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HEXEN UND HEXENWAHN

    (von cat7211)

 

 

Einleitung                                                                                                    

Die Rolle der Zauberei in alter Zeit                                                       

Wie dachten die frühen Christen über Zauberei?                                     

Was war die Inquisition?                                                                            

Wann und wo begann die Hexenverfolgung?                                                 

Wie entstand der Hexenwahn?                                                                  

Teufelspakt / Hexensekte                                                                              

Hexenflug, Hexensabbat und  Hexentanz                                                     

Was versteht man unter "Schadenzauber"                                                  

Was sind "Hexenhammer" und "Hexenbulle"  

Die Wirklichkeit der Hexenprozesse

Was sind " Hexenproben" ?

Folter in Hexenprozessen

Urteile in Hexenprozessen

Hexenverbrennung

Martin Luther und die Hexen

Der Hexenwahn

Die Gegner des Hexenwahns

Das Ende des Hexenwahns            

Schlußwort                                      

 

                                                                            

 

Einleitung

Während des 12. und 13. Jahrhunderts traten in Oberitalien, Südfrankreich, am Rhein und anderswo neue Glaubensgemeinschaften auf, deren weitere Ausbreitung die damals allmächtige Papstkirche schließlich nur mit Gewalt verhindern konnte. Während dieses Abwehrkampfes drängte sich den kirchlichen Ketzerjägern ein furchtbarer Verdacht auf:  die Sektierer, die jetzt überall ihr Unwesen trieben, waren gar keine gewöhnlichen Irrgläubigen, wie man sie seit Jahrhunderten kannte, sondern Mitglieder einer großen Verschwörung. Einer Verschwörung, die nichts Geringeres im Schilde führte als die Ausrottung des christlichen Glaubens.

Oberhaupt dieser Verschwörung sei - das hatten viel Angeklagte unter der Folter zugegeben - der Teufel selbst, der seineAnhänger füür den Kampf gegen Gott und Kirche mit Zaubermacht ausstattete und sie zu unsäglichen Schandtaten anstiftete. In diesem Wahn wurden die kirchlichen Verfolgungsbehörden noch durch christliche Gottesgelehrte bestärkt, die den Pakt zwischen Mensch und Teufel, den intimen Verkehr der Dämonen, die Verwandlung von Menschen in Tiere, den Flug durch die Luft und andere Phantastereien zu gesicherten Tatsachen erklärten. Auf solchem Nährboden aus Gewalt und Aberglauben entstand, Schritt für Schritt, jene blutige Massenhysterie, die wir heute als " Hexenwahn " bezeichnen.

                          

                                        

  Welche Rolle spielte Zauberei in alter Zeit?

Wir modernen Menschen haben uns daran gewöhnt, die Welt mit den Augen der modernen Naturwissenschaften zu sehen: kühl und sachlich. Selbst die eindrucksvollsten Schauspiele der Natur: Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme usw. betrachten wir ohne das abgrundtiefe Grauen vor dem Unbekannten, das die Menschen früher dabei empfanden. Denn wir wissen, hinter all diese Naturerscheinungen stecken weder Gott noch der Teufel, noch irgendwelche bösen Geister. Heute sieht sich der moderen Mensch immer weniger als Opfer der Natur.

Das empfanden sie Menschen im Altertum, im Mittelalter und noch in der frühen Neuzeit ganz anders. Für sie war die Welt ein abgrundtiefes Geheimnis. Weil sie nicht begreifen konnten, was um sie herum und mit ihnen geschah, weil sie nicht begreifen konnten, was das eigentlich war: Gewitter, Flut, Hagel, Dürre, Siechtum, Pest usw. Heute haben wir Kenntnis über die Kräfte der Physik, die wir begreifen und messen können.

Damals schrieben die Menschen Geisteskrankheit, Alpträume und die Naturkatastrophen den dunklen Mächten zu: Göttern und Halbgöttern, Feen und Elfen, Teufeln und Dämonen, Gespenstern und umherirrenden Seelen, die ihr Reich in der Luft, unter der Erde und im Wasser hatten. Diesen Wesen fühlten sich die Menschen ausgeliefert, denn von ihrem Wohlwollen oder Zorn konnten Glück oder Unglück, Gesundheit oder Krankheit, Leben oder Tod abhängen.

Zu einem solchen vor-wissenschaftlichen Weltbild gehörte auch der Glaube an Zauberei und Zauberer. Dahinter steckte die Vorstellung, es müsse doch Mittel und Wege geben, mit der Dämonenwelt in Verbindung zu treten. Daß dies grundsätzlich möglich sei, daran zweifelte niemand. Allerdings bedurfte es dazu besonderer Fähigkeiten und Kenntnisse. Die besaßen nur wenige. Diese wenigen aber konnten gute und böse Geister herbeirufen, in ihren Dienst zwingen und mit ihrer Hilfe große Macht erlangen: Zaubermacht.

Natürlich wurde solche Zaubermacht als etwas Unheimliches empfunden. Deshalb begegnete man Zauberinnen und Zauberern mit ehrfürchtiger Scheu, zuweilen auch mit Mißtrauen. Trotzdem galten sie nicht von vornherein als böse. Im Gegenteil. Bei Naturvölkern und in allen anderen Kulturen genossen sie als Priester, Wahrsager, Ärzte oder Teufelsaustreiber hohes Ansehen.

Mit ihrer Hilfe konnte man zurück in die Vergangenheit oder voraus in die Zukunft blicken. Und ihre übernatürlichen Fähigkeiten konnte man sich zunutze machen, wo menschliche Kräfte versagten. Noch zur Zeit der großen Hexenjagden gab es an vielen europäischen Fürstenhöfen berühmte " Magier " und " Schwarzkünstler ", die ihr geheimnisvolles Handwerk im Auftrag der Obrigkeit ausübten.

Doch wehe dem Zauberer, der in Verdacht geriet, seine Macht zu mißbrauchen. Vielleicht hatte es in seiner Nähe ein Viehsterben oder ein Unwetter gegeben. Plötzlich gingen Gerüchte um. Ein solcher Verdacht konnte für den Zauberer gefährlich werden. Denn befand man ihn für schuldig, " Schadenzauber " begangen zu haben, dann erwarteten ihn harte Strafen.

Im Römischen Kaiserreich entsprachen die Strafen für " Schadenszauber " der Schwere ihrs Verbrechens. Gab man einem die Schuld am Tode von Menschen, dann wurde er selbst getötet - in der Regel durch Verbrennen. Ähnlich verfuhren die Germanen und die Kelten. Bei ihnen mußten Zauberer, die Schäden an Sachen angerichtet hatten, den Schaden ersetzen. Hatten sie aber nach Ansicht der Richter Menschen krank gezaubert oder gar getötet, dann büßten sie am Galgen oder, wie bei den Römern, auf dem Scheiterhaufen.

Zusammengefasst: In alter Zeit war Zauberei weit verbreitet und nicht verboten. Angeklagt und eventuell bestraft wurde nur, wer anderen mit seinen Zauberkräften Schaden zufügte. Aber solche Vorwürfe waren selten.

                        

                            

Wie dachten die frühen Christen über Zauberei?

Der Siegeszug des Christentums ging einher mit einem erbitterten Kampf gegen die heidnische Götterwelt. Um diesen Kampf bestehen zu können, brauchte man klare Feindbilder. Die Gottesgelehrten der frühen Christenheit, allen voran der berühmte Bischof Augustinus von Hippo ( 354 - 430 ), schufen diese Feindbilder, indem sie die heidnischen Götter kurzerhand zu teuflischen Dämonen erklärten und den Umgang mit ihnen streng verboten.

Trotzdem hielten viele Zauberer insgeheim am überkommenen Brauchtum fest. Nach wie vor benutzten sie die alten heidnischen Zaubersprüche und die alten heidnischen Kultstätten, um sich nach Vätersitte die alten Götter dienstbar zu machen. Die Kirche betrachtete dieses heimliche Treiben mit wachsendem Mißtrauen. Sie warnte die Gläubiger vor solchem Götzenkult und bedrohte diejenigen, die davon nicht lassen wollten, mit Ausschluß vom Gottesdienst.

Anderseits mißbilligten Bischöfe und Prediger die Dummheit und Leichtgläubigkeit der Menschen, die jeden faulen Zauber für bare Münze nahmen. Scharf griff der angesehende Bischof und Rechtsgelehrte Burckhard von Worms ( gestorben 1025 ) jene Zauberinnen an, die von sich behaupteten, sie flögen nachts im Gefolge der römischen Göttin Diana auf Tieren durch die Luft. Diese " verbrecherischen Weiber " , so der Bischof in einem weltverbreiteten Buch, seien vom Teufel verführte Lügnerinnen. Die Priester sollten ihren Gemeinden die Unsinnigkeit solcher Hirngespinste einschärfen.

Die frühe Christenheit nahm also gegenüber der Zauberei eine zwiespältige Haltung ein. Einerseits witterte man dahinter verkapptes Heidentum und schritt energisch ein. Andererseits empfand man vieles von dem, was Zauberer behaupteten und taten, als Humbug und Sinnestäuschung. Alles in allem hielt die Kirche die Augen offen, sah jedoch keinen  Anlaß, die Zauberei planmäßig zu verfolgen. Doch das sollte sich bald ändern.

                      

 

Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden im christlichen Abendland eine Reihe kirchenkritischer Glaubensgemeinschaften. Die meisten von ihnen konnten sich jedoch nicht lange behaupten. Nur zwei wuchsen zu mächtigen Reformbewegungen heran: die Katharer ( die " Reinen "; von ihnen leitet sich das Wort " Ketzer " ab ) und die Waldenser ( benannt nach ihrem Gründer Petrus Waldensis ) . Beide spielten für die Einstellung der Kirche zur Zauberei und damit für die Entstehung des Hexenwahns eine entscheidene Rolle.

Obwohl Katharer und Waldenser sich in Glaubensfragen voneinander unterschieden, hatten sie eines gemeinsam: sie zweifelten an der Richtigkeit der geltenden kirchlichen Lehre, und sie verurteilten das Wohlleben und die Sittenlosigkeit von Bischöfen, Priestern und Mönchen. Sie selbst lebten ihren Mitmenschen ein anderes Leben vor: ein Leben in Frömmigkeit, Einfachheit und Nächstenliebe. Das überzeugte viele, und so wuchs ihre Anhängerschaft ständig, vor allem in Südfrankreich und Norditalien.

Um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert waren die Katharer zu einer mächtigen Organisation herangewachsen. Hilflos mußte die Kirche mitansehen, wie sich immer mehr Menschen von ihr abwandten. Der Versuch, mit einem großangelegten Predigtfeldzug das verlorene Ansehen wiederherzustellen, scheiterte. So griff der Papst schließlich zum letzten Mittel: zur Gewalt. Begleitet und angetrieben von päpstlichen Abgesandten, verwüstete ein französisches Ritterheer die Katharer-Gebiete im Süden Frankreichs.

Dieser Kreuzzug gegen die Katharer, ein Vernichtungskrieg von äußerster Brutalität, dauerte von 1209 bis 1229. Er hatte weitreichende Folgen - für die Besiegten ebenso wie für die Sieger. Während die eroberten Provinzen sich der Vorherrschaft des Königs von Frankreich unterwerfen mußten, versuchte die Kirche die Ursachen der Katastrophe zu ergründen. Wie konnte es geschehen, daß sie so in Bedrängnis geraten war?

Auf diese Frage fanden der Papst und seine Berater eine verhängnisvolle Antwort: Nicht die Kirche und ihre Diener hatten Fehler gemacht; nein, hier im rebellischen Süden Frankreichs mußte der Teufel am Werk gewesen sein. Unbemerkt von Bischöfen und Priestern hatte er seine ketzerischen Lehren ausgestreut: daß es nicht auf die Gebote der Kirche und feierliche Gottesdienste ankomme, sondern auf ein einfaches, gottesfürchtiges Leben und auf ein entschiedenes " Nein " zur Sünde, zum Reichtum und zur Gewalt gegen andere. Mit solchen Irrlehren hatte er die Herzen der einfachen Menschen betört und so den Abfall von der Kirche oranisiert.

Und dabei waren ihm Zauberer, Magier, Wahrsager, Losdeuter und andere Dunkelmänner zur Hand gegangen. Wollte die Kirche ihre Macht erhalten, mußte sie gegen den Teufel und seine Helfershelfer härter durchgreifen als bisher. Die Folgen dieser von Angst geprägten Überlegungen waren entsetzlich.

                     

                                                            

  Was war die Inquisition?

Unmittelbar nach der gewaltsamen Unterdrückung der Katharer in den Jahren 1231/32, begründete Papst Gregor IX. eine zentrale Kirchenbehörde zur Verdeidigung des rechten Glaubens: die päpstliche Inquisition. Das lateinische Wort " inquisito " heißt übersetzt " gezielte Untersuchung ". Damit gemeint war, daß die vom Papst eingesetzten Glaubensrichter nicht mehr, wie bisher, darauf warten durften, bis jemand von unverdächtigen Zeugen der Ketzerei beschuldigt wurde. Vielmehr waren sie von nun an verpflichtet, von sich aus nach möglichen Ketzern zu fahnden - und zwar mit allergrößtem Eifer.

Da erließ der Papst Richtlinien von unmenschlicher Grausamkeit. Danach waren alle Gläubiger verpflichtet, jeden Verdächtigen der Inquisition zu melden. Die Namen dieser Zeugen wurden vor dem Angeklagten geheim gehalten. In dem anschließenden Verfahren waren Verteidiger nicht zugelassen. Der Prozeß selbst war streng geheim. Er wurde von einem Inquisitor geführt, der Ankläger und Richter in einem war.

Gegen sein Urteil gab es keine Berufung. Geständige und reuige Angeklagte kerkerte man lebenslang ein; nicht Geständige oder Rückfälle endeten auf dem Scheiterhaufen. 1252 ergänzte Papst Innozenz IV. diese Verfahrensregeln für Inquisitionsprozesse durch die Erlaubnis, beim Verhör auch die Folter zu gebrauchen.

Für die Beurteilung der Zauberer durch die Kirche hatte der Terror der Inquisition schlimme Folgen. Denn auf Fragen, ob bei ihrem Ketzerischen Tun und Treiben nicht auch teuflischer Zauber im Spiel gewesen sein, gaben immer mehr Angeklagte unter Folter zu, daß sie sich tatsächlich mit teuflischen Dämonen eingelassen, den christlichen Glauben verleugnet und mit teuflischer Hilfe schwere Schäden angerichtet hätten.

Die Inquisitoren aber sammelten alle diese unter der Folter erpressten Aussagen und verwendeten sie als Beweis dafür, daß der Teufel seine Opfer nicht nur zum Abfall vom christlichen Glauben anstiftete, sondern sie dafür auch mit Zauberkräften belohne. So verschmolzen in den Augen der Inquisition Ketzerei und Zauberei mehr und mehr zu einem untrennbaren Ganzen. Bis am Ende dieser wahnhaften Entwicklung die Formel galt: " Ketzer = Zauberer  - Zauberer = Ketzer " .

                           

 

Wirkungsvolle Hilfe in ihrem Kampf gegen die Zauberei fand die Inquisition bei den großen Scholastikern - so nennt man die christlichen Gottesgelehrten des Mittelalters, die im 13. und 14. Jahrhundert den großangelegten Versuch unternahmen, die christliche Weltanschauung wissenschaftlich zu ordnen und geschlossen darzustellen.

Zu den Fragen, die die Scholastiker damals untersuchten, gehörte auch die nach dem Wesen der Zauberei. Beim Nachdenken darüber gingen sie von der Annahme des Kirchenvaters Augustinus  (354 - 430 ) aus, der gelehrt hatte, jede Art von Zauberei beruhe letzlich auf einem Vertrag zwischen dem Zauberer und teuflischen Dämonen. Ein solcher " Dämonenpakt " aber sei eine schwere Beleidigung Gottes. Deshalb seien alle Zauberer Verräter am christlichen Glauben und müßten als Ketzer bestraft werden.

Diese Theorie wandten die Scholastiker nun auch auf den Aberglauben des einfachen Volkes an. Selbst die harmloseste Zauberhandlung, so erklärt der berühmte Gottesgelehrte Thomas von Aquino ( 1225 - 1274 ), sei ein Dämonenpakt im Sinne des Augustinus. Und zwar auch dann, wenn dem Zauberer gar nicht bewußt sei, daß er sich dabei mit Teufeln einlasse. In diesem Falle schließe der Zauberer eben einen    "stillschweigenden Dämonenpakt ", und auch der sei, ebenso wie der gewollte, Ketzerei und gehöre mithin vor ein Inquisitionsgericht.

Darüber hinaus kamen die Scholastiker zu dem Ergebnis, daß viele der Vorstellungen, die im Volk lebendig waren, keineswegs abergläubisch sondern wahr seien. So stehe fest, daß Dämonen den Körper von Frauen annehmen und als " Succubi " (dt.: " Darunterlieger) mit Zauberern Geschlechtsverkehr haben können. Oder daß sie sich in Scheinmänner sogenannten " Incubi "   (dt.:" Darüberlieger ")  verwandeln und in dieser Gestalt Zauberinnen begatten können. Zudem seien Zauberer mit Hilfe von Dämonen imstande, durch Mischung verschiedener Elemente neue Körper hervorzubringen, zum Beispiel aus faulem Schlamm Frösche, Würmer und Schlangen. Auch lernten sie von Dämonen, wie man Stürme, Hagel und Gewitter mache.

Bei den Inquisitoren fielen solche Lehren auf fruchtbaren Boden, fanden sie doch in den gelehrten Büchern der Scholastiker Anregungen für immer neue Anklagen, die ihre Opfer dann unter der Folter " bestätigen " mußten. Und so griff mit Hilfe christlicher Gelehrsamkeit der Wahn vom verschwörerischen Treiben des Teufels, seiner Dämonen und seiner zaubermächtigen Helfershelfer immer weiter um sich.

                           

                              

Wann und wo begann die Hexen- / Zaubererverfolgung?                   

Die planmäßige Verfolgung der Zauberei durch die Inquisition begann in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Schauplatz von Prozessen dieser Art waren Südfrankreich, Norditalien und die südwestliche Schweiz. Den Anstoß dazu gab Papst Johannes XXII. ( Regierungszeit: 1316 - 1334). Schon gleich nach seinem Amtsantritt hatte dieser vom Zauberwahn besessene Greis den Bischof seiner Heimatstadt Cahors verbrennen lassen, weil er sich von ihm behext glaubte. Drei Jahre später (1320 ) wies er die Inquisitoren der südfranzösischen Bistümer Toulouse und Carcassonne an, alle Zauberer aus dem Hause Gottes auszutreiben " , ein Befehl, den er 1326 auf den gesamten Herrschaftsbereich der römisch-katholischen Kirche ausdehnte.

Von nun an tauchte der Schuldspruch " Ketzerische Zauberei " in den Todesurteilen der Inquisition immer häufiger auf. So 1321 im südfranzösischen Pamier, 1335 im benachbarten Toulouse, ab 1340 im oberitalienischen Novara und um 1360 in Como.

Angesichts der lodernden Scheiterhaufen zogen sich die Waldenser, die nach der Vernichtung der Katharer mit besonderem Eifer gejagd wurden, in die italienischen und schweizerischen Alpentäler zurück. Doch die Spitzel der Inquisition blieben ihnen hart auf den Fersen. Die Folge: um 1400 griffen die Prozesse wegen ketzerischer Zauberei auch auf die Schweiz über.

                          

                                                         

Wie entstand der Hexenwahn ?

Nachdem die Erlasse von Papst Johannes XXII. zur planmäßigen Verfolgung der Zauberei von seinen Nachfolgern bekräftigt und weiter verschärft worden waren, häuften sich in den Akten der Inquisition die Aussagen von Angeklagten, die unter der Folter die abwegigsten Erlebnisse und Verbrechen zugaben. Solche " Geständnisse "    -   Geständnisse, die in die Verhörten hineingefragt und aus ihnen herausgefoltert wurden  - bestärkten die Ankläger in ihrem Wahn. Je länger und eindringlicher sie fragten, folterten und erneut fragten, desto klarer formte sich in ihren abergläubischen Köpfen das Bild einer dämonsichen Welt, in der Tag für Tag und Nacht für Nacht Zigtausende von Frauen, Männern und Kindern vom Teufel und seinen Helfershelfern zu Ausschweifungen und Verbrechen angestiftet wurden.

Was aber die Fanatiker am Richtertisch am meisten beunruhigte: Diese gottvergessenen Zauberinnen und Zauberer begingen ihre verwerflichen Untaten offenkundig nicht als Einzelperson, sondern gemeinschaftlich, als Mitglieder einer vom Teufel selbst gegründeten und geleiteten " Hexensekte " , eine höllische Herrschar, die der Kirche Christi den Kampf angesagt hatte.

Die gottlosen Ziele und heimtückischen Methoden der Hexensekte enthüllten die Inquisitoren in einer rasch wachsenden Reihe sogenannter Hexentraktate: Bücher, in denen die Autoren die erpressten Aussagen angeklagter Zauberinnen und Zauberer und die gelehrten Phantastereien der Scholastiker zu einer neuen Hexenlehre ausbauten.

Das erste bedeutsame Werk dieser Art, der 1437 erschienene  "Formicarius" des Dominikaner-Abtes Johannes Nider, fußte unter anderem auf den Prozessergebnissen einer um 1400 veranstalteten Hexenjagd im Berner Oberland. In dem Buch sind die einzelnen Bestandteile des Hexenwahns schon weitgehend versammelt: Mitgliedschaft in einer Teufelssekte, Fahrt durch die Luft, Verwandlung in Tiergestalten, Tötung von Ungeborenen im Mutterleib, Herrstellung von " Hexensalbe " aus Kinderleichen, Geschlechtsverkehr mit Succubi oder Incubi, Verbreitung von Haß und Zwietracht, Aufstachelung zur Wollust und weitere " Untaten " von Hexen und Hexenmeistern.

Niders " Formicarius " erregte auf der allgemeinen Kirchenversammlung von Basel  (1431 - 1449 ), wo Kirchenfürsten und Gottesgelehrte aus ganz Europa über die Reform der Kirche und die Bekämpfung der Ketzerei berieten, erhebliches Aufsehen. Entsprechend groß war seine Wirkung. Noch im Erscheinungsjahr (1437) und erneut drei Jahre später rief der Papst alle Inquisitoren des Abendlandes auf, die nunmehr enttarnte Hexensekte unnachsichtig aufzuspüren und zu vernichten.

                           

                                                             

Hexensekte und Teufelspakt

Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurde das Bild der " teuflischen Hexensekte " , wie es Johannes Nider im " Formicarius " entworfen hatte, durch eine Reihe weiterer Hexentraktate ergänzt und abgerundet. Die Verfasser dieser verhängnisvollen Bücher: Italiener, Franzosen, Spanier und Deutsche, waren größenteils selbst Inquisitoren wie Nicolaus Jaquier, dessen 1458 erschienene Kampfschrift " Geißel der ketzerischen Zauberer " der erste Hexentraktat war, in dem der sich ausbreitende Hexenwahn voll ausgebildet ist. Andere Verfasser, fast ausnahmslos gelehrte Geistliche, hatten, wie vor dem schon Nider, mit Hexenrichtern Kontakt, so daß auch sie die Erfahrungen der immer häufiger werdenden Hexenprozesse in ihren Büchern verarbeiten konnten.

Im einzelnen zeigen die Hexentraktate des 15. Jahrhunderts mancherlei Unterschiede. Alles in allem aber zeichneten sie von der " Vermaledeiten Hexenbrut und ihrem verbrecherischen Treiben " ein übereinstimmenden Bild. Die moderne Geschichtswissenschaft hat dieses Bild mit fünf Stichworten umrissen: Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexenflug, Hexensabbat und Schadenzauber.

                         

Das Zustandekommen eines " Teufelspaktes " dachte man sich so: Wenn eine Frau in Bedrängnis oder aus anderen Gründen mit ihrem Leben unzufrieden war, erschien in einer einsamen Stunde der Teufel bei ihr. Er kam immer in entsprechender Gestalt: als schöner Jüngling, Jäger, Soldat oder Edelmann; in schwarzer, grüner oder bunter Kleidung. Und er heuchelte stets den gütigen Freund. Hungrigen stellte er eine Mahlzeit auf den Tisch, Armen versprach er Geld, Bedrohten bot er Schutz an, Unglücklichen verhieß er Trost und Lebenshungrigen stellte er lustige Jahre in Aussicht.

Erst wenn die Angesprochene Vertrauen gefasst hatte oder ihre Begehrlichkeit nicht länger zügeln konnte, nannte der Unbekannte den Preis für die angebotenen Dienste: Verleugnung Gottes und der Heiligen, Beitritt zur Hexensekte und körperliche Hingabe an ihn , den großzügigen Tröster und Helfer. Spätestens jetzt mußte auch die Leichtgläubigste begreifen, wen sie da vor sich hatte. Lehnte sie jetzt nicht entschlossen ab, war sie verloren.Denn der Teufel besiegelte den Pakt sofort, indem er die Unschlüssige stürmisch bedrängte und sie unter tausend Vorspiegelungen und Schmeicheleien zum Geschlechtsverkehr nötigte.

War der Teufelspakt so vollzogen, wurde er auch noch schriftlich beurkundet. Dazu ritzte der höllische Liebhaber den Arm der Verführten und ließ sie den bereits vorbereiteten Vertrag mit ihrem eigenen Blut unterschreiben.

Zum Schluß kratzte oder biß er der neuen Hexe das " Teufelsmal " in die Haut: eine kleine, pigmentierte Stelle, die gänzlich unempfindlich war. Den Hexenrichtern galt sie als untrügliches Erkennungszeichen für Teufelsanbeter.

Die " Teufelsbuhlschaft " , wie der Geschlechtsverkehr zwischen Teufeln und Menschen genannt wurde, hat christliche Gottesgelehrte, Hexenrichter und die Öffentlichkeit jahrhundertelang beschäftigt. Unstreitig war, daß die Höllengeister sowohl mit Männern als auch mit Frauen verkehren konnten, indem sie wahlweise den Scheinkörper einer Frau ( Succubus = " Darunterlieger") oder aber den eines Mannes ( Incubus = "Darüberlieger" ) annahmen.

Mit besonderem Interesse forschten die Hexenrichter nach der Ausstattung des Teufels als Mann. Hier galt als ausgemacht, daß er ein Glied besaß, das von seinen " Hexendirnen" als sehr groß und eiskalt beschrieben wurde. Eiskalt war auch sein Samen, den er beliebig oft ausstoßen konnte. Trotzdem galt der Teufel als unfruchtbar.

Nach den erhaltenen Prozeßakten ging jedes Treffen von Hexen mit ihren Buhlteufeln oder dem Teufel selbst mit wüsten Ausschweifungen einher. Den Höhepunkt dieses zügellosen Treibens bildeten die nächtlichen " Hexentänze ", vor allem aber der große  "Hexensabbat ", bei dem sich alle Hexen und Hexenmeister einer Region zu einem festlichen Stelldichein versammelten.

                           

                                               

  Hexenflug, Hexentanz und Hexensabbat

Daß Menschen fliegen können, hielt die mittelalterliche Kirche noch um das Jahr 1000 für heidnischen Unfug. 250 Jahre später erklärten die großen Scholastiker so etwas immerhin für denkbar. Abermals 250 Jahre später war der " Hexenflug " ein fester Bestandteil der kirchlichen Lehre. Hexentraktate und Prozeßprotokolle entwarfen davon phantastische Bilder.

Wenn ein Buhlteufel seine Hexe zum Tanz oder zum Hexensabbat abholte, brachte er das Reittier mit: einen schwarzen Ziegenbock, eine riesige rote Katze, ein Wolf, einen Hund, ein schwarzes Pferd, bei vornehmen Hexen manchmal eine bespannte Kutsche. Es konnte aber auch geschehen, daß ein geflügelter Dämon sie einfach auf den Rücken nahm.

Erfahrene Hexen konnten aber auch allein fliegen. Dazu benutzten sie eine   "Hexensalbe ", die bei nächtlichen Treffen zubereitet und an alle verteilt wurde. Sie bestand aus dem Fleisch ermordeter Kinder, das mit zauberkräftigen Kräutern wie Mohn, Nachtschatten, Schierling und Bilsenkraut zu einem öligen Brei eingekocht wurde. Damit salbten die Hexen sowohl den nackten Körper als auch das Fluggerät: Stecken, Mistgabel oder Besenstil. Dann klammerten sie sich an und murmelten den Ausfahrtspruch: " Hui ! Oben aus und niergends an ! Wohlauf und davon, in tausend Teufels Namen! "

Der Flug führte in kurzer Zeit über weite Strecken. Solange er andauerte, durfte die Hexe sich nicht umschauen und auf keinen Fall den Namen Gottes aussprechen. So stürmte sie hoch über der Landschaft dahin, zuweilen in grotesker Tiergestalt, allein oder in Schwärmen, mit wildem Blick und flatternden Haaren.

Zum " Hexentanz " trafen sich Hexen und Hexenmeister mit ihrem Buhlteufeln um Mitternacht auf Bergen, Waldlichtungen, in Gärten oder an Richtstätten. Man fraß und soff, lästerte Gott, lärmte, brüstete sich mit seinen Untaten und üblen Plänen, verprügelte die Nachlässigen und ließ den Satan hochleben.

Vor allem aber tobte man sich in wilden Tänzen aus. Männer und Weiber nackt, Rücken an Rücken, Fackeln in der Hand. Solche Hexentänze endeten vor Morgengrauen in wilden Ausschweifungen, bei denen sich Teufel, Weiber und Männer wahllos miteinander vermischten.

Anders als die häufig stattfindenden Hexentänze trug der " Hexensabbat " den Charakater eines festlich umrahmten höllischen Gottesdienstes. Hexensabbate fanden meist an kirchlichen Feiertagen statt, vornehmlich in der Johannis- und der Walpurgisnacht. Hauptperson war Satan selbst, der bei seinem Erscheinen die Anwesenden zum Huldigungsgebet in die Knie zwang: " Satan unser, der du bist in der Hölle...." Nach dieser Begrüßung legten Hexen und Hexenmeister zu seinen Füßen Geschenke nieder, vornehmlich Leichen ermordeter Kinder.

Nachdem neue Sektenmitglieder vorgestellt worden waren, folgte das Hexenmahl, bei dem nicht, wie bei den Hexentänzen, normale Speisen aufgetischt wurden, sondern Ekelgerichte: gebratenes Menschenfleisch, Raben- und Krähenragout, gesottene Kröten und Frösche.

Danach begann der Tanz, bei dem sich zu schriller Musik von Flöten und Trommeln, die Teilnehmer in obszönen Sprüngen rückwärts bewegten, bis der Reigen auseinanderstob und sich in eine wüste Orgie auflöste.

Den Höhepunkt des Hexensabbats bildete die feierliche Anbetung des Teufels, der sich für diese Zeremonie auf seinem Thron in einen riesigen zottigen Bock mit glühenden Augen und kalt strahlenden Hörnern verwandelte. Der Teufeldienst endete mit der feierlichen Verleugnung Gottes und meit dem Zertreten von Kreuzen.

                             

                                   

  Was verstand man unter dem Schadenzauber?

Unter der Anklage " Schadenzauber im Namen und mit Hilfe des Teufels " bezichtigte man Hexen und Hexenmeister der abscheulichsten Verbrechen. Die dabei benutzten magischen Hilfsmittel wurden von den Hexenrichtern sorgfältig vermerkt: gemurmelte Zaubersprüche, aufgemalte oder eingeritzte Zeichen, Stellvertreterpuppen, eine breite Auswahl von Giften, Tinkturen und Salben, Zauberstäbe und Zaubernadeln, giftige Insekten und Würmer, verpesteter Atem und immer wieder " böser Blick ". Mit solchen und anderen Methoden begingen die Hexen ihre Anschläge gegen Menschen, Tiere und die Natur.

Als besonders häufiger Schadenzauber galt das Anhexen von Krankheiten. Daran erinnert noch heute die volkstümliche Bezeichnung für plötzlich einschießende Kreuzschmerzen: " Hexenschuß ". Hexereiverdächtig waren aber auch Impotenz bei Männern, Unfruchtbarkeit bei Frauen, Mißbildung Neugeborener, eine rasche Trübung der Augen und verschiedene Geisteskrankheiten. Darüber hinaus offenbarten die Angeklagten unter der Folter noch weit abscheulichere Verbrechen: die Vergiftung von Schwangeren zum Beispiel oder das Ersticken Neugeborener, die man brauchte, um aus ihrem Fleisch Flugsalbe zu kochen oder einen Sud, der Weinberge verdorren ließ.

Daneben betrachtete man das Vieh als beliebtes Ziel teuflischer Anschläge. Mißtrauisch hielten die Hexenjäger nach Schuldigen Ausschau, wenn bei Kühen plötzlich die Milch versiegte. Auch " wußte " man, daß Hexen und Hexenmeister dem Futter Gift beimengten und so Stallkrankheiten hervorriefen. Lähmungen konnten offenbar dadurch entstehen, daß Hexen Tiere mit Zaubersalbe einrieben. Und dann: Immer wieder fanden Bauern ihr Vieh blutüberströmt auf der Weide - zerrissen von Hexen oder Hexenmeistern in Wolfsgestalt.

Darüber hinaus behaupteten die Hexentraktate, daß sich der Haß der Teufelssekte nicht nur gegen Menschen und Tiere richtete, sondern gegen Gottes ganze Schöpfung. Deshalb die bohrenden Fragen der Richter, ob die Angeklagte vielleicht auch das Gleichmaß der Natur bedroht hatte?

Hatte sie zum Beispiel durch Peitschen das Wassers Gewitter heraufbeschworen ? Hatte sie aus Wasser und Steinen Hagel gemacht ? Und hatte sie aus Kot und Schlamm Mäuse, Ratten, Mücken und andere Ernteschädlinge gemacht und so eine Hungersnot heraufbeschworen? Die Hexenrichter ließen nicht locker, bis die Verdächtige unter der Folter all dies und vielleicht noch Schlimmeres " bestätigte " und zu Protokoll gab.

                              

                                            

Was sind " Hexenbulle " und " Hexenhammer " ?

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts drang der Hexenwahn allmählich nach Norden vor, zuerst nach Süddeutschland, von dort ins Rheinland und weiter nach Norddeutschland. Zwei seiner eifrigsten Vorkämpfer auf diesem Wege waren die Gelehrten Dominikanermönche Heinrich Kramer (lateinisch: Henricus Institoris ) und Jacob Sprenger. Beide stießen jedoch bei den deutschen Bischöfen, Fürsten und Stadtregierungen auf Unverständnis und Ablehnung. Deshalb suchte der erboste Institoris, der seit 1479 das Amt eines Inquisitors von Oberdeutschland bekleidete, in Rom um päpstliche Hilfe nach.

Mit Erfolg. Am 5. Dezember 1484 erließ Papst Innozenz VIII. ( 1484 - 1492 ) die sogenannte " Hexenbulle ". Darin übernahm er kritiklos, was der fanatische Institoris ihm versichert hatte: daß sich die Hexensekte nun auch in Deutschland ausbreitete und daß dem christlichen Glauben und der Kirche von ihr tödliche Gefahr drohe. Als Oberhirt aller Christen könne er, so der Papst, das gottlose Treiben nicht länger dulden. Deshalb rufe er alle Obrigkeiten auf, die " geliebten Söhne " Institioris und Sprenger bei der Enttarnung und Ausrottung der teuflischen Verschwörung tatkräftig zu unterstützen.

Weil die " Hexenbulle " mit Hilfe des damals noch jungen Buchdrucks vervielfältigt wurde, fand sie weiteste Verbreitung und Beachtung. Diesen Umstand machten sich Sprenger und Institoris geschickt zunutze, indem sie das Machtwort des Papstes dem dickleibigen Hexentraktat beihefteten, den sie 1487 unter dem Titel " Malleus maleficarum " - deutsch: " Der Hexenhammer " - veröffentlichten. Das unselige Buch faßt in drei Teilen, 42 Kapiteln und 35 Fragen zusammen, was geistliche Gelehrsamkeit und praktische Erfahrung zum Thema Hexerei bis dahin " festgestellt " hatten. Die Mühe erwies sich als lohnend: mit 29 Auflagen wurde der " Hexenhammer " für die folgenden 200 Jahre zur " Bibel des Hexenwahns ".

Aus heutiger Sicht erschien dieser Erfolg unbegreiflich, denn der " Hexenhammer " blieb auch dann, wenn man den Verfassern den Aberglauben ihrer Zeit zugute hält, eines der wiederwärtigsten Bücher der Weltliteratur. Widerwertig ist zum einen seine sexuelle Besessenheit. Unter dem Deckmantel der Gottesgelehrsamkeit beschrieben die Autoren die wüstesten Ausschweifungen und Abartigkeiten. Widerwärtig ist auch der abgründige Frauenhaß des " frommen " Werkes. Verächtlich werden Frauen darin  "unvollkommende Tiere " beschrieben: dumm, wollustig, unbeständig, eitel, neugierig, geschwätzig, verlogen und glaubensschwach - ein gefundenes Fressen für den Teufel.

 Widerwärtig ist schließlich die fanatische Gefühlslosigkeit der Verfasser. Mitleidlos raten Spenger und Institoris geistlichen und weltlichen Richtern zur Abwendung jeder nur erdenklichen Gemeinheit und Grausamkeit, um Hexen und Hexenmeister aufzuspüren und zu vernichten. Um sie zu überführen, dürfe man sie auch mit falschen Versprechungen ködern.

Der " Hexenhammer " hat die nun losbrechenden Hexenjagden nicht ausgelöst; die Ursachen dafür reichten viel weiter zurück. Aber er markiert den geschichtlichen Zeitpunkt, an dem die Dämme der Vernunft entgültig brachen und der verhängnisvolle Hexenwahn sich wie eine giftige Wolke über das christliche Abendland herabsenkte. Und diese Katastrophe ereignete sich nicht, wie manche glauben, im " finsteren Mittelalter ", sondern zu Beginn der Neuzeit. als die Idee der Freiheit geboren wurde und der Forschergeist des Menschen seine ersten großen Triumphe feierte.

                               

                                          

  Die schreckliche Wirklichkeit der Hexenprozesse

Für gewöhnlich wurde der Hexerei-Verdacht von mißgünstigen Nachbarn, Untergebenen oder Verwandten in die Welt gesetzt. Oft waren es nur unbestimmte Gerüchte, die umliefen, zuweilen aber gingen bei den Gerichten auch regelrechte - meist anonyme - Anzeigen ein. In beiden Fällen hatten die Hexenrichter die Pflicht, anhand der geltenen Gesetze zu prüfen, ob der Verdacht für eine Anklage ausreichte.

Grundlage dafür war im Deutschen Reich die " Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. " von 1532, die sogenannte " Carolina ". Darin war festgeschrieben, welche Verdachtsmomente eine Anklage wegen Zauberei oder Hexerei rechtfertigten. Allerdings war der betreffende Artikel 44 so allgemein gehalten, daß es für böswillige Richter ein leichtes war, noch die unsinnnigsten Beschuldigungen ernst zu nehmen und Anklage zu erheben.

Da half es auch nichts, daß die " Carolina " die Richter zu besonderer Sorgfalt anhielt. Lag der Anschuldigung vielleicht nur Wichtigtuerei, persönliche Feindschaft, Neid, Eifersucht oder Aberglauben zugrunde? Einer solchen Prüfung entzogen sich viele Richter mit der Begründung: der Pakt mit dem Teufel sei ein " Ausnahmeverbrechen ", und bei Ausnahmeverbrechen müsse man selbst Gerüchte ernst nehmen. Eine Begründung, mit der manche Fanatiker sogar Kinder, Verbrecher und Geisteskranke als Zeugen der Anklage zuließen.

Wer das Glück hatte, nicht denunziert zu werden, war deshalb noch lange nicht sicher, denn er konnte jederzeit durch " Besagen " in Verdacht geraten. Das Wort meint das benennen angeblicher Komplizen unter der Folter. In den Wahnvorstellungen der Hexenjäger trafen sich die Mitglieder der Teufelssekte ja regelmäßig beim Hexentanz oder beim Hexensabbat. Sie mußten also wissen, wer von ihren Mitbürgern noch zur Teufelssekte gehörte. Dieses " Wissen " wurde ihnen nun im " verschärften Verhör " , das heißt: unter der Folter , erpresst. So füllten sich die Protokolle der Hexenrichter rasch mit den Namen " besagter " Unschuldiger, die ihrerseits " Mitverschworene " preisgeben mußten und so weiter.

Dieser unmenschliche Irrsinn wurde von Gegnern des Hexenwahns immer wieder scharf angegriffen. Doch die " frommen " Hexenjäger ließen sich dadurch nicht beirren Sie waren sich ihrer Sache ganz sicher: Gott - so ihre Rechtfertigung - werde es nicht zulassen, daß  "Teufelshuren " durch falsche Aussagen unschuldige Menschen ins Unglück stürzen.

                     

 

Der Hexerei angeklagt wurden vor allem Frauen. Denn Frauen galten in der christlich geprägten Männergesellschaft als minderwertig: schwach, leichtfertig, treulos, eitel, redselig und leicht beeinflußbar. Vor allem aber galten sie als unersättlich wollustig und damit als gleichsam natürliche Beute des Teufels. " Kein Wunder also " , heißt es dazu im  "Hexenhammer " , " wenn von der Ketzerei der Hexer mehr Weiber als Männer besudelt gefunden werden. " Genauso sahen es die Hexenjäger bis zum Ende und handelten dementsprechend.

Allerdings nahmen die Anklagen gegen Männer mit der Ausbreitung des Hexenwahns immer mehr zu. Dabei entdeckte man in den Städten mehr Hexenmeister ( Drudner ) als auf dem Lande. Leider gibt es darüber bisher noch keinen umfassenden Überblick.

Schier unbegreiflich erscheint uns heute, daß auch Kinder der Hexerei angeklagt wurden. Aber die Quellen lassen daran keinen Zweifel: seit dem Ende des 15. Jahrhunderts nahm die Zahl von Kindern, die als Mitglieder der Teufelssekte eingekerkert, verhört, gefoltert und hingerichtet wurden, ständig zu. Dahinter stand die Vorstellung der Hexenjäger, daß Hexeneltern die Kinder schon in jungen Jahren zum Hexensabbat mitnehmen, um sie dort dem Satan zu überantworten. Auf Kinder richtete sich die Aufmerksamkeit der Hexenjäger aber auch deshalb, weil sie unbedacht drauflos plauderten. So denunzierte (Anzeige, durch die jemand sträflicher Handlung(en) beschuldigt wird) ein 12-jähriger Junge, der im Jahre 1665 im süddeutschen Reutlingen verhaftet worden war, im Laufe der Zeit 170 Menschen als Teufelsanbeter.

                           

 

Hexenprozesse wurden zunächst von der Inquisition geführt. Die ersten Hexenrichter waren also Geistliche. Doch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stieß die Inquisition in Mittel- und Westeuropa zunehmend auf Widerstand. Schließlich mußte sie das Feld räumen und sich nach Spanien und Italien zurückziehen.

Der Hexenverfolgung tat das keinen Abbruch. Denn mittlerweile hatte sich der Wahn tief in die Herzen der Menschen hinein gefressen. Deshalb gab es in der Bevölkerung kaum Widerstand, als die weltlichen Gerichte zu ihrer gewohnten Arbeit nun auch die Aburteilung von Hexen und Hexenmeistern übernahmen. Vor allem nördlich der Alpen leisteten auch Regierungen dem organisierten Wahnsinn Vorschub, indem sie das Verbrechen der Hexerei in ihre Strafgesetze aufnahmen. So, als habe man beim Teufelspakt, beim Hexensabbat und beim Schadenzauber mit Tatsachen zu tun, die niemand bezweifeln könne.

Für die weitere Ausbreitung des Hexenwahns hatte der Übergang von den geistlichen auf die weltlichen Gerichte eine wichtge Konsequenz: Von nun an hing alles davon ab, wie der Landesherr zur Hexenlehre stand und wie hoch er die Gefahr einschätzte, die seinem Lande von der " Teufelsbrut " drohte. In dieser Hinsicht gab es sehr große Unterschiede. Während die einen den Hexenwahn duldeten, oder gar schürten, sahen andere ihren Hexenrichtern scharf auf die Finger, ordneten die Entlassung Verhafteter oder Verurteilter an und ließen besonders fanatische Hexenjäger sogar hinrichten.

Anderseits mußten die Fürsten aber auch auf die Stimmung im Volk Rücksicht nehmen. Vor allem auf dem Lande, wo der ohnehin tiefverwurzelte Volksaberglaube durch die häufigen Hexenpredigten in den Kirchen noch bestärkt wurde, kam es immer wieder zu Protesten und Aufruhr, wenn die Regierung nach einem Unwetter, einer Feuersbrunst oder Seuchen zunächst untätig blieb. In solchen Fällen gab die Obrigkeit bisweilen nach, ernannte Hexen-Kommissare und beauftragte diese mit der Hexenjagd.

                              

Für Hexenprozeße galten die Grundsätze des Inquisitionsverfahrens. Danach durften die Hexenrichter nicht warten, bis Zeugen kamen, um gegen Menschen, die ihnen der Hexerei verdächtig erschienen, Anklage zu erheben. Vielmehr mußten die Richter sich eifrig umhören und von sich aus handeln, sobald ihnen ein Verdacht zu Ohren kam.

Was aber zu beachten war, daß bestimmten die jeweiligen Landesgesetze. In Deutschland etwa galt seit 1532 die sogenannte " Carolina ". Darin war genau festgelegt, wie ein Verdacht zu bewerten sei; welche Anforderungen an die Zeugen zu stellen waren; daß der gute Ruf der Angeklagten  berücksichtigt werden müsse; wie schwer und wie lange gefoltert werden dürfe. Hätten die Gerichte diese und weitere gesetzlichen Vorschriften befolgt, so wäre der Hexenwahn vermutlich bald erloschen.

Tatsächlich aber übergingen sie diese Bestimmungen mit dem Hinweis: Teufelspakt, Hexensabbat und die scheußlichen Verbrechen, die Hexen mit Hilfe des Teufels begingen, seien eine so ungeheuerliche Beleidigung Gottes und eine so furchtbare Gefahr für die Menschheit, daß es sich bei solchen Straftaten um " Ausnahmeverbrechen " handele. Außnahmeverbrechen aber rechtfertigten auch Ausnahmen bei der Auslegung der Gesetze. So genüge für eine Anklage wegen Hexerei schon ein Gerücht oder die Aussage zweifelhafter Zeugen. Vor allem aber dürfe man bei Ausnahmeverbrechern die Folter verschärfen und verlängern, bis die Wahrheit an den Tag komme.

In dieser Rechtsauffassung wurden die Hexenrichter vom " Hexenhammer " ausdrücklich bestärkt, denn dort wurde ihnen geraten, die verbotene Wiederholung der Folter einfach als " Fortsetzung " zu bezeichnen; damit sei dem Wortlaut des Gesetzes Genüge getan. Angesichts solcher Voreingenommenheit und solcher Methoden hatten die meisten Angeklagten kaum eine Chance. Wenn gelegentlich dennoch eine angebliche Hexe freigesprochen wurde, so deshalb, weil nicht alle Richter so vom Hexenwahn verblendet waren wie die meisten ihrer Kollegen. Aber auch dann erfolgte Freispruch niemals wegen erwiesener Unschuld, sondern stets aus Mangel an Beweisen.

                          

 

Sobald ein Verdacht laut wurde oder Anzeigen eingingen, leitete das zuständige Gericht ein Voruntersuchung ein. Man befragte weitere Zeugen und zog insgeheim Erkundigungen über den Ruf und den Lebenswandel der Beschuldigten ein. Erhärtete sich der Verdacht, folgte die Verhaftung.

Beim damaligen Zustand der Gefängnisse war das für jeden Angeklagten ein Schock, denn die Kerker waren durchweg dunkel, feucht, kalt und dreckig. In Stroh und Pfützen wimmelte es von Mäusen, Ratten und Ungeziefer. Zudem wurden manche Häftlinge während der Untersuchungshaft in Eisen gelegt. Besonders schwer hatten es die beschuldigten Frauen. Sie waren der Zudringlichkeit ihrer Kerkermeister hilflos ausgeliefert. Vergewaltigungen kamen nicht selten vor. Viele Hexenrichter nutzten diesen Terror der Gefangenschaft bewußt aus, um die Angeklagten schon vor dem Prozeß zu entmutigen und zu zermürben.

Die ersten Befragungen verliefen nach einem vorgegebenen Schema. Mancherorts war es üblich, das Verhör mit einer religiösen Zeremonie einzuleiten. Dabei betete man über die Angeklagten oder hängte ihnen Reliquien um. Dann die üblichen Fragen, eindringlich gestellt und endlos wiederholt: Wann, wo und wie hat sie sich dem Teufel versprochen? Wie und wie oft hat sie sich ihm hingegeben? Wie oft war sie Gast beim Hexensabbat?.....und so weiter und so fort.

Zuweilen liest man, Angeklagte in Hexenprozessen seien ohne Verteidiger gewesen. Das stimmt nicht. Verteidiger waren durhaus zugelassen. Allerdings erhielten sie oft nur lückenhafte Auskünfte. Vor allem aber mußten sie sich in acht nehmen, um nicht selbst in den Verdacht der Hexerei zu geraten. So beschränkten sie sich darauf, die Einhaltung der Vorschriften anzumahnen.

Blieb das " gütliche Verhör " ohne Ergebnisse, schritt das Gericht zur nächsten Stufe, zum  "Schreckeinjagen mit Worten " . Dazu zeigte und erklärte man der Angeklagten die Folterwerkzeuge. Half auch das nichts, folgte das " Schreckeinjagen in der Wirklichkeit": Der Henker legte ihr die Folterwerkzeuge an, schraubte und zog wohl auch ein wenig zu, um ihr klarzumachen, daß es nun Ernst werde. Erst wenn sie jetzt noch immer nicht gestehen wollte, wurde sie der " Hexenprobe " und dem " verschärften Verhör " unterworfen.

                               

                                                  

  Was versteht man unter " Hexenproben " ?

Die Suche nach Merkmalen, an denen Hexen angeblich leicht zu erkennen sind, gehörte in vielen Hexenprozeßen zur " Beweisaufnahme " . Eine besonders beliebte " Hexenprobe " war die " Wasserprobe " ( auch Hexenbad genannt ) . Dabei band der Henker Füße und Hände der Entkleideten fest zusammen, schlang ihr ein Seil um den Leib und stieß sie so ins Wasser. Schwamm sie eine Weile oben - und das taten die meisten - war sie eine Hexe, denn das Wasser, das Element der Reinheit, hatte sie abgewiesen.

Eine weitere Hexenprobe war die Suche nach dem  "Hexenmal" . Ihr lag die Vorstellung zugrunde, daß der Teufel jeder Hexe, die sich mit ihm eingelassen hatte, sein Zeichen aufprägte. Danach suchten die Hexengerichte. Um nichts zu übersehn, wurden den Angeklagten Kopf und Körper kahlgeschoren. Fand man bei der anschließenden Untersuchung verdächtige Hautstellen, zum Beispiel eine pigmentierte Warze, so stach der Henker eine Nadel hinein. Das Hexenmal galt als sicher nachgewiesen, wenn die Verdächtige dabei keinerlei Schmerzen empfand oder wenn kein Blut austrat.

Als unfehlbares Erkennungszeichen galt ferner die " Tränenprobe " . Mit Nachdruck wies der " Hexenhammer " die Richter auf die besondere Zuverlässigkeit dieser Probe hin: Hexen können keine Tränen vergießen - das sei  das sicherste Zeichen aufgrund der alten Überlieferung von glaubwürdigen Männern ". Eine Frau, die - auch unter der Folter - nicht weinte, sei gewiß ein Hexe. Umgekehrt ist sie aber keineswegs unschuldig, wenn sie Tränen vergieße, denn " Gottes  Ratschlüsse sind verborgen " , und zudem gäbe es ja auch noch die Folter.

                              

                                      

  Welche Rolle spielte die Folter im Hexenprozeß ?

Die Folter war das Kernstück der Hexenprozesse, denn nur mit Hilfe der Folter konnten die Hexenjäger von der Angeklagten jene unsinnigen Aussagen erpressen, die dann zum Beweis der kirchlichen Wahnideen von Teufel, Dämonenpakt und höllischer Zauberei herhalten mußten.

Für Dauer und Ausmaß der Folter trugen die Richter die hauptverantwortung. In Artikel 58 der " Carolina " heißt es dazu, es solle " die peinliche Befragung (d.h. das Verhör unter der Folter) je nach Verdacht viel, oft oder wenig, hart oder gelinder, ganz nach dem Ermessen eines guten, vernünftigen Richters vorgenommen werden ". Das öffnete dem Mißbrauch Tür und Tor. Denn viele Hexenrichter waren nicht gut und vernünftig, sondern im Aberglauben befangene Fanatiker, die den christlichen Glauben bedroht sahen und  deshalb gegen die " Teufelsbrut der Hexen " mit äußerster Härte vorgingen.

Die Folgen für die Beschuldigten waren entsetzlich. Weil Hexerei als Ausnahmeverbrechen galt, wurde in den meisten Hexenprozessen die Folter verschärft, auf Stunden verlängert und mehrfach wiederholt. Entsprechend hoch war die Zahl derer, die unter den Händen ihrer Peiniger ohnmächtig wurden, starben oder hinterher im Kerker Selbstmord begingen. Indes, für die Fanatiker hinter dem Richtertisch war das alles kein Anlaß zur Besinnung, sondern nur ein Beweis mehr für die Machenschaften der Hölle. Denn wer ohnmächtig wurde, war in ihren Augen vom Teufel in Schlaf versetzt worden, um ihn der Vernehmung zu entziehen. Und wer unter der Folter gestorben war oder aus Verzweiflung Selbstmord beging, war nicht etwa Opfer des Gerichts, sondern ebenfalls Opfer des Satans, der ihm das Genick gebrochen hatte.

Mit schneidener Schärfe prangerte der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld ( 1591 - 1635) diesen richterlichen Irrsinn an. In seiner berühmten Streitschrift " Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse " ( die 1. Ausgabe in lateinischer Sprache erschien 1631 ) hielt er den Hexenrichtern vor, daß sie selbst Schuld daran seien, wenn es so viel Hexen gäbe. Denn kein Mensch könne ihrer Foltermethoden widerstehen. Eher würden sich Unschuldige schuldig bekennen, als daß sie solche Qualen ertrügen. Auch sie selbst, die frommen Hexenrichter, würden sich als Hexenmeister bekennen, wenn sie so geschunden würden. Ob sie es nicht einmal versuchen wollten? " Ich will euch foltern lassen und ihr dann mich - so sind wir schließlich alle Zauberer " .Besser kann man den Zusammenhang von Folter und Hexenwahn nicht auf den Punkt bringen.

                        

 

Die Folter im Hexenprozeß unterschied sich von der Folter in gewöhnlichen Prozessen nicht grundsätzlich. Sie wurde jedoch schärfer, länger und häufiger angewandt. Männer waren dabei nackt oder halb entkleidet, Frauen trugen ein weites " Folterhemd ".

" Peinliche Verhöre " dauerten Stunden, zuweilen auch mehrere Tage. Sie begannen mit dem Anlegen der Daumenschraube - so heißen die Metallspangen, zwischen denen erst einzelne, dann alle Finger allmählich zusammengepresst wurden. Hatten die Beschuldigten diesen einfachen Grad der Folter überstanden, legte ihnen der Henker  "spanische Stiefel " an: gebogene Metallplatten- oder -bügel, die man über den Unterschenkeln von Frage zu Frage fester schraubte. Wer auch jetzt noch seine Unschuld beteuerte, wurde an den gefesselten Armen " aufgezogen " - ein Verfahren , das durch angehängte Geewichte weiter " verschärft " werden konnte. Nicht minder qualvoll war das gewaltsame Auseinanderziehen des Körpers mit Hilfe von Seilwinden: das sogenannte " Strecken ".

Neben diesen " gewöhnlichen "  Foltergraden konnten die Richter beliebig weitere Maßnahmen anordnen. Was der Henker dabei den Angeklagten antat, wie er sie mit ausgeklügelten Methoden marterte, wähend die Richter und Schreiber seelenruhig dabeisaßen und zwischendurch zum Essen gingen, diese Schreckensszenen sollen hier nicht näher geschildert werden. Es genügt zu wissen, daß den Verantwortlichen beinahe jedes Mittel recht war, um die Beschuldigten zum Sprechen zu bringen, und daß niemand verschont wurde, nicht einmal Greise und Kinder.

Angesichts der Bedenkenlosigkeit, mit der die Richter verfuhren, mutet es fast wie ein Wunder an, daß es Menschen gab, die solche " peinlichen Verhöre " ertrugen und nichts gestanden. Genützt hat es ihnen wenig. Denn ihre Peiniger waren einfallsreich genug, sie trotzdem schuldig zu sprechen. Die wenigen aber, die nach überstandener Folter freikamen, waren für ihr Leben gezeichnet, Krüppel oder seelisch Gebrochene.

                                

                                                                   

   Urteile im Hexenprozeß

Auf dem Höhepunkt des Hexenwahns endeten die meisten Prozesse mit dem Todesurteil. Allerdings schwanken die Zahlen hier je nach Zeit und Ort. Mal waren es nur einzelne, die man, nach Verhör und Folter, wieder freiließ. Ein andermal und anderswo verhängten die Gerichte leichtere Strafen.

Wer waren die " Entlassenden " ? Sieht man von Besonderheiten ab, so umfaßt der Begriff drei Gruppen mit unterschiedlichem Schicksal:

Da waren zunächst diejenigen, die das Gericht noch vor dem Urteil wegen Krankheit oder Gebrechlichkeit entließ. Die meisten von ihnen wurden in Armen- oder Siechenhäuser gesteckt, wo man sie argwöhnisch beobachtete.

Eine zweite Gruppe bestand aus Frauen und Männern, die man aus Mangel an Beweisen freigesprochen hatte. Ihre Wiedererlangte Freiheit war jedoch trügerisch, denn schon beim kleinsten Verdacht konnten sie erneut verhaftet, gefoltert und dann vielleicht doch noch hingerichtet werden. Abgesehn davon hatten die meisten strenge Auflagen zu erfüllen. Von privaten Festen oder öffentlichen Veranstaltungen waren sie ausgeschlossen. Und manche mußten in einer Art innerer Verbannung weiterleben, durften Haus und Hof nicht verlassen.

Zur dritten Gruppe gehörten die Ausgewiesenen. Für sie, insbesondere für Frauen unter ihnen, bedeutete die Vertreibung aus der Heimat oft ein Todesurteil auf Raten. Mittellos und verachtet irrten sie in der Fremde umher, wurden abgewiesen und schikaniert, verkamen und endeten ihr Leben irgendwo in Schmutz und Elend.

Trotzdem war das Urteil " Landesverweis " noch ein mildes Urteil, verglichen mit dem Schicksal derer, die am Ende eines qualvollen Prozesses noch qualvoller sterben mußten. Von Ausnahmen abgesehen, endeten diese Menschen auf dem Scheiterhaufen. Dabei konnten sie noch von Glück sagen, wenn sie vorher " aus Güte des Fürsten " erwürgt oder enthauptet wurden. Denn normalerweise verbrannte man Hexen bei lebendigem Leibe. So verlangte es Artikel 109 der " Carolina " : " So jemand den Leuten durch Zauberey Schaden oder Nachteil zufügt, soll man ihn strafen vom Leben zum Tode, und man soll diese Strafe mit Feuer thun. "

                             

                                                                                  

Hexenverbrennung

Hexenverbrennungen waren öffentliche Schauspiele, die ohne Rücksicht auf die Opfer nur einen Zweck verfolgten: die Zuschauer zu warnen und abzuschrecken. Zu einem solchen Ereignis strömte die Bevölkerung von weither zur Richtstätte. Dort versammelten sich auch die Obrigkeit in festlicher Kleidung: der Bischof, Domherren und Priester, Bürgermeister und Ratsherren, Richter und Schöffen. Zuletzt wurden, vom Henker begleitet, die gefesselten Hexen und Hexenmeister auf Karren gebracht.

Diese Fahrt zur Hinrichtung bedeutete eine schwere Prüfung, denn Neugierige und Gaffer ließen es sich nicht nehmen, die verurteilten Hexen auf ihrem letzten Weg zu beschimpfen und zu verhöhnen. Hatten die Unglücklichen schließlich den Richtplatz erreicht, wurden sie von Knechten an Pfähle gekettet und mit trockenem Holz, Reisig und Stroh umgeben. War das geschehen, begann ein feierliches Ritual, in dessen Verlauf ein Hexenprediger das Volk noch einmal vor den Machenschaften des Teufels und seines Anhangs warnte. Dann legte der Henker die Fackel an den Scheiterhaufen.

Während die Offiziellen den Schauplatz danach verließen, unterhielten die Knechte die Flammen so lange, bis nach Stunden vom ganzen " Hexenbrand " nur noch Asche übrig war. Die fegte der Henker sorgfältig zusammen und verstreute sie unter dem Galgen oder an einem anderen Orte, damit fortan nichts mehr an das gotteslästerliche Treiben der hingerichteten Teufelsanbeter erinnerte.

                            

                                                          

  Martin Luther und die Hexen

Im Oktober 1517 verschickte der Mönch Doktor Martin Luther ( 1483 - 1546 ) an Wittenberger Kollegen eine Liste mit 95 Thesen, in denen er leidenschaftlich bestritt, was vom Papst beauftragte Prediger überall verkündeten: die Kirche könne gegen Geld die Strafzeit eines Gestorbenen im Fegefeuer abkürzen. Dieser sogenannte " Ablaßstreit ", der sich rasch auf andere Gebiete der kirchlichen Lehre ausweitete, leitete die " Reformation " ein: die von Luther geprägte Neugestaltung der christlichen Lehre, die dann zur Abspaltung seiner Anhänger, der " Protestanten ", von der katholischen Kirche und vom Papsttum führte.

Beim Wort " Reformation " denken wir heute unwillkürlich an Aufbruch und Befreiung; Befreiung von veralteten Lehren, Denkweisen und Bräuchen. Zu Recht, denn befreiend hat die Reformation zweifellos geführt - auf vielen Gebieten. Allerdings: die Hexenlehre gehörte nicht dazu. In dieser Frage hielt Luther an den alten Wahnideen fest. Allerdings war er sich manchmal nicht ganz sicher, wenn es um den Hexenflug und den Hexensabbat ging.

Beim Teufelspakt aber, bei der Teufelsbuhlschaft und beim Schadenzauber gab es für ihn keinen Zweifel. " Die Zauberer oder Hexen ", schrieb er 1522, " das sind die bösen Teufelshuren, die da Milch stehlen, Wetter machen,.....die Leute schießen, lähmen, verdorren, die Kinder in der Wiege martern......und die Leute zu Liebe und Buhlschaft zwingen, und des Teufels Dinge viel. "

Kein Zögern gab es für Luther auch bei der Verpflichtung, Hexen hart zu bestrafen. Hier galt für ihn der Satz aus dem Alten Testament, auf den sich auch seine katholischen Gegner beriefen: " Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen. "  Wie zur Bestätigung verbrannte man im Jahre 1540 in seiner Stadt Wittenberg, der " Hauptstadt der Reformation " , eine Hexe und drei Hexenmeister auf besonders scheußliche Weise.

Auch nach Luthers Tod wüteten die Hexenjäger in den protestantisch gewordenen Teilen Deutschlands genauso blindwütig wie in den katholischen. Ja, manche Reformatoren betrachteten die Hexenverfolgung geradezu als Auftrag Gottes an die Regierenden. Dementsprechend erließen die lutherischen Fürstentümer Württemberg, Kursachsen und Kurpflaz zwischen 1567 und 1582 eigene Hexengesetze, die weitaus strenger waren als die einschlägigen Bestimmungen der " Carolina ".

                           

                                                                         

Der Hexenwahn

Der Hexenwahn war in Südfrankreich und Norditalien entstanden. Von dort griff er im Laufe des 15. Jahrhunderts auf den Norden Frankreichs und auf die Schweiz über. Beide Länder blieben Kerngebiete der europäischen Hexenjagd.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts leiteten " Hexenbulle " und " Hexenhammer " den Siegeszug der Hexenlehre nach Norden ein. Allerdings stießen die Hexenjäger in Deutschland zunächst auf erheblichen Widerstand. Dann aber, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, brachen die Dämme der Vernunft und Verfolgungswellen ungeahnten Ausmaßes überrollten vor allem den Süden und Westen des Reiches.

Von Westdeutschland griffen die großen Hexenjagden auf Ostdeutschland und Polen über. Verfolgungen, wenn auch geringeren Ausmaßes, gab es jetzt auch in den skandinavischen Ländern und im östlichen und südlichen Zentraleuropa.

Von den Niederlanden aus sprang der Wahn auch auf England über. Allerdings verhinderte in England das Verbot der Folter dauerhafte Erfolge der Hexenjäger. Es blieb bei vereinzelten Prozessen und kurzen Ausbrüchen zu Beginn und um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Dagegen war Schottland, wo der Hexengläubige König Jakob VI. ( später Jakob I. von England ) 1597 einen eigenhändigen Hexentraktat veröffentlichte, stärker betroffen.

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts kam es vor allem in Frankreich, in der Schweiz und in Deutschland zu erschreckenden Ausbrüchen. In nur 10 Jahren, zwischen 1581 und 1591, wurden allein in Lothringen mehr als 1.000 Hexen verbrannt. Ähnliches geschah in Burgund und im französischen Baskenland, wo fanatische Richter in kurzer Zeit jeweils 600 Hexen auf den Scheiterhaufen brachten.

Auch im benachbarten Deutschland verstärkten die Hexenjäger ihre Tätigkeit. So um 1590 im Kurfürstentum Trier und ab 1603 im geistlichen Fürstentum Fulda. Am grausamsten aber wüteten die Fürstbischöfe von Bamberg, Würzburg und Köln. Die blutigen Hexenjagden dieser Landesherren fanden beinahe zeitgleich statt: in Bamberg von 1626 - 1631, in Würzburg von 1627 - 1631 und in Köln von 1627 - 1639.

In allen drei Territorien lag den blutigen Verfolgungen ein regelrechtes Vernichtungsprogramm zugrunde, die Hexensekte sollte ausgerottet werden - ohne Ansehen der Person. Wie üblich, begann man mit Frauen aus den unteren Gesellschaftsschichten. Doch dabei blieb es nicht. Ein Blick in den weiteren Verlauf gibt die amtliche Liste der Würzburger Hexenbrände, die sich erhalten hat.

Bereits beim dritten Band befand sich unter den fünf Hingerichteten ein Mann - der erste von vielen weiteren. Wenig später griffen die Hexenjäger erstmal nach der gesellschaftlichen Oberschicht: im vierten Band starb die Frau des Bürgermeisters und Ratsherren selbst folgten. Dann kamen die Kinder an die Reihe: eine 12-jährige, später eine 9-jährige und " ein Geringeres  (gemeint: Jüngeres ), ihr Schwesterlein "

Dann Schüler und Studenten. Im elften Band starb erstmals ein Geistlicher. Und so ging es weiter, ein endloser Totentanz, quer durch alle Altersstufen, Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten.

In Bamberg, wo ein geistesgestörter Weihbischof die Gerichte antrieb, wütete der Terror ebenso, in Köln womöglich noch schlimmer. " Es geht gewiß die halbe Stadt drauf " , schrieb ein entsetzter Augenzeuge in einem Brief. " Denn hier sind schon Professoren, Kandidaten der Rechte, Pfarrer, Domherren und Vikare, Ordensgeistliche festgenommen und verbrannt....Der Kanzler samt der Kanzlerin sind schon fort und gerichtet. " Und weiter: " Kinder von drei bis vier Jahren haben ihren Buhlteufel, Studenten und Edelknaben von neun bis vierzehn Jahren sind verbrannt....." In den Dörfern, die die Scheiterhaufen lieferten, ging zeitweise das Brennholz aus.

Entsetzt flohen die Menschen außer Landes. Ihre Hilferufe kamen vor den Kaiser und den Papst in Rom. Gedrängt von seinem Beichtvater, schrieb Kaiser Ferdinand II. erst mahnende, dann drohende Briefe an die Verantwortlichen. Und Papst Urban VIII. schickte zwei Kardinäle nach Köln, die dem Wahnsinn ein Ende machen sollten. Doch trotz massiven Drucks von allen Seiten nahm das fromme Morden noch lange kein Ende, Erst nach jahrelanger Raserei kamen die verblendeten Bischöfe zur Besinnung.

                        

                                                             

Die Gegner des Hexenwahns

Viele Vorstellungen der Hexenlehre waren von Anfang an umstritten, und mancher Gelehrte oder Geistliche vertrat seine abweichenden Ansichten zunächst ganz offen. Je stärker aber der Wahn von den Menschen Besitz ergriff, desto gefährlicher wurde es, von der vorherrschenden Meinung abzuweichen. Schließlich wagten nur noch sehr tapfere Männer der allgemeinen Verdüsterung der Vernunft entgegenzutreten.

Einer der bedeutensten war der holländische Arzt Dr. Johannes Weyer ( 1515 - 1588 ). Als Leibarzt eines freisinnigen Fürsten hatte er den Mut, 1563 ein Buch zu veröffentlichen, das wie eine Bombe einschlug. Sein Titel: " Von den Blendwerken der Dämonen " . Die Überschrift sagt, worum es dem Verfasser ging: Der Teufel gaukle den Menschen den ganzen Unfug der Hexenlehre nur vor, damit sie Hexenprozesse, dieses  "Blutbad der Unschuldigen " veranstalten und so gegen die Gebote des barmherzigen Gottes sündigen. Die Obrigkeit möge das satanische Spiel doch durchschauen, die Prozesse verbieten und so den Plan der Hölle durchkreuzen.

Das Buch des Dr. Weyer erregte im Lager der Hexenjäger Wut und Empörung. Ihrem Treiben hat es allerdings nicht Einhalt gebieten können. Doch es hat andere ermutigt, sich dem Protest anzuschließen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als der Blutrausch seinem Höhepunkt zustrebte, erschienen im deutschen Sprachraum eine Reihe bedeutender Schriften, die ihrer Zeit den Spiegel vorhielten.

Ihre Verfasser waren vor allem katholische und protestantische Geistliche. Keiner dieser Männer bestritt, daß der Teufel Menschen verführen und zu allerlei Untaten anstiften könne. Doch werde diese Möglichkeit von den Hexenjägern maßlos übertrieben. Im übrigen sei manches, was da behauptet werde - der Flug durch die Luft, die Teufelsbuhlschaft, das Gewittermachen, das Krankhexen und vieles andere - bloße Einbildung. Das würde sich auch rasch herausstellen, wenn die Fürsten ihre Pflicht täten und den Hexenrichtern strenger auf die Finger sähen. Vor allem müßte das irrsinnige Foltern aufhören, dann würde es bald keine Hexen mehr geben.

So eindrucksvoll diese Argumente auch vorgetragen wurden, eine sichtbare Wendung konnten sie ebensowenig herbeiführen wie ein halbes Jahrhundert vorher die  "Blendwerke der Dämonen " des Dr. Weyer. Aber sie taten, wie wir heute wissen, ihre Wirkung im stillen, veranlaßten manchen Fürsten, Bischof oder Bürgermeister zur Mäßigung und trugen so dazu bei, daß die Fundamente des Hexenwahns, wenn auch unmerklich, zu bröckeln begannen.

                          

                                                            

Das Ende des Hexenwahns

In den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg ( 1618 - 1648 ) mit seinen Greueln und politischen Erschütterungen zeichnete sich bei den herrschenden Schichten des Abendlandes ein tiefer Wandel im Lebensgefühl und im Denken ab. Widerstrebend mußten sich die Menschen eingestehen, daß die aufkommenden Naturwissenschaften so manche angeblich " göttliche Wahrheit " als Phantasterei entlarvt hatten.

Der Mensch als Vernunftwesen - das war eine neue, verlockende Idee; der Mensch, der bei der Gestaltung des eigenen und des öffentlichen Lebens nicht mehr irgendwelchen Vorurteilen folgte, sondern den eigenen, vernünftigen Einsichten. Dieser freiheitliche Geist der " Frühaufklärung " fand in den Werken zeitgenössischer Denker seinen großartigen Ausdruck.

Aus Holland, dem freiheitlichsten Land im damaligen Europa, kam der bislang schärfste Angriff auf den Hexenwahn. In seinem zweibändigen Werk " Die bezauberte Welt " ging der berühmte Amsterdamer Prediger Dr. Balthasar Bekker ( 1634 - 1698 ) mit seinen protestantischen Glaubensbrüdern und allen Hexengläubigern hart ins Gericht. Nicht der Teufel gaukele den Menschen den ganzen Hexen-Unfug vor, wie seinerzeit Dr. Weyer behauptet hatte, sondern die Menschen selbst seien es, die sich betrügen.

Daß es den Teufel gibt, stehe zwar in der Bibel. Ansonsten aber wissen wir nichts von ihm. Wirkmächtig in der Welt sei Gott allein. Dem Teufel eine so große Macht zuzuschreiben, wie die Hexenrichter es tun, sei beides: Torheit und Gotteslästerung.

Bekkers Glaubensbrüder waren außer sich. Auf Betreiben einer empörten Mehrheit wurde er aus dem Predigeramt gejagt und vom Abendmahl ausgeschlossen. Ab sofort durfte Prediger nur noch werden, wer schriftlich versicherte, daß er die Ketzereien Bekkers verwerfe. Indes, den Siegeszug seiner " bezauberten Welt "  konnten die Ewiggestrigen so nicht aufhalten.

Dabei hatten weitblickende Fürsten längst erkannt, daß es so nicht weitergehen konnte. Als in der Grafschaft Vaduz ( dem heutigen Fürstentum Liechtenstein ) der Landesherr in den Jahren 1648 - 1651 und nocheinmal 1677 - 1680 zwei große Hexenjagden veranstaltete und dabei 300 Menschen verbrennen ließ, griff der Kaiser ein. 1684, sieben Jahre vor Bekkers " bezaubernde Welt " , ließ er den Grafen verhaften und wegen seiner " ungerechten " Prozesse lebenslang einsperren.

                                 

 

Der Mann, der am Übergang vom blutigen 17. zum hoffnungsvollen 18. Jahrhundert mehr als jeder andere den Sieg der Vernunft über den noch immer lebenden Hexenwahn verkörperte, war der preußische Rechtsgelehrte und - philosoph Christian Thomasius  (1655 - 1728). Thomasius war tief durchdrungen vom politischen Grundgedanken der Aufklärung wonach jeder Mensch ein natürliches Recht auf Leben, Eigenständigkeit und Glück habe.

Der Staat müsse dieses " Naturrecht " mit vernünftigen Maßnahmen durchsetzen. Das könne er aber nur, wenn er Recht und Gerechtigkeit nicht nach angeblich " göttlichen Geboten " ausrichte, sondern allein nach den Grundsätzen der Vernunft und der Zweckmäßigkeit. Religion sei Privatsache. In der Gesetzgebung habe sie nichts zu suchen.

Diese Überzeugung machte den Aufklärer Thomasius zum Gegner der Hexenjäger. Denn Hexenprozesse beruhten ja allein auf den verworrenen religiösen Vorstellungen von den Umtrieben des Teufels und seiner Helfershelfer. 1701, nach gründlicher Beschäftigung mit den Büchern von Johannes Weyer, Friedrich Spee und anderen, griff Thomasius die Hexenverfolgung durch die Gerichte scharf an.

Die Argumente des berühmten Gelehrten erregten weit über die Grenzen Preußens hinaus Aufsehen. Mit wütenden Ausfällen und hinterhältigen Verleumdungen versuchten die Angegriffenen, den gefährlichen Kritiker mundtot zu machen. Doch der tapfere Mann ließ sich nicht einschüchtern. 1704 wiederholte er seine Forderung nach Abschaffung der Hexenprozesse unter dem Titel " Kurtze LehrSätze von dem Laster der Zauberey "  in Buchform.

Nur ein Jahr später ging Thomasius noch einen Schritt weiter, indem er nun auch die Abschaffung der Folter forderte. 1712 wies er nach, daß die ganze widersinnige Hexenlehre nicht, wie die Hexenjäger behaupteten, aus alter Erfahrung stamme. Vielmehr sei sie erst durch die abergläubischen Erlasse der Päpste seit 1500 in die Welt gekommen.

Weil Thomasius im In- und Ausland als Gelehrter höchstes Ansehen genoß, war die Wirkung seiner Angriffe enorm. Vor allem in Preußen selbst, wo immer mehr seiner Schüler einflußreiche Stellungen als Regierungsbeamte und Richter bekleideten, hatten seine Mahnungen Erfolg. Bereits 1706 schränkte König Friedrich I. ( 1688 - 1713 ) die Hexenprozesse merklich ein,

Und 1714 erließ sein Nachfolger, der " Soldatenkönig " Friedrich Wilhelm I. ( 1713 - 1740 ), ein Edikt, in dem er befahl, daß ab sofort alle Urteile in Hexenprozessen ihm selbst zur Bestätigung vorzulegen seien. Damit waren die Befugnisse der Hexenrichter stark eingeschränkt mit der Folge, daß in Preußen die Scheiterhaufen erloschen.

                           

 

Das 18. Jahrhundert, das " Jahrhundert der Aufklärung ", besiegelte das Ende des Hexenwahns. Weithin sichtbare Zeichen der Vernunft setzten England, Preußen und Österreich. England war der erste europäische Staat, der 1736 seine Hexengesetze offiziell außer Kraft setzte. In Preußen verbot König Friedrich der II. ( der Große ) noch im Jahr seiner Krönung ( 1740 ) die Folter. Im selben Jahr untersagte seine große Gegnerin Kaiserin Maria Theresia von Österreich, ihren Gerichten Urteile gegen Hexen ohne ihre ausdrückliche Zustimmung - woraufhin auch hier die Hexenprozesse zu Ende gingen.

Dagegen hatte es die Vernunft in anderen europäischen Ländern schwerer. So erlebte das Königreich Bayern zwischen 1715 und 1722 noch mehrere grauenvolle Hexenprozesse, in denen, wie in den alten schlimmen Zeiten, sogar Kinder hingerichtet wurden. Auch im Schweizer Kanton Zug ( 1737 - 1738 ), im württembergischen Kloster Marchthal ( 1746 - 1747 ) und im Fürstbistum Würzburg ( 1749 ) endeten Unschuldige auf dem Scheiterhaufen.

Das letzte Todesurteil gegen eine Hexe fällte auf deutschem Boden ein Gericht im Herrschergebiet des Fürstabts von Kempten. Das Opfer war die Dienstmagd Anna Maria Schwägel. Von ihren Anklägern hart bedrängt, gestand die halbverhungerte und offensichtlich verwirrte Frau, sie habe Nacht für Nacht mit dem Teufel gehurt. Das Urteil erging am 30. März 1775 und lautete " Tod durch Schwert ". Es wurde vom Fürstabt höchstpersönlich mit der Bemerkung " der Gerechtigkeit geschehe Genüge " bestätigt und danach vollstreckt.

Sieben Jahre nach der Hinrichtung Anna Maria Schwägels, 1782, starb in Europa die letzte Hexe von Henkershand. Ort des Geschehens war die Schweizer Kantonhauptstadt Glarus. Wie vor dem in Kempten war die Angeklagte auch diesmal eine Dienstmagd. Ihr Name: Anna Göldi. Ihre Schuld: sie sollte mit Hilfe " außerordentlicher und unbegreiflicher Kunstkraft " die Tochter ihres Dienstherren, eines Arztes und Richters, an Leib und Seele krank gehext haben.

Fassungslos wurde die europäische Öffentlichkeit Zeuge des sich anbahnenden Justizmordes. Unter der Folter gestand die Inhaftierte, die im Gefängnis meist angekettet lag, was man von ihr hören wollte. Als das Gericht das Todesurteil fällte, erhob sich in ganz Europa ein Sturm der Entrüstung. Aber die Hexenrichter von Glarus blieben ungerüht.

Für ihre " Greueltat " ließen sie die völlig gebrochene Frau köpfen und anschließend unter dem Galgen verscharren. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal das Datum: 1782 Die " Hexe " Anna Göldi starb nicht " im finsteren Mittelalter ", sondern zu Lebzeiten Kants, Goethes, Schillers, Mozarts und Beethovens.

                             

 

Vor noch nicht allzu langer Zeit hat man die Zahl der Hingerichteten auf bis zu 9 Millionen geschätzt. Solche Angaben sind überholt. Heute rechnen die Forscher mit mehr als 20.000 Toten in Deutschland und knapp 100.000 in ganz Europa.

Bei diesen neuen Schätzungen muß man allerdings bedenken, daß zahllose Akten von Hexenprozessen spurlos verschwunden sind - absichtlich beiseite geschafft, in Kriegswirren verbrannt oder sonstwie abhanden gekommen. Die tatsächliche Zahl der Hingerichteten könnte also doch erheblich höher sein als 100.000. Neueste Untersuchungen in eng umgrenzten Gebieten scheinen diese Vermutung zu bestätigen.

Selbstverständlich überstieg die Gesamtzahl der Opfer die der Hingerichteten bei weitem. Auf mindestens noch einmal 100.000 schätzt man heute die Zahl der Verbannten. Und ebenso hoch wie die der Verbannten mag die Zahl derer gewesen sein, die mit leichteren Strafen oder Verwarnungen davonkamen.

Schwer betroffen waren darüber hinaus die Familien der Verurteilten. Ihnen raubten die Hexenjäger die Mutter oder den Ernährer, beschlagnahmten ihr Vermögen, und brachten die Angehörigen selbst in den Verdacht der Hexerei.

Die tatsächlichen Verheerungen durch den Hexenwahn beginnen jedoch erst jenseits der genannten Zahlen. Denn die tiefen seelischen Verformungen, das ganze Ausmaß des Elends, die Angst, die Einschüchterung, der Terror, die Aufstachelung menschlicher Gemeinheit, die Mißachtung der Menschnwürde, die Verkrüppelung des gesunden Menschnverstandes - das alles läßt sich nicht in Zahlen ausdrücken.

                            

                                                                            

  Schlußwort

Für die meisten Menschen ist der Hexenwahn ferne Vergangenheit. Sofern sie überhaupt darüber nachdenken, betrachten sie ihn vielleicht als eine der vielen Übergangsepochen der Geschichte, die wir für immer hinter uns gelassen haben. Hexenjagden heute ? - das erscheint vielen eine unsinnige, eine abwegige Vorstellung. Wer so denkt, macht sich etwas vor.

Betrachten wir den Hexenwahn einmal grundsätzlicher. Am Anfang des verhängnisvollen Weges stand ein Glaube, der in der christlichen Kirche allmählich herangereift war: der Glaube an die Macht des Teufels in der Welt. Um Gottes Gebote zu Fall zu bringen, versammelte er leichtfertige Menschen um sich und bildete sie zu Hexen und Hexenmeistern aus - eine Art Terrortruppe der Hölle.

Und wieder machte eine Glaubensgemeinschaft ( hier: die nationalsozialistische) den verhängnisvollen zweiten Schritt. Sobald sie die Macht dazu hatte, erklärte sie ihren bei vernünftiger Betrachtung unhaltbaren Rassenwahn zur " wissenschaftlichen Wahrheit ". Damit gerieten die Juden in dieselbe Lage wie seinerzeit die Hexen. Aus einem bloß geglaubten Gegenbild wurden sie zum handgreiflichen Todfeind, den man " um der Warheit willen " mit allen Mitteln bekämpfen mußte. 

Die grauenvollen Folgen sind bekannt: rund 6 Millionen Juden wurden ermordet. Die offensichtliche Parallele zwischen dem Hexenwahn des 15. - 18. Jahrhundert und dem nationalsozialistischen Rassenwahn zeigt, daß wir uns nicht falscher Sicherheit wiegen dürfen. Wo immer ein Glaube, eine Weltanschauung oder eine unbeweisbare Behauptung mit dem Anspruch auftritt, eine " ewige Wahrheit " zu sein, müssen bei uns die Alarmglocken läuten.

Diese Gefahr ist allgegenwärtig. Wer sich in unseren Tagen aufmerksam umschaut, wird viele Beispiele dafür finden. In der mittlerweile zusammengebrochenen Sowjetunion z. B., wo die Überlegungen des Wirtschaftsphilosophen Karl Marx ( 1818 - 1882 ) zu  "Gesetzen der Geschichte " erklärt und mit äußerster Brutalität durchgesetzt wurden. Millionen Unschuldige mußten diesen Wahn mit dem Leben bezahlen.

Das Beispiel des Hexenwahns kann uns eine Warnung sein. Denn an ihm läßt sich der Weg eines geschichtlichen Massenwahns deutlich ablesen: zuerst ein Glaube, dann die Erklärung dieses Glaubens zur " ewigen Wahrheit ", schließlich Gewalt im Namen dieser Wahrheit und Verfolgung oder gar Ausrottung ihrer vermeindlichen Feinde.

 

 

    -  Ende -

 

 

 

 

                      

 

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