförmige Spiralen an Kopf und Schwanz (Mammut-Stil) und ganz am Ende der Wikingerzeit erscheinen im 11. Jahrhundert schlanke, anmutig graziöse Tiere mit spitzem Kopf (Urnes-Stil).

                                     

                                                             

                                                              

   Die Runenschrift

 

 

Die Wikinger waren keine Analphabeten, sondern hatten eine eigene Schrift. Ihre Schriftzeichen heißen Runen. Zur Wikingerzeit waren sie schon viele Jahrhunderte alt. Das Wort " Rune "  bedeutet soviel wie " Geheimnis " . Das deutsche Wort "raunen" ist mit Rune verwandt. Ursprünglich sind die Runen von runenkundigen Männern und Frauen wohl nur für magische Zwecke benutzt worden. 

Auch in der Wikingerzeit glaubte man noch an geheimnisvolle Kräfte der Runen und  nutzte sie als zauberkräftige Zeichen, um Verborgenes, Zukünftiges zu erfahren.  Das Runenalphabet hatte 16 Zeichen. Jede Rune hat sowohl einen Namen als auch einen Lautwert.  Da man mit nur 16 Zeichen nicht alle Laute der Sprache schreiben konnte, sind heute Runentexte oftmals schwer zu lesen. Außerdem galt für die Runenschrift keine festgelegte Schreibrichtung. Man durfte Runen von links nach rechts oder sogar auf dem Kopf stehend schreiben.

Die einzelnen Runenzeichen setzten sich aus senkrechten Strichen und schräg abstehenden " Zweigen "  zusammen. Deshalb konnte man mit Runen besonders gut Inschriften auf Holz, Metall, Knochen oder Stein anbringen. Runen wurden auf Amulette, Waffen, Kämme usw. geschnitzt. Heute findet man noch überall dort, wo Wikinger einst angekommen sind, Runenschriften.

Überall in Skandinavien kann man heute noch uralte Runensteine, die als Gedenksteine dienten, finden. Einen der berühmtesten Runensteine, den Skarthi-Stein von Haithabu, ließ der dänische König Sven Gabelbart für einen seiner treuesten Gefolgsleute errichten, der im Kampf um Haithabu gefallen war. Der Runentext lautet:  "König Sven setzte diesen Stein für Skarthi, seinen Gefolgsmann, der nach Westen gefahren war, aber nur den Tod fand bei Haithabu. "

Thorulf, einer der Gefolgsleute König Svens, setzte für seinen lieben Freund Erik, der auch in diesem Kampf gefallen war, einen Runenstein mit der Inschrift: " Thorulf, der Gefolgsmann Svens, errichtete diesen Stein für seinen Genossen Erik, der den Tod fand, als die Krieger Haithabu belagerten, und er war Steuermann, ein sehr angesehener Krieger. "

Es ist wenig bekannt, daß die Runenschrift schon im Alltagsleben von den Wikingern für vielerlei Mitteilungen regelmäßig benutzt wurden. Wie viele Wikinger lesen und schreiben konnten und wie sie es lernten, wissen wir nicht. Man schrieb anfangs nicht auf Papier, sondern schnitt die Mitteilungen in kleine längliche Holzstäbchen ein. Dies war sehr praktisch. Man brauchte dazu nur ein Messer und geeignete Zweige. Ein weiterer Vorteil: Die Mitteilungen mußten wegen der Kürze der Stächen kurz wie heutige Telegramme bleiben.

Hunderte solcher Holzstäbchen, sogenannte " rúnakefli "  wurden bei Ausgrabungen gefunden. Sie enthalten kaufmännische Notizen, Kaufverträge, aber auch Liebesbriefe und sogar königliche Verordnungen. Um möglichst einfach solche kurzen Mitteilungen im täglichen Leben notieren zu können, hatten wahrscheinlich Kaufleute aus Haithabu  eine Runen-Schnellschrift entwickelt, für die sie besondere Runenformen, die  "Kurzzweigungen "  geschaffen hatten.

 

                                               

                                             

  Wie wurden die Wikinger Christen?

 

 

Auf ihren Reisen begegneten die Wikinger auf vielerlei Weise dem Christentum. Von ihren Raubzügen in den Westen Europas brachten sie nicht nur christliche Kultgegenstände und Kunstschätze mit, sondern auch christliche Sklaven. Im Westen lernten sie Christen der römisch-katholischen Kirche, im Osten Christen der griechisch-orthodoxen Kirche kennen, die einen unterschiedlichen Gottesdient abhielten.

Vieles an der christlichen Religion war für Wikinger schwer zu verstehen. Statt an viele Götter sollten sie fortan nur an einen Gott glauben, der sowohl Vater, Sohn und Heiliger Geist war, dazu an die Unsterblichkeit der Seele und an das Jüngste Gericht, an dem man für die guten und bösen Taten belohnt oder bestraft werden würde. Man mußte als Christ dem Priester regelmäßig Kirchensteuer bezahlen, ein Zehntel des Verdientes, was viel war, und jeden Sonntag die Heilige Messe in der Kirche besuchen.

Da für Christen alle Menschen vor Gott gleich waren, sollten die christlichen Toten ohne alle Beigaben bestattet werden und die Sklaverei war ganz und gar verboten. Wenn man Blutrache für ein getötetes Sippenmitglied nahm, war das für Christen keine ehrenvolle Handlung, sondern eine schwere Sünde. " Sünde "  , dieser Bgriff war für die Wikinger gänzlich unbekannt, ihn zu verstehen überhaupt das Allerschwerste am Christentum. Christus war kein Heldenkönig mit großartigem Kampfesmut, sondern ausgezeichnet vor allen Menschen durch seinen Leidensmut.

Aber die Wikinger sahen auch, wie reich und mächtig die christliche Kirche überall war und glaubte ohne weiteres, daß der Christengott ein starker und mächtiger Beistand sein müsse. Da sie recht tolerant und vor allem praktisch und auch gefallsüchtig (eitel) dachten, waren sie durchaus daran interessiert, sich den Beistand des neuen kraftvollen Christengottes zu sichern. Diejenigen, die sich in den christlichen Ländern, wie z.B. Irland, England und der Normandie, angesiedelt hatten, übernahmen recht schnell die neue Religion.

In ihrer Heimat selbst kamen die Wikinger bald schon mit christlichen Missionaren in Berührung. Haithabu war das Tor, durch das die christliche Religion nach Skandinavien einzog. Der dänische König Horich erlaubte Ansgar, dem Erzbischof von Hamburg, in Haithabu im Jahre 849 die erste christliche Kirche Nordeuropas zu bauen und gab ihm auch ein Stadtgrundstück für seine Priesterwohnung. Von hier aus begann Ansgar die Missionierung Skandinaviens. Er wurde nach seinem Tode heiliggesprochen und erhielt den Beinamen " Apostel des Nordens " .

König Horich fühlte sich zwar persönlich zum Christentum hingezogen, hatte aber auch ganz praktisch an den wirtschaftlichen Vorteil gedacht, die ihm eine christliche Gemeinde in Haithabu bringen würde. Er hoffte, daß christliche Kaufleute Mut und Vertrauen fassten, nach Haithabu zu kommen und Handel zu treiben, wenn sie erführen, daß es dort eine Christengemeinde gäbe. Horichs Erwartungen erfüllten sich auch, der Handel in Haithabu nahm einen gewaltigen Aufschwung, obwohl die Christengemeinde am Ort noch fast 100 Jahre lang klein blieb.

Das änderte sich erst, als es den christlichen Missionaren gelang, die Könige und Fürsten Skandinaviens zum Christentum zu bekehren. Das Volk richtete sich danach und nahm den selben Glauben an wie seine Herrscher. Als der berühmte dänische König Harald Blauzahn, der sich 965 hatte taufen lassen, im Jahre 986 starb, wurde ihm in Lellinge, Jütland, ein großer Gedenkstein errichtet mit der Inschrift: " Er eroberte ganz Dänemark und Norwegen und machte die Dänen zu Christen " .

Während in Norwegen der Wikingerkönig Olav Tryggvason das Christentum nach 995 mit Gewalt einführte, ging die Christianisierung Islands ganz friedlich vor sich. Mit dem Christentum wurden in Skandinavien neue Lebensregeln und Gesetze eingeführt und das Königtum gestärkt. Jetzt begann auch in der Heimat der Wikinger das christliche Mittelalter. Die große Zeit der Wikinger war vorbei.

 

 

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