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Frieds dritte Begabung, die sich auch in meinen Photos widerspiegeln soll, war die des guten Clowns. Bei allem Zorn kamen bei ihm Komik und Humor nie zu kurz.
Die vierte Begabung bestand in seiner Fähigkeit zu echter Freundschaft und seinem Engagement gegen die Gewalt, auch im privaten. Erich Fried war ein Humanist, frei von den Todsünden Neid und Geiz und immer in Sorge um den anderen Menschen und fähig, andere zu lieben. Dass er auch eitel sein konnte, wollen wir nicht verschweigen.
Doch möchte ich auch noch auf eine fünfte Begabung Erich Frieds aufmerksam machen, die des Skeptikers, Zweiflers und Lebensängstlichen:


Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst

aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel



Gerne hat Fried Conrad Ferdinand Meyers Sentenz zitiert: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch“.

Nach dem 11. September 2001 wurden für mich seine Liebes und Todesgedichte wieder besonders wichtig. Durch seine Liebesgedichte hatte Fried bereits zu Lebzeiten ein großes Publikum gefunden. Zahllose Menschen, speziell Frauen, fühlten sich verstanden. Trotzdem würde ich mich nicht der Meinung der Wiener Schriftstellerin Elfriede Gerstl anschließen, die ihren Kollegen als einen frühen Feministen bezeichnete. Ich halte Fried eher für einen Dichter, der aufgrund seiner Sensibilität fähig war, Machtstrukturen zu erkennen, und deshalb auch imstande war, Geschlechterverhältnisse wahrzunehmen und zu thematisieren.

Im Gedicht aus dem Band „Um Klarheit“ heißt es:


Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
wenn einer sagt:
„Ich liebe dich:
Du gehörst mir!“



Diese manchmal sehr schiefen Geschlechterverhältnisse reflektierend übt sich der Autor in vielen seiner Liebesgedichte selbstzweifelnd und leidend am inneren Widerspruch von Tätersein und Opferpein. Erlebt habe ich Erich als Freund der Frauen, der bedingt durch die vornehmlich positive Beziehung zu seinen „großen Müttern und Freundinnen“ den Frauen auf seinem Lebensweg Demut und Zuneigung entgegen bringen konnte.
Ich hoffe, mit meinem Photoprojekt zu helfen, Werk und Person eines großen österreichischen Schriftstellers in unserem Denken lebendig zu halten, zwischen den Polen von Lebensfarben und Lebensschatten.

Wien, dem 23. November 2001

>>Nähere Details zur Biographie Erich Frieds





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